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Wald im Konzernbesitz

Die Förster von der Bahn

Von Peter Thomas
 - 09:25
Nicht auf dem Holzweg: Förster Gerhard Hetzel bei der Arbeit, im Wald. Angereist ist er im Zug. Bild: Wohlfahrt, Rainer, F.A.Z.

Ein Förster, der auf dem Weg zur Arbeit den Zug nimmt? Für Gerhard Hetzel gehört das zum Alltag. Schließlich erstreckt sich sein 3000 Hektar großer Verantwortungsbereich über sechs deutsche Bundesländer. Und vor allem ist die Deutsche Bahn AG der Arbeitgeber des promovierten Forstwissenschaftlers: Der gebürtige Württemberger arbeitet als einer von sieben Förstern im Dienste der Bahn.

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Das Klischee des Traditionsförsters – grüner Loden, Flinte über der Schulter, Jagdhund an der Leine – erfüllt Hetzel nicht. Der Familienvater, Jahrgang 1962, trägt Outdoorkleidung und hat eine Fahrradtasche in der Hand. Irgendwie passt das aus dem 18. Jahrhundert stammende romantische Stereotyp auch nicht zu seiner modernen Berufsbezeichnung: „Fachbeauftragter für Vegetation“.

Die Bahn und der Wald, das ist eine so alte wie vielfältige Geschichte: Einst setzten eigene Forstbautrupps Bäume entlang der Strecken, um das Gelände zu stabilisieren und um Holz für Schwellen oder Bauvorhaben zu gewinnen. Von der Baumschule über das Sägewerk bis zum Langholztransport – um alles kümmerten sich die Bahngesellschaften früher selbst. Noch heute werden jährlich 67.000 Festmeter Holz in den Wäldern der Bahn eingeschlagen. Rund 20.000 Hektar groß ist die Forstfläche der Bahn AG zurzeit. Damit gehört das vor 20 Jahren aus der Deutschen Bundesbahn hervorgegangene Unternehmen zu den größten privaten Waldbesitzern Deutschlands, auf Augenhöhe etwa mit der Familie von Thurn und Taxis. Den Löwenanteil des Bahnforstes machen die viele hundert Kilometer langen, im Durchschnitt aber nur 25 Meter breiten Flächen aus, die sich als jeweils zehn Meter breite Waldstreifen links und rechts der Gleise entlangziehen.

Stabilisierung von Hängen durch Bepflanzung

Es gibt aber auch die größeren Bahnwälder, die in sich geschlossen sind. Manche dieser Forste sind geschichtsträchtig, wie der 20 Hektar große Wald südlich des Bahnhofs Elm bei Fulda. Angelegt wurde der Nutzwald für den Eigenbedarf der Eisenbahn, als deren Schienen noch ausschließlich auf Schwellen aus Holz befestigt wurden. „Wer diesen Wald gepflanzt hat, der kannte den Standort gut“, erzählt Gerhard Hetzel, zeigt auf Bergahorn und Esche, auf die Erlen an den Bachläufen: Sorten und Struktur des Waldes sind gut an den feuchten Boden angepasst - und an die Hanglage. Diese Stabilisierung von Hängen durch Bepflanzung war schon früh eine Spezialität der Eisenbahn-Förster.

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Im Schatten der Bäume warten aber auch Zeugnisse einer anderen, düsteren Geschichte: Während des Zweiten Weltkriegs wurde im Bahnhof Elm ein Munitionszug aus der Luft angegriffen. Die Wagen explodieren, der Bahnhof wurde in Trümmer gelegt. Bis heute finden sich immer wieder Teile des zerstörten Zuges im Wald, aber auch Scherben und Reste technischer Einrichtungen aus dem alltäglichen Bahnbetrieb. „Das ist ein zutiefst eisenbahnhistorischer Wald“, sagt Gerhard Hetzel. Jetzt holt sich die Natur diesen Bahnwald, den Hetzel aus der Bewirtschaftung genommen hat, Stück für Stück zurück. In den alten Geräteschuppen zum Beispiel, zwischen hundertjährigen Stämmen sollen Fledermäuse einziehen. Die Bahn bekommt dafür „Ökopunkte“ gutgeschrieben, die sie bei Neubauten einlösen kann.

750 Mitarbeiter in der Fahrwegpflege

Solche Projekte sind Höhepunkte in der Arbeit eines Bahn-Försters. Den Alltag bestimmen jedoch Aufgaben wie die ökologische Bauüberwachung, Pläne für einen Ausgleich bei Neu- und Ausbauten und vor allem die Verkehrssicherung an der Strecke. Hetzel und sein halbes Dutzend Kollegen planen und überwachen dafür besonders den regelmäßigen Rückschnitt des Grüns entlang der Strecke. Das ist – einschließlich des Vegetationsrückschnitts an den Freileitungen des Bahnstromnetzes – eine Herkulesaufgabe, die die Bahn jährlich einen hohen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag kostet. Insgesamt sind in ganz Deutschland etwa 750 Mitarbeiter in der Fahrwegpflege der Bahn aktiv, mehr als 100 von ihnen haben eine forstliche Ausbildung.

Das Verhältnis von Natur und Bahnstrecke in Balance zu halten war schon in der Dampflokzeit wichtig. Damals wurden seitlich der Gleise konsequent zehn Meter breite Schneisen freigeschnitten, damit nicht Funkenflug den Wald in Brand setzte. Daneben pflanzten die damaligen Bahn-Förster Baumsorten wie Robinien. „Das sind klassische Eisenbahnbäume, deren Wurzeln den Boden stabilisieren, während das dichte Blattwerk im Sommer die Gefahr durch Funkenflug verringert“, erzählt Hetzel.

Mit dem Aufkommen von Elektro- und Dieseltraktion schien die Vegetationspflege auf einmal nicht mehr so notwendig. Aber wucherndes Grün kann nach wie vor dem Lokomotivführer die Sicht nehmen, Äste können bei Sturm und Gewitter die Oberleitung beschädigen oder Schienen blockieren. Deshalb hält die Bahn auch heute den Wald im Zaum. Typisch ist eine rund sechs Meter breite „Rückschnittzone“, daran schließt sich ein Abschnitt mit Niederwaldcharakter an, die „Stabilisierungszone“. „Das ist eine Form der Bewirtschaftung“, sagt Hetzel, „die es im klassischen Forst heute so fast nicht mehr gibt.“

Zwei neue Energiewälder in Hessen und Bayern

Viele Aspekte der Vegetationspflege laufen nach festen Kategorien ab. Die Begutachtung und Entscheidung darüber, ältere Bäume zu fällen, sind hingegen in die Verantwortung des Försters gelegt. Und manchmal sind auch Vorhaben spektakulärer, als es der Laie vermutet. So erzählt Hetzel von der Hangsicherung an der Mosel und an der Fulda, wo die in schwer zugänglichen Steillagen geschlagenen Bäume mit dem Hubschrauber ausgeflogen werden mussten.

Die Bahn will ihre Wälder künftig wieder stärker bewirtschaften. Dabei steht die Gewinnung von Energieholz im Vordergrund; schließlich soll bis 2020 der Anteil erneuerbarer Energien im Anteil der Stromversorgung der Bahn auf 35 Prozent wachsen. Deshalb pflanzt das Unternehmen auch neue Wälder, die allerdings mit klassischen Bahnforsten wie dem verwunschenen Wald bei Fulda nichts gemein haben: Es sind sogenannte Energiewälder – „Schnellumtriebsplantagen“ mit rasch wachsenden Bäumen wie Pappel und Weide. Allein 2014 entstehen zwei neue Energiewälder in Hessen und Bayern. Zum Ende des kommenden Jahres werden die ersten Bäume aus dem Jahr 2011 geerntet. Kraftwerke erzeugen dann aus den Pellets oder Hackschnitzeln Strom und Wärme.

Quelle: F.A.Z.
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