Daniel Brühl im Interview

„Ich erzähle immer irgendeinen Quatsch“

Von Julia Schaaf
 - 15:01
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Ständig fährt er sich mit der Hand über den Mund, so dass der Zeigefinger für einen Moment die Oberlippe verdeckt: Daniel Brühl trägt Bart. Einen schmalen Schnauzer, der ihm nicht besonders steht - weshalb man verstehen kann, dass er während des Interviews nicht fotografiert werden will -, den er aber braucht für seine nächste Rolle als Kommissar in der Hans-Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“. Kein deutscher Schauspieler ist zurzeit international so erfolgreich wie der 36 Jahre alte Brühl, der 2003 mit „Good Bye, Lenin!“ seinen Durchbruch hatte und von Quentin Tarantino in „Inglourious Basterds“ besetzt wurde.

Nun ist er in Michael Winterbottoms „Die Augen des Engels“ zu sehen, der nächste Woche anläuft und auf der Geschichte der Amerikanerin Amanda Knox basiert, die kürzlich in letzter Instanz im Todesfall der Studentin Meredith Kercher für unschuldig erklärt wurde, nachdem sie vier Jahre lang in Italien im Gefängnis saß. Beim Interview in einem Berliner Luxushotel versinkt Brühl fast in einem unbequemen Protz-Sofa. Trotzdem gibt er sich unprätentiös und zugänglich, gelegentlich schiebt er sich eine Scheibe Ananas in den Mund.

Herr Brühl, wie war das, als die Marvel Studios angerufen haben, um Sie für „Captain America“ zu engagieren?

Daniel Brühl: Normalerweise lassen sie dich ja leiden. Du hockst da zwei, drei Wochen, hörst nichts, und dann kriegst du den Anruf: „Es war groooßartig - aber es wird nichts. Nächstes Mal.“ Bei den Amerikanern können die Dinge aber auch schnell gehen, und in diesem Fall kam ein paar Tage nach meinem Treffen mit dem Produzenten in London ein Anruf. Ich war im Auto hier in Berlin.

Und?

Man ist immer wie in so einem Superbowl-Spiel. Da schmettert einem Euphorie entgegen, und damit die Amis sich auch freuen, muss man mitspielen. Das sind Konferenzschaltungen: „Buddy! You got it!“ Und ich: „Wow! Awesome!“

So, wie Sie gerade die Arme auseinanderreißen, müssen Sie das Steuer losgelassen haben.

Meine Freundin liegt manchmal am Boden vor Lachen. Aber das kann tatsächlich gefährlich sein, auch wenn man vom Casting kommt. Einmal hätte ich beinahe einen Auffahrunfall gebaut.

Kinotrailer
„Die Augen des Engels"
© Concorde Filmverleih, Concorde Filmverleih

Sie haben zuletzt mit atemberaubenden Kolleginnen und Kollegen gedreht: Helen Mirren, Cara Delevingne, Bradley Cooper, Benedict Cumberbatch, demnächst Scarlett Johansson. Wie ist das eigentlich? Freundet man sich an?

Es kommt drauf an. Man merkt relativ schnell, ob man sich nur bei der Arbeit gut versteht oder sich darüber hinaus etwas zu sagen hat. Wenn das passiert, hält sich ein Kontakt und eine Freundschaft, so wie jetzt mit Benedict Cumberbatch.

Den könnten Sie einfach in London anrufen, wenn Sie da sind?

Genau. Das freut einen natürlich.

Und die anderen Handynummern haben Sie auch? Emma Watson? Scarlett Johansson?

Scarlett noch nicht, aber die anderen habe ich. Das Handy sollte man nicht verlieren, weil ich auch noch so altmodisch bin, dass ich die Namen ganz ausschreibe. Jeder, der es findet. . . (lacht)

O Mann, und da liegt es jetzt auf dem Tisch!

Wenigstens hauen Diebe in der Regel die Karte sofort raus. Aber ich muss auch sagen, dass ich mit den allermeisten Kollegen Glück gehabt habe. Und man ist schon befangen am Anfang, gerade wenn das so bekannte Kollegen sind. Man will glänzen und ist ein bisschen schissig. In den ersten Tagen mit Bradley Cooper war ich so aufgeregt . . . (streicht sich mit dem Finger über die Oberlippe)

Der Bart macht Sie fertig.

Das ist noch sehr ungewohnt. Aber es ist auch ein Tick. Ich bin ein sehr nervöser Mensch. Jedenfalls träume ich oft bei der Arbeit von der Arbeit, und in diesem Fall war das der Klassiker, so plump, dass es nichts zu deuten gab. Ich hatte den Text nicht vorbereitet und bin vom Regisseur zusammengestaucht worden. Dabei haben Bradley Cooper und ich schon nach einer Stunde so rumgealbert, dass man das Gefühl hatte, man kennt sich schon ewig. Und im Nachhinein würde ich sagen, dass ich die Szenen mit Leuten, bei denen ich am Anfang dachte, ich mache mir in die Hose, am meisten genossen habe, weil ich so angstfrei und locker war. Weil solche Kollegen natürlich auch dementsprechend toll spielen. Außerdem sind einige sehr gut darin, einem die Befangenheit zu nehmen. Eine Helen Mirren weiß ja, was in jungen Kollegen passiert, die zum ersten Mal mit ihr drehen. Auf eine spielerische, ganz süße Art nimmt Dame Helen einem das sofort.

Eigentlich lustig, dass Sie ausgerechnet jetzt, da es so super bei Ihnen läuft, in „Die Augen des Engels“ einen Filmregisseur in der Krise spielen. Der Knoten im Job will einfach nicht platzen. Erinnern Sie sich an solche Phasen?

Auf jeden Fall. Und selbst, wenn es von außen wirkt, als würde alles super laufen, gibt es ja Momente, in denen man zweifelt und alles in Frage stellt. Das holt einen immer wieder ein. Im Moment seltener. Aber in den letzten Jahren gab es schon Phasen der. . . - Bitterkeit wäre zu viel gesagt. Aber Müdigkeit, Resignation, Uninspiriertheit. Wo man einfach nicht glücklich war, mit dem, was kommt.

Sie haben mit einem Freund eine Bar in Kreuzberg eröffnet, ein Kochbuch veröffentlicht, einen Reiseführer geschrieben. In Ihren neuen Film gibt es den Satz: „You are too young for a midlife crisis.“

Too young for a bar. (lacht)

Ich dachte, es passt ein bisschen.

Die Bar war keine Frustnummer. Das Kochbuch hat mehr oder weniger mein Partner betreut. Das sind Sachen, die sind an mich rangetragen worden.

Man braucht aber schon Zeit und Lust, etwas auszuprobieren - weil anderswo die Befriedigung fehlt.

Ja. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe immer Empathie mit meiner Figur gehabt, weil ich dachte, ansatzweise kenne ich das.

Können Sie auch so düster werden wie dieser Thomas im Film, der gar nicht mehr lacht und nicht einmal mehr die Fensterläden öffnet?

Ich bin kein Depressiver. Aber es kann schon sehr düstere Phasen geben. Ich finde das auch wichtig. Weil sich dann alles konzentriert und rauskommt. Da entsteht ein Aggressionspotential, das ich befreiend finde. Ich mag auch Auseinandersetzungen bei der Arbeit, vor allem unter Männern. Wenn man mit einem Regisseur versucht auszuloten, wie weit man gehen kann.

Sie meinen: im Streit?

Streiten gibt mir Vertrauen. Weil ich weiß, auch wenn man sich gerade nicht gut versteht, kann man konstruktiv miteinander arbeiten. Solche Streitsituationen gab es mit Michael Winterbottom. Mit Wolfgang Becker. Mit vielen Regisseuren.

Das klingt jetzt so, als würden Sie immer noch Wert darauf legen, dass Sie nicht nur ein Netter sind.

Dass ich das noch ernsthaft gefragt werde, sehe ich eher mit Humor.

Ihr persönliches Anti-Depri-Rezept?

Am Ende des Tages sind es sozialen Bindungen. Meine Freunde. Ein Ortswechsel tut mir meistens gut. Barcelona ist eine Stadt, die auf mich eine wahnsinnig beruhigende Kraft ausübt. Aber es dauert manchmal. Ich bewege mich dann in so Loops. Und was nicht viel bringt, was ich eigentlich weiß, aber was mich trotzdem einholt, ist, in der Vergangenheit herumzuwühlen. Oder gefällte Entscheidungen rückgängig machen zu wollen.

So einer sind Sie? Der seine Entscheidungen in Zweifel zieht?

Ja. Und das ist ganz doof. Bei all den Fehlern, die ich habe, bei aller Selbstkritik, nervt mich das am meisten. Das sind diese Gedankenloops, und dann malt man sich aus: Wenn ich den anderen Weg gegangen wäre . . . Das bringt nichts. Das weiß ich auch schon, seit ich Kind bin. Aber ich krieg es nur schwer aus meinem System. Wird besser. Aber es holt mich immer wieder ein.

Helfen Drogen?

(Lacht) Nicht wirklich, nicht dauerhaft. Aber das ist ein nachvollziehbarer Schritt, den Thomas im Film da geht.

Ich vermute, man musste Ihnen für diese Szenen nicht zeigen, wie das mit dem Koksen geht.

Ich möchte jetzt nicht meine Drogenerlebnisse schildern. Aber ich war immer neugierig genug, allerdings auch vorsichtig genug, um heute nicht suchtgefährdet zu sein.

Macht es Spaß, eine Bettszene mit Kate Beckinsale zu drehen?

Man muss sich einen Spaß draus machen, weil Bettszenen das Unromantischste sind, was man sich vorstellen kann. Das kann man beruhigenderweise auch seinem Partner sagen. Es sind ja immer Leute um einen herum. Aber mit Kate und Cara Delevingne hatte ich ein Riesenglück, weil die so unkompliziert und lustig waren, englische Frauen wie aus dem Bilderbuch. Die wirken so fein und sind bildhübsch, haben aber einen total schockierenden Trucker-Humor. Kate haut Witze raus, das ist unfassbar. Und Cara ist sowieso der Knaller.

Darf ich mal drei eher intime Fragen versuchen?

Oh. Welche Zeitung noch mal?

Bei den ganzen tollen Frauen am Set: Ist es als Schauspieler eigentlich schwer, treu zu bleiben?

Das fällt einem tatsächlich nicht schwer, wenn man selbst glücklich in seiner Beziehung ist. Wenn das nicht wäre - weiß ich nicht. Man trifft tolle Menschen, Frauen wie Männer.

Mit denen man auch auf eine Art und Weise intim zu tun hat, wie die wenigsten Menschen das aus ihrem Arbeitsleben kennen.

Das ist durchaus richtig. Das ist eine Meta-Realität. Man lebt in einem hermetisch abgeriegelten Raum quasi als Familie zusammen, wie so Nomaden, und hat ganz intensiv zwei, drei Monate nur mit diesen Leuten tagtäglich zu tun. Wenn man sich dann noch gut versteht, entsteht natürlich auch Nähe. Aber zumindest in der Beziehung, die ich jetzt seit fast fünf Jahren führe, war ich noch nie irritiert oder gefährdet. Von außen ist das schwer zu sehen. Gerade der sehr gute und enge Kontakt, den ich noch immer habe zu Cara, war natürlich schnell Futter - nicht nur für die Presse. Auch Leute in meinem Umfeld dachten: Da muss doch was sein. Aber nein.

Zweiter Versuch: War der Tod Ihres Vaters vor ein paar Jahren ein einschneidendes Erlebnis?

Da möchte ich nicht drüber reden. Aber das war es.

Drittens: Wollen Sie Kinder?

Frankfurter Allgemeine am Sonntag! Unglaublich! Ja. Auf jeden Fall. Aber wann, werde ich hier nicht sagen.

Ein Katalysator für Ihre internationale Karriere war Ihre Rolle als Niki Lauda in „Rush“, mit der Sie für den Golden Globe nominiert waren. Stimmt es, dass der Film Sie auch privat verändert hat?

Nö.

Habe ich aber gelesen.

Echt? Ich erzähle immer irgendeinen Quatsch, was mir gerade so gefällt. Was soll ich denn gesagt haben?

Dass Sie von Lauda gelernt hätten, zu sagen, was man denkt, und nicht so viel auf andere zu geben.

Ach so, na ja. Man übertreibt mal ein bisschen in Interviews. Das kommt ganz gut. Aber in der Tat, der Kontakt zu ihm war besonders. Ich habe noch nie einen Mann wie ihn getroffen, bei dem es gar keine Diplomatie gibt, der unumwunden immer hundert Prozent direkt und ehrlich ist. Irre. So bin ich nicht, und so könnte ich nicht sein.

So sind Sie auch nicht geworden?

So bin ich auch nicht geworden (lacht). Aber ein Scheibchen davon abschneiden kann man sich schon. Wobei man sich mit dem Alter ohnehin verändert. Ich merke immer mehr, was mir wichtig ist. Zeit im Leben, weil man weniger davon hat. Und man konzentriert sich immer mehr auf immer weniger Menschen. Mit Mitte dreißig hat man kapiert, wer die engen Freunde sind. Früher wollte ich mit allen befreundet sein, ich musste immer auf 15 Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Das ist nicht mehr wichtig.

Haben Sie viel mit Neid zu tun?

Ich spüre das schon ab und zu. Das ist leider in unserer Veranlagung, ein menschlicher Makel, ich bin ja selbst nicht ganz frei davon. Aber die wenigsten schaffen es, gut damit umzugehen. Wenn man das nicht versteckt, sondern offensiv benennt, kann es sogar lustig sein. Ich habe Kollegen, die das in einen Scherz verpacken und sagen: „Du Drecksack, hast du schon wieder so einen tollen Film!“ Das ist dann eine Mischung, der Neid wird zugegeben, aber es wird einem auch gegönnt. Auf der anderen Seite gibt es die Stillen, die hinterm Rücken quasseln oder einem nicht mehr ins Gesicht gucken können: „Warum der? Verstehe ich nicht. Der ist doch langweilig! Der kann doch nichts! Der ist doch nett!“

Also doch: Ihr Image als Netter verfolgt Sie!

(Lacht) Ich nehme das schon seit Jahren nicht mehr ernst, aber das glaubt mir auch keiner. Gegen bestimmte Sachen kommt man einfach nicht an. Aber mittlerweile, weil es mir so gut geht, ist mir das, ehrlich gesagt, wurscht.

Da hält man auch ein bisschen Neid aus?

Es wäre im Moment mehr als peinlich, wenn ich mich über irgendwas beschweren würde.

Sie haben wahrscheinlich echt gut verdient in den vergangenen zwei Jahren. Was kostet eine Flasche Rotwein, wie Sie ihn standardmäßig zu Hause trinken?

Nicht so viel, weil ich den in meiner Bar trinke und ihn dort vergünstigt kriege.

Für Kreuzberger Verhältnisse fand ich die Preise dort jetzt eher stolz.

Qualität muss man auch bezahlen.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Wie oft sind Sie überhaupt noch in Ihrer Bar?

Wenn ich hier bin, versuche ich schon, oft dort zu sein. Vor allem, wenn Barcelona spielt, mein Lieblingsverein, schaue ich gern in der Bar Fußball. Aber ich bin viel weg.

Wie viele Nächte Berlin im vergangenen Jahr?

Zwei, drei Monate insgesamt. Wenn es hoch kommt.

Was würden Sie mit sich selbst am liebsten unternehmen? Eine Woche Wandern in Chile? Einen Abend Tapas essen in Ihrer Bar? Oder ins Stadion zum ChampionsLeague-Finale?

Beim Fußballspielen würde ich mich nur nerven, weil ich dann neunzig Minuten leide oder auch in der Freude übertrieben und anstrengend wäre. Die Tapas würde ich wegfuttern und den Wein leertrinken und nichts abgeben. Ich glaube, am angenehmsten wäre ich beim Wandern.

„Die Augen des Engels“ startet heute in den Kinos.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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