Zum Tode von Christine Keeler

„Jeder Mann, der sie traf, wollte sie haben“

Von Johanna Dürrholz
 - 13:23

Beinahe skeptisch schaut Christine Keeler in die Kamera, als könne oder wolle sie gar nicht glauben, dass all der Wirbel ihr gelten soll. Das Gesicht stützt sie in die Hände, die Unterarme verdecken den Busen. Ein Bild, das um die Welt ging: Keeler, die Verführung in Person, sitzt rittlings auf einem Stuhl, nackt.

Die Aufnahme symbolisiert zugleich einen der größten Sex- und Politskandale der Nachkriegszeit: Gerade einmal 19 Jahre alt war Keeler, als sie eine Affäre mit dem britischen Kriegsminister John Profumo begann – und zugleich ein Verhältnis mit dem russischen Marineattaché Jewgeni Iwanow hatte. Mit 17 Jahren war sie nach London gezogen, wurde dort als Nackttänzerin engagiert und lernte ihren späteren Mitbewohner, den Arzt und angeblich rein platonischen Freund Stephen Ward kennen. Als sie bei dessen Gartenparty einige Runden nackt durch den Pool schwamm, war der ebenfalls anwesende Kriegsminister Profumo hingerissen. Er war verheiratet – trotzdem ging er ein Verhältnis mit der Nackttänzerin ein.

Das kam erst ans Licht, als ihr Verhältnis zu Profumo bereits beendet war. Auch die parallel laufende Affäre Keelers mit dem russischen Marineattaché wurde zur gleichen Zeit publik gemacht. Für Profumo hatte das schwerwiegende Folgen: Er hatte eine Affäre mit Keeler vorher im Unterhaus des britischen Parlaments verneint. Am 5. Juni 1963 musste er aufgrund dieser Lüge zurücktreten. Sein Rücktritt gilt als ausschlaggebend für den späteren Sturz des Premierministers Harold Macmillan.

Im Sommer 1963 gab es keine Zeitung, die nicht über den Skandal schrieb, nicht über Keeler berichtete. Während die eheliche Untreue Profumos allenfalls missbilligt wurde, richtete sich das öffentliche Augenmerk schon bald auf Keeler: Man unterstellte der jungen Frau Verrat. Der russische Marineattaché habe sie dazu überredet, Profumo für die Sowjetunion auszuspionieren. Ein Vorwurf, den Keeler zeit ihres Lebens bestritt.

Orgien und Sexspiele

Ihre unwiderstehliche Anziehungskraft bereitete ihr noch mehr Probleme: Sie begegnete Anfang der Sechziger Jahre Aloysius „Lucky“ Gordon, einem Mann, der sie nach eigenen Angaben stalkte und zwei Tage in ihrem Haus festhielt. Als sich Keeler bei ihrem Freund Ward versteckte, habe Gordon auf das Haus geschossen. Im Zuge der Befragungen der Polizei zu diesem Fall kamen dann Keelers Affären an die Öffentlichkeit.

Bizarre Sex-Geschichten wurden später über Keeler erzählt, von Orgien war die Rede und frivolen Sexspielen. In ihrem 2012 erschienen Buch dementierte Keeler diese Gerüchte: „Sie glauben vielleicht, mein Leben zu kennen.“ Mit der Realität hätten aber weder die Verfilmung „Scandal“ noch die allgegenwärtigen Gerüchte etwas zu tun.

Gleichwohl sie öffentlich als leichtes Mädchen in Verruf geriet, war Keeler zugleich eine der begehrtesten Frauen der Welt. Sie gab Interviews gegen horrende Honorare, arbeitete als erfolgreiches Model – und posierte 1963 für das berühmte Nacktporträt. „Jeder Mann, der sie traf, wollte sie haben“, sagte die Künstlerin Caroline Coon einst über Keeler.

Ende der Sechziger Jahre verschwand Christine Keeler dennoch von der Bildfläche. Sie heiratete zweimal, die Ehen hielten beide nicht lang. Als alleinerziehende Mutter kümmerte sie sich vorrangig um ihre beiden Söhne und lebte aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Ihr Sohn erklärte der Zeitung „The Guardian“, Keeler sei eine „liebende Mutter“, eine „gute Person“ gewesen, die in „unfaire Schubladen“ gesteckt worden sei, unter denen sie „Zeit ihres Lebens“ gelitten habe. „Sie fühlte Scham.“

Nach einer länger andauernden Lungenerkrankung ist Christine Keeler im Alter von 75 Jahren am Montagabend in einer Klinik im südenglischen Farnborough verstorben. Sie war die letzte Überlebende des großen Politskandals der Sechziger Jahre. Der britische Kriegsminister Profumo engagierte sich nach seinem Rücktritt im sozialen Bereich. Er starb im März 2006 im Alter von 91 Jahren.

Quelle: FAZ.NET
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