Die Altersfrage

Frauen, die jüngere Männer lieben – diese Konstellation irritiert viele immer noch. Wieso eigentlich? Und funktionieren Paare anders, wenn sie älter ist?

13.12.2017
Text und Protokolle: SILKE WEBER
Fotos: ANDREA GRAMBOW & JOSCHA KIRCHKNOPF

Für den französischen und den amerikanischen Präsidenten sind große Altersunterschiede zu ihren Partnerinnen kein Problem. Allerdings leben sie uns zwei sehr unterschiedliche Beziehungsmodelle vor: Der 71 Jahre alte Donald Trump hat mit Melania Trump eine 24 Jahre jüngere Ehefrau. Der 39 Jahre alte französische Präsident Emmanuel Macron ist dagegen mit der fast 25 Jahre älteren Brigitte Macron verheiratet.
Die Beziehungskonstellation „älterer Mann mit jüngerer Frau“ ist so weit verbreitet, dass dieser Aspekt des Trumpschen Lebens kaum kommentiert wird. Als aber die Macrons die Weltbühne betraten, schäumten einige Teile der Öffentlichkeit ob des großen Altersunterschiedes. Machosprüche und Beleidigungen wie „Menopausen-Barbie“ oder „Muttersöhnchen“ kursierten in sozialen Netzwerken, selbst in seriöseren Medien wurde die Differenz thematisiert.

Und gerne suggerierten die Geschichten und Kommentare per Ferndiagnose auch gleich sehr selbsbewusst Zweifel an der Beziehung und einer authentischen Liebe, obwohl die Macrons seit zwei Jahrzehnten ein Paar sind und er öffentlich ihre Kinder und Enkelkinder die seinen nennt. Auch heute scheint es sich für viele bei dieser Art Konstellation immer noch um einen „verkehrten“ Altersunterschied zu handeln, der ihnen suspekt ist.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Dabei hat es in den letzten Jahren schon verstärkt durchaus andere prominente Role-Models für die Macronsche Variante gegeben: Auch Heidi Klum und Madonna verliebten sich in deutlich jüngere Männer. Der Partner von Iris Berben ist zehn Jahre jünger, und Eva Mendes ist sechs Jahre älter als ihr Ryan Gosling. In Deutschland haben mittlerweile 17 Prozent der verheirateten Frauen einen jüngeren Mann. Bei der Hälfte davon beträgt der Unterschied allerdings maximal drei Jahre, nur sechs Prozent sind mehr als zehn Jahre älter als ihr Partner. Die Zeiten ändern sich, wenn auch langsam.
„Die alten Muster brechen allmählich auf“, sagt Ursula Richter, Paarsoziologin und Autorin des Buchs „Frauen lieben jüngere Männer“: „Was die reifere Frau heute von ihrem Partner erwartet, können gleichaltrige oder ältere Männer oft nicht erfüllen.“ Grund: Sie seien nicht bereit, sich auf ein modernes Frauenbild einzulassen. Viele Frauen suchten heute aber längst nicht mehr den Versorger. Und entgegen aller Vorurteile seien die jüngeren Männer sehr selbstbewusst und suchten keinen Mutterersatz.

Natürlich kann eine Frau ab einem bestimmten Alter keine Familie mehr gründen. „Aber sie bringt die besten Voraussetzungen mit, um mit ihrem jüngeren Partner gemeinsam alt zu werden“, sagt Richter. Schließlich habe sie statistisch gesehen eine höhere Lebenserwartung als der Mann. Auf den folgenden Seiten berichten fünf Paare, ob der Altersunterschied in ihrem Alltag tatsächlich eine Rolle spielt. 


Nächstes Kapitel:

Adrienne & Marco


Adrienne & Marco

„Oft leiden Männer doch unter dem Druck, die dominante Rolle erfüllen zu müssen. Bei einer älteren Frau gibt es weniger Performancedruck.“

ADRIENNE: Marco ist definitiv der Ausgeglichene, Ruhigere von uns beiden. Wir haben uns kennengelernt, als ich Marco für meine Jazzband als Pianist gecastet habe. Er traute sich die Sache dann nicht zu, aber wir blieben trotzdem in Kontakt. Als er hörte, dass ich Weihnachten allein verbringen würde, hat er mich zu seiner Familie eingeladen. Ich habe mit seinem Vater, seiner Mutter, Schwester und Großmutter Gans gegessen, und seitdem sind wir ein Paar. Ich war schon 38 und habe um mein Alter ein Geheimnis gemacht. Ehrlich gesagt war mein Selbstbewusstsein damals ziemlich angeknackst, weil die großen Engagements als Sängerin und Schauspielerin ausblieben und ich wenig Geld hatte. Ich dachte, ich kann Marco nichts bieten. Es gab diesen Moment, da habe ich mit totaler Überzeugung zu ihm gesagt, du wirst mich verlassen. Ich bin alt, unerfolgreich, jetzt hast du die Chance, das sinkende Schiff zu verlassen, ich werde es dir nicht übelnehmen. Du bist jung und hast deine Zukunft noch vor dir. Geh!
Für Marco war es nie ein Problem, dass ich älter bin. Er steht zu mir, zu meiner Persönlichkeit. Übrigens sollen jüngere Männer und ältere Frauen ja sexuell eh mehr auf Augenhöhe sein. Da die Frau erst in ihrer dritten Dekade ihre volle Sexualität entfaltet. Ich kann nur sagen, das stimmt. Ich weiß nicht, wann ich sagen werde, bei mir ist jetzt Schluss damit. Marco und ich konnten von Anfang an gut miteinander reden, auch über unsere Vorlieben. Beim Sex ist es doch wie beim Essen. Die Geschmäcker sind verschieden, und jeden Tag dasselbe ist auch langweilig. Ich fühle mich jung. Da komme ich nach meiner Mutter, die ist mit 84 noch immer quirlig und lustig.


Wuppertal
Adrienne Morgan Hammond, 59, Sängerin und Komponistin Marco Dieffenbach, 47, Psychologe und Marktforscher
MAX MUSTERMENSCH

MARCO: Durch den Altersunterschied stecken wir auch weniger in einem Altersklischee. Teenagerpaare machen Teenie-Sachen, 50-Jährigen-Paare machen 50-Jährigen-Sachen, und wir machen es, wie es uns gefällt! Oft ist es doch weniger eine Altersfrage und mehr eine Typfrage. Ich bin zum Beispiel ein absoluter Harmoniemensch und von meiner Natur aus gar nicht so ein Führungstyp. Adrienne passt gut zu mir, ihr Wesen ist bestimmender und temperamentvoller. Ich finde ihre Stärke schön und vielleicht sogar entlastend. Oft leiden Männer doch unter dem Druck, die dominante Rolle erfüllen zu müssen, obwohl sie das gar nicht wollen. Leider passt diese Vorstellung nicht in unser starres Männlichkeitsbild, und Frauen finden zurückhaltendere Männer häufig nicht sexy. Bei jüngeren oder gleichaltrigen Frauen hatte ich immer das Gefühl, etwas Besonderes bringen zu müssen. Bei einer älteren Frau habe ich tatsächlich weniger Performancedruck. Ich mochte es nie, von einer Jüngeren so angehimmelt zu werden. Als ich Adrienne kennenlernte, hatte ich mein Vordiplom und eine Hilfskraftstelle an der Uni. Ich war auf keinen Fall in der Lage, den ernährenden Mann zu geben. Es war sehr dramatisch, als sie eines Tages zu mir sagte: „Irgendwann wirst du mich verlassen. Irgendwann wird der Altersunterschied ein Thema.“ Wir sind jetzt seit 20 Jahren ein Paar. Der Altersunterschied kann in Zukunft Thema werden. Adrienne hat Rheuma, und wenn wir Paare sehen, wo einer im Rollstuhl sitzt, sage ich immer: Guck mal, in zehn Jahren schiebe ich dich auch. Ich finde das nicht erschreckend, sondern anrührend, dass wir so verbunden sind. 


Nächstes Kapitel:

Burcu & Mika


Burcu & Mika

„Meine Freundinnen haben mich anfangs aufgezogen, ich hätte mir einen jungen Lover gesucht. Dabei ist er erstaunlich erwachsen.“

BURCU: Mika war der Praktikant bei dem Verlag, in dem ich gerade mein erstes Buch veröffentlicht hatte. Er gefiel mir gleich, als ich ihn dort zum ersten Mal sah. Aber ich habe dieses Gefühl nicht ernst genommen, weil ich ihn für viel zu jung hielt – bis wir gemeinsam auf einer Comic-Messe gearbeitet haben. Mika betreute den Stand, an dem auch mein Comic-Buch auslag. Ich fand ihn so angenehm selbstsicher. Ich weiß noch, als ich Mika abends bei einem Bier von meinen derzeitigen Sorgen erzählte, sagte er so erstaunlich erwachsene Sachen zu mir. Er ist sortiert in seinen Emotionen. Meine Freundinnen haben mich aufgezogen, ich hätte mir einen jungen Lover gesucht. Doch eigentlich war ihnen schnell klar, dass Mika und ich zusammenpassen. Wir mögen dieselben Dinge, Comics, Illustration, Urlaub am Meer oder Meeresfrüchte. Natürlich haben wir anfangs über unser Alter gesprochen. Mir hat aber mehr Sorgen bereitet, dass ich schon im Berufsleben stehe und mich durch Mika in ein Studentenleben zurückversetzt fühlen könnte. Ich habe mich gefragt, ob unsere Lebensphasen überhaupt zusammenpassen, unsere Zeiten, ob er schlafen will, wenn ich wach bin, und umgekehrt. Ich erinnere mich auch an ein Gespräch über Kinder. Ich fühle gerade nicht, dass ich jemals welche wollen könnte.


Berlin
Burcu Türker, 33, Illustratorin und Comic-Autorin
Mika Sitter, 25, Student, selbständiger Kalligraph und Street Artist
MAX MUSTERMENSCH

MIKA: Mein Bruder hat eine zehn Jahre jüngere Freundin, und da klappt das gut. Warum sollte es umgekehrt bei uns nicht auch gut gehen? Für mein Bachelorstudium bin ich von Paris nach Berlin gezogen. Burcu habe ich während meines sechsmonatigen Pflichtpraktikums kennengelernt, da habe ich von Lagerarbeit bis Logos-Entwerfen alles gemacht. Ich war derjenige, der sie nach zwei Wochen gefragt hat, ob wir jetzt ein Paar sind. Nur meine Freunde haben anfangs Druck gemacht: Du musst mit ihr reden. Eine Über-30-Jährige hätte andere Erwartungen. Ich glaube, sie hatten Angst, dass ich gleich geheiratet werde und sie mich für immer verlieren. Ich kann mir eine Ehe noch nicht vorstellen. Diese Frage, wo man sich in fünf oder zehn Jahren sieht. Keine Ahnung. Dann bin ich so alt wie Burcu heute. Wenn ich dann so lebe wie sie, finde ich das eigentlich ganz cool. Ich fühle den Altersunterschied zwischen uns nicht. Vielleicht macht sich Burcu mehr Lebenssorgen: Wie schaffen wir das mit dem Geld, der Arbeit, der Zeit? Sie ist schon berufstätig und muss einfach mehr organisieren als ich. Andererseits entspricht diese Umtriebigkeit und das Planenwollen auch einfach ihrem Charakter. Ich habe nächste Woche Prüfungen, und Burcu ist deswegen nervöser als ich. Unsere Beziehung nehme ich aber auf jeden Fall ernst.


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Michelle & Andreas


Michelle & Andreas

„Wenn ein alter Millionär mit einer Zwanzigjährigen zusammen ist, scheint das weniger anstößig zu sein als umgekehrt.“

MICHELLE: Es ist ja nicht illegal, mit einem jüngeren Mann liiert zu sein. Doch wenn ein alter Millionär mit einer Zwanzigjährigen zusammen ist, scheint das weniger anstößig zu sein als umgekehrt. Und aus purer Liebe ist es gleich gar nicht vorstellbar. Ich habe Andreas 2003 in Mailand kennengelernt. Wir waren auf einer Party in einer Millionärsvilla eingeladen. Mein Exfreund James war auch dort. Er hatte eine zehn Jahre jüngere Freundin dabei, und die erzählte mir, dass ihre Mutter sie gewarnt hatte: „Wenn du einen so alten Mann wählst, wirst du als Pflegerin enden.“ Als ich Andreas sah, habe ich gar nicht ans Alter gedacht. Es fühlte sich alles gleich so natürlich an. Auch, dass wir noch am selben Abend gemeinsam zu mir gingen. Seit 14 Jahren sind wir jetzt zusammen. Ich vermisse nichts in unserer Beziehung. Aber ich würde lügen, würde ich sagen, ich hätte nie über Kinder nachgedacht. Ich dachte immer, nie welche zu wollen. Andreas war der erste Mann, mit dem ich mir Kinder hätte vorstellen können. Als wir dann richtig zusammen waren und gemeinsam in mein Haus in den Bergen bei Mailand gezogen sind, hatte ich schon meine Menopause. Es gab diesen Wunsch, aber er hat kein Loch in unsere Beziehung gerissen. Insgesamt mache ich mir mehr Gedanken über mein Alter als Andreas. Andreas sagt: Ach, du brauchst dein Haar doch nicht zu färben, lass es einfach grau.


Mailand, Berlin
Michelle Jarvis, 57, Textilkünstlerin
Andreas Krumm, 48, DJ und Physiotherapeut
MAX MUSTERMENSCH

ANDREAS: Ein Mailänder Millionär hatte mich für seine Privatparty gebucht. Ich war genervt von den Gästen, weil diese Schlipsträger ständig fragten, ob ich was anderes spielen könnte, vielleicht Michael Jackson oder so. Michelle kam auch zu mir ans DJ-Pult, aber sie fragte so sanft und süß. Später küssten wir uns im Gartenhäuschen und sind dann in Michelles riesige Wohnung. Überall roch es so gut nach Seife.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Ich bin dann erst mal zurück nach Berlin gezogen, und wir führten für eine Weile eine Fernbeziehung. Meine Mutter, die Michelle noch nicht kennengelernt hatte, riet, ich solle mir doch eine Jüngere suchen. Und auch meine Schwester erwähnte mal, sie habe eine nette, junge Freundin, die sie mir vorstellen könnte. Das war nicht cool! Als sie Michelle kennenlernten, änderte sich das. Manchmal mache ich so kleine Sozialstudien; wenn die Leute uns noch nicht so gut kennen, sage ich ihnen direkt, dass meine Freundin älter ist, um ihre Reaktionen abzuchecken. In der Regel sind sie eher beeindruckt, und ich fühle mich dann wie ein Angeber. Aber ich erinnere mich auch an einen Idioten, der meinte: Warum so eine Alte? Warum nimmst du dir nicht eine, die jünger und knackiger ist? Da hört bei mir das Verständnis auf, wirklich.


Nächstes Kapitel:

Margit & Dieter


Margit & Dieter

„Wir reden immer darüber, wie wir gemeinsam alt werden, in unserem schönen Garten sitzen und die Schmetterlinge beobachten.“

MARGIT: Ich wollte das gar nicht, wirklich nicht. Eigentlich war für mich immer klar gewesen, dass ich weder einen kleineren, geschweige denn einen jüngeren Mann nehmen würde. Ich habe schon zwei Söhne, die reichen mir. Und zu der Zeit, als ich Dieter kennenlernte, hatte ich den Männern komplett abgeschworen. Ich hatte keine Lust auf irgendwelche Bekanntschaften und dachte, bei mir bleibt immer nur der Schrott hängen. Meine vorherige Beziehung verlief nicht so gut. Ich hatte das Gefühl, mich immer zurücknehmen zu müssen. Einmal nahm er mich mit auf eine Geschäftsreise, und abends beim Dinner wurde ich gefragt, was ich beruflich mache. Ich antwortete: Sekretärin. Dabei hatte ich mich längst hochgearbeitet zur selbständigen Projektmanagerin. Aber ich wusste, wenn ich das jetzt erzähle, kann ich den weiteren Urlaub vergessen. Warum lüge ich eigentlich, damit es jemand anderem besser geht, fragte ich mich danach. Ich schwor mir, das nicht mehr zu tun. Die Beziehung ging nicht gut aus. Dieter lernte ich ein paar Jahre später beim Wandern kennen. Ich saß auf einem Stein und aß eine Mandarine, da kam er vorbei, fotografierte in die Landschaft und sagte: „Schön hier, oder?“ Ich war schon Mitte 50. Ihn hatte ich auf 42 geschätzt. Früher wäre das ein K.-o.-Kriterium für mich gewesen. Vielleicht habe ich ihn im richtigen Alter kennengelernt. Ich entdeckte gerade das Wandern. Sonst bin ich rasanter als er. Dieter würde sagen, das merkt man an meinem Fahrstil. Das soll jetzt nicht blöd klingen, aber er hat mich durch seine Art geerdet, ohne mich dabei auszubremsen oder einzuschränken. Und er hat mir den Glauben an die Liebe zurückgegeben.


Bayreuth
Margit Wermter, 71, Projektmanagerin
Dieter Hofmann, 61, Maschinenbautechniker
MAX MUSTERMENSCH

DIETER: Irgendwann hat sie so achtlos ihre Papiere rumliegen lassen, und dann musste ich einfach auf ihren Führerschein gucken, um ihr Alter zu erfahren. Margit sieht heute noch jünger aus, als sie ist, und ich finde sie wunderschön. Ich dachte mir, dass sie ein bisschen älter sein muss. Spätestens als ich ihre 30-Jährigen Söhne kennengelernt hatte. Irgendwie wollte ich ihr Alter unbedingt wissen, obwohl es mir dann gar nicht viel über Margit erzählt hat. Sie ist sehr erfolgreich als Projektmanagerin, trainiert Vorstände und Manager, obwohl sie längst in Rente gehen könnte. Margit verdient auch mehr Geld als ich. Mich stört das alles nicht. Ich habe mich auch hochgearbeitet, vom einfachen Arbeiter zum Leiter der Logistik in einem Bayreuther Unternehmen. Meistens lasse ich ihr ihren Willen. In unserer Beziehung bin ich wohl eher der Bedenkenträger. Nur als ich sie kennenlernte, war ich recht übermütig. Wir sind uns beim Wandern über den Weg gelaufen. Ich habe sie angesprochen, nach ihrer Nummer gefragt und für unser erstes Treffen ein gemeinsames Bad bei Kerzenschein vorgeschlagen. Da war sie erschrocken, ich irgendwie auch. Ich bin weniger gesellig als Margit. War immer viel für mich, in der Natur, habe Sport getrieben und lange als Single gelebt – mich dann aber wirklich nach einer Beziehung gesehnt. 17 Jahre sind wir jetzt zusammen. Gerade haben wir uns ein Haus an der Ostsee gekauft. Wir reden immer darüber, wie wir dort gemeinsam alt werden, in unserem schönen Garten sitzen, die Schmetterlinge beobachten oder Leute, die uns beim Unkrautjäten helfen, wenn wir nicht mehr können. Ich habe jetzt schon Probleme mit dem Rücken und höre nicht mehr so gut – im Gegensatz zu Margit.


Nächstes Kapitel:

Annika & Tim


Annika & Tim

„Vielleicht gibt es neben dem biologischen eine Art seelisches Alter.“

ANNIKA:Ich finde bei uns auch gut, dass Tim der Schauspieler ist und ich die Regisseurin bin. Es ist häufiger umgekehrt, der ältere Regisseur mit der Jungschauspielerin. Klar muss ich aufpassen, dass ich die beruflichen Verhaltensweisen nicht in den Alltag übertrage und Tim auch zu Hause Regieanweisungen gebe. Ich denke, das ist aber normal, egal, was für einen Beruf man hat. Ich hatte auch Beziehungen zu älteren Männern. Ich bin mit ihnen unweigerlich in feministische Diskussionen geraten. Das hat genervt. Mit Tim passiert das kaum. Mich würde interessieren, ob sich über den umgekehrten Altersunterschied auch andere Unterschiede und zugeschriebene Geschlechterrollen aufweichen. Bei uns ist das so. Ich erinnere mich noch an eine Situation, als wir bei meiner Großmutter waren und Tim die Wäsche aus dem Keller hochgetragen hat und ich meinte, die kannst du jetzt schon auch noch aufhängen gehen. Da meinte meine Oma, jetzt lass doch mal den Jung in Ruhe. Für jüngere Männer wie Tim ist das viel selbstverständlicher. Als ich Tim vor vier Jahren zum ersten Mal sah, dachte ich schon, jung, gut gebaut, neu in der Stadt, das kann ja ganz spannend werden, so wie das in Berlin üblich ist. Dann habe ich ihn kennengelernt, und seine Verbindlichkeit hat mich total umgehauen. Vielleicht gibt es neben dem biologischen Alter eine Art seelisches Alter. Tim hätte eher die gereifte Seele eines 50-Jährigen. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich mich mit ihm für eine Sache entscheiden muss. Unser Sohn ist jetzt zwei Jahre alt. Er war nicht geplant. Aber wahrscheinlich hat das einfach alles gepasst.


Berlin
Annika Pinske, 35, Regisseurin
Tim Kalkhof, 29, Schauspieler
MAX MUSTERMENSCH

TIM: Annika hat die Hosen an, und ich finde das sexy. Fast alle meine Freunde sind auch älter als ich. Daraus mache ich mir nichts. Den Altersunterschied merke ich eher in anderen Konstellationen. Wenn Annika schreibt oder dreht und ich alleine als 29-jähriger Mann auf dem Spielplatz hocke. Da bin ich nur von Frauen umgeben, und selbst unter ihnen bin ich mit Abstand der Jüngste. Alter spielt in unserer Beziehung insofern eine Rolle, als ich von Annika auch vieles gelernt habe. Sie hatte einfach mehr Zeit, Bildung anzuhäufen, die unzähligen Castorfs, Polleschs oder Filme, die sie schon gesehen hat. Ich finde gut, dass wir versuchen, die Verantwortung für unseren Sohn Franz 50 zu 50 zu teilen. Und trotzdem ist es nicht fair, weil Annika als Autorin und Regisseurin viel mehr arbeiten muss als ich. Als Schauspieler bin ich mit 40 bis 50 Drehtagen im Jahr gut gebucht. Natürlich muss ich mich auch vorbereiten, habe Kostüm- und Maskenproben, Castings, Pressetermine und so weiter. Und trotzdem leistet Annika letztendlich mehr, weil ihr Beruf der komplexere ist. Was sie nachmittags nicht schafft, weil sie Franz von der Kita holt, muss sie dann oft nachts aufholen. Sie hat quasi im Gegensatz zu mir 350 Drehtage im Jahr.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly