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Selbstversuch

Tour de Fraß

Von David Wünschel
 - 06:51
Teil der türkisen Fahrrad-Flotte: Unser Autor als Deliveroo-Kurier unterwegs in Frankfurt. Bild: Victor Hedwig, F.A.S.

Verdammt. Wieso klebt an meiner Hand Pilzsauce? Ich schaue zuerst meine Finger an und dann den Mann, der mir gegenübersteht. Ein schwarzer Vollbart sprießt über seinem T-Shirt, unter dem er mit Feuerwerksraketen gemusterte Boxershorts trägt. Es ist zwei Uhr mittags, und der Typ sieht aus, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen. Sein rechter Fuß steckt in einer Tennissocke, der linke in einer Wollsocke, und in meiner Hand halte ich sein Essen, Kostenpunkt 12,60 Euro: Tortellini mit Pilzsauce, die mittlerweile ausgelaufen ist.

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Meine erste Lieferung geht also direkt schief. „Entschuldigung“, sage ich und strecke ihm die Schale mit den Tortellini hin. „Passt das so?“ Der Bärtige brummelt irgendwas, nimmt mir das Essen ab und dreht sich wieder um. Kein Trinkgeld. Okay, verdient hätte ich es nicht. Aber auch ohne mein Malheur hätte er mir wohl keins gegeben. Wo hätte er es denn verstecken sollen? Unterm T-Shirt? In seinem Vollbart?

Die erste Schicht läuft schief

Weil ich keinen neuen Auftrag bekomme, mache ich für heute Schluss. Nach zwei Stunden Arbeit habe ich fünfeinhalb Euro verdient. Hrmpf. Meine erste Schicht hatte ich mir anders vorgestellt.

Zugegeben – ein Stundenlohn von 2,75 Euro ist selbst bei Deliveroo und Foodora die Ausnahme. Aber besonders üppig sind die Gehälter nicht, die die Lieferdienste ihren Fahrradkurieren zahlen. Foodora und Deliveroo sind zwei Start-ups, die damit werben, Essen aus dem Lieblingsrestaurant pfeilschnell an die eigene Haustür zu liefern. Dazu arbeiten sie mit ausgewählten Restaurants und einer Flotte von Fahrradkurieren zusammen.

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Viele Fahrer beschweren sich

Die größten Unterschiede zwischen Foodora und Deliveroo sind die Farbe der Uniform und die Art der Anstellung: Foodora-Kuriere tragen Pink, sind festangestellt und verdienen zwischen neun und zehn Euro pro Stunde. Deliveroo-Kuriere tragen Türkis und können auch selbständig arbeiten: Freelancer bekommen fünf bis sechs Euro je Lieferung. Hinzu kommen jeweils Trinkgeld und eventuelle Boni. Ihr Equipment (Fahrrad, Smartphone, Datenvolumen) müssen die mehrere tausend deutschen Kuriere aus eigener Tasche bezahlen.

In vielen Städten protestieren sie deshalb gegen die ihrer Ansicht nach schlechten Arbeitsbedingungen. Weil ich wissen wollte, was an den Beschwerden der sogenannten Rider dran ist, wurde ich für einige Schichten selbst zu einem. Ich lieferte Sushi und Scampi an Banker und Doktoren, befragte altgediente Fahrradkuriere und besuchte sogar eine ihrer Protestveranstaltungen. Was ich dabei gelernt habe: Die Arbeit als Kurier kann unter Umständen ein toller Nebenjob sein. Aber sich damit das Leben zu finanzieren ist schwierig und hart.

Fahrradfahren beim Einstellungstest

Dass die Ansprüche von Deliveroo an neue Mitarbeiter nicht besonders hoch sind, merke ich bereits bei der Bewerbung, die wohl die unkomplizierteste meines Lebens ist. Auf einer Website schaue ich ein paar Videos an und beantworte einige simple Fragen, dann trage ich mich für eine Testfahrt ein. Zwei Tage später treffe ich in Frankfurt vor dem ehemaligen EZB-Gebäude Jasper, der meine Fahrrad-Fähigkeiten beurteilt. Nach einer kurzen Fahrt am Main entlang, die offenbar das Bewerbungsgespräch ersetzt, ist Jasper zufrieden. Wir radeln zusammen zur Frankfurter Deliveroo-Dependance, wo ich einen Arbeitsvertrag als Freelancer unterschreiben soll.

Ein klappriger Aufzug bringt uns ins Büro. Die Wände sind von mannshohen Stapeln aus quadratischen Rucksäcken und einer großen Garderobe verdeckt. Alles ist türkis: die Rucksäcke, die Trinkflaschen und auch meine neue Uniform, die aus Regenhose, Regenjacke und zwei Shirts besteht. Zusätzlich erhalte ich noch eine Powerbank, eine Thermotasche und einen Handyhalter für den Lenker. Einen Helm, erklärt ein Mitarbeiter auf meine Nachfrage, müsse ich selbst besorgen.

Alles läuft über die App

Am nächsten Tag starte ich voller Enthusiasmus und ohne Helm in meine erste Schicht. Ich düse zur Alten Oper, wo ich auf Aufträge warten soll. Dazu öffne ich die Rider-App und ändere meinen Status von „Nicht verfügbar“ auf „Verfügbar“. Die App ist das Herzstück von Deliveroo: Über sie werden alle Aufträge abgewickelt. Wenn ein Kunde eine Bestellung aufgibt, schickt ein Algorithmus den Lieferauftrag an einen der verfügbaren Rider, der dann zum Restaurant radelt.

Nach einer Stunde warte ich immer noch. Mein Fahrrad lehnt an einer Säule, ich sitze daneben auf einer Steinbank. Sonny* aus Indien hat ebenfalls nichts zu tun und leistet mir Gesellschaft. „Du bist zur falschen Zeit hier“, erklärt er. „Samstagnachmittags läuft nichts.“

Nicht immer ist etwas los

Wie die meisten meiner neuen Kollegen ist Sonny jung, männlich und kommt aus dem Ausland. Als Fahrradkurier sollte man zwar sportlich und freundlich sein, Deutschkenntnisse zählen jedoch nicht zu den Voraussetzungen. Anders als ich verdient Sonny gerade Geld. Er ist fest angestellt und bekommt neun Euro pro Stunde. „Als Freelancer musst du abends arbeiten“, sagt Sonny, „dann kannst du ein Essen nach dem anderen ausliefern.“ Kurz überlegen wir, selbst etwas zu bestellen, um endlich an Aufträge zu kommen. Aber der Mindestbestellwert und die Liefergebühr betragen zusammen 15 Euro. Dafür müsste Sonny anderthalb Stunden arbeiten.

Genau so lange muss ich warten, dann vibriert endlich mein Handy. Die App zeigt an, dass ich zu einem etwa zwei Kilometer entfernten Italiener radeln soll. Ich trete kräftig in die Pedale, fünf Minuten später komme ich an. Ein missmutiger Angestellter drückt mir eine Tüte in die Hand, darin die Tortellini mit Pilzsauce. In der App hake ich die Bestellung ab, dann bekomme ich den Standort des Kunden angezeigt. Weitere zehn Minuten später liefere ich das Essen beim Kunden ab und bestätige es abermals in der App. Dann fahre ich zurück zur Alten Oper. Sonny ist nicht mehr da. Weil ich nicht noch einmal eine Stunde warten will, mache ich für heute Schluss.

Haben Freelancer schlechtere Chancen?

Im Zug nach Hause treffe ich Raeef* aus Pakistan. Er erkennt mich an meinem Deliveroo-Shirt. Raeef arbeitet seit einem Monat als Fahrradkurier, ist aber unzufrieden mit seinem neuen Job. „Deliveroo gibt die meisten Aufträge an die Angestellten und kaum welche an die Freelancer“, sagt er. Außerdem würde die App ihn regelmäßig in Straßen schicken, für die er gar nicht eingeteilt sei. „Die vielen Kilometer merke ich nach jeder Schicht in den Beinen“, sagt Raeef. Er überlege deshalb, sich eine andere Arbeit zu suchen.

Wenige Tage später beginne ich die zweite Schicht – diesmal abends um halb sechs. Nach nicht einmal fünf Minuten vibriert mein Handy. Ich soll abermals zum Italiener und zwei Pizzen abholen. Während ich im Restaurant warte, serviert der Kellner einen Espresso aufs Haus. Nachdem ich die Bestellung abgeliefert habe, erhalte ich sofort den nächsten Auftrag.

Nach den eigenen Regeln fahren

Diesen und den nächsten Abend geht es konstant so weiter. Die App gönnt mir keine Pause. Ich liefere Curry vom Inder und Salate von Dean & David, stapfe durch Treppenhäuser und fahre mit dem Aufzug in den 18. Stock zu einer Finanzfirma. Die Kunden grinsen mich zwar alle an, aber mehr als ein oder zwei Sätze wechseln wir nie. Eine Frau mit italienischem Namen gibt mir mein erstes Trinkgeld von einem Euro, kurz darauf drückt mir ein Inder eine Zwei-Euro-Münze in die Hand.

Weil ich möglichst schnell möglichst viele Bestellungen abliefern will, beginne ich, meine eigenen Verkehrsregeln aufzustellen. Fußgänger werden zu Slalomstangen, Stoppschilder gelten nur für die anderen, und rote Ampeln beachte ich ausschließlich, wenn Autos in der Nähe sind. Ich perfektioniere die Ein- und Ausräumtechnik meines Rucksacks und entdecke Abkürzungen und Seitenstraßen.

Kein schlechter Stundenlohn

Nach einer Weile komme ich ins Stocken. Grund dafür ist ein Mitarbeiter von JP Morgan, der ein Nudelgericht namens „Frühlingserwachen“ bestellt hat. Damit lässt er mich in der gewaltigen Eingangshalle des Firmengebäudes warten. Die Decke ist höher als das Dach des zweistöckigen Studentenwohnheims, in dem ich wohne. Die Empfangsdame hinter dem steinernen Rezeptionstresen wirkt wie ein Zwerg. Nach einer Viertelstunde ruft der mysteriöse Banker an: Er befinde sich gerade in einem Gespräch, ich solle sein Essen doch bitte unten abgeben.

Immerhin spendiert er über die App einen Euro Trinkgeld. Am Ende der Schicht schaue ich auf mein Handy. An zwei Abenden habe ich fünfeinhalb Stunden gearbeitet, 13 Bestellungen abgeliefert, bin rund 55 Kilometer durch Frankfurt geradelt und habe inklusive Trinkgeld mehr als 80 Euro verdient. Ich lande bei einem Stundenlohn von fast 15 Euro. Nicht schlecht. Ich bin zufrieden mit meinem neuen Job.

Drei Pullis gegen die Kälte

Weil ich mehr über die Arbeitsbedingungen der Fahrradkuriere erfahren will, treffe ich mich in einem Café mit Christoph. Der Neunundzwanzigjährige arbeitet seit einem Jahr als Freelancer. Vor einiger Zeit beförderte Deliveroo ihn zum Team Captain und bezahlt mittlerweile sechs Euro pro Lieferung. In guten Monaten verdient er mit seinem Halbtagsjob fast 1300 Euro, hinzu kommt noch ein wenig Geld aus einer anderen Anstellung. „Du bist Radkurier und kein Sonntagsbummler. Das verstehen viele nicht“, sagt Christoph. „Wenn du die Arbeit einigermaßen ernst nimmst, kannst du damit gutes Geld verdienen.“

Weil er sich aussuchen kann, wann er arbeitet, fährt Christoph oft mittags oder abends, wenn die meisten Bestellungen eingehen. So kommt er auf etwa drei Lieferungen pro Stunde. Auch am Wochenende oder bei klirrender Kälte schlängelt er sich auf seinem Rennrad durch den Frankfurter Verkehr. Wo viele andere Kuriere sich beschweren würden, denkt Christoph pragmatisch. „Ich mag die Freiheit, mir meine Schichten selbst einteilen zu können“, sagt er. „Und wenn ich friere, ziehe ich mir eben drei Pullis an.“

Der Algorithmus nervt

Trotzdem gibt es Momente, in denen Christoph seinen Job verflucht. Das liegt vor allem an „Frank“: So hat er den Deliveroo-Algorithmus getauft, der entscheidet, welcher Fahrer welche Aufträge zugewiesen bekommt. Manchmal schicke Frank ihn von einem Ende der Stadt ans andere, obwohl auch Aufträge von näheren Restaurants verfügbar seien, sagt Christoph. „Ich weiß, dass der Zeitdruck den Algorithmus treibt, aber es sollte sich nicht nach Schikane anfühlen.“

Weil Christoph nicht angestellt ist, bekommt er kein Geld, wenn er verletzt oder krank ist. Für Rücklagen reicht sein Gehalt nicht aus. Was er bei einem Unfall machen würde? „Dann hätte ich wohl ein ziemlich dickes Problem“, sagt er. Für Unfall- und Krankenversicherung muss er selbst aufkommen. Auch das Rennrad, das ihm vor einigen Wochen geklaut wurde, ersetzte er aus eigener Tasche – für 200 Euro.

Nur wenige Kuriere wehren sich

Einige Tage nach unserem Treffen besuche ich eine Protestveranstaltung im Kulturzentrum Klapperfeld. Die Initiative Arbeitskampf (IAK) hat eingeladen, um sich mit den Kurieren über deren Arbeitsbedingungen auszutauschen. Wir sitzen im Stuhlkreis, auf einem Tisch stehen Prinzenkekse, Salzstangen und Mate-Flaschen. Es sind nur zehn Leute gekommen: außer mir noch sieben Veranstalter und zwei Fahrradkuriere.

Eigentlich wollte ich mich hier mit Foodora-Fahrern über ihre Erfahrungen unterhalten. Stattdessen erzählen die Veranstalter, in welchen europäischen Städten die Kuriere sich schon solidarisiert haben. In Berlin beispielsweise, wo sie vor einigen Wochen ihre alten Fahrradteile aufhäuften und höhere Löhne forderten. Immerhin verrät mir einer der Veranstalter die E-Mail-Adresse von Max*, mit dem ich ein Gespräch ausmache.

Der Job wird stressiger

Max arbeitet seit einem Dreivierteljahr für Foodora. Am Anfang war er mit seinem Job zufrieden. „Aber seit es auf den Börsengang zuging, hat man das Gefühl, dass es für uns immer schlimmer wird“, sagt er. Früher hätten die Fahrer Regenhosen und Ersatzschläuche bekommen. Heute verteile Foodora stattdessen größere Rucksäcke, damit die Kuriere größere Pizzen transportieren können. Einige seiner Kollegen klagen laut Max seitdem über Rückenschmerzen.

Es gebe Tage, sagt Max, da fahre er fünf Stunden lang pausenlos durch die Stadt, manchmal auch durchnässt im strömenden Regen. Trotzdem könne er viele Bestellungen nicht rechtzeitig ausliefern. „Es kommt vor, dass ich das Essen im Restaurant abhole und mir die App dann anzeigt, dass ich vor 15 Minuten beim Kunden hätte sein sollen“, sagt er. „Sobald irgendwas ein bisschen länger dauert, bekommen wir piepende Nachrichten. Das gibt einem das Gefühl, dass man nicht richtig arbeitet, und ist echt stressig.“

Liegt die Schuld bei der Zentrale?

Trotz allem mag Max seinen Job, vor allem wegen der Arbeit an der frischen Luft und den netten Kollegen. Schuld an den schlechten Arbeitsbedingungen seien schließlich nicht seine direkten Vorgesetzten, sondern die Zentrale in Berlin. Weil er das Geld braucht, um sein Studium zu finanzieren, will er zumindest noch in diesem Winter mit seinem pinken Rucksack durch Frankfurt radeln.

Ich hingegen bringe meine Ausrüstung nach nur einer Handvoll Schichten zurück ins Deliveroo-Büro. Den ganzen Morgen hat es geregnet, weshalb sich meine Wehmut in Grenzen hält. Als ich mit dem klapprigen Aufzug nach unten fahre und auf die Straße trete, ist der Himmel zwar grau, aber der Regen hat aufgehört. Hätte ich nicht eben gekündigt, könnte ich jetzt ein paar Bestellungen ausliefern. Stattdessen steige ich auf mein Fahrrad, ohne Eile und ohne Rucksack, und radle gemütlich zurück nach Hause.

*Name des Kuriers geändert

Quelle: F.A.S.
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