Jim Belushi im Interview

„Heute betäuben sich doch alle auf irgendeine Weise“

Von Christian Aust
 - 11:13

Viele Ihrer Kollegen berichten, Woody Allen habe kaum mit ihnen gesprochen, noch weniger Regieanweisungen gegeben und sie wussten eigentlich nie, ob er zufrieden mit einer Szene war. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Nun, ich habe vor vielen Jahren einmal mit Oliver Stone in Salvador gearbeitet. Das war noch vor „Platoon“. Und als Schauspieler hast du diesen Instinkt, wenn am Ende der Szene jemand „Cut“ ruft. Die schaust sofort zum Regisseur. Und Oliver verzog jedes Mal ganz fürchterlich das Gesicht, als ob er gleichzeitig verzweifelt und wütend sei. Dieser Mann gibt dir jeden Tag das Gefühl, eine Fehlbesetzung zu sein. Und wenn ich wissen wollte, was los ist, sagte er nur: spiel es noch einmal. So ging es immer weiter und ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollte. Irgendwann sagte er: Ich möchte, dass du mehr herum jammerst. Zu diesen Zeitpunkt jammerte ich sowieso schon. Und so hatte er mich emotional genau dorthin dirigiert, wo er mich haben wollte.

Ich ahne, worauf Sie hinaus wollen. Woody Allen ist im Regieuniversum die Antithese zu Oliver Stone?

Woody dreht die meisten Szenen genau einmal und verkündet anschließend: das war doch in Ordnung. Ich könnte es für den Film verwenden. Und dann kommt die nächste Szene. Das ist auf seine Weise ähnlich verunsichernd. Ich will ja nicht „in Ordnung“ sein, sondern gut. Irgendwann habe ich im gesagt: Woody, eine Szene ist entweder grandios oder Mist. Und "in Ordnung" ist eindeutig in der Mist-Zone angesiedelt. Er könnte tatsächlich etwas direkter sein.

Die meisten Schauspieler sollen ohnehin ständig mit Selbstzweifeln kämpfen.

Das ist richtig. Und manchmal wünscht du dir dann jemanden, der dich aufbaut, statt dich zusätzlich zu verunsichern.

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Kinotrailer„Wonder Wheel“

Woher nehmen Sie dann doch immer wieder den Mut, vor der Kamera Ihr Herz und Ihre Seele zu öffnen?

Auf diese Rolle habe ich mich so intensiv vorbereitet, wie noch nie zuvor in meiner Karriere. Ich habe diesen Mann monatelang studiert. Denn ich wusste, ich arbeite mit Kate Winslet. Am ersten Tag kam ich dann zum Drehort und da standen dann Kate Winslet, Woody Allen und sein legendärer Kameramann Vittorio Storaro. Alle drei haben diese „Oscar“-Aura, die um sie herum zu strahlen scheint. Ich stand da also dieser funkelnden Wand aus Gold gegenüber. Mein einziges Zertifikat war eine „Emmy“-Nominierung als Autor bei „Saturday Night Live“, die ich gemeinsam mit siebzehn anderen Autoren bekommen hatte. Also habe ich tief Luft geholt, die „Emmy“-Nominierung in die rechte Tasche gesteckt, meinen Bruder John und meinen Vater in die linke und bin losgegangen, um alle zu begrüßen. Dieses Erbe hat mir etwas Selbstvertrauen gegeben.

Ihr verstorbener Bruder John ist heute immer noch als Teil Ihres Lebens präsent?

Ich nehme meine Familie im übertragenden Sinne immer mit, egal was ich tue. Ich spiele ja mit Dan Akroyd immer noch die „Blues Brothers Show“ auf und das seit mittlerweile zwanzig Jahren. Und es gibt da einige Songs, bei denen Danny und ich uns ansehen und denken: Los Jake, komm und tanz mit uns! Wir erhalten den Geist und das Erbe von „Jake Blues“ am Leben, die Musik und die Art, wie er getanzt hat. Das ist wunderschön. Und mein Vater war auch dabei, als ich „Wonder Wheel“ gedreht habe. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich ständig ein Taschentuch in der Hand halte? Ich war in einigen Szenen etwas unsicher und brauchte dringend eine Requisite. Da fiel mir dann irgendwann mein Vater ein. Er hatte immer dieses Taschentuch dabei, um sich das Gesicht abzuwischen. Ich dachte: Das ist es! Und so hat mir Vater geholfen, diese Rolle zu spielen.

Gab es für Sie eine Alternative zum Beruf des Schauspielers?

Ja. Mein Vater war im Restaurant-Geschäft, er hatte zwei Steakhäuser in Chicago. Und ich fing mit elf Jahren an für ihn zu arbeiten. Ich wollte unbedingt, dass er mich mit zur Arbeit nimmt. Er hat immer versucht, mir diese Idee auszutreiben, indem er mir Angst gemacht hat. Er verfrachtete mich zum Beispiel in den sehr unheimlichen Keller, in dem als Beleuchtung nur eine nackte Glühbirne von der Decke hing. Da durfte ich dann riesige Gemüsezwiebeln oder Kartoffeln schälen. Ich musste klebrige Flaschen aus der Bar zurück in die Kästen sortieren. Und ich war elf Jahre alt und ganz allein in diesem Keller. Da unten sah es aus wie auf dem Set eines Horrorfilms. Er dachte, auf diese Weise habe ich bald keine Lust mehr ihn zu begleiten und lasse ihn in Ruhe.

Aber diese Taktik hat nicht funktioniert?

Kein bisschen. Als ich den Keller aufgeräumt hatte, versuchte er mich an der Tellerwäscher-Station mürbe zu machen. Ebenso erfolglos. Ich habe auch am Grill gearbeitet, überall wo es unangenehm war. Aber ich liebte das Restaurant-Geschäft, die ganze Atmosphäre. Und vor allen Dingen liebte ich es, Zeit mit meinem Vater zu verbringen. Um 2:00 Uhr nachts sind wir dann gemeinsam im Auto noch Hause gefahren. Und mein Job war es, ihn wach zu halten. Ich beobachtete ihn ganz genau. Und immer wenn ihm die Augen zufielen, brüllte ich: Dad! Du schläfst ein! Er pfiff und sang dann immer „Besame mucho“. Das erinnere ich noch ganz genau.

Und warum sind Sie dann nicht als Erbe Ihres Vaters Steakhouse-Business eingestiegen?

Mein Vater musste aufgeben und hat seine Restaurants verloren. Er hatte Ärger mit der Mafia.

Worum ging es?

Sie wollten die Grundstücke und haben ihn fertig gemacht. Und ganz im Ernst? Wenn das nicht passiert wäre, würde ich heute Abend Dinner servieren. Als mein Bruder John dann erste kleine Erfolge als Schauspieler hatte, öffnete sich eine andere Tür für mich. Ich hatte immer zwei große Vorbilder: meinen Vater und John. Durch John hatte ich dann plötzlich eine Alternative und wurde Schauspieler.

Ihr Bruder John wurde in den Siebzigern mit dem Film „Blues Brothers“ zum Star und starb dann 1982 im „Chateau Marmont“ in West Hollywood an einer Überdosis Drogen. Warum haben Sie diese wilde Zeit überlebt und John nicht?

Das ist eine gute Frage, auf die ich eine gute Antwort habe. Das können Sie in meiner Biografie nachlesen. Ich werde Sie nicht dieses Kapitel schreiben lassen.

Ich soll also Ihr Buch kaufen. Wann erscheint Ihre Biografie?

Bald. Aber im Ernst. Mir ist erst vor kurzem klar geworden, warum es so hart für mich ist, Football-Spiele anzusehen. Wir haben ja heute immer mehr Informationen, über die massiven Gehirnschäden, die sich Spieler dabei zuziehen und die dann langfristig zu Demenz führen. Und erst jetzt habe ich verstanden, dass mein Bruder John auch solche Schäden gehabt haben muss. Er hat in der Highschool Football gespielt, auf der Position des „Middle Linebacker“. Das ist die härteste Position. Diese Spieler müssen viel einstecken. Und wie sie wissen, war er relativ klein. Obwohl er mit seiner Größe immer geschummelt hat. Er strotzte ja nur so vor Selbstbewusstsein. Er war der König. Aber heute glaube ich, dass er mehrere Gehirntraumata erlitten und schon an Demenz erkrankt war, als er starb.

Und diese Demenz war in Kombination mit den Drogen tödlich?

Seine Generation litt an einer ganzen Reihe traumatischer Erfahrungen. Ähnlich wie nach den beiden Weltkriegen, als die Männer zurück nach Hause kamen, wollten sie sich irgendwie medikamentieren. Und dieses Medikament hieß Alkohol. Beinahe alle Väter meiner Generation waren irgendwie am Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen. Und sehr viele Kinder wuchsen mit Eltern auf, die richtig harte Alkoholiker waren. Sie haben auf diese Weise versucht, ihre Traumata in den Griff zu kriegen. Heute weiß man, was posttraumatische Belastungsstörungen sind, damals nicht. Dann kamen die Sechziger und man entdeckte Marihuana. Und das schien eine schöne Medizin zu sein. Denn es ging um „Peace, Love and Harmony“. Das hatte überhaupt nichts mit Gewalt zu tun. Aber dann kam der Vietnamkrieg. Und jeder, den ich kenne, hat ein Familienmitglied in Vietnam verloren. Vietnam hat unsere Generation traumatisiert. Und wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten. Unsere Heilmittel waren Alkohol und Drogen. An den Folgen dieser Gemengelage ist mein Bruder gestorben. Und hätten wir damals über Drogen und speziell Marihuana gewusst, was wir heute wissen, wären viele Menschen noch am Leben.

Die Amerikaner betäuben ihre Traumata heute kontrollierter?

Heute betäuben sich doch alle auf irgendeine Weise. Eigentlich wird jeder medikamentiert. Denken Sie an all die Psychopharmaka, an „Xanax“ gegen Angstzustände. Zusätzlich wird immer noch jede Menge Alkohol getrunken. Oder die Leute sind spielsüchtig oder Workaholics. Es passiert einfach zu viel im Leben der Menschen, was sie nicht verarbeiten können. Das war jetzt eine sehr lange Antwort auf Ihre Frage. Aber um sie noch einmal zusammen zu fassen: die Generation meines Bruders suchte nach einer Medizin für ihr Leiden. Und viele sind daran gestorben.

Quelle: FAZ.NET
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