Sendung mit der Maus

Der Welterklärer

Von Anke Schipp
 - 18:18
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Würde man eine „Sendung mit der Maus“ zu dem Thema „Wer ist Armin Maiwald?“ drehen, begänne sie so: Das isser, der Armin! Und was macht der so? Er erklärt viel. Ist der Armin Lehrer? Nee, isser nich. Der kennt sich aus, mit Stromkreisen und so. Isser vielleicht Ingenieur? Nee, auch wenn er fast so viel weiß wie einer. Aber was isser denn dann? Schau’n wir uns den Armin doch mal genauer an.

An diesem späten Vormittag steht er entspannt in einer gigantischen Werkhalle in Karlsruhe und spricht mit einem Arbeiter in rotem Overall. In seinem blauen Poloshirt mit Wildlederjacke könnte man ihn für den Seniorchef der Firma Rosenbauer halten. Isser aber nicht! Die offizielle Berufsbezeichnung von Armin lautet Autor, Regisseur und Fernsehproduzent. Alles korrekt, aber was der Armin eigentlich macht, ist: Kindern Fragen beantworten. Armin Maiwald ist einer der Erfinder der „Sendung mit der Maus“, in der es die „Lach- und Sachgeschichten“ gibt. Maiwald macht die Sachgeschichten. Tausende von Fragen aus dem Alltag hat er schon beantwortet: Warum hat der Käse Löcher? Wie funktioniert ein Elefantenrüssel? Wie baut man Eisenbahnschienen? Und heute steht Armin hier, weil er die Frage klären will: Wie entsteht ein Feuerwehrauto?

Maiwald erklärt Generationen von Kindern die Welt

Er ist seit 5.30 Uhr auf den Beinen. Pünktlich zum Schichtbeginn um 7 Uhr stand er mit seinem Team am Werkstor der Firma in einem Industriegebiet von Karlsruhe. Wie ein Feuerwehrauto entsteht und wie kompliziert der Prozess ist, bis Technik, Mechanik und Elektronik aufeinander abgestimmt sind, das will er genau wissen. Kein Interview mit dem Geschäftsführer, der mal kurz alles erklärt, vielmehr dreht das Team seit Wochen, wie aus einem Lastwagengestell mit Führerhaus ein voll beladenes Feuerwehrauto wird, das voll einsatzfähig ist. „Wir bleiben dabei, bis das Auto vom Hof fährt“, sagt Maiwald, als wäre das Ehrensache. Das heißt auch, jeden Morgen früh aufstehen, „bleibt uns ja nix anderes übrig“.

Mit Maiwald sind Generationen von Kindern groß geworden. Wer heute erwachsen ist, kennt ihn aus der Sendung noch als jungen schlanken Mann mit längeren Haaren. Heute ist er etwas runder und trägt das, was noch von seinen Haaren übrig ist, raspelkurz. Das Prägnante an Maiwald aber ist seine Stimme, die bei den Filmen aus dem Off zu hören ist. Mit seiner sonoren Stimme bringt er die Dinge auf den Punkt: „Is’ ganz einfach“, fängt er oft an. Dann erklärt er in kurzen, klaren Sätzen, wie was zustande kommt oder produziert wird. Für viele Erwachsene sind diese Filme der Sound ihrer Kindheit.

Seit 46 Jahren beim Kinderfernsehen

Während Maiwald durch die Produktionshalle läuft, grüßt er die Arbeiter und winkt. Einem klopft er auf die Schulter: „Und, alles gut?“ Maiwald kennt fast jeden im Betrieb, er duzt sie, einen, der etwa so lange bei der Firma Rosenbauer ist wie Maiwald beim WDR, stellt er mit den Worten vor: „Der kennt hier jede Schraube mit Vornamen.“ Maiwald, der Fernsehstar. Das merkt hier keiner, hier ist Maiwald der Arbeiter, der Dienstleister, der seine „Kundschaft“ bedient, wie er die Zuschauer nennt.

Als die erste „Sendung mit der Maus“ am 17. Mai 1971 ausgestrahlt wurde, war Willy Brandt noch Bundeskanzler, Karl-Heinz Köpcke Chefsprecher bei der „Tagesschau“, und Hans Rosenthal startete mit der Fernsehshow „Dalli Dalli“. Männer, die das vergangene Jahrhundert prägten und längst tot sind. Armin Maiwald ist noch dabei, seit 46 Jahren. Man könnte auch sagen, er ist der Helmut Kohl des Kinderfernsehens, nur dass seine Amtszeit schon fast drei Mal so lange dauert.

Ernsthafte Antworten ohne Rumgehampel

Zum Phänomen Maiwald gehört auch, dass er heute so gut wie nichts anders macht als damals. Mittlerweile ist Wissensvermittlung im Kinderfernsehen weit verbreitet und nennt sich Edutainment. Es gibt Quizshows, lustige Experimente, Moderatoren, die sich in permanenten Selbstversuchen zum Narren machen. Verglichen damit ist Armin Maiwald old school. Kindgerecht: ja, Firlefanz: nein. Er nimmt die Sache ernst, versucht nicht aufdringlich witzig zu sein oder sich bei Kindern anzubiedern, er hampelt nicht herum. Manchmal wiegt er seinen Kopf hin und her oder deutet mit seinen Händen eine technische Besonderheit an. Maiwald ist ein bisschen wie aus der Zeit gefallen – und doch aktuell. Denn immer noch sind es viele, sehr viele Kinder, die Sonntag für Sonntag die „Sendung mit der Maus“ sehen.

Maiwald wundert das anhaltende Interesse nicht. Er kennt seine Kundschaft. „Ich glaube, eines der Geheimnisse ist, dass wir uns wirklich bemühen, ernsthafte Antworten auf Fragen zu geben und nicht sagen: Dafür bist du noch zu klein“, sagt er im Gespräch. „Wir geben keine schnellen Antworten und recherchieren wirklich, bis der Arzt kommt.“ Das andere sei die Aufbereitung. „Wir müssen einfach sein und kein Wissen voraussetzen. Unsere Hauptkundschaft kann noch nicht lesen und rechnen oder vielleicht gerade erst. Das heißt, alle Fremdwörter sind ein Tabu, Schnitt, Zeichnungen, Computeranimationen sind auch tabu. Wir vertrauen nur auf die realen Bilder.“

Manche Themen sind dann doch zu komplex

Wenn man so will, ist Maiwald ein Geschichtenerzähler. Dramaturgie ist ein Thema, mit dem er sich viel beschäftigt. „Das ist keine sibirische Geschlechtskrankheit, sondern die Kunst, eine Geschichte zu erzählen“, sagt er. „Alles hat seine Dramaturgie, jedes Gedicht, jeder Werbespot, und wenn man sich dagegen versündigt, darf man sich nicht wundern, wenn die Kundschaft wegläuft.“

Ein Anspruch, der manchmal dazu führt, dass er sich an einem Thema auch schon mal die Zähne ausbeißt. Für die Erklärung, was Vitamin C im Körper macht, brauchte er drei Jahre Drehzeit, obwohl der Film am Ende wie alle Sachgeschichten nur sieben Minuten lang war. Mitunter, eher selten, scheitert er auch, weil das Thema doch zu komplex ist. Zum Beispiel die Frage: Wie entsteht Krieg? „Dazu habe ich schon fünf Drehbücher geschrieben, aber die waren immer noch nicht genau genug. Es ist eigentlich ganz einfach, wie bei den Tieren oder wie im Sandkasten: Es geht um den besseren Schlafplatz, den besseren Platz, wo es was zu trinken oder essen gibt, und wenn man das durch Öl oder Schätze ersetzt, ist es das Gleiche. Trotzdem ist es schwer, das in einem kurzen Film darstellen zu wollen.“

Bestimmte Fragen kommen immer wieder

Manches hat er schon hundertfach dargestellt, Themen wie Kunststoffverarbeitung und Granulaterwärmung, „das haben wir nun wirklich bis zum Erbrechen gezeigt, aber es gibt immer wieder Fragen, wie dies oder jenes entsteht, und dann müssen wir noch mal ran, obwohl es nichts gibt, was man neu erzählen könnte. Es ist immer der gleiche Grundstoff, Polyäthylen, dann warm machen, in eine Form bringen, rausholen, kalt werden lassen, fertig.“

War Maiwald selbst ein Schüler, der in Physik aufblühte? Der sich eifrig meldete und der Klasse erklärte, wie Zentrifugalkräfte funktionieren? „Nicht dass ich mich daran erinnern könnte“, sagt er nachdenklich. „Ich war kein so besonders guter Schüler. Mathematik und Physik haben mir zwar keine Schwierigkeiten bereitet, aber es war auch nicht so, dass ich ein Physikfan gewesen wäre.“

Mit den einfachsten Mitteln kann man viel erklären

Allerdings erinnert er sich an zwei Lehrer, die besonders gut erklären konnten. Eingeschult wurde er kurz nach dem Krieg in Oberbayern, weil er, ursprünglich in Köln geboren, dorthin vor dem Krieg in Sicherheit gebracht worden war. „In der Grundschule gab es keine Bücher und keine Hefte, es gab gar nix. Da hatte ich eine Lehrerin, die konnte mit den banalsten Mitteln die Dinge erklären.“

Zum Beispiel das ABC. Mit den letzten Stückchen Kreide habe sie einen Ball an die Tafel gemalt und gesagt: „Das ist auch ein Buchstabe, nämlich ein o. Und was ist das? Ein Spazierstock, und wenn wir ihn umdrehen und an das o dranhängen, dann gibt das ein kleines a. Und wenn wir ihn ein bisschen länger machen, dann ist es ein d. Und wenn wir den Spazierstock auf die andere Seite machen, dann ist es ein b. Und wenn man aus dem Kreis rauswischt, dann ist es ein c.“ So lernte die Klasse die ersten Buchstaben. „Und dass ich mich bis heute daran erinnere, nach über 70 Jahren, zeigt, wie nachhaltig das Eindruck gemacht hat.“

Von sich selbst erzählt Maiwald nur wenig

Im Jungengymnasium war es dann ein Mathelehrer, der die Dinge auf den Punkt brachte. „Als es um Kurvendiskussion ging, hat er nicht gesagt: Wir berechnen jetzt Kurven. Sondern er fragte uns Jungs: Wie schnell ist ein Porsche von 0 auf 100?“. Damals, so Maiwald, hätte die Klasse sich die „Köppe“ heiß geredet. „Hätte er das Wort ,Kurvendiskussion‘ in den Mund genommen, hätten alle gepennt.“

Maiwald ist jemand, der sich nicht besonders ernst nimmt. Er redet gerne über die Sache; wenn es um ihn selbst geht, wird er mitunter wortkarg. Ein typischer Dialog sieht dann so aus: „Stimmt es, dass Sie kein Manuskript haben, wenn Sie den Text zum Film sprechen?“ „Das ist so, ja.“ „Sie machen es also aus dem Stegreif?“ „So isses.“ „Und Sie haben immer noch alle Details im Kopf?“ „Ja, klar!“ Aber dann springt der Motor doch an, und er erzählt eine von den „Uraltgeschichten“, von denen er gar nicht so genau weiß, ob die noch jemand hören möchte.

Texte werden ohne Manuskript gesprochen

Zum Beispiel ebendie, warum er ohne Manuskript arbeitet. „Schuld ist der Gert Müntefering, der erste Redakteur der Maus“, sagt er lächelnd. Damals drehte Maiwald kleine Spots für die Verkehrswacht. „Da war ein cleverer Junge dabei, der schrieb danach: ,Ich habe übrigens in 14 Tagen Geburtstag, könnt ihr mich nicht mal besuchen?’ Das fand der Gert lustig und sagte: Fahrt da mal hin.“ Maiwald zog mit einem Kamerateam los, und als der Junge morgens in die Garage ging, sein Fahrrad rausholte, gratulierten sie ihm. „Der hat natürlich geguckt wie ein Auto, is’ ja klar“, erzählt Maiwald.

Anschließend schnitt er einen kleinen Film für „Die Sendung mit der Maus“ und sprach den Text live am Schneidetisch, „damit man schon mal sieht, wie der Film später werden sollte“. Müntefering war dabei. Doch als dieser den fertigen Film sah, der von einem professionellen Sprecher besprochen worden war, rief er entrüstet Maiwald an: „Hör mal, was haste mit dem Film gemacht?“ Maiwald sagte: „Nix.“ „Haste umgeschnitten?“ „Nee, warum sollte ich? Haste doch gesehen.“ „Der ist aber ganz anders.“ Müntefering war wütend, Maiwald war sich keiner Schuld bewusst.

Viele Erklärfilme sind inzwischen Klassiker

Am nächsten Tag kam wieder ein Anruf von Müntefering: „Hör mal, du alter Eimer, ich glaub, ich weiß, woran es gelegen hat. Du hast das am Schneidetisch so locker nebenher erzählt, tu mir mal einen Gefallen, geh ins Studio und mach das noch mal.“ Das machte Maiwald und erhielt von Müntefering die Order: „Machste ab jetzt immer!“

Manche Maus-Filme sind in ihrer unnachahmlichen Maiwald-Manier zum Klassiker geworden, und man merkt dem Macher bei aller Bescheidenheit einen gewissen Stolz an. Wie die Sendung über Katharina, ein behindertes Mädchen, das großer Maus-Fan gewesen und mit sieben Jahren gestorben war. „Ich kriege immer die schwierigen Themen auf den Tisch“, erzählt Maiwald. Damals war es der Brief der Großmutter von Katharina, in dem sie von dem Schicksal ihrer Enkelin berichtete. „Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte, legte den Brief von links nach rechts auf meinem Schreibtisch, dann schrieb ich der Großmutter. Sie stimmte zu, dass wir einen Film machen.“ Maiwald traf Eltern, Großmutter, Ärzte, Freunde. „Das war eine sehr bewegende Geschichte, die einzige, die ich zweimal geschnitten habe. Beim ersten Schnitt hatten wir zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt. Ich dachte damals, verdammte Scheiße, alle sagen, es war ein fröhliches Mädchen, und wir machen hier eine Geschichte zum Heulen.“ Mit dem neuen Schnitt gewann der Film an Zuversicht – und ist bis heute ein Musterbeispiel dafür, wie man schwierige Themen kindgerecht vermittelt.

Die Sachgeschichten sind schneller geworden

Ähnlich war es bei der Sendung über das Sterben, ein Klassiker, der mehrfach wiederholt wurde. „Da mussten wir uns was einfallen lassen, wir konnten ja nicht irgendjemanden fragen: Euer Opa ist gestorben, dürfen wir mal mit euch sprechen?“ Sie erfanden einen Zwillingsbruder von Maiwald, der im Film gestorben ist. Es ist auch einer der wenigen Filme, in der Maiwald selbst auftritt und die Kinder so miterleben lässt, was alles passiert, wenn ein Mensch stirbt.

Hat sich die Maus in den vergangenen vier Jahrzehnten gar nicht verändert? Ein bisschen dann doch, die Filme – neben Maiwald drehen auch noch Christoph Biemann, Ralph Caspers und Malin Büttner die Sachgeschichten – sind schneller geschnitten. „Wir leben ja auch nicht vorgestern“, sagt Maiwald dazu. „Wenn man früher erzählen wollte, Frau Schmitz geht von A nach B, sah das so aus: Sie geht zur Tür, setzt sich ins Auto, lässt den Motor an, fährt los, kommt an. Heute wird es so erzählt: Frau Schmitz setzt sich ins Auto, Autotür zu, Schnitt, schon ist sie da. Weil man heute nicht mehr zeigen muss, dass sie irgendwohin fährt, das findet im Kopf der Zuschauer statt, wenn sie in ein Auto steigt.“ Das ist aber auch schon alles, was Maiwald an Veränderung zulässt. Er dreht immer noch auf Film und vertraut nur beim Schnitt auf digitale Hilfsmittel. Die Erzählform hat er beibehalten. „Egal ob wir auf Klebeband oder Schnürsenkeln oder Tapete die Geschichten erzählen, es wird immer Leute geben, die Geschichten erzählen wollen, und es wird immer Leute geben, die Geschichten erzählt bekommen wollen.“

Maiwald kritisiert Kinderfernsehen als zu lieblos

Mehr Anbiederung hat er auch nicht nötig, das machen ja schließlich schon die anderen. „Vieles, was in den privaten Fernsehsendern für Kinder gezeigt wird, halte ich nicht geeignet für Kinder. Es ist lieblos gemacht.“ Mitunter grollt er auch dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der die meisten Kindersendungen auf den Spartensender Kika verlegt hat. „Aber Kinderfernsehen war ja mal ein Markenzeichen im Hauptprogramm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ich werde heute noch auf die Augsburger Puppenkiste angesprochen.“

Maiwald ist jetzt 77 Jahre alt. Ans Aufhören denkt er nicht. „Ich kann mir unmöglich vorstellen, zu Hause zu sitzen und meiner Frau vorzuzählen, wie viele Tapetenblümchen wir haben. Obwohl wir gar keine Blümchentapete haben.“ Verheiratet ist er übrigens seit über 50 Jahren. „Kann man heute keinem mehr erzählen, die halten das alle für ein Gerücht. Gibt’s aber!“ Ob er darüber wohl auch mal einen Erklärfilm dreht?

Die Geschichte zum Thema „Wie entsteht ein Feuerwehrauto?“ ist ab 16. Juli an vier Sonntagen bei der „Sendung mit der Maus“ in der ARD und auf Kika zu sehen.

Quelle: F.A.S.
Autorenbild / Anke Schipp
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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