Königreich vor der Hochzeit

Welchen Titel bekommt Meghan eigentlich?

Von Theo Stemmler
 - 09:35

Am Samstag heiratet Prinz Henry die Amerikanerin Meghan Markle. Auf dem Theaterspielplan der britischen Monarchie, auf dem so oft Tragödien (Diana), Tragikomödien (Prinz Charles) und Historienspiele (Königin Elisabeth II.) stehen, ist also endlich mal wieder ein Lustspiel zu finden. Aber auch dazu gehören teils 1000 Jahre alte Traditionen – und viele Adelstitel, deren deutsche Entsprechungen uns fremd geworden sind.

An der Spitze der englischen Adelspyramide stehen King und Queen – beides uralte germanische Wörter, Titel und Ämter. Bezeichnenderweise gibt es den König, den „cyning“, in dieser Bedeutung schon seit altenglischer Zeit, während der weibliche Herrscher, die „cwen“, etwas brauchte, um sich von der ursprünglichen allgemeinen Bedeutung „Frau“ zur speziellen „Königin“ zu mausern.

Doch bereits in Nachbarschaft von King und Queen finden sich französische Bezeichnungen: Prince und Princess allgemein (männliche und weibliche Mitglieder der Königsfamilie), Prince of Wales (Thronfolger), der Prince Consort (Prinzgemahl; von französisch „consort“, also Partner / Partnerin), die Queen Dowager (Königinwitwe; von französisch „douage“, das ist der Besitz, der der Witwe zusteht).

Wilhelm der Eroberer ändert das System

Viele britische Adlige sind Träger mehrerer Titel. So hat Prince William aus politischen Gründen gar drei Adelstitel, die auf drei Teile des United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland hinweisen und deren sperrige Phonetik dem Kontinentaleuropäer nur schwer über die Lippen geht: Duke of Cambridge (für England), Earl of Strathearn (für Schottland), Baron Carrickfergus (für Nordirland). Rätselhafterweise ist William also zugleich Duke (Herzog), Earl (Graf) und Baron (Freiherr). Der vierte Teil des Königreichs, Wales, taucht nicht in diesen Titeln auf, sondern im Prince of Wales, dem seit dem 14. Jahrhundert verliehenen Titel für den Thronfolger, der William ja noch nicht ist und sein Vater, Prince Charles, seit über einem halben Jahrhundert immer noch sein muss. Diesem stehen im Übrigen insgesamt 16 Titel zu – darunter der Ritter des Höchst Ehrenwerten Distelordens.

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Windsor im HochzeitsfieberMeghan und Harry sind überall

Grundsätzlich ist die Unterscheidung von Nobility (Hochadel) und Gentry (niederem Adel). Unter King und Queen tummeln sich zahlreiche Träger von Adelstiteln, die zum Teil bis in die Zeit von Wilhelm dem Eroberer zurückreichen. Dieser hatte ja nach der Eroberung Englands 1066 das Land feudalstaatlich umorganisiert, den Grund und Boden der angelsächsischen Eigentümer enteignet und ihn als Lehen an seine Gefolgsleute vergeben. Grundlage dieser gewaltigen Umverteilung war das Domesday Book (etwa 1090), eine Art Grundbuch.

Diese ersten Adligen wurden englisch „knights“ oder – in England war Französisch bis ins 13. Jahrhundert die vorherrschende Sprache des Hofes und der Verwaltung – „barons“ genannt. Beide Bezeichnungen wurden im Lauf der Zeit aufgewertet. Ursprünglich war der altenglische „cneoht“ (wie im Althochdeutschen der „kneht“) ein Knecht oder Diener. Erst im feudalen System wurde seit dem zwölften Jahrhundert der „kniht“ zu einem Lehnsmann und Angehörigen des niederen Adels – ungefähr dem deutschen Ritter, dem französischen „chevalier“ oder dem italienischen „cavaliere“ entsprechend. Heute wird der Knight mit „Sir“ und Vornamen angeredet – also „Sir Simon“, und nicht, wie ahnungslose Ausländer oft meinen, „Sir Rattle“.

Der Unterschied zwischen Baron und Baronet

Der Knight ist der rangniedrigste Titel des niederen Adels geblieben, ist nicht erblich und wird sehr oft an verdiente Bürgerliche vergeben, auch an Sportler wie David Beckham oder Musiker wie Mick Jagger und Joe Cocker, alias Sir David, Sir Mick und Sir Joe. Als Ehrentitel ist er in seiner Häufigkeit dem deutschen Honorarprofessor vergleichbar, der seit längerem inflationär vergeben wird.

Im Unterschied zum Knight stieg der englische Baron im Lauf der Zeit in den Hochadel auf: vom spätlateinischen „baro“ (Mann) und altfranzösischen „baron“ zum niedrigsten Rang der Nobility.

Den Titel Baron sollte man nicht mit dem ähnlich klingenden Baronet verwechseln, der aus Ersterem mit Anfügung der Verkleinerungssilbe -et gebildet wurde, also wörtlich „Kleiner Baron“ bedeutet. Er wurde erstmals 1611 von König Jakob I. an 200 wohlhabende Bürger verliehen, die als Entgelt für diese Ehrung jeweils 30 Soldaten finanzieren mussten, die der König zur Besiedlung des nordirischen Ulster einsetzte. Die bekanntesten Baronets waren der englische Faschistenführer Sir Oswald Mosley, der den Titel geerbt hatte, und Sir Denis Thatcher, der Gatte der „Iron Lady“ Margaret Thatcher, der eher eine Tapferkeitsmedaille verdient hätte. Da der Titel Baronet erblich ist, hat er Vorrang vor dem nichterblichen Titel des Knight.

Die Schotten freut es nicht

Für weitere Komplikationen sorgen die jeweiligen Anreden. Während Baronets – ebenso wie Knights – mit „Sir“ und Vornamen angeredet werden, adressiert man deren Ehefrauen mit „Lady“ und Nachnamen. Berühmtes, wenn auch fiktionales Beispiel für solch subtile Differenzierung ist die Titelfigur von D. H. Lawrences’ Roman „Lady Chatterley’s Lover“: Durch Heirat mit dem Baronet Sir Clifford Chatterley wird aus Constance Reid Lady Chatterley.

Verlassen wir den niederen Adel und nähern uns mit gehörigem Respekt dem Hochadel. Dessen Mitglieder rekrutieren sich aus fünf Titeln, die mit hierarchischer Strenge bewertet sind. Von oben nach unten sortiert und mit den ungefähren deutschen Entsprechungen versehen: Duke (Herzog), Marquess (Markgraf), Earl (Graf; der Titel Count wird nur für Ausländer verwendet), Viscount (Vizegraf), Baron (Freiherr). Die hochadligen Damen sind Duchess, Marchioness, Countess, Viscountess oder Baroness.

Duke (von französisch „duc“) ist eines der ältesten englischen Adelsprädikate: 1337 machte König Eduard III. seinen ältesten Sohn, den Black Prince, zum Duke of Cornwall. Dieser Titel ist auch der höchste: Dukes werden mit „Your Grace“ (Euer Gnaden) angeredet, während sich die niedrigeren Ränge mit Lord bescheiden müssen. Etwa ein Dutzend englische Herzöge gibt es. Einige – die Royal Dukes – sind ausschließlich männlichen Royals vorbehalten: zum Beispiel der Duke of Cambridge für jüngere Royals, der seit dem 17. Jahrhundert verliehen wird – vor wenigen Jahren an Prince William. Sein Großvater, Prince Philip, darf sich mit dem seit 1726 verliehenen Titel Duke of Edinburgh schmücken, was die durch den Act of Union von 1707 mit dem Königreich zwangsvereinigten Schotten nicht unbedingt erfreut.

Der wohltätige Duke of Cornwall

Doch der bemerkenswerteste Herzogstitel ist der des Duke of Cornwall, der immer an den Thronfolger verliehen wird, zurzeit ist das Prince Charles. Als einziger Herzog nennt der Duke of Cornwall tatsächlich ein Herzogtum (Duchy) sein Eigen. Es umfasst mehr als 500 Quadratkilometer Ländereien, die verpachtet sind und jährlich Einkünfte in Millionenhöhe abwerfen. Die Einnahmen im Kronland Cornwall sind steuerfrei, doch zahlt Prince Charles freiwillig 40 Prozent Steuern und unterstützt wohltätige Projekte.

Unter dem Duke rangieren die übrigen vier Ränge des englischen Hochadels – zunächst der Marquess (von französisch „marquis“). Der Titel wurde 1385 zum ersten Mal vom englischen König verliehen. Er bezeichnete ursprünglich die „marcher lords“ – sie verteidigten die damaligen „Marken“ (also die Grenzgebiete) zu Wales und Schottland.

Der nächste Rang unter dem Duke ist dem Earl vorbehalten. Dieser Titel, seit dem 15. Jahrhundert verliehen, ist der einzige der Nobility, der nicht aus dem Französischen entlehnt wurde. Seine aufwertende Bedeutung erhielt das altenglische Wort „eorl“ (ursprünglich der „Edle“ im Unterschied zum „ceorl“, dem Freibauern) wohl durch den altnordischen „jarl“, der mit seinen Kollegen als eine Art Graf in den im zehnten und elften Jahrhundert skandinavisch beherrschten Teilen Englands das Sagen hatte.

Je englischer, desto nobler

Am Fuß der englischen Hochadels-Pyramide finden sich Viscounts (von altfranzösisch „visconte“, spätlateinisch „vice-comes“, also Vizegraf) und die bereits erwähnten Barons, die zu den ältesten Adelsprädikaten der englischen Nobility gehören. Bis heute streiten sich die Barons de Roos (1264 oder 1299) und Mowbray (1283) darum, welches Geschlecht den älteren Titel trägt und sich Premier Barony of England nennen darf.

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Meghan und HarryMärchenhochzeit ohne Papa?

Die Orientierung in den labyrinthischen Gängen der englischen Adelshäuser wird zusätzlich erschwert durch bizarre Regelungen des Vorrangs wegen sich überlagernder historischer Schichten. Die Mitglieder des Hochadels – die Peers (von französisch „pair“; lateinisch „par“, „ebenbürtig“) – bilden nämlich zusammen nicht nur eine einzige Peerage, sondern gehören jeweils einer von fünf Peerages an: der von England, Schottland, Großbritannien, Irland und dem United Kingdom. Diese Abfolge gibt die Rangordnung an: je englischer, desto nobler.

Alle Peers hatten bis vor einigen Jahren einen Sitz im House of Lords, dem Oberhaus. Dazu zählten viele hundert im 19. und 20. Jahrhundert auf Lebenszeit ernannte Life Barons – Bürgerliche, die so wegen ihrer Verdienste geehrt wurden.

Der erbliche Adel hat nicht mehr das Sagen

Doch 1999 wurde durch einen Act of Parliament die Zahl der Oberhausmitglieder drastisch beschränkt. Dadurch verloren viele der erblichen Peers aus alten Adelshäusern ihren Sitz. Nicht nur politische Gründe führten zu dieser Limitierung – auch die Raumnot im Westminster Palace spielte eine Rolle: Viele Lords hatten keinen der nur 427 verfügbaren Sitzplätze ergattern können. Und die altehrwürdige Halle konnte man natürlich nicht bei gut besuchten wichtigen Sitzungen wegen Überfüllung schließen.

Noch immer hat das Oberhaus 802 Mitglieder: 687 auf Lebenszeit ernannte Life Peers, 90 erbliche Adlige und 25 Bischöfe der anglikanischen Kirche, also mehr als das Unterhaus mit seinen 650 Abgeordneten – ein in Staaten mit Zweikammersystem einmaliges Übergewicht.

Allerdings ist das politische Gewicht der beiden Häuser ganz anders verteilt. Es funktioniert nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren und weist dem Unterhaus die weitaus wichtigere Rolle zu. So ergibt sich eine interessante Pointe: Der alte erbliche Adel bildet im Oberhaus nur noch eine kleine Minderheit – das Sagen haben die anderen gesellschaftlichen Gruppen.

Die Royals reden viel, haben aber nichts zu sagen

Immerhin erinnert die jährlich zur Eröffnung des Parlaments im House of Lords gehaltene Queen’s Speech noch an die frühere Bedeutung des englischen Monarchen und Adels, an mehr nicht: Die Königin darf ja nur die Regierungserklärung des Premierministers vorlesen. In dieser Rolle unterscheidet sie sich nicht von den anderen Royals. Prince Philip, Prince Charles und Prince William reden viel, haben aber nicht viel zu sagen.

Der Bräutigam vom Samstag, Harry Mountbatten-Windsor, trägt bisher den Titel Prinz Henry von Wales. Meghan Markle hat noch keinen Titel. Das Paar wird aber am Samstag von der Königin wohl in den Herzogstand erhoben. Adelsfachleute nehmen an, dass sie Duke and Duchess of Sussex werden – diese Titel sind seit 1843 vakant. Meghan Markle muss dann offiziell als Ihre Königliche Hoheit, die Herzogin von Sussex, angesprochen werden. Sie wird aber nicht Prinzessin – das ist man nur durch Geburt.

Was macht der Vater der Braut?

Prinz Harrys künftige Ehefrau Meghan Markle muss bei der Hochzeit am Samstag wohl doch auf ihren Vater verzichten. Der Amerikaner Thomas Markle, der seit einigen Jahren in der mexikanischen Küstenstadt Rosarito wohnt, soll sich nach einem Herzinfarkt in der vergangenen Woche einer Operation unterzogen haben. Angeblich entfernten die Ärzte am Mittwoch eine Verstopfung im Herzen des Dreiundsiebzigjährigen und setzten einen Stent zur Gefäßerweiterung ein. „Ich bedaure, einen der größten Momente der Geschichte zu verpassen und meine Tochter nicht zum Altar zu führen“, sagte Markle dem kalifornischen Internetportal tmz.com am Dienstag. Nach einem Skandal um angeblich heimlich aufgenommene Paparazzi-Fotos, die sich später als Auftragsarbeiten erwiesen, hatte der frühere Lichttechniker den Flug nach London zuvor schon einmal abgesagt. Angeblich wollte er seiner Tochter und dem britischen Königshaus weitere Peinlichkeiten ersparen. Am Dienstag bestätigte er dann zunächst aber doch, an der Trauung in Windsor teilzunehmen. Schon seit Monaten trübt Meghan Markles Familie die Vorfreude auf die royale Hochzeit. Samantha Grant, die Halbschwester der früheren Seriendarstellerin (“Suits“), beschrieb die Sechsunddreißigjährige in amerikanischen Medien als ehrgeizigen Emporkömmling. Auch Meghan Markles Halbbruder Thomas Markle Jr., der seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr hatte, forderte Prinz Harry in einem offenen Brief auf, die Verbindung zu lösen. Wie Grant steht auch Markle Jr. nicht auf der Liste der Hochzeitsgäste. Falls ihr Vater Thomas Markle der Trauung fernbleibt, wird seine Tochter voraussichtlich von ihrer Mutter Doria Ragland in der St George’s Chapel zum Altar geführt. Die 61 Jahre alte Yoga-Lehrerin und Sozialarbeiterin soll schon am Dienstag von Los Angeles nach England geflogen sein. Christiane Heil

Quelle: F.A.Z.
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