Nicht zu erreichen

„Hallo, Mr. Dylan?“

Von Bertram Eisenhauer
 - 12:17

Auch anderthalb Wochen nach der Verkündung des Literaturnobelpreises am 13. Oktober hat die Schwedische Akademie Preisträger Bob Dylan noch immer nicht direkt kontaktieren können. Man habe seinen Agenten und den Tourmanager erreicht, und sie würden zu gegebener Zeit zurückrufen, hatte die Akademie am Mittwoch erklärt. Dylans Mitarbeiter hätten alle nötigen Informationen erhalten: „Wir haben nur nicht persönlich mit ihm gesprochen.“ Am Freitag nannte ein Akademiemitglied Dylan deshalb „unhöflich“. Der F.A.S. liegen exklusiv und sehr ernsthaft Mitschnitte der Telefonate vor.

Hallo?

Ja, hallo. Bin ich da richtig bei Zimmerman, bitte?

Vielleicht.

Verzeihung, man hat mir diese Nummer gegeben. Hier spricht Sara Danius, Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie.

Tut mir leid, wir haben schon gespendet. (Legt auf.)

***

Hallo?

Ja, ich bin es noch mal. Ich fürchte, wir wurden gerade getrennt.

Ja, und?

Hier ist Sara Danius, Sekretärin der Schwedischen Akademie. Wissen Sie: die, die Nobelpreise vergibt.

Hm.

Wäre es wohl möglich, mit Mr. Dylan zu sprechen?

Wozu?

Wir haben ihm den Nobelpreis für Literatur verliehen, „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“.

Und jetzt? Ich werde nicht jünger hier.

Wir wollten fragen, ob er dazu eine Erklärung abgeben möchte.

Ah. Moment. (Schreit.) Bob, da ist jemand am Telefon, der dir den Nobelpreis für Literatur geben will.

Gegeben hat, gegeben hat. Die Nachricht müsste mit der Post gekommen sein.

Ja, ja, gegeben hat. (Wieder laut.) Für die Neuschöpfungen. Du wüsstest Bescheid. Was du davon hältst. (Unverständliches Gemurmel.) Können wir zurückrufen?

Gewiss. Meine Nummer ist ...

(Ihr Gegenüber legt auf.)

***

Hallo?

Guten Tag. Hier spricht Sara Danius von der Schwedischen Akademie. Es geht noch mal um den Nobelpreis.

Ja?

Nun ja, ehrlich gesagt, wir warten zwei Tage vergeblich darauf, dass Mr. Dylan sich meldet. Wir haben gehört, dass er inzwischen ein Konzert in Las Vegas gegeben hat, ohne den Preis auch nur zu erwähnen.

Ich kann ihn jetzt nicht stören. Er wäscht sich die Haare.

Könnten wir nicht vielleicht ein geheimes Signal ausmachen? Wenn er beim nächsten Gig „Idiot Wind“ spielt, heißt das: Danke für die Auszeichnung.

Lady, wir machen hier kein Wunschkonzert. Nicht mal Bob Dylan weiß, was Bob Dylan als Nächstes spielt.

Ja, natürlich. Und wenn ich nun per E-Mail. . .?

(Ihr Gegenüber legt auf.)

***

Yeah.

Hallo, Mr. Dylan? Sind Sie das? Hier spricht Sara Danius . . .

Sorry, falsch verbunden. (Legt auf.)

(Sie wählt noch mal. Es klingelt lange.)

Hallo?

Ja, war das Mr. Dylan?

Sie waren falsch verbunden.

Ich könnte schwören, das war seine Stimme. Kann ich ihn sprechen?

Sorry, er ist, äh, gerade im Keller. (Gegluckse und unterdrücktes Gelächter.)

Sie nehmen mich aber nicht auf den Arm hier, nein?

(Ihr Gegenüber legt auf.)

***

Hallo?

Einen Augenblick, ich verbinde Sie mit Carl Gustaf Folke Hubertus Bernadotte, König von Schweden. (Es ertönt die schwedische Nationalhymne.)

Hallo?

Hier spricht Carl Gustav ...

Ja, ja, weiß schon. Was geht, Majestät?

Wissen Sie, da ist noch ein Detail der offiziellen Verleihung am 10. Dezember zu klären, die ich mit Mr. Dylan machen soll - ob er beim Galadinner das Steak haben möchte oder die vegetarische Option. Das müsste ich ihn natürlich schon persönlich ...

Netter Versuch. (Lacht.)

Danke sehr.

Aber wenn es einfach wäre, wäre es nicht Dylan.

Dabei bin ich ein großer Fan seines Werkes. „Songs From a Room“ hat mein Leben verändert damals.

Das ist Cohen, nicht Dylan. (Legt auf.)

Herrje. Herrje. Das ist gar nicht gut. Silvia, kommst du mal? Silvia? (Aufnahme bricht ab.)

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Eisenhauer, Bertram (bpe.)
Bertram Eisenhauer
Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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