Stadtschulsprecherin

Ihr geht es ums Helfen, nicht ums Streiten

Von Jochen Remmert
 - 10:02

Ihr sanftes Auftreten und das locker über das schwarze Haar gelegte Tuch sollte ihr Gegenüber nicht zu falschen Schlüssen verleiten. Wenn Hibba Kauser das Wort ergreift, wird schnell klar, dass es die 18 Jahre alte Abiturientin aus Offenbach bestens versteht zu argumentieren und auch entschieden zu kritisieren. Wenn etwa die Landesschülervertretung, zu deren Vorstand sie gehört, anhand von Vertretungsplänen Zahlen zum Unterrichtsausfall an hessischen Schulen vorlegt, der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) bislang aber behauptet hat, dass solche Zahlen nicht zu erheben seien, bringt sie das richtig in Rage. „So verschlafen darf ein Kultusministerium nicht sein“, schimpft die junge Frau mit pakistanischen Wurzeln.

Überhaupt ist sie vom Angebot der Schulen in Hessen nicht eben begeistert. Es gebe zwar viele engagierte Lehrer, es werde aber zu wenig Wert auf die Persönlichkeitsbildung der jungen Menschen gelegt. Unterrichtsvorgaben würden „auf dem Papier“ erfüllt. Das im Grunde streng hierarchisch aufgebaute „Machtsystem“, verhindere geradezu, dass sich junge Leute im Sinne der demokratischen Verantwortung entwickelten.

„Ich bin eine emanzipierte Frau“

Sich mit „großen Tieren“ anzulegen, ist aber nicht die eigentliche Leidenschaft der jungen Frau, die unmittelbar nach der Flucht der aus religiösen Gründen verfolgten Eltern und der beiden älteren Brüder aus Pakistan vor gut 18 Jahren in einem deutschen Auffanglager zur Welt gekommen ist. Hibba Kauser engagiert sich vielmehr mit Leib und Seele für Menschen, die sich nicht selbst helfen können. Und wenn es dafür nötig ist, sich zu streiten, dann ist die energiegeladene Abiturientin auch jederzeit dazu bereit. Aber in erster Linie geht es ihr ums Helfen, nicht ums Streiten.

Dass sie sich zuletzt mit einer Online-Petition für von der Abschiebung bedrohte Mitschüler afghanischer Herkunft eingesetzt hat und in Berlin dieser Tage mehr als 56 000 Unterschriften gemeinsam mit anderen Offenbacher Schülern dem Petitionsausschuss des Bundestages übergeben konnte, ist nur eine Ausprägung dieser Leidenschaft, die ihr inzwischen den Integrationspreis ihrer Heimatstadt eingetragen hat.

Schon vor Jahren hat sie als Mittelstufenschülerin damit begonnen, alte Menschen in Heimen zu besuchen, um ihnen Gesellschaft zu leisten. „Die alten Leute sind oft sehr einsam, und ich kann ihnen mit meiner Zuwendung Freude bereiten. Das ist ein gutes Gefühl“, sagt sie. Dieses soziale Engagement, dieser Einsatz für andere, habe ihr selbst überhaupt erst die Kraft gegeben, ein gesundes Selbstvertrauen zu entwickeln. Und das hat die junge Frau inzwischen: „Dass ich ein Kopftuch trage, ist meine Entscheidung, Ausdruck meines Glaubens. Und wenn ich es nicht wollte, würde ich es nicht tragen“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich bin schließlich eine emanzipierte Frau.“

Politologie oder Philosophie?

Die Vorliebe zum sozialen Engagement schreibt sie auch den Eltern zu, sie hätten ihr immer Hilfsbereitschaft vorgelebt. Auch die guten Erfahrungen ihrer Familie nach der Flucht haben dazu beigetragen: „Ich bin hier immer in dem Gefühl aufgewachsen, dass ich dazugehöre. Das möchte ich nun auch anderen vermitteln“, sagt sie. Das vielfache Engagement fordert aber seinen Tribut: bisweilen arbeitet sie sogar Nächte durch.

Nach dem Abitur wird Hibba Kauser wohl Philosophie und Politikwissenschaft studieren, eventuell auf Lehramt, da mag sie sich noch nicht festlegen. Was sie aber schon sicher weiß, ist, dass sie vorher ein soziales Jahr absolvieren will – und zwar in Afrika. „Das Schicksal der Kinder dort hat mich schon immer tief bewegt. Und da will ich helfen“, sagt sie, und ihr Blick lässt an ihrer Entschlossenheit keinen Zweifel aufkommen.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Remmert
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.
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