Coachella in Kalifornien

Ist das noch ein Festival – oder kann das weg?

Von Aziza Kasumov, Indio
 - 19:09
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Für Farina Opoku begannen die Vorbereitungen schon vor Monaten mit der Outfit-Planung. Jetzt ist sie hier, eingeflogen aus Dubai nach Kalifornien, und sitzt morgens entspannt am Pool, bevor es in die Garderobe geht. Zwei Stunden plant sie ein für Haare und Make-up. Die Locken müssen in Form gebracht werden, die Goldkrone wird ins Haar gesteckt, das Make-up muss so sitzen, dass es hält – bis in die Nacht hinein. Nein, das hier ist nicht die Los Angeles Fashion Week. Das hier ist Coachella.

Bei keinem Musikfestival spielt das Aussehen eine solche Rolle wie beim Coachella Valley Music and Arts Festival, das am Wochenende in der Kleinstadt Indio, zwei Stunden südöstlich von Los Angeles, stattfand – und am kommenden Wochenende fortgesetzt wird. Seit das Musikfestival 1999 am Empire Polo Club in Indio Premiere feierte, ist es rapide gewachsen. 2002 wurden aus einem Tag Musik zwei Tage, 2007 dann drei. Die Nachfrage wuchs weiter, und so beschloss der Veranstalter Goldenvoice, eine Tochterfirma der Anschutz Entertainment Group (AEG), im Jahr 2012, das komplette Prozedere ein Wochenende später zu wiederholen und die Ticketkapazitäten somit zu verdoppeln.

Eine Stunde nachdem der Ticketverkauf dann online ging, waren Karten für das erste Wochenende schon ausverkauft. Wenig später waren auch alle Tickets für das zweite Wochenende vergeben. Rund 85.000 Menschen besuchten das Festival damals jeden Tag. 2017 waren es schon 125.000.

500 Dollar pro Ticket

So viele Besucher kommen nicht allein aus der Region. Obwohl die meisten Gäste aus Kalifornien anreisen, macht es die Nähe zu den Flughäfen in Los Angeles und Palm Springs internationalen Gästen leicht teilzunehmen, vorausgesetzt, man hat das nötige Geld. Denn mit rund 500 Dollar pro Ticket – ohne Camping oder Shuttle-Pass – ist Coachella wohl auch eines der teuersten Musikfestivals der Welt.

Für die vielen Auto-, Mode- und Kosmetik-Marken, die für die beiden Wochenenden ihre Vertreter in die Wüste schicken, hat die Präsenz dennoch einen großen Reiz. Bei keiner anderen Großveranstaltung ist es so leicht, so viele Menschen fast in Echtzeit zu erreichen. Instagram macht’s möglich.

Farina Opoku, in den Sphären der sozialen Medien als Novananalove bekannt, hat sich gemeinsam mit ihrem Freund, DJ Yeezy, die Tickets schon im Winter gekauft, bevor auch nur ein einziger Künstler des Line-ups bekannt war, von ihrem eigenen Geld. Drei Rechner hatten sie auf einmal offen, damit zumindest eine Bestellung durchkam, bevor alle Tickets weg waren – der ganz normale Wahnsinn einer Ticketbestellung für Coachella. Doch neben den Ticketpreisen gibt es andere Kosten, die Normalsterbliche stemmen müssen, die aber für Farina Opoku nicht anfallen. Weil sie im Netz berühmt ist und rund 800000 Instagram-Nutzer ihre Outfits und Make-up-Produkte sehen, bezahlen gleich mehrere Firmen Farina für Produkt-Plazierungen und Werbung. Das ist das Geschäftsmodell der Influencer, die stark in sozialen Netzwerken tätig sind, viele Abonnenten haben und somit Leitfiguren sind für ein Massenpublikum. Die Influencer sind bei Coachella Stars. Denn was sie tragen, ist nicht nur auf Instagram zu sehen, sondern oft genug später auch auf den Modeseiten von Zeitungen und Magazinen.

Farinas Styling für ihre Laufstegfrisur ist gesponsert von Haarprodukte-Hersteller ghd. Die Fahrt von Los Angeles zum Hotel in Palm Springs wird finanziert von BMW, dessen Team für seine Instagram-Kampagne #ROADTOCOACHELLA Dutzenden Influencern aus aller Welt bunt lackierten Sportwagen zur Verfügung stellt. Auf einem ihrer ersten Posts aus der Wüste kennzeichnet sie mit Tags gleich mehrere Schmuckfirmen: „wildandfreejewellery“, „mirellajewellery“, „strawberryandcreamofficial“, „arianeernstjewelry“. Diese Marken erwähnt sie entweder aus Freundlichkeit – oder weil sie Produkte, Services oder Geld für die Markierung im sozialen Netzwerk bekommt.

Glitzer schreit in diesem Jahr aus allen Ecken, dazu Überbleibsel der Boho-Looks, die in den vergangenen Jahren so angesagt waren. Die Marken, die Influencer zur Kooperation eingeladen haben, veranstalten exklusive Pool-Partys und teilweise ihre ganz eigenen Mini-Coachellas. So räkelte sich die deutsche Instagram-Größe Caro Daur am Wochenende in der Wüstenvilla der italienischen Taschenmarke Furla in der Sonne. Auch Nina Suess und Xenia Overdose waren da. Stefanie Giesinger tanzte bei der Coachella-Party der Jeansmarke Levi’s sportlich-sexy im maßgeschneiderten Levi’s-Outfit zu Snoop Dogg. Revolve, eine sehr kalifornische Online-Bekleidungsmarke, die vielen Instagram-Stars aus aller Welt nahe ist, organisierte in diesem Jahr gar ein eigenes Revolve Festival: drei Tage Programm, mit Auftritten von Rapper Asap Rocky und, schon wieder, Snoop Dogg. Für einige der Gäste keine große Sache. Kendall Jenner posierte entspannt auf einer Eck-Couch am Pool und markierte Revolve dann später in ihrem Instagram-Post. Zwei Millionen Menschen gefällt das, weitere Millionen werden es gesehen haben.

Todays festival attire 👑 for day ✌🏼

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Gibt es eine effektivere Werbestrategie? Hier, inmitten der Wüste, im Schatten von staubigen Bergen und trockenen Palmen, trägt Marketing seine reifsten Früchte. Hier sind die Künstler gesponsert, die Getränke, ja selbst die Gäste. Überall werden den Besuchern Proben in die Hand gedrückt oder Markenprodukte ins Gesicht gehalten. Adidas gibt gratis Schuhe heraus, wenn man den Markennamen online mit einem Hashtag markiert, die Seifenmarke Method verteilt vor den Campingduschen ihren unendlichen Vorrat an Probefläschchen. (Wer will, kann daneben ein Foto in einer großen Seifenblase machen.) Heineken sponsert Bier und Bars, Hewlett-Packard zeigt psychedelische 3D-Bilder in einem Häuschen auf dem Festivalgelände.

Und alles scheint so unglaublich fotogen. Die riesengroßen Kunstfiguren, im Gras des überfüllten Festivalgeländes ausgestellt, sind der perfekte Hintergrund für den natürlichen Schnappschuss im Sonnenuntergang, wenn die goldenen Haarsträhnen und der Spitzenkimono verspielt im Wind wehen.

Den deutschen Besucher wird Coachella überraschen. All das, was Rock am Ring, Southside, Deichbrand oder Hurricane ausmachen, fehlt hier: der Dreck unter den Fingernägeln, ungewaschene Haare, schlammbeschmutzte Gummistiefel, warmes Bier, das beim Tanzen aus dem Glas und auf den Nachbarn schwappt. All das soll hier nicht.

Auf dem Campingplatz stehen Duschen mit heißem Wasser 24 Stunden am Tag bereit, jeder bekommt seine eigene Kabine. Die Damen lassen sich Zeit. Jeden Morgen Dreck und Glitzer aus den Haaren waschen, danach unten am Spiegel das Glätteisen anschließen. Das geht, denn wenn es an irgendetwas nicht mangelt, dann sind es Steckdosen. Überall stehen sie bereit, die Charging Stations, kleine Türme mit einem Mosaik aus Steckdosen und Handy-Haltetaschen. Hier trifft sich die Festivalgemeinschaft beim Warten darauf, dass der Akku wieder so voll ist, dass es für Instagram und Snapchat reicht. Für 30Dollar gibt es einen Akku fürs ganze Wochenende – einfach an einer Station abgeben, und den neuen Akku direkt einsammeln und weitermachen.

Strom- und Wasserverschwendung in der Wüste

Die Versuche der Veranstalter, das Festival als umweltbewusst darzustellen, wirken angesichts der Verschwendung von Strom und Wasser inmitten der Wüste geradezu dreist. Die halbe Nacht werden hier Palmen lila und grün beleuchtet – eines der Instagram-Lieblingsmotive.

„Das Coachella ist kein echtes Festival“, schrieb Modebloggerin Masha Sedgwick in einem Abrechnungs-Post schon im April 2017. „Es gibt nur vor, eins zu sein, damit auch die Modepüppchen ein Festivalerlebnis haben, ohne dass sie sich dafür die perfekt manikürten Fingernägel schmutzig machen müssen, denn das Coachella ist alles andere schmutzig. Es ist aalglatt.“

Man kann das alles dämlich finden und mit dem Finger auf die Influencer zeigen, die in den Augen vieler verantwortlich sind für den Verfall des Festivals. Oder man kann sich eingestehen, dass man einem kostenlosen Ticket im sonnigen Kalifornien oder anderweitigen Vorzügen wie endlosem Nachschub von Champagner der Marke Moët & Chandon auch nicht abgeneigt wäre. Dass nicht alle nur hier sind, um ihre volles Instagram-Kapital auszuschlachten, sondern manche tatsächlich für die Musik kommen. Und dass es bestimmt gar nicht allein die Schuld der Influencer ist, dass bei Coachella inzwischen das Marketing wichtiger ist als die Musik.

Jeder will dazu gehören

Die vielen jungen Frauen profitieren von dem, was sich die Festivalleitung und die Marken, die hier über beide Wochenenden aufschlagen, in Sachen Marketing aufgebaut haben. Dieses Festival kann jeder sehen, und jeder möchte irgendwie dazugehören, und sei es nur, dass er seine Begeisterung per Like ausdrückt. Und wer dann wirklich hier ist, klar, der wirbt damit, dass er dazugehört, der will es alle Follower und Freunde wissen lassen, dass er jetzt hier ist und eine magische Zeit erlebt.

Wie viel Instagram kann ein Musikfestival ertragen? Auch am Abend, wenn Beyoncé, alt-J, Haim, The Weeknd oder Eminem auf der Bühne stehen, kommt die Smartphone-Kultur zum Vorschein. Auch hier muss Erlebtes sofort geteilt werden, weil es sonst nichts wert ist. Die Festivalbesucher schauen ihren Stars durch den Instagram-Aufnahmebildschirm zu und schreien in die Handykamera, wenn sie sich selbst filmen. Dann ist die Show zu Ende, und manche klatschen ein bisschen – wenn sie das Smartphone nicht noch in der Hand halten.

Lila Palmen forever

Am Sonntagabend ist das Spektakel vorbei. Wüstenköniginnen, die hier mit silbernen Badeanzug und Kettenkleid aufgelaufen sind, sich Glitzersteine ins Dekolleté geklebt haben oder ihre Tausend-Dollar-Bauchtasche von Gucci in Szene gesetzt haben, können nach Hause fahren und sich morgen mit ihren Freunden, die sie im Getümmel eines vollkommen überfüllten Festivalgeländes nicht finden konnten, über Coachella unterhalten. Mit wem sie darüber sprechen können, wissen sie schon – Instagram hat es verraten.

Mit dem größten Profit aber gehen die Marken nach Hause – und natürlich Philip Anschutz, dem die AEG und damit sozusagen auch Coachella gehört, und der sein Geld gern an schwulen- und einwanderungsfeindliche Organisationen spendet. Darüber postet niemand auf Instagram. Lila Palmen sehen einfach besser aus.

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Quelle: F.A.Z.
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