Gorpcore-Trend

Mal schnell ein Abenteuer erleben

Von Elisabeth Wagner
 - 18:01
zur Bildergalerie

Am liebsten würde man eine jener exzentrischen Kolumnen zitieren, die Diana Vreeland zwischen 1936 und 1962 für „Harper’s Bazaar“ geschrieben hat. „Warum“, nur zum Beispiel, „warum tragen Sie nicht violette samtene Fäustlinge zu allem?“ Sofort ist einem leichter ums Herz. „Why don’t you ...?“ Diese offene Frage hat Charme, ist amüsant und ausreichend absurd, um jeden Trend zu erklären. Auch den Gorpcore, den legitimen Erbe von Normcore. Dazu später mehr. Gorpcore jedenfalls steht für G wie granola (Knuspermüsli), o wie oats (Hafer), r wie raisins (Rosinen) und p wie peanuts (Erdnüsse).

Die energiereichen Lebensmittel im Titel verweisen auf Aktivität. Man rüstet sich mit den unvermeidlichen Daunenjacken, wärmt sich in Fleecehemden und nutzt Schuhe mit praktischen Klettverschlüssen oder ein wetterfestes Nylon-Cape von Givenchy. Offensichtlich bringt der Gorpcore die Außenwelt ins Spiel, den Wind, die Gefahren des Campingplatzes oder des Rasenmähens. Dazu ließe sich dann ein kurzärmeliges Oversize-T-Shirt über einem karierten Holzfällerhemd und ganz zuunterst ein Kapuzenhemd tragen, und zwar so, als hätte es gerade angefangen zu regnen (Balenciaga).

Den unbedarften, womöglich auf dem Land und in vordigitaler Zeit aufgewachsenen Betrachter könnte das bizarr anmuten. Als hätte jemand den Regen nicht verstanden. Oder als würde der Mann in Kapuze gern ein klein wenig übertreiben. Diese naiven Blicke stören den Gorpcore in der nächsten innerstädtischen Kaffeebar natürlich überhaupt nicht.

Er ist zu bedeutend. Gorpcore sei ein Trend, der alles verändert, man müsse ihn als Zeichen eines kulturellen Wandels verstehen. Die Ankündigungen und Beschreibungen klingen furchtbar wichtig. Der Gorpcore könnte genauso gut eine Vorlesung halten. Er könnte über seine Motive dozieren, über Konsum in Zeiten des Internets, über die eigene Coolness. Diese Schwäche hat er übrigens von seinem Vater geerbt, dem noch sehr viel strengeren Normcore. Der hat seinerseits behauptet, er würde die Begriffe der Identität und Differenz dekonstruieren.

In Form einer Pdf-Datei und als Manifest ist er das erste Mal aufgetreten. K-Hole, das New Yorker Kollektiv aus Künstlern und Trendforschern, hat im Jahr 2013 die Marke Normcore etabliert. Im Zentrum stand die Erfahrung, sich ständig unterscheiden zu müssen, die eigene Besonderheit mit jedem neuen Post herauszuarbeiten, nur um anschließend festzustellen, dass alle anderen das auch so machen. Aus der erbitterten Suche nach Einzigartigkeit versuchte der Normcore ein Konzept zu gestalten und versprach in schlecht sitzenden Jeans und Pullis ohne die leiseste Andeutung von Taille Entspannung von den Lasten des Egos.

Es war ein bisschen wie im Seminar. K-Hole selbst haben darauf aufmerksam gemacht. Man habe, hieß es im Folgebericht der fünfköpfigen Gruppe, mit dem eigenen Denken sämtliche Probleme lösen wollen. Man habe sich geirrt und brauche jetzt Stärkeres. Am besten ein bisschen Magie. Wie sich also herausgestellt hat, war der Normcore eine ziemliche Überforderung und in modischer Hinsicht ein großer Bluff. Eine Anmaßung, die umso eitler wirkt, je rigider sich der Normcore auf die paar Basics zurückzieht.

Drei, vier Vokabeln Fashion genügen, glaubt der Normcore. Solange die Marke stimmt und der Rechner läuft. Das Ego des Normcore hat die Erinnerung an die Formen und Linien der Mode nicht nötig. Trotzig wirkt das, überheblich und auf Dauer unglaublich eng. „Vergesst Normcore, hier kommt Gorpcore!“ Diese und ähnliche Losungen versprechen seit Monaten einen Ausweg. Nichts wie raus!

Ins Freie. Wer im Herbst zufällig Kinder mit ihren Eltern hat Drachen steigen lassen sehen, dem dürfte es aufgefallen sein, was sich da abspielt und wie sehr Erwachsene in Gorpcore den kindlichen Silhouetten ähneln. Doch während die Kinder in Daunenjacken und Stiefelchen die ideale Kleidung zum Toben und Rumtollen tragen, muten die Erwachsenen in Puffer-Jackets und Boots wie unbeholfene Riesen an. Tapsig. Schwerfällig. Aufgeplustert. Der Gorpcore gibt vor, sich um seine ästhetischen Effekte kaum zu kümmern. „It’s just clothes“, scheint er zu sagen. Sind doch bloß Kleider. Dieser Satz wappnet sich mit atmungsaktiven Fasern gegen alles, was kommt. Er spielt Unschuld. In Zeiten extrem erhöhten Anpassungsdrucks ist das wahrscheinlich die beste Tarnung.

„It’s just clothes!“ Interessanterweise hat das noch jemand gesagt. Einer, der, wäre er noch am Leben, der Antipode des Gorpcore sein müsste: Alexander McQueen. Das Genie mit der Schere, der Meister des Schnitts aus dem Londoner East End. Seine Genauigkeit, sein Sinn für Proportionen stehen dem kastenförmigen Gorpcore diametral entgegen, und wo der Gorpcore, die Gürteltasche um den durchtrainierten Bauch, unbeirrt von Selbstzweifeln herumstapft, da würdigt McQueen die Phantasie. „It’s just clothes.” Für Alexander McQueen, der sich auskannte in der Historie der Mode, war das eine kleine Drohung, speziell an die Erben des 19. Jahrhunderts, die wie niemand sonst das Erscheinungsbild mit Vorstellungen von Normalität verknüpften. In McQueen hatten sie einen mächtigen Gegner, der es liebte, „die Norm“ herauszufordern.

Es gibt ein berühmtes Foto, auf dem man das Drama erkennen kann. David LaChapelle hat es 1996 aufgenommen, es gehört inzwischen der National Portrait Gallery. Zu sehen sind McQueen und seine wichtigste Verbündete, die legendäre Stylistin Isabella Blow, in einer Szene des Wahnsinns. Im Hintergrund ein brennender Schlossturm. Ein Totenkopf liegt auf dem Rasen. Ein kaum wahrnehmbarer Ritter in Rüstung. Ein reiterloses Pferd bäumt sich auf. Als vollkommen enthemmte Schlossherrin gebärdet sich im Vordergrund der junge, gerade zum Chefdesigner des Hauses Givenchy berufene Alexander McQueen. Er trägt lange Robe und Bustier aus eigener Hand, außerdem eine brennende Fackel. Isabella Blow, ebenfalls in Alexander McQueen und wie stets mit einem Hut von Philip Treacy, hüpft an seiner Schleppe als Kammerzofe hinterher.

Von heute aus erkennt man die Zäsur. Den Abschied. Den Verlust. 13 Tage nachdem sich Alexander McQueen, der sich oft und besonders auf diesem Foto dick und hässlich fand und dessen Lachen seine Mutter stets an das Lachen Jack Nicholsons erinnerte, das Leben genommen hatte, konnte man am 24. Februar 2010 in der Presse bereits über die Veränderungen lesen.

In einem Artikel über die Londoner Modewoche wurde ein Verzicht auf major league edginess festgestellt, eine ungewohnte und irritierende Harmlosigkeit. Die Verfasserin war unentschieden, ob sie diesen neuen Zustand bedauern sollte oder eher nicht. Sie besprach die zweifellos eleganten und gefälligen Kollektionen und konnte sich vorstellen, viele der Stücke, darunter sportliche Parkas und Kapuzenjacken (Jonathan Saunders), als neuen Ausdruck des Hübschen auf der Stelle anzuziehen. Dass die Stücke weniger verrückt waren, schien dazu förderlich, die Anpassung geradezu unausweichlich.

Letztere hat der Normcore zum Prinzip erhoben. Er hat behauptet, gerade in seinem Schwur auf die Normalität subversiv und Avantgarde zu sein. Die Ängstlichkeit war ihm dennoch anzumerken. Nicht, dass es dafür keine triftigen Gründe geben würde. Da ist die Angst vor einer Zukunft der Katastrophen, die Angst vor der unausweichlichen Überforderung. Der Gorpcore, das Kind des Normcore, will mittlerweile nur noch weg. Oder wenigstens will er aussehen, als könnte er fristlos ins Abenteuer wechseln. Die Anstrengung, die es kostet, zu funktionieren, die es kostet, erwachsen zu sein, sie soll am besten unter einem Zelt von einer Daunenjacke verschwinden. Kombiniert mit einem geschlitzten Kleid mit Blumenmuster und Stiefeln, mutet sie tatsächlich putzig an. Fast ein bisschen irre.

Doch es ist der Schein. Die Illusion von kindlicher Verrücktheit, die von der Coolness nicht zu unterscheiden ist. Man sieht aus, als wolle man nachts in den Wald laufen, um eine Freundin zu retten. Furchtlos und mit der Schnur eines Drachens in den Händen. Dabei ist es Tag. Man steht am Fenster.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenÄsthetik