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Lina Larissa Strahl

Das ist Bibi & Lina

Von Jörg Thomann
 - 18:25
Man würde sie jederzeit als Babysitter für den Nachwuchs verpflichten. Vermutlich aber müsste Lina Larissa Strahl absagen – sie ist zu beschäftigt. Bild: Jens Gyarmaty, F.A.S.

Als Eltern hat man nur sehr begrenzten Einfluss darauf, zu wem der eigene prä- oder vollpubertäre Nachwuchs aufblickt. Mit ein wenig Pech hört der zarte kleine Sohn plötzlich Gangsta-Rap der fiesen Sorte, und mit noch mehr Pech probiert er das dort einstudierte Vokabular an Mitschülerinnen oder an der Lehrerin aus. Ebenso kann es geschehen, dass das Töchterchen, das noch unlängst seine Spargroschen keinem lumpigen Lutscher opferte, mit einem Mal jede Woche Kosmetikplunder und Klamotten anschleppt, die ein geschäftstüchtiges Youtube-Girl empfohlen hat. Es ist nur eine Phase, tröstet man sich dann gern, aber die kann lang und schwer erträglich sein.

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Von daher dürfen viele Eltern von Mädchen, die im Deutschland der 2010er Jahre aufwuchsen, mit einem Stoßseufzer konstatieren: Glück gehabt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit nämlich sind ihre Kinder geprägt worden durch eine Kinoreihe, die vier Filme in vier Jahren hervorgebracht hat und zugleich ein paar Stars, die keinem Erwachsenen Sorgenfalten ins Gesicht treiben müssen. Die Rede ist von Detlev Bucks „Bibi & Tina“-Filmen um die zum Teenager gereifte Kinderhörspielhexe Bibi Blocksberg und ihre Freundin Tina, die rund um den Reiterhof von Tinas Mutter und um das Schloss des Grafen Falkenstein turbulente Abenteuer erleben. Unter den fünf erfolgreichsten deutschen Kinderfilmen seit 2014 sind drei „Bibi & Tina“-Filme; den dritten Teil sahen vergangenes Jahr im Kino knapp zwei Millionen Menschen.

So viel Erfolg macht misstrauisch, und ja: „Bibi & Tina“ ist Mainstream-Kino ohne besonders viel Tiefgang, und es bedient sich des „Mädchen auf dem Reiterhof“-Topos, auf den schon die „Immenhof“-Filme der 1950er Jahre setzten. Doch Buck wäre nicht der eigenwillige Kopf, als den man ihn aus dem Erwachsenenkino kennt, wenn er das Genre nicht subversiv unterwandert und die biederen Hörspiel-Vorlagen nach seinem Gusto umgeformt hätte.

Kinotrailer
Kinotrailer: „Bibi & Tina: Tohowabohu Total“

Sowohl die 1980 gestartete „Bibi Blocksberg“-Reihe, deren Heldin mit Zauberei („Eene meene mei, flieg los, Kartoffelbrei, hex hex!“) für Gerechtigkeit kämpft, als auch das 1991 ins Leben gerufene Pferde-Spin-Off „Bibi & Tina“ („Das sind Bibi und Tina, auf Amadeus und Sabrina...“) bieten brave Unterhaltung, mit der man jüngere Kinder über lange Autofahrten zuverlässig ruhigstellen kann – um den Preis, dass spätestens nach dem dritten Hörspiel die Eltern durchdrehen. Bucks Filme hingegen sind nicht nur kind-, sondern auch teenie- und sogar erwachsenengerecht; wenn man so will, hat er aus einem Schlager einen psychodelischen Popsong gemacht. Mit bonbonbunter Optik, mit reichlich Witz und Aberwitz, einem glänzend aufgelegten Ensemble aus Schauspielgrößen, die mal so richtig aufdrehen, und talentiertem Nachwuchs. Die Hexerei spielt gar keine so zentrale Rolle mehr, die Hormone der jungen Heldinnen und Helden spielen schon verrückt genug.

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Den Absprung in eine neue Etappe des Berufslebens schaffen

Viel wichtiger sind die Musikeinlagen, die immer dann einsetzen, wenn, so hat Buck es ausgedrückt, die Emotionen für Worte zu groß werden. Dem einstigen Rosenstolz-Musiker Peter Plate und seinen Mitkomponisten Ulf Leo Sommer und Daniel Faust ist das Kunststück gelungen, die Gefühlswelt junger Menschen in kleine Pop-Perlen zu fassen, so eingängig, dass sie – um ein Beispiel aus dem allerengsten Umfeld zu geben – hinterher nicht nur elfjährige Mädchen mit Inbrunst trällern, sondern auch deren sechsjährige Schwestern. Für viele Kinder dieser Altersgruppe sind „Bibi & Tina“ so etwas wie der erste Kontakt mit der Popkultur gewesen, und dass sie selbst davon ein Teil sein dürfe, sagt die Bibi-Darstellerin Lina Larissa Strahl, das finde sie „extrem cool“.

Die Frau, die die Freude am Jungsein zur Zeit erfrischender verkörpert als jeder andere in Deutschland, ist an diesem Nachmittag in einem gediegenen West-Berliner Traditionslokal ein echter Farbtupfer, und das nicht nur wegen ihrer schimmernden Jacke und des Glitzerkleides. In den schweren Sesseln wirkt die zierliche Strahl ein wenig deplatziert, und ohnehin gibt es sicher Kurzweiligeres für eine gerade 19 Jahre alt gewordene Frau, als die PR-Routine eines Interview-Tages über sich ergehen zu lassen.

Während des Gesprächs versucht sie auch nicht vorzugeben, als mache ihr das Ganze hier unendlichen Spaß, sie wirkt aber auch nicht gelangweilt und bemüht sich, jede Frage ernsthaft und aufrichtig zu beantworten. Schließlich gilt es nicht nur den Film „Bibi & Tina 4 – Tohuwabohu total“ zu vermarkten, sondern auch den Absprung zu schaffen in eine neue Etappe ihres Berufslebens. Der vierte „Bibi & Tina“-Film wird für sie der letzte sein.

Nicht nur Schauspielerin, sondern auch Popsängerin

Lina Larissa Strahl und Lisa-Marie Koroll, die die Tina spielt, sind mit den Filmen erwachsen geworden – und, jedenfalls für sechs- bis dreizehnjährige Mädchen, zu Superstars. Sie sind aus ihren Rollen aber auch herausgewachsen. Ist es womöglich gar befreiend, nicht mehr mit Ponyfrisur und aufgeschminkten Sommersprossen vor die Kamera treten und „Hex hex!“ rufen zu müssen? „Es ist auf keinen Fall eine Befreiung und tatsächlich auch sehr schade“, sagt Strahl. „Aber Lisa und ich sind bereit, aus den Rollen herauszukommen, um nicht ewig als Bibi und Tina wahrgenommen zu werden, sondern als eigenständige Personen.“

Strahl scheint da auf einem sehr guten Weg zu sein – schließlich ist sie für ihre Fans nicht nur Bibi, sondern auch: Lina. Lina, die Popsängerin. Musik gemacht hat sie schon vor „Bibi & Tina“; im Jahr 2013, da war sie gerade 15, gewann sie mit ihrem Stück „Freakin’ Out“ die Kika-Castingshow „Dein Song“. 2016 folgte mit „Official“ das erste Album, dessen gutgelaunter, unangestrengter Deutschpop sich in der kinderzimmerlichen Dauerrotation selbst für mithörende Eltern prima aushalten lässt. Über ein Lob ihrer Musik, sagt Strahl, freue sie sich noch ein wenig mehr als über nette Worte für „Bibi & Tina“: „Das Album ist für mich persönlicher als die Filme. Aber es sind zwei unterschiedlich schöne Gefühle.“

Wer wissen will, was ein Popstar heute machen muss, um beim jungen Publikum anzukommen, der kann von Lina Larissa Strahl einiges lernen. Mit ihrem Logo – einem aus bunten Papierstreifen zusammengeklebten „Lina“, dessen lustig verdrehtes N dabei hilft, sich von all den Lenas, Lisas oder Leas ihrer Generation abzugrenzen – hat sie eine überzeugende Corporate Identity vorzuweisen. Ihre mehr als 300000 Follower auf Instagram („Da bin ich täglich und stündlich“) bedient sie mit netten Fotos, und auf ihrem Youtube-Kanal beantwortet sie beim „Whatsapp-Wednesday“ geduldig die Nachrichten, die die Mädchen mit zarten Stimmchen aufs Handy gesprochen haben, etwa die bange Frage, ob Lina womöglich Zigaretten rauche (tut sie nicht).

Den Abschluss der Nachrichten bildet häufig ein gehauchtes „Ich hab dich lieb“, und ebenso oft quiekt Strahl dann, wie süß oder niedlich sie das findet. Wer dies mitansieht, würde sie jederzeit als Babysitterin für den eigenen Nachwuchs engagieren, der dann vielleicht nicht unbedingt pünktlich ins Bett kommt, doch gewiss einen spaßigen Abend hat. „Ich hatte selbst einmal so eine Fangirl-Zeit und finde es ganz toll, es nun aus der anderen Sicht zu sehen“, erzählt Strahl. „Wenn ich auf Instagram angemailt werde, wenn die Kids mir ,Gute Nacht‘ wünschen, dann finde ich das gar nicht seltsam.“

Es liegen keine Welten zwischen Strahl und ihren Fans

Ihre eigene Fangirl-Zeit, das war 2014, nachdem die aufregenden ersten Dreharbeiten für „Bibi & Tina“ abgeschlossen und der Film noch nicht im Kino gestartet war. Das kleine Loch, in das Strahl fiel, füllte sie mit einer Leidenschaft für die Boygroup One Direction, speziell für deren Mitglied Harry Styles. Leicht sentimental blickt sie heute darauf zurück: „Es hat etwas, wenn das einzige Problem im Leben ist, dass Harry Styles nicht in Deutschland wohnt. Jetzt gibt es andere Probleme.“

Trotzdem scheinen auch heute keine Welten zu liegen zwischen ihren Fans und dieser jungen Frau, die noch immer bei Hannover wohnt, die im Fußballclub ihres Heimatortes jahrelang das Tor hütete, die Angst vor Spinnen hat und vor Flugreisen, die Jennifer Lawrence und Selena Gomez gut findet und deren engster Freundeskreis seit dem achten Schuljahr praktisch derselbe geblieben ist – auch wenn die Fliehkräfte nun, nach dem Abi, stärker werden. Eine abgehobene Pop-Diva würde wohl auch kein für ihre Fans gedrehtes Video online stellen, bei dem ungeplant ihr Papa anruft: „Du bist jetzt in ’nem Youtube-Video. – Nee, wir haben hier gegessen. – Du, ich ruf dich später an.“ Ihre Eltern, sagt sie, begriffen vermutlich mehr, was gerade mit ihr passiere, als sie selbst, die mittendrin sei: „Sie sind sehr behütend, haben ein gutes Händchen und gute Ratschläge.“

Zu Hause gewesen ist Lina Larissa Strahl nur selten im vergangenen Jahr, in dem sie auch ihre erste Tour hinter sich brachte – vor einem sehr jungen, ganz überwiegend weiblichen Publikum mitsamt Müttern und Vätern. „Es ist total süß, wenn man ein Konzert spielt, welches das erste Konzert von einem achtjährigen Mädchen ist“, erzählt sie. „Wenn ich denen die Hand hinhalte, dann wissen die gar nicht, dass sie abklatschen sollen.“ Die ganz Kleinen, in die Hallen gespült dank „Bibi & Tina“, seien ihr absolut willkommen, versichert sie; gleichwohl hätte sie nichts dagegen, wenn der Altersschnitt sich allmählich höher, etwa bei vierzehn, einpendelte.

Strahl habe nie ein Bedürfnis nach Exzessen verspürt

Ihre zum Teil selbstverfassten Songtexte zielen schon mal in die Richtung und zelebrieren eine fröhliche Verweigerungshaltung. „So jung, so laut, so leicht“, heißt es da, und: „Wir brechen lachend alle Regeln.“ Wenn im Video zu „Egal“ eine von Lina angeführte, adrett gekleidete Gruppe Jugendlicher säuberlich einen einzelnen Opel mit Spraydosen verziert und im Diner mit Klorollen um sich schmeißt, dann ist das freilich näher an einem ausgelassenen Kindergeburtstag als an einer Jugendrevolte. „Ich brauch kein Schloss, keine Meetings, kein iPhone6s“, singt Lina dazu – und das ist auf jeden Fall insofern nicht gelogen, als sie im wahren Leben, wie sie lachend zugibt, längst ein iPhone 7 benutzt.

Natürlich betreibt sie, Konsumkritik hin oder her, auch einen Fanshop. Dort gibt es alle möglichen Klamotten mit Lina-Aufdruck, immerhin alles aus Bio-Baumwolle. Für einen Lina-Jumpsuit dürfen die Kinder – beziehungsweise ihre Eltern – stolze 89,95Euro hinlegen. „Ich sehe mich nicht als Produkt“, sagt Strahl. „Merchandise gehört dazu, dass man VIP-Tickets verkauft, gehört dazu, und dass die VIP-Tickets nicht nur fünf Euro mehr kosten als die anderen, gehört auch dazu, das ist halt das Business. Meistens werden die Sachen als Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke bestellt, von daher finde ich es auch nicht schlimm.“

Und wie passen die Liedzeilen über das freie, regellose Leben zusammen mit jenem, das Lina Larissa Strahl zuletzt geführt hat? Kaum einer ihrer Altersgefährten dürfte so hart und diszipliniert gearbeitet haben wie diese Neunzehnjährige, die wegen der „Bibi & Tina“-Drehs über Jahre auf ihren Sommerurlaub verzichtete, zudem die Hauptrolle im Disney-Film „Vaiana“ einsprach und nebenbei das Abitur (Note 1,9) machte. „Ich musste mich die letzten Jahre schon an ziemlich viele Regeln halten“, gibt sie zu. „Es war trotzdem nicht schlimm.“ Sie habe auch nie ein Bedürfnis nach Exzessen verspürt.

Der letzte Teil von „Bibi & Tina“ gibt sich wie Strahl erwachsener

Auch das passt wieder perfekt zur „Bibi & Tina“-Welt, in der die Junghexe über drei Filme ihrem Freund treu blieb, selbst wenn dieser Tarik dramaturgisch zuletzt nicht viel zu tun bekam. „Man hätte nicht erzählt, dass Bibi sich noch einmal verliebt, das glaube ich einfach nicht“, sagt Strahl. „Es ist nun mal eine heile Welt, und wenn Bibi ihren Tarik hat, dann hat sie ihren Tarik.“ Strahl selbst hat inzwischen ihren Tilman. Von ihrer Beziehung zum Kollegen Tilman Pörzgen, der bei „Bibi & Tina 3“ mitspielte, weiß man dank Instagram. „Wir hatten sowieso nie ein Versteckspiel daraus gemacht, aber auch nichts Konkretes gesagt, denn wir wollten uns dem nicht aussetzen, etwas erklären zu müssen, falls es zu Ende geht. Das möchte ich auch nicht, das ist meine Sache“, sagt sie. „Jetzt haben wir es öffentlich gemacht, weil es die Dinge erleichtert. Wir können jetzt alle Bilder posten, die wir wollen.“

Mit dem Ergebnis indes, dass einige Fans es bis heute nicht glauben können, dass die zwei wirklich zusammen sind. Die „Bild“-Zeitung legte Strahl prompt die Zeile in den Mund: „Ich habe mir einen Freund herbeigehext.“ Dass sie, die jüngst in deren Show ein Duett mit Helene Fischer sang („eine sehr, sehr liebe Frau“), nun immer stärker auf dem Radar der Medien auftaucht und ihren Welpenschutz allmählich einbüßen dürfte, ist ein Preis, den ein Künstler zu zahlen hat, wenn er erwachsen wird.

Erwachsener gibt sich auch der letzte Teil von „Bibi & Tina“, den Detlev Buck mit einer geballten Menge gesellschaftspolitischer Themen gefüllt hat: Kinder-Ehen, Emanzipation, archaische Gesellschaften, Krieg, Flüchtlinge. Auch ein schmieriger Bauunternehmer namens Trumpf taucht auf. Wenn Strahl und Koroll nun im Duett singen: „Wer kann uns erklären, wozu die Kriege sind?“, dann wirken sie fast mehr wie Liedermachers Enkeltöchter als wie die altvertrauten Bibi und Tina. Das Thema Flüchtlinge, sagt Strahl, „berührt einen auf jeden Fall. Ich habe natürlich auch eine Meinung dazu, aber ich möchte mich öffentlich nicht groß darüber äußern, ohne ausreichend darüber nachgedacht zu haben.“Im Film jedenfalls werden am Ende alle Konflikte wie gewohnt gelöst, um nicht zu sagen: weggesungen.

Mit Musik geht es auch bei Strahl selbst weiter, eine neue Tour steht an, auch schauspielern will sie weiter und ein Studium beginnen, vielleicht Geschichte, das interessiert sie sehr; ansonsten will sie einfach schauen, was die Zukunft so bringt. Sicher dürfte nur sein, dass eines Tages mit ihrer Person die nostalgischen Erinnerungen einer ganzen Generation verknüpft sein werden. „Das glaube ich auch, und das finde ich schön“, sagt Lina Larissa Strahl. „Egal, wie alles weiter verläuft: Bibi, das bin ich.“

Quelle: F.A.S.
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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