Weltmeister

Von ROLAND ZORN, CHRISTIAN EICHLER, BERND STEINLE, CHRISTIAN KAMP
Foto: dpa

12.06.2018 · 1954, 1974, 1990, 2014: Vier Mal gewann das deutsche Nationalteam den Titel und jede Generation auf ihre Art. Vier Weltmeister erzählen.

Auf Zeitreise: Der Pfälzer Horst Eckel (hier im Jahr 2007) gehörte von 1952 bis 1958 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft an. Foto: Daniel Pilar

Wunderknabe

Horst Eckel aus Vogelbach ist der letzte lebende Weltmeister von 1954.

D aheim ist daheim. Deshalb lebt Horst Eckel von Geburt an in Vogelbach in der Westpfalz, das zur knapp 7000 Einwohner zählenden Gemeinde Bruchmühlbach-Miesau gehört. „Ich hätte die Möglichkeit gehabt, überall zu wohnen“, sagt der Sechsundachtzigjährige. „Aber ich habe mir gesagt: Nein, du bleibst in deinem Heimatort. Hier bin ich der Horst Eckel und nicht der Weltmeister. Und das ist für mich auch gut so.“

Dieser Horst Eckel ist der einzige von rund 1200 Vogelbachern, den die ganze Welt kennt. Denn er war am 4. Juli 1954 einer der deutschen Fußballhelden, die in der Schweiz das „Wunder von Bern“ vollbrachten und im Endspiel die Ungarn, die man für unschlagbar hielt, 3:2 besiegten. Ein historisches Datum für ganz Deutschland. So mancher Zeithistoriker wie Joachim Fest, der frühere Herausgeber dieser Zeitung, sah in diesem ersten von vier deutschen WM-Titeln neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges „die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland“. Es war ein Feiertag für das gesamtdeutsche Wir-Gefühl, der auch viele Deutsche in der DDR heimlich, still und leise bewegte.

In solchen Dimensionen dachte an jenem kühlen und verregneten Sommerabend im Wankdorfstadion niemand in der deutschen Mannschaft. Schließlich galten die Ungarn mit ihren Stars Ferenc Puskás, Sándor Kocsis, Nándor Hidegkuti, Gyula Grosics, Zoltán Czibor und Gyula Lóránt nach einer Serie von 31 Spielen ohne Niederlage als „Wunderelf“ , als sie den nassen Rasen des Endspielstadions betraten. Sie hatten den Engländern 1953 als erste kontinentaleuropäische Nationalmannschaft mit ihrem 6:3-Sieg im Londoner Wembley-Stadion handstreichartig den Mythos der Unbesiegbarkeit genommen und während der WM in der Schweiz die mit einem B-Team angetretenen Deutschen durch ein 8:3 während der Gruppenspiele auf Abstand gehalten. Was sollte da passieren für die Stars von Trainer Gusztáv Sebes?

Nicht mehr, als dass eine Welt zusammenbrach für die Koryphäen aus dem mittelosteuropäischen Land. „Die waren schon vorher Weltmeister“, sagt Eckel heute über den Endspielgegner, der in einer Mischung aus Überheblichkeit und Sorglosigkeit einen frühen 2:0-Vorsprung durch Tore von Puskás und Czibor verspielte, sodass die „Männer“ von Bundestrainer Sepp Herberger durch Max Morlock und Helmut Rahn ausgleichen konnten. Während die Ungarn der Rückschlag empfindlich traf, sagten sich die Deutschen in der Halbzeit nach Eckels Worten: „Jetzt gehen wir raus und wollen das Spiel gewinnen.“

Schließlich war im Wankdorfstadion längst ein taktischer Schachzug aufgegangen, den sich der gewiefte Herberger hatte einfallen lassen. Eckel, mit 22 Jahren der jüngste und schnellste deutsche Spieler, bekam als rechter Läufer im damaligen WM-System den Auftrag, dem meist als hängende Spitze das Offensivspiel seiner Mannschaft inszenierenden Hidegkuti auf Schritt und Tritt zu folgen. Mittelläufer Werner Liebrich, wie Kapitän Fritz Walter und sein Bruder Ottmar, Werner Kohlmeyer und Eckel aus der großen Kaiserslautern-Fraktion der Mannschaft, konnte sich damit vor allem auf seine Bremskraft in den Mann-gegen-Mann-Duellen mit Weltstar Puskás konzentrieren. Die ungarische Kreativität in der Offensive ging so im Berner Dauerregen peu à peu zur Neige.

Der Kapitän Fritz Walter (M, oben) und Horst Eckel (r) werden nach dem Triumph im Fußball-WM-Finale im Berner Wankdorfstadion von begeisterten Anhängern vom Spielfeld getragen (Archivfoto vom 04.07.1954). Foto: dpa
Spitzenfußball: Horst Eckel (rechts) im WM-Finale 1954 gegen den Ungar Nándor Hidegkuti. Foto: SZ Photo
Deutschland schlägt Ungarn am 04.07.1954 vor 60.000 Zuschauern im Berner Wankdorf-Stadion mit 3:2. Rechts jubelnd Horst Eckel. Foto: dpa

Und dann kam die 84. Minute, also der unvergessliche Auftritt des Essener Rechtsaußen Helmut Rahn. Radioreporter Herbert Zimmermann schilderte die Szene so: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt ... Toooor! Toooor! Toooor! Toooor!“

Das 3:2 durch Rahns wuchtigen Linksschuss ins linke Toreck sechs Minuten vor dem Abpfiff war für fast alle eine Sensation, die das Spiel im Stadion oder daheim in Deutschland an Millionen Radios und rund 100.000 Fernsehgeräten erlebten. Nur die Spieler in den weißen Trikots und den schwarzen Hosen jubelten nicht über die Maßen. Sie empfanden die letzten sechs Minuten dieses epischen Fußballspiels als „endlos lang“, wie Eckel beim Blick zurück sagt. „Aber wir haben uns danach angefeuert, die Schlussphase gemeinsam zu überstehen und den Kopf oben zu behalten!“ So verteidigten die elf Freunde den kostbaren Vorsprung. Der Düsseldorfer Torhüter Toni Turek wurde von Zimmermann nach ein paar finalen Rettungstaten gar zum „Fußballgott“ erhoben.

Von grenzenloser Begeisterung war danach trotzdem nichts zu spüren. Herberger, dessen Wort für alle Facetten des Spiels und darüber hinaus galt, hatte seinen Männern eingebläut, im Fall des Falles „nicht überschwänglich zu feiern“, wie Eckel sagt. „Als Deutsche sollten wir neun Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nicht übermäßig jubeln, zumal die ganze Welt auf uns schaute.“ Den Spielern, die sich aus eigenem Erleben an die Schrecken des von Hitler-Deutschland verursachten Kriegs erinnern konnten, fiel die Selbstbescheidung im Moment des größten Erfolgs ihrer Laufbahn nicht schwer. „Wir waren gut erzogen und fast ein bisschen demütig.“

So bedankte sich Fritz Walter, als er den Jules-Rimet-Pokal für den Weltmeister in Empfang nahm, mit einer Verbeugung. Allein den mal strengen, mal listigen, mal lebensklugen Bundestrainer hoben die Spieler in seinem vom Regen durchweichten Trenchcoat auf ihre Schultern. Er, der für seinen engsten Vertrauten Fritz Walter stets „der Chef“ war, blieb wie seine Spieler in den Momenten des Triumphs auf Abstand zu seinen Emotionen – auch gegenüber den Spielern. „Der Chef hat sich kurz bei uns bedankt“, erinnert sich Horst Eckel.

Ähnlich nüchtern ging es danach in den Katakomben des Stadions zu. Die Spieler, die während der Partie keinen Tropfen Wasser zu sich nehmen durften (die sportmedizinischen Erkenntnisse hielten sich damals in Grenzen), bekamen nun statt Champagner wie die deutschen Fußball-Weltmeister 1974, 1990 und 2014 wenigstens Wasser zu trinken, ehe sie eine halbe Stunde nach der Siegerehrung schon wieder im Bus auf dem Weg zurück ins Spiezer Hotel Belvedere am Thuner See saßen. Beim Blick aus dem Fenster sahen Horst Eckel und sein Zimmergenosse Hans Schäfer, der Kölner Linksaußen, so gut wie keine deutschen Fans an den Straßenrändern oder am Hoteleingang. Die auch für die Weltmeister spürbare Begeisterung der Deutschen über die Wunderknaben von Bern ließ noch einen Tag auf sich warten.

Davor klang der Sonntag für die Ewigkeit beim Bankett im Festsaal der Mannschaftsherberge aus. Peco Bauwens, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Sepp Herberger und Fritz Walter ließen das Team hochleben. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Prämie für die Weltmeister bekanntgegeben: 1000 Mark für jeden der 22 Spieler und 200 Mark pro Einsatz. Machte für Eckel noch einmal 1200 Mark, weil nur er, den sie den „Windhund“ nannten, und Spielmacher Fritz Walter in allen sechs WM-Spielen dabei waren. Kurz vor Mitternacht war die Feier vorbei. Kein Spieler hatte über die Stränge geschlagen.


„Die Menschen haben nicht gesagt, dass diese Mannschaft Weltmeister geworden ist. Sie haben immer wieder gesagt: Wir sind Weltmeister!“
HORST ECKEL

Das Erweckungserlebnis für Horst Eckel begann tags darauf, als der frühmorgens in der Schweiz gestartete Sonderzug mit den Titelhelden in Deutschland ankam. Erst jetzt dämmerte den Kameraden angesichts der massenhaften Begeisterung auf den Bahnhöfen, was am 4. Juli 1954 geschehen war. „Die Menschen haben nicht gesagt, dass diese Mannschaft Weltmeister geworden ist“, sagt Eckel. „Sie haben immer wieder gesagt: Wir sind Weltmeister!“ Die Deutschen wurden zu Mitbesitzern eines Titels, der wie ein Treibstoff auf dem Erfolgskurs Richtung Wirtschaftswunder und Rückkehr in die internationale Staatengemeinschaft wirkte.

Horst Eckel, der 32 Länderspiele bestritt, mit dem 1. FC Kaiserslautern zweimal deutscher Meister wurde (1951 und 1953) und bis zum Alter von 38 Jahren höherklassig Fußball spielte, lässt sich nicht zu hoch fliegenden Assoziationen beim Blick auf den Jahrhunderterfolg hinreißen. Es war eine Zeit, in der es die Bilder- und Meldungsfluten von Fernsehen, Internet und Social Media noch nicht gab. Das hatte für die besten Fußballspieler des Landes den Nebeneffekt, dass sie sich während der WM auf keiner einzigen Pressekonferenz zeigen mussten. Diese Institution der manchmal beliebigen Mitteilsamkeit gab es in den Fußball-Arenen noch nicht. Wenn es etwas gegenüber dem Fernsehen, also der ARD, oder den wenigen mitgereisten Zeitungs- und Hörfunkreportern zu sagen gab, machte das Sepp Herberger nach Lust und Laune. „Wir waren froh, dass wir unsere Ruhe hatten“, sagt Eckel.

Seit seinem größten Tag als Spieler erzählt er immer wieder gern von Bern. „Da kommt der Weltmeister“, heißt es dann. „Der letzte, der noch lebt.“ Ein solcher Satz wiederum nimmt ihn mit: „Das ist schon ein bisschen schwierig für mich.“

Mit seinen Gefühlen ist er nie hausieren gegangen. Er hat sie, so wie er erzogen wurde, meist bei sich behalten. Der Gewinn der Weltmeisterschaft, sagt Horst Eckel, habe ihn nicht verändert. Vor seiner Spielerlaufbahn war er Werkzeugmacher, danach studierte er auf dem zweiten Bildungsweg Kunst und Sport für das Realschullehramt. Seit 1973 war er bis zu seiner Pensionierung Lehrer an der Realschule in Kusel. „Wir sind so geblieben, wie wir waren“, sagt er. „Man muss mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben.“ Auch wenn der Kopf bis in die Wolken ragt.
Von Roland Zorn


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Spielernatur


Machte Spaß – und konnte ernst: Sepp Maier ist mit 95 Einsätzen Rekord-Torhüter der deutschen Nationalelf. Foto: Hans-Bernhard Huber/laif

Spielernatur

Sepp Maier, der den Sieg von 1974 festhielt, ist ein Typ, der dem Fußball heute fehlt.

E inen wie Sepp Maier könnte man immer noch gut gebrauchen. Sein legitimer Nachfolger als Karl Valentin unter den Kickern, Thomas Müller, trägt sie heute ziemlich allein, die Last, mit einem Scherz im rechten Moment die Luft aus dem mit Bedeutung aufgepumpten Fußball zu lassen. Früher war das Maiers Spezialität. Zum Beispiel 1990, als der Torwarttrainer der Nationalmannschaft dem gern mit staatstragender Wichtigkeit auftretenden Masseur Adolf Katzenmeier bei einem WM-Vorbereitungsspiel in Südtirol etwas in die Behandlungstasche schmuggelte. Andreas Brehme, in die humoristische Intrige eingeweiht, täuschte eine Verletzung vor, Katzenmeier spurtete los, ihm zu helfen, öffnete die Tasche, und heraus – hoppelte ein Hase. Alles schüttelte sich vor Lachen, auch der urplötzlich genesene Brehme. Ein Riesenerfolg bei Team und Fans. Nur nicht bei Katzenmeier. „Der sprach die ganze WM nicht mehr mit mir“, erinnert sich Maier. Erst nach dem Finalsieg von Rom wieder.

Tierischer Ernst war Maiers Sache nie. Tierischer Spaß schon eher. Den bereitete er den Zuschauern etwa, als er mal, im Tor des FC Bayern München gerade unterbeschäftigt, abseits des Balles einer auf dem Rasen zwischengelandeten Ente hinterher hechtete. „Ich habe es eher locker gesehen, das ganze Drumherum im Fußball“, sagt Maier heute. „Aber wenn's drauf ankam, war ich schon ernst.“

Zum Beispiel bei den Prämienverhandlungen vor der WM 1974. „Die boten uns für einen WM-Sieg 20.000 Mark. Die Italiener hätten 120.000 bekommen, das wollten wir auch. Der DFB hat es rausgezögert bis zum WM-Beginn, das haben wir uns nicht gefallen lassen.“ Nach Verhandlungen mit DFB-Präsident Hermann Neuberger bis sechs Uhr früh, vier Tage vor WM-Beginn, stimmten die Spieler ab, wer heimfahren und wer bleiben wollte. Ergebnis: 11 zu 11. „Aber ich hatte alle drei Torhüter auf meiner Seite, die wären alle heimgefahren.“ Am Ende lenkte der DFB ein, man einigte sich auf 70.000 Mark pro Mann. Und wurde Weltmeister.

Heute wäre so etwas nicht mehr möglich. Und das nicht nur, weil die Vorbereitung auf eine Fußball-Weltmeisterschaft längst minutiös durchgeplant ist, die rechtzeitige Vereinbarung der Prämien inbegriffen – sie wurde für einen deutschen WM-Sieg 2018 ein halbes Jahr vor dem Turnier in Russland auf 350.000 Euro pro Spieler festgelegt. Auch das Patt, das 11 zu 11 von 1974, ginge nicht mehr. Seit 2002 bestehen die Kader der WM-Teilnehmer nicht mehr aus 22, sondern aus 23 Spielern. Beim deutschen Sieg in Rio de Janeiro vor vier Jahren war Christoph Kramer die erste Nummer 23 in einem WM-Finale.

Auch heute, da der Held von '74 selber ein 74er ist, hat er noch Spaß am Spaß-machen. Wer Maier daheim in Hohenlinden bei Anzing im östlichen Umland von München besucht, kann erleben, wie bei ihm selbst ein Sofa zur Showbühne wird. Die lustigen Geschichten, die er dann zwischen zwei Prisen Schnupftabak erzählt, garniert er gern mit geschmeidigen Sprungeinlagen auf dem Wohnzimmerteppich. Dann geht er zum Beispiel zu Boden, um zu zeigen, wie das damals aussah – als der Reporter, dem er unterm Tisch die Schnürsenkel zusammengebunden hatte, plötzlich aufsprang und der Länge nach hinpurzelte. Oder er geht auf alle viere und imitiert den Hasen, der erschrocken aus Katzenmeiers Tasche sprang.

Dann wieder erhebt er sich tief gebeugt und wird mit einem Buckel wie beim Glöckner von Notre-Dame zu jenem Journalisten, der sich bei einer Europapokal-Reise mit seiner Schultertasche abschleppte – weil da nicht mehr die Schreibmaschine drin steckte, sondern ein Ziegelstein. Wer ihm den wohl untergeschoben hatte?

Am 2. Juli 1966 eröffnete die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Malente (Schleswig-Holstein) ihren Vorbereitungslehrgang zur Fußballweltmeisterschaft in England. Die Mannschaft von links, hintere Reihe : Wolfgang Overath, Hans Tilkowski, Werner Krämer, Klaus-Dieter Sieloff, Jürgen Grabowski, Siegfried Held, Willi Schulz, Wolfgang Paul, Udo Lattek, Trainer Helmut Schön, Günter Bernard, Helmut Haller, Masseur Deuser und Karl-Heinz Schnellinger. Vordere Reihe (l-r) : Friedel Lutz, Wolfgang Weber, Franz Beckenbauer, Lothar Emmerich, Heinz Hornig, Horst-Dieter Höttges, Sepp Maier, Uwe Seeler, Bernd Patzke und Max Lorenz. Foto: Picture-Alliance
Sepp Maier in der Spiel-Saison 1967/1968. Foto: Imago
Sepp Maier im Team von FC Bayern München am 28.06.1972 mit der eroberten Meisterschale. Foto: dpa

„Der lief danach stundenlang damit rum“, amüsiert sich der nie überführte Hauptverdächtige noch Jahrzehnte später. „Und merkte nicht, dass die Tasche viel schwerer geworden war!“

Überhaupt hatte er es mit den Reportern. Sie kriegten von ihm gute Sprüche, lustige Geschichten, aber wenn sie ihm blöd kamen, auch schon mal eine original bayerische Watschn. So wie Heinz Engler, der als enger Freund von Bundestrainer Helmut Schön besondere Privilegien genoss. „Der durfte als einziger Journalist beim Trainingslager in Malente immer dabei sein“, erinnert sich Maier, „sogar in der Kabine.“ Dort passte ihn Maier mal ab, weil Engler ihn beim FC Bayern als „Rädelsführer“ der Spielerrevolte gegen die Verpflichtung von Trainer Max Merkel angeprangert hatte (sie führte zum Rücktritt von Präsident Wilhelm Neudecker, der Maier sogar als „Anarchist“ beschimpft hatte). „Dabei tat ich als Kapitän nur das, was die Mannschaft wollte“, sagt Maier. „Der Engler dachte, ich kriege nicht mit, was der da oben in Hamburg schreibt. Dann habe ich gewartet, bis nur noch er und ich in der Kabine waren, und ihm rechts, links eine runtergehauen“, sagt Maier vergnügt. „Ab da haben wir uns gut verstanden.“

Zeiten waren das, in denen eher der Torwart den Präsidenten abservierte als umgekehrt. Sepp Maier war eine Institution, 442 Bundesligaspiele nacheinander im Bayern-Tor, nie verletzt oder krank oder gesperrt, 13 Jahre am Stück – ein Rekord für die Ewigkeit. Der ist ihm „wichtiger als eine Meisterschaft“. Acht Ersatztorhüter hatte er in dieser Zeit, zum Einsatz kam keiner von ihnen.


„Ich habe es eher locker gesehen, das ganze Drumherum im Fußball. Aber wenn's drauf ankam, war ich schon ernst.“
SEPP MAIER

„Natürlich gab's schon Spiele, in denen man nicht hätte spielen sollen. Schaut's meine krummen Finger an“, sagt Maier und zeigt zwei schiefe Torwarthände. „Einmal flog der Ball frontal auf den Ringfinger, da stand der im rechten Winkel vom Gelenk ab. Dann kam der Physiotherapeut, hat ihn, knacks, wieder gerade gerenkt, Tape drüber, weiter ging's. Aber so was tut lange weh.“ Wenn's zu weh tat, kam der Doktor und „hat alles weggespritzt mit Cortison“.

Dann, Sepp Maier war 35 Jahre alt und wollte „bis mindestens 40 spielen“, auf jeden Fall aber noch die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien mitmachen, wo der italienische Torhüter-Kollege Dino Zoff dann mit 40 der älteste aller Fußballweltmeister wurde, passierte es. Der Freund schneller Autos, der Ford Mustang, Jaguar, Rolls-Royce gefahren war, rutschte mit seinem 6,9-Liter-Mercedes bei Wolkenbruch in den Gegenverkehr. Und sprang dem Tod so gerade von der Schippe: „Ich hatte viel Glück.“

Danach stand Sepp Maier nur noch 20 Minuten im Tor, bei seinem Abschiedsspiel, mehr ließ die Versicherung nicht zu. Sie zahlte eine Million Mark. Maier nagelte den Scheck daheim an die Wand. Es war das Ticket ins Leben nach dem Unfall. Und nach dem Fußball.

Bis heute ist Maier ein Original. Dass es echt ist, erkennt man daran, dass es für ihn keine Kopie gibt. Deutschland hatte auch vorher und nachher große Torhüter, von Stuhlfauth und Turek bis Kahn und Neuer. Aber an seine Erfolge und seine kauzige Komik kam niemand heran. Um Sepp Maier in 13 Endspielen seine einzige Niederlage beizubringen, war ein anderes Original nötig: das tschechische Schlitzohr Antonín Panenka, das ihn beim Elfmeterschießen im EM-Finale 1976 mit einem Lupfer in die Tormitte überlistete.

Niederlage. Gianni Rivera (3.v.li.) nach Italiens 4:3 in der Verlängerung. Foto: Imago
1974 erzielt der DDR-Stürmer Jürgen Sparwasser (M) im Hamburger Volksparkstadion den Treffer zum 1:0 gegen die Bundesrepublik Deutschland. Foto: dpa
1978. 3:2 für Österreich beim Fußball-WM-Spiel in Cordoba. Foto: dpa

Maier war ein Selfmade-Torwart im wörtlichsten Sinne. Seine Trikots, meistens schwarz, entwarf er selbst. Er trug sie stets ohne Aufnäher oder Aufkleber, so dass auch im WM-Finale 1974 nicht mal der DFB-Adler das blaue Torwarthemd mit schwarzem Kragen zierte. Die Handschuhe fertigte er selbst aus den unterschiedlichsten Materialien, aus Stoff und Leder, Frottee und Gumminoppen. Er bastelte, flickte und klebte, immer die Tube Pattex in der Sporttasche für die Reparaturen in der Pause. Irgendwann entdeckte er den Schaumstoff des Physiotherapeuten, eigentlich fürs Schützen lädierter Knochen gedacht, als Handschuhmaterial - eine Idee, auf die er bis heute stolz ist.

Es dauerte, bis das ausgereift war. 1973, im Halbfinale des Europapokals, flogen ihm die aufgeklebten Schaumstoffstreifen unter dem Dauerbeschuss von Ajax Amsterdam nur so von den Händen. Bayern München verlor 0:4, und Maier warf alles, Hose, Hemd, Handschuhe, „aus dem Hotelfenster im siebten Stock in die Gracht“. Ein Jahr später, im WM-Finale von München, hielten die Handschuhe dann den Niederländern und ihren Schüssen stand, und Maier machte das Spiel seines Lebens. „Diese Handschuhe waren meine Erfindung. Alle Torhüter sollten mir heute dankbar sein, dass sie die Bälle festhalten können“, sagt er. „Bis auf die, bei denen es sowieso nichts nützt.“

Sepp Maier war immer beides: Stimmungs- und Sportskanone. Als Jugendlicher war er auch ein begabter Turner, als Jungsenior mit der Mannschaft des TC Hasenbergl viermal deutscher Tennismeister. Immer noch geht er auf die Berge und den Golfplatz, nur das Skifahren hat er drangegeben, „zu gefährlich“. Zum heutigen Fußball-Business ist er auf Distanz gegangen, „zu viel Rummel, zu viel Gequatsche“.

Doch das Interesse am Spiel selbst ist geblieben und lässt sich manchmal angenehm mit anderen Dingen verbinden. In den ersten beiden Wochen der Weltmeisterschaft in Russland ist er zu einer Kreuzfahrt von Bilbao nach Hamburg eingeladen. Dann wird er auf der MS Europa zusammen mit dem früheren Torwartkollegen Toni Schumacher die Gäste bei Golf-Trips an Land und Fußball-Übertragungen an Bord mit seinen Kommentaren und Anekdoten unterhalten.

Ähnliche Auftritte mochte Sepp Maier schon während seiner aktiven Karriere, als er unter anderem in Fernsehsketchen mitspielte. Später, mit 65, ging er mit Florian Silbereisen im „Überraschungsfest der Volksmusik“ sieben Wochen auf Tournee. Er trat als Gesangspartner von Wencke Myrhe beim alten Gassenhauer „Er steht im Tor“ auf. Und als Zauberkünstler. Was er da an Tricks zu bieten hatte? „Ich habe Frauen verschwinden lassen“, sagt Maier vergnügt. „Und eine Ente.“
Von Christian Eichler


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Campione


Die richtige Ecke: Andreas Brehme hat Italien lieben gelernt – aus sportlichen und persönlichen Gründen. Foto: Jan Roeder

Campione

Andreas Brehme hat mit Nervenstärke das WM-Finale von 1990 entschieden.

A ndreas Brehme strahlt, als wäre ihm alles Glück der Welt zuteil geworden. Lächelt selig, wiegt den Pokal im Arm, liebevoll, weltvergessen. Sein Teamkollege Thomas Häßler, mit ähnlich verklärtem Blick, sitzt neben ihm, verzückt auf den Pokal starrend. „Ja, das war mit dem Icke“, sagt Andreas Brehme, als er das Bild sieht, Icke ist Häßlers Spitzname. Die Aufnahme erschien, eine halbe Zeitungsseite groß, in der F.A.Z. vom 10. Juli 1990, über einem Text, der beschreibt, wie Deutschland im Stadio Olimpico in Rom zum dritten Mal Fußball-Weltmeister wurde, dank eines Elfmetertors von Andreas Brehme.

„Turnier ohne Glanz endet mit deutscher Glorie“, so ist der Text überschrieben, und das reizt Brehme, bei aller Nostalgie, dann doch zum Widerspruch. „Turnier ohne Glanz, das versteh' ich nicht“, sagt er. „Für mich war es eine gelungene, eine tolle WM, auch von der Stimmung her. In Italien sprechen heute noch viele von einem der besten und schönsten Turniere überhaupt.“

Zu dem Land, in dem er vor 28 Jahren seinen größten Erfolg feierte, hat Brehme bis heute eine besondere Beziehung – nicht nur wegen des WM-Titels. Der Fußballprofi spielte beim Spitzenklub Inter Mailand, vier Jahre lang verdiente er sein Geld in Italien. Er wurde mit Inter Meister und gewann den Uefa-Pokal, 1991, mit Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann – wieder im Stadio Olimpico in Rom.

„Ich bin heute vier, fünf Monate im Jahr in Italien, habe viele Freunde dort, ich verkehre da einfach gern“, sagt Brehme. „Ich sprech' wahrscheinlich mehr Italienisch am Tag als Deutsch.“ Als Treffpunkt hat er eine italienische Bar in München vorgeschlagen. Laut und leidenschaftlich wird dort die italienische Liga rauf- und runter-diskutiert, Juventus Turin, AS Rom, SSC Neapel. Wenn im Fernsehen italienische Liga läuft oder Champions League, lädt Brehme auch gern zum Essen zu sich nach Hause ein. Dumm nur, dass Italien nun bei der Weltmeisterschaft in Russland nicht dabei ist. Andererseits: prima Gesprächsstoff, das Fehlen der Italiener.

Dass Brehme den wichtigsten Moment seiner Sportkarriere in Italien erlebte, passt so perfekt wie sein Elfmeterschuss im WM-Finale. Es war von Anfang an ein spezielles Turnier für ihn gewesen. „Wir haben ja die ersten fünf Spiele bis zum Viertelfinale bei uns im eigenen Stadion gespielt.“ Das heißt, im Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand, wo Inter die Heimspiele austrägt. Bei jedem Spiel waren mehr als 70.000 Zuschauer da, „und 80 Prozent davon waren Deutsche, die haben uns richtig in Stimmung gebracht“, sagt Brehme. „Wenn du da mit dem Bus vor dem Stadion vorgefahren bist, und die standen da, dann wusstest du: Du hast ein Heimspiel.“

Die deutsche Mannschaft startete perfekt, 4:1 gegen Jugoslawien. Ein Gefühl der Sicherheit und der inneren Überzeugung stellte sich ein, und dieses Gefühl trug sie durch die gesamte WM. „Da schwimmt man auf einer Welle“, sagt Brehme. Das größte Verdienst an der positiven Stimmung habe der Mann gehabt, der diese Mannschaft geprägt habe – Teamchef Franz Beckenbauer.


„Man wusste immer, wann wir Gaudi machen konnten und wann Ernsthaftigkeit gefragt war. Es gab keine Querelen, keiner hat Theater gemacht, keiner ist ausgebrochen. Wir waren eine Einheit. Und das war sehr wichtig.“
ANDREAS BREHME

Ein Sieg gegen die Niederlande im Achtelfinale (inklusive eines Brehme-Tors und Platzverweisen gegen Rudi Völler und Frank Rijkaard nach einer Spuckattacke des Niederländers), ein Sieg gegen die Tschechen im Viertelfinale (inklusive eines Tobsuchtsanfalls Beckenbauers), ein Sieg gegen England im Halbfinale (inklusive Elfmeterschießen natürlich) – und die Deutschen standen im Finale gegen Argentinien. Es war das erste Mal in der Geschichte der Fußball-WM, dass die gleichen Mannschaften im Endspiel standen wie vier Jahre zuvor. Damals, in Mexiko, hatte Argentinien 3:2 gewonnen.

Sonntag, 8. Juli 1990, Stadio Olimpico in Rom. Final-Atmosphäre. Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist da, Bundeskanzler Helmut Kohl, DDR-Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl. Doch es wird ein einseitiges Spiel. „Es war kein gutes Finale“, sagt Brehme. „Weil die Argentinier nicht mitgespielt haben. Wir haben alles versucht, haben nach vorne gespielt, hatten in den ersten 30 Minuten ein paar hundertprozentige Torchancen. Die haben nicht mal einen Eckball gehabt, keine Torchance. Wie willste da ein Finale gewinnen?“ Der Stürmer Rudi Völler fand später, die Deutschen hätten genauso gut ohne Torhüter spielen können. Und Bodo Illgner, der Torhüter, erzählte, die schwerste Prüfung sei eine Kopfballrückgabe von Brehme gewesen.

„Die haben nur auf Elfmeterschießen gespielt“, sagt Brehme. Aus gutem Grund: Argentinien war schon im Viertel- und im Halbfinale im Elfmeterschießen weitergekommen, dank des Torhüters Sergio Goycochea, der mehrere Elfmeter pariert hatte. Doch fünf Minuten vor dem Ende pfiff der mexikanische Schiedsrichter im Finale tatsächlich Elfmeter – für Deutschland. Allen auf dem Feld war klar: Das ist die Entscheidung. Wenn er denn drin ist. Die Frage war nur: Wer macht ihn rein?

Gut getroffen: Brehme verwandelt den Elfmeter im Finale 1990 gegen den Argentinier Goycochea. Foto: Picture-Alliance
In der 85. Minute des Fussball-Weltmeisterschafts-Finales im Olympiastadion von Rom am 8. Juli 1990 verwandelt Andreas Brehme (r) einen Strafstoss zur 1:0-Führung. Mit diesem 1:0 gegen Argentinien wird Deutschland zum dritten Mal Weltmeister. Foto: dpa
Jubel nach dem Sieg Foto: dpa
Andreas Brehme (l) hält 1990 in Rom den eroberten WM-Pokal im Arm und sein Teamgefährte Thomas Häßler schaut lächelnd zu. Foto: dpa

Drei Schützen waren bei den Deutschen vorgesehen: Kapitän Lothar Matthäus, Andreas Brehme, Pierre Littbarski. „Elfmeterschießen“, sagt Brehme, „kannst du nicht trainieren.“ Wegen der besonderen Situation, der Anspannung, des Lärms. „Wie willst du das trainieren ohne Zuschauer?“ Der gebürtige Hamburger sagt, letztlich sei es egal, wer schießt. „Hauptsache, einer geht hin, der selbstsicher ist, der überzeugt ist, der den Ball hinlegt und sagt: So, komm her, ich mach ihn rein.“

Matthäus winkte ab, er hatte offenbar Probleme, weil er neue Fußballschuhe trug. „Der Franz hat dann angezeigt, dass ich hingehen soll.“ Also ging Brehme hin, um gegen Goycochea anzutreten. Und es begann die Geschichte, auf die er seither immer wieder angesprochen wird, die er gefühlt schon „etwa drei Millionen Mal“ erzählt hat. „Aber das ist ja schöner, als wenn sie keiner mehr hören will.“

Das Schlimmste, sagt Brehme, seien die sieben, acht Minuten gewesen, die er warten musste, bis er zum Elfmeter anlaufen konnte. Die Argentinier protestierten, diskutierten, lamentierten. Schlugen den Ball weg, verzögerten die Ausführung. Und mit jeder Minute gab es mehr Zeit, ins Grübeln zu kommen, die Konzentration zu verlieren. In dieser Situation, sagt Brehme, kam dann auch noch einer seiner besten Freunde auf ihn zu, Rudi Völler, „und er sagt: 'Wenn du ihn jetzt reinmachst, sind wir Weltmeister.' Und ich sag': 'Dankeschön, das weiß ich auch.'“

Irgendwann schnappte sich Brehme den Ball und legte ihn, als der Schiedsrichter endlich anpfiff, auf den Elfmeterpunkt.

Der Plan war klar: mit dem rechten Fuß in die linke Ecke. Es folgten die Bilder, die jeder Fußballfan kennt: Brehmes gebannter Blick auf den Ball, die verschwitzte blonde Mähne, ein paar Schritte Anlauf, dann der flache, präzise Schuss, rechter Fuß, linke Ecke. Und der Torhüter, der auf die richtige Seite fliegt, dem Ball aber nur hinterher schauen kann. Brehme rennt los, mit leuchtendem Gesicht, die Fäuste geballt, bis die anderen Spieler ihn einholen und unter sich begraben. Weltmeister.

In der Kabine gab es Bier, Champagner, Glückwünsche von Helmut Kohl. Um zwei Uhr ging es im Hotel weiter, am nächsten Morgen dann der Flug nach Deutschland, Empfang auf dem Frankfurter Römer. „Ich glaube, wir haben alle überhaupt nicht geschlafen“, sagt Brehme. Am Nachmittag flogen Matthäus und er nach Mailand weiter. „Wir haben damals nebeneinander gewohnt, und als wir in unser Dorf gekommen sind, war alles in unseren Farben geschmückt.“ Also weiterfeiern. Am nächsten Morgen um sieben ging der Flieger nach Sardinien, in den Urlaub. „Wir kamen an, und das Hotel war voll mit ehemaligen WM-Spielern. Also haben wir wieder über Fußball geredet. Aber es war toll.“

Der frühere Bayern-Profi Brehme spielte nach seinen Mailänder Jahren für Real Saragossa in Spanien und für den 1. FC Kaiserslautern, bei dem er später auch als Trainer arbeitete. Er war deutscher Meister und Pokalsieger, 86 Mal stand er für die Nationalmannschaft auf dem Platz. Seine Erfolge öffneten viele Türen, nicht nur im Fußball. Er spielte Tennis mit Sean Connery und Henri Leconte, lernte den Filmhelden Bud Spencer kennen. Der Fußballschuh, mit dem er 1990 im Finale in Rom den Elfmeter trat, steht jetzt im Adidas-Museum in Herzogenaurach – vergoldet.

Heute, mit 57 Jahren, ist Andreas Brehme an mehreren Firmen beteiligt, von Hybrid-Rasenplätzen über Weißwürste bis zu einer Schule für die Medizinisch-Psychologische Untersuchung zur Überprüfung der Fahreignung. Er tritt bei Spielen mit dem FC-Bayern-Legenden-Team an, hat weiter Kontakt zu Inter Mailand und dessen Präsidenten, was auch geschäftlich weiterhilft, und spielt Golf mit ehemaligen Fußballstars, in diesem Jahr kam die Einladung von Pep Guardiola. Zu Hause ist er in München, zudem hat er ein Haus bei Kitzbühel. Von beiden Orten aus, das ist wichtig, ist es nicht weit nach Italien.

Den Argentinier Goycochea hat er vor ein paar Jahren auch noch einmal getroffen. Bayern München spielte damals in Wolfsburg, der ehemalige Torhüter war als Sportjournalist für das argentinische Fernsehen da, und so entstand die Idee, das Duell aus dem WM-Finale 1990 in der Halbzeitpause noch mal aufleben zu lassen.

„Wir haben uns zusammen umgezogen, und er sagt: 'Du, Andy, wie machen wir das?' Ich sag': 'Du, wir müssen eins machen, wir müssen wieder die gleiche Ecke nehmen wie damals, das wollen die Leute sehen.'“ Also gingen sie raus auf den Platz. Brehme lächelt. „Ich hab' dann lieber ins andere Eck geschossen“, sagt er. „Ich wollte ja nicht blöd aussehen.“
Von Bernd Steinle


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Teamspieler


In neuer Rolle: Bei der WM in Russland wird Philipp Lahm als Fernsehexperte für die ARD arbeiten. Foto: Jan Roeder

Teamspieler

Philipp Lahm, Weltmeister-Kapitän von 2014, hat die Nationalelf geprägt.

A ls Philipp Lahm zum ersten Mal Weltmeister wird, ist er sechseinhalb Jahre alt. Zu Hause vor dem Fernseher sieht er, wie Andreas Brehme im Finale von Rom zum Elfmeter antritt. „Jeder weiß, wo er war, als dieses Tor fiel“, sagt Lahm. „Das verbindet alle, die es gesehen haben.“ So wie es 1954 war, mit Helmut Rahn, 1974 mit Gerd Müller und natürlich 2014 mit Mario Götze.

Für den jungen Philipp ist dieses Endspiel von 1990 auch deshalb etwas Besonderes, weil er es bis zum Ende sehen darf – das galt in den Wochen zuvor nicht immer im Hause Lahm, damals, in einer anderen Zeit. Aber es war ja nun mal das Finale. Und wer weiß, wie es mit der deutschen WM-Geschichte weitergegangen wäre, wenn es bei diesem einen Mal geblieben wäre. Wenn es nicht den Opa Lahm gegeben hätte, der ihm eine Videokassette mit den Highlights der deutschen Spiele zusammenschnitt. „Die hab' ich mir danach hundertmal angeschaut“, sagt der Weltmeister-Kapitän und Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft.

Als er 2014 leibhaftig Weltmeister ist, im Maracanã in Rio de Janeiro, kommt Lahm auch diese Szene von 1990 in den Kopf: Lothar Matthäus, der den Pokal in den Himmel stemmt. Und jetzt steht er selbst da, als Kapitän, derselbe Pokal, der vierte deutsche Stern. Lahms Hände wollen noch einmal danach greifen, als er davon erzählt. Der Vierunddreißigjährige sitzt an einem wuchtigen Holztisch im Büro seines Beraters und seiner Stiftung in einem Altbau im Münchner Dreimühlenviertel und reckt und rüttelt den imaginären Weltpokal. „Das ist“, sagt Lahm, sucht nach dem richtigen Wort und landet dann doch bei dem Ausdruck, der nur die Unmöglichkeit benennt, so etwas nachzuempfinden – „das ist unbeschreiblich“.

Wenn der Fußball eine Erzählung ist, die Generationen verbindet, dann haben die Deutschen das Glück, dass sie die WM-Titel in den richtigen Abständen gewannen. Niemand musste ohne die Erinnerung an einen dieser Glücksmomente aufwachsen, und wahrscheinlich hat das sogar bei jedem neuen Titel ein wenig geholfen. Zugleich aber ist jeder Titel natürlich auch etwas Einmaliges, ein Produkt seiner Zeit, eine eigene Geschichte.

Denkt man an das, was die Generation 2014 ausmacht, fallen einem schnell der Teamgeist ein, die flachen Hierarchien, vor allem seit Joachim Löw 2006 den Posten des Bundestrainers übernahm. All das also, wofür auch Lahm steht, als Anführer ohne Alpha-Gehabe, was im Testosteronbetrieb Fußball ziemlich neu war. Er selbst kommt aber erst auf etwas anderes zu sprechen. „1990 hießen die Spieler Lothar und Jürgen“, sagt Lahm, „jetzt heißen sie Jérôme und Mesut. Das ist vielleicht der offensichtlichste Unterschied zu anderen Generationen. Dass wir viele Spieler mit Migrationshintergrund hatten, die eigene Einflüsse in die Mannschaft gebracht haben.“

Philipp Lahm meint das eher beschreibend als wertend. Es sei ja auch nichts, worüber man sich täglich Gedanken mache, wenn man gemeinsam auf dem Platz steht. „Eine Gesellschaft verändert sich eben und damit auch eine Fußballmannschaft.“

Natürlich hat es auch ihn bewegt, dass dieses Thema jetzt noch einmal neu und heftig diskutiert wird nach den Aufnahmen von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatschef Erdogan. An dem Bild, das Lahm aus seiner Zeit hat, ändere das jedoch nichts. „Ich kann aus persönlicher Erfahrung sagen, dass beide viel zur Gemeinschaft beigetragen haben.“ Die Fotos nennt Lahm diplomatisch einen „Fehlpass“, aber er findet weiterhin, dass dieses Team von 2014 ein treffendes Abbild seiner Generation in Deutschland geworden ist – und auch etwas Verbindendes gestiftet hat. „Es war eine Mannschaft, mit der sich wirklich jeder identifizieren konnte“, sagt Lahm. Und der Kapitän verkörperte zugleich ihre Essenz. „Aus der Mitte heraus führen, kooperativ sein, Leute mitnehmen – so habe ich meinen Stil gesehen.“

Länderspiel Deutschland - Norwegen am 11.02.2009 in der LTU-Arena in Düsseldorf Foto: dpa
Deutschland gegen Irland am 11.11.2013, Qualifikationsspiel zur WM 2014 in Köln Foto: AP
Philipp Lahm (M) bekommt am 05.10.2010 im Schloss Bellevue in Berlin stellvertretend für die Fußball-Nationalmannschaft vom damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff (l) (CDU) das Silberne Lorbeerblatt übergeben. Foto: dpa

Es ist in der Rückschau eine Weg- und Wendemarke in der deutschen Nationalmannschaftsgeschichte, als Löw im Trainingslager vor der WM 2010 den 26 Jahre alten Außenverteidiger Lahm zu seinem Turnierkapitän ernennt. Michael Ballack hat sich kurz zuvor verletzt, und kaum jemand rechnet damit, dass die junge Mannschaft ohne ihren Anführer, den „Capitano“, in Südafrika bestehen kann. Aber etwas ganz anderes tritt ein. Das Team, sein Trainer und auch der neue Kapitän emanzipieren sich mit spürbarer Freude schnell von den Altvorderen. „Es waren viele junge Spieler dabei, die zum ersten Mal bei einer WM waren“, sagt Lahm, „Neuer, Müller oder Khedira, die sich auch durch die Führungsweise des Trainers und der Führungsspieler entfalten und entwickeln konnten.“ Und dann, vier Jahre später, zum Kern der Weltmeister-Mannschaft gehören.

Die fußballerische Qualität des Teams von 2014 ist so groß wie vielleicht noch nie, Deutschland gehört zu den Favoriten. Aber es gibt auch Probleme, einige Verletzungen stören die Vorbereitung, auch Lahm muss pausieren. Und um einen Titel zu gewinnen, das wissen Löw und Teammanager Oliver Bierhoff nach der EM 2012, die von Reibereien zwischen Dortmunder und Münchner Spielern getrübt war, braucht es etwas, was die Mannschaft im Inneren zusammenhält. „Diesmal war gefühlt alles geregelt“, sagt Lahm und lacht.

Im Campo Bahia, dem Bungalow-Dorf der Deutschen an der Atlantikküste, wächst etwas heran. Mit den Strandspaziergängen und den Fährfahrten über den João de Tiba erscheinen Löw und sein Team wie die letzten Romantiker der Fußballwelt. Was in den Wochen nach dem Turnier ein bisschen nach Mythenbildung klang, hat sich aber längst als von vielen Quellen verbürgte Erzählung erwiesen. „Das Campo“, sagt Lahm, „war enorm wichtig für das Mannschaftsgefüge. Dort sind wir immer wieder zusammengekommen, haben Kaffee getrunken, Spiele geschaut, zusammen geratscht. Auch so entsteht Teamgeist.“

Es ist der Geist, der dem Team durch manche schwierige Situation hilft. Etwa im Achtelfinale gegen Algerien, dem Spiel, in dem die Deutschen die Rettungsdienste des Torwart-Liberos namens Neuer benötigen – und nach dem auch die Debatte um Lahm und seine Rolle ihren Höhepunkt erreicht. Als die ganze Nation darüber diskutiert, ob Löw die WM-Ambitionen gefährdet, wenn er Lahm, den Weltklasse-Außenverteidiger, weiter im zentralen Mittelfeld spielen lässt. Es ist eine Frage, die auch intern Brisanz birgt, schließlich hängen davon andere Positionen ab. Und spielen will -Teamgeist hin oder her – jeder Einzelne, Khedira etwa, der nach überwundener Verletzung zurück ins Team drängt.

Den Dialog mit Joachim Löw darüber schildert Lahm aber als recht nüchternen Prozess. „Ich hatte unter Pep Guardiola viele Spiele im Mittelfeld gemacht, Basti war verletzt, Sami kam aus dem Kreuzbandriss, da hat sich der Trainer mit mir zusammengesetzt und mir das erklärt. Zwischen ihm und mir war bis zum Achtelfinale eigentlich klar, dass ich im Mittelfeld spiele und wir dann weitersehen.“

Der Sinn für das richtige Timing – das ist etwas, was sich durch Lahms Karriere zieht wie ein roter Faden. Nicht nur auf dem Platz, wo er mit der perfekten Balance aus defensiver Verlässlichkeit und Offensivgeist die Rolle auf den Außenbahnen neu definiert, zumindest in Deutschland. Sondern zugleich, wenn es darum geht, Position zu beziehen. Das kann auch mal in eigener Sache sein, etwa 2010 in Südafrika, als er das kommissarische Kapitänsamt dauerhaft an sich reißt. Sportlich aber hat Lahm das große Ganze im Sinn, so wie 2009, als er dem FC Bayern in einem nichtautorisierten Interview die Leviten liest. Lahm, so kann man vielleicht sagen, ist Zeit seiner Karriere der kritische Loyalist, einer mit eigenem Kopf, der ihn aber mit Bedacht und konstruktiv einsetzt.


„Aus der Mitte heraus führen, kooperativ sein, Leute mitnehmen – so habe ich meinen Stil gesehen.“
PHILIPP LAHM

In Brasilien ist für die Deutschen, nun mit Lahm als rechtem Verteidiger, noch die eine oder andere Portion Glück nötig, gegen Frankreich und im Finale gegen Argentinien. Der Kapitän trägt in all diesen Spielen ein Geheimnis mit sich herum: Jedes könnte sein letztes sein. Er hat für sich entschieden, dass nach der WM Schluss ist im Nationalteam, zehn Jahre sind genug für Körper und Geist, zumal Lahm nun einen kleinen Sohn hat. Löw erfährt es am Morgen nach dem Triumph, im Teamhotel. Ein komischer Moment? „Eigentlich nicht“, sagt Lahm. „Ich hatte mich ja entschieden. Und ich wollte es ihm auf jeden Fall sagen, bevor wir in Deutschland landen. Dann war es einfach Zufall. Wir saßen zusammen am Tisch, und alle anderen sind aufgestanden. Da dachte ich: Dann ist es halt der richtige Moment.“

So endet nach 113 Einsätzen eine große deutsche Länderspielkarriere still und leise, und doch, weil niemand damit rechnet, mit einem Paukenschlag.

Dem Nationalteam, das zeigt sich bald, wird Lahm noch länger fehlen. Er wiederum kann ganz gut ohne. 2017 macht er auch beim FC Bayern Schluss. Den Sportdirektoren-Posten bei den Münchnern lehnt er mit Verweis auf die Machtfülle des Uli Hoeneß ab. Stattdessen widmet er sich den Rollen als Unternehmer und Familienvater – im August 2017 kommt sein zweites Kind zur Welt, eine Tochter. Jetzt in Russland wird Lahm wieder dabei sein, als Fernsehexperte für die ARD.

Und Lahm ist noch in anderer Funktion zurückgekehrt, als Botschafter für die deutsche EM-2024-Bewerbung. Für den DFB, der mit der Türkei um die Ausrichtung konkurriert, waren die Erdogan-Fotos auch in dieser Hinsicht ein Affront. Lahm möchte lieber etwas anderes in den Vordergrund rücken, was ihm schon für 2014 so wichtig war: die verbindende Kraft des Fußballs. In dieser Kontinuität würde 2024 auf 2006 folgen, die WM in Deutschland, zugleich Lahms erste. „Diese Begeisterung, wie das unser Land zusammengebracht hat, wie da Zusammenhalt zu spüren war – das hat mich einfach geprägt.“

Ob das noch einmal gelingen kann, jetzt, da aus dem sommermärchenbeseelten Deutschland eine verzagte, sorgenvolle Nation geworden zu sein scheint, die nicht zuletzt mit dem Miteinander ihre Probleme hat? Lahm bleibt bei seiner Botschaft. Von „Impulsen für Deutschland und Europa“ spricht er und von der Kraft, die aus Begegnungen erwächst. „Kooperieren“, sagt Lahm „ist ein wichtiges Wort.“ Eines, das auch für seine Karriere steht.

Im Nationalteam wirken Philipp Lahms Führungsprinzipien weiter. „Einer, der vor allem autoritär auftritt, würde heute nicht mehr akzeptiert“, sagt er. „Die Zeit hat sich einfach gewandelt.“ Und was das Weiterreichen des Staffelstabs an die nächste Generation betrifft, tut sich womöglich auch schon etwas. Sohn Julian, fünfeinhalb Jahre alt, „ist seit ein paar Wochen fußballverrückt“.
Von Christian Kamp

Quelle: F.A.Z.-Magazin