Deutschland bei der Fußball-WM

Von Franz über Rudi bis hin zu Mario

Von Roland Zorn
 - 19:40
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Ein Mann, ein Wort. So war es früher, als Interviews mit Fußballprofis noch keiner Autorisierung bedurften, als leise Kritik an den Verhältnissen im Klub oder in der deutschen Nationalmannschaft nicht als Sakrileg missverstanden wurde, als im Schlepptau der Spieler und Trainer noch keine Berater unterwegs waren und Meinungsverschiedenheiten innerhalb einer Mannschaft offen und ohne die Angst ausgetragen wurden, damit sogleich den innerbetrieblichen Frieden aufs Spiel zu setzen. Es waren manchmal rauhe, aber meistens herzliche Zeiten, in denen auch mal über Dritte gelacht und gelästert werden durfte, ohne dass eine Zensurbehörde des Fußballs eingegriffen hätte. Diejenigen, die für gut genug befunden worden waren, in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Bundesrepublik Deutschland und dann das wiedervereinigte Deutschland sportlich zu repräsentieren, kannten keine falschen Hemmungen oder Berührungsängste. Sie waren nicht zimperlich, nicht in ihrer Wortwahl und nicht auf dem Platz, und sie ließen sich auch nicht alles gefallen, nur dem schönen Schein zuliebe. Es war eine Zeit ohne Internet und Social Media, in der Stars des Fußballs und Fußballjournalisten einen barrierefreien Umgang miteinander hatten, bei dem so manche vertrauliche Information unter Verschluss blieb, wenn darüber gegenseitiges Einvernehmen herrschte.

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Der Frankfurter Thomas Berthold, einer der besonders schlagfertigen Weltmeister von 1990, bedauert die Entwicklung hin zu einer Generation von Nationalspielern, die auf Schritt und Tritt von Mitarbeitern des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) oder ihrer Klubs begleitet und damit zumindest unausgesprochen zu allzeit „korrekt“ redenden und handelnden Personen des öffentlichen Interesses geformt werden. Berthold sagt: „Die Typen sterben einfach aus, weil viele Persönlichkeiten unterdrückt werden.“ Dass die Meinungsfreiheit auch für ihn nicht grenzenlos war, bekam Berthold allerdings am eigenen Leib zu spüren. Ende 1994 hatte der Nationalspieler dem „Spiegel“ ein Interview gegeben, in dem er unter anderem gesagt hatte: „Es ist alles so ernst bei uns, zu generalstabsmäßig geplant. Auch Berti ist zu verbissen. Selbst unser Torwarttrainer Sepp Maier macht keine Witze mehr.“ Der damalige Bundestrainer Berti Vogts reagierte humorfrei und berief den zweiundsechzigmaligen Nationalspieler nicht mehr in sein Aufgebot.

Der manchmal kleinteilig denkende und handelnde Vogts folgte im Spätsommer 1990 dem Souverän Franz Beckenbauer, der den Deutschen ein paar Wochen vorher mit seiner grandiosen Mannschaft den ersten Weltmeistertitel seit 1974 beschert hatte. Was sich an jenem 8. Juli in Rom durch Andreas Brehmes Elfmetertor zum 1:0-Endspielsieg über Argentinien rundete, war der Höhepunkt einer deutschen Festa All'Italiana, die einen Monat lang die Menschen in Deutschland ähnlich verzauberte wie das deutsche „Sommermärchen“ 2006. Der Sommernachtstraum von Rom krönte eine Reise nach Italien, während der die Deutschen, die im Castello di Casiglio in Erba nahe des Comer Sees logierten, mit ihrem über Wochen intakten Teamgeist und der gemeinsamen Lust auf Fußball höchster Qualität jede Herausforderung gern annahmen und daraus Siege en suite machten.

Unter der herrschaftlichen Anleitung des diesmal milden und nicht mehr wilden „Kaisers“, wie zuvor bei seinen Probeläufen bei der WM 1986 in Mexiko, als Deutschland Platz zwei hinter Argentinien belegte, und der EM 1988 in Deutschland, als Beckenbauers Team im Halbfinale an den Niederlanden scheiterte, stimmte in Italien alles: das Ambiente, das Betriebsklima, die nie nachlassende Konzentration auf das höchste Turnierziel und die Atmosphäre rund um die von tausenden deutschen Fans besuchten Spiele. Das Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion wurde zur deutschen Heimspielarena von den Gruppenspielen bis zum Viertelfinale. Auch das Turiner Stadio delle Alpi war beim glücklichen Sieg per Elfmeterschießen gegen die Engländer schwarz-rot-gold koloriert wie das römische Olympiastadion beim großen Finale.

Was den schon als Spieler und Kapitän der deutschen Weltmeister von 1974 genialen Beckenbauer 16 Jahre später zur deutschen „Lichtgestalt“ machte, war die Mischung aus beiläufiger Lässigkeit, hochprofessioneller, aber nie angestrengt wirkender Arbeit auf dem Trainingsplatz und einer unantastbaren Überzeugung, mit diesen Spielern den zweiten Gipfel seiner Laufbahn erreichen zu können. Er, der den Kumpeltyp Jupp Derwall nach der fehlgeschlagenen EM 1984 mit dem Aus nach den Gruppenspielen beerbt hatte, verlor nur einmal kurz die Contenance, als er nach dem mickrigen 1:0-Erfolg über die Tschechoslowakei im Viertelfinale wütend gegen eine Wasserkiste trat und sich dabei den Fuß verstauchte. Sonst aber befolgten seine Spieler Beckenbauers einfaches Motto, „geht's raus und spielt's Fußball“, mit sehenswerter Konsequenz. „Wir Spieler haben Franz alles geglaubt“, sagte Mannschaftskapitän Lothar Matthäus über die Magie eines Fußballlehrers, der auch diesen Beruf, den er nicht klassisch erlernt hatte, auf Anhieb beherrschte.

Wenn die Weltmeister in spe einmal unaufmerksam oder vorlaut zu werden drohten, demonstrierte ihnen Beckenbauer auch einmal seine zeitlose Extraklasse - etwa, als ein Ball bei einer Trainingseinheit wie aus dem Himmel gefallen auf ihn zusauste und der „Kaiser“ ihn derart mühelos stoppte und bei Fuß links liegen ließ, dass seine Nationalspielergrößen nur staunten. Nach den heute gültigen Maßstäben für Anstand und Sitte hätte derselbe Beckenbauer nach seinen manchmal weniger geglückten Auftritten während der WM 1986 kaum eine weitere Weltmeisterschaft als Teamchef erlebt. In Mexiko fetzte er sich wiederholt mit dem einheimischen Journalisten Miguel Hirsch - bis hin zu der Aussage, dass dieser Mann so klein sei, dass man ihn kaum sehen könne. Was Beckenbauer zu dem schrecklich verunglückten Satz veranlasste, „da braucht man nur kurz zuzudrücken, dann gibt es ihn nicht mehr“. Zwei Jahre später war der Teamchef ein schlechter Verlierer, als die Holländer den Deutschen das Hamburger EM-Halbfinale mit einem verdienten 2:1-Sieg vermiesten, was in Beckenbauers Augen zunächst „die wahrscheinlich unglücklichste Niederlage der letzten Jahrzehnte war“.

Nach dem WM-Triumph von 1990 erlebte die Welt einen anderen Beckenbauer, der einsam über den Rasen des Olympiastadions schlenderte und dabei entrückt anmutete wie einer, der aus anderen Sphären auf die Welt gekommen war. Erst als sich der Weltmeistermacher danach beim Blick auf die deutsche Einheit zu einer, wie sich zeigen sollte, haltlosen Prognose verstieg, irrte er wie so viele Fußballexperten. „Wir sind jetzt die Nummer eins in der Welt“, hob der Überflieger Beckenbauer im Überschwang der Gefühle hervor, „jetzt kommen die Spieler aus Ostdeutschland noch dazu. Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft auf Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird. Es tut mir leid für den Rest der Welt.“ Beckenbauer selbst brauchte sich an diese Worte nicht erinnern zu lassen. Er trat wenig später als Teamchef zurück und half zehn Jahre später mit, das WM-Turnier 2006 als Präsident des deutschen Organisationskomitees nach Deutschland zu holen. Wie er diese Rolle verstand und ausübte, darüber liegt seit längerem ein Grauschleier, bei dem es um nicht aufgeklärte Zahlungen, schwarze Kassen und andere Vorhaltungen geht, die den einstmals Unantastbaren tief getroffen haben.

Berti Vogts hatte es zeit seiner acht Jahre (1990 bis 1998) an der Spitze der DFB-Trainer nie leicht. Wenn er sich die natürliche Lockerheit des Münchner „Kaisers“ anzueignen versuchte, scheiterte er auf eine manchmal tragikomische Art und Weise. Und so lautete eine der besten Sentenzen des eher geduldeten als hofierten Mönchengladbachers: „Wenn ich übers Wasser laufe, sagen meine Kritiker: Nicht mal schwimmen kann er!“ Vogts, in Beckenbauers Trainerstab beim deutschen WM-Sieg 1990, feierte seinen größten Erfolg, den Gewinn der Europameisterschaft, 1996 in England. Nach Oliver Bierhoffs Golden Goal im Londoner Wembley-Stadion zum 2:1-Endspielsieg über die Tschechische Republik verneigte sich der kleine Maestro vor den deutschen Fans und ließ auch in den Momenten seiner größten Genugtuung den Groll erkennen, nie so richtig respektiert worden zu sein: „Als Spieler war ich die Berti-Chöre gewöhnt“, sagte der vormals als „Terrier“ gefeierte Verteidiger von Borussia Mönchengladbach, „als Trainer waren bei mir Pfiffe angesagt. Ich glaube, jetzt erkennt man auch die Arbeit dieses Trainers an.“ Der Europameister-Trainer sprach über sich gern in der dritten Person, als traute er sich das Ich kaum zu. Dabei war Vogts keinesfalls ein fader Gesprächspartner, der bei der Entwicklung seines Spiels ohne eigene Idee gewesen wäre.

Was ihm fehlte, waren das Selbstvertrauen, die genuine Brillanz und Leichtigkeit, die seinen Vorgänger, den Teamchef ohne Trainerausbildung, im Übermaß ausgezeichnet hatten. Vogts kritisierte oft und wurde dabei gern grundsätzlich. Aber auch Selbstkritik war ihm nicht fremd. So gab der Kontrollfreak einmal zu, dass er zu lange dem Hang nachgegeben habe, „der Oberlehrer sein zu müssen. Ich dachte: Ein Kind bleibt immer ein Kind.“ Ein Teil dieser längst erwachsenen Kinder fand nie einen Draht zu Vogts. Allen voran Lothar Matthäus, als Kapitän der Weltmeister 1990 ein Beckenbauer-Vertrauter. Vogts jedoch, sagte Matthäus in einem Interview mit dieser Zeitung im Jahr 2000, sei ihm gegenüber „immer sehr misstrauisch“ gewesen. Den Oberlehrer und Besserwisser konnte dieser im Zweifel defensive Bundestrainer trotz anderslautender Bekenntnisse nie so ganz unterdrücken. Und so fehlte auch seinen Spielern gelegentlich entweder die Fähigkeit, frei zu entscheiden und zu handeln, oder die Klasse, plötzliche Anflüge von Generosität bei ihrem Cheftrainer nicht hemmungslos auszunutzen. Matthäus sagte gegenüber dieser Zeitung einmal beim Blick auf die missratene WM 1994 in den Vereinigten Staaten, wo Deutschland im Viertelfinale mit einer 1:2-Niederlage am Außenseiter Bulgarien scheiterte: „Man kann eben nicht fünf, sechs Stunden pro Tag auf dem Golfplatz stehen und noch zweimal trainieren. Die Spieler haben sich zu viel rausgenommen, ich auch.“

Vier Jahre später gaben die Deutschen bei der WM 1998 in Frankreich auch kein besseres Bild ab. Nach einer 0:3-Niederlage gegen Kroatien war für sie das Turnier wieder im Viertelfinale vorbei. Damit war das Zeichen gesetzt, das auf eine baldige Trennung des damals von Egidius Braun geführten DFB vom lange geschätzten und geschützten Vogts deutete. Sie wurde wenige Monate später nach einem Trainingslager auf Malta, verknüpft mit zwei Länderspielen, vollzogen. Vogts' Autoritätsverlust, den auch Braun 1994 mit seiner Bemerkung beschleunigt hatte, der DFB denke darüber nach, seinen manchmal unbeholfen formulierenden Bundestrainer in einen Rhetorikkurs zu schicken, war nicht mehr aufzuhalten. Es war einsam um den Bundestrainer auf Abruf geworden, zumal ihm auch seine Spieler beim dünnen 2:1 über Malta und dem ähnlich unansehnlichen 1:1 gegen Rumänien nicht mehr helfen konnten oder wollten.

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Was nun, fragten sich danach die DFB-Oberen, unter denen Braun die Trainersuche zur Chefsache machte. Gleich drei überraschte Kandidaten machten sich Hoffnungen auf den vakanten Job: Paul Breitner, der als Trainer bis dahin nicht weiter aufgefallene Weltmeister von 1974, Ulrich Stielike, Europameister von 1980, und der Fußball-Ruheständler und vormalige Bundesliga-Trainer Erich Ribbeck. Bei seiner Fahndung nach dem richtigen Mann für das wichtigste Amt im deutschen Fußball kontaktierte der Aachener auch ihm vertraute Journalisten telefonisch. So überraschte Braun am Morgen des 9. Septembers auch den Autor dieser Zeilen mit der Frage: „Was halten Sie eigentlich von Erich Ribbeck?“ Der Befragte war, von Braun flugs zum „Freund“ und Gutachter ausgerufen, derart perplex, dass er seine Skepsis in womöglich zu freundliche Worte kleidete, als Braun ihm sein schnelles Abrücken vom machtbewussten Breitner („Ich habe mich 17 Stunden als Teamchef gefühlt“) erklärte und seine frisch entdeckte Präferenz für Ribbeck erläuterte. Der bekam am selben Nachmittag als frisch inthronisierter Teamchef Stielike an seine Seite gestellt: als Assistent, der sich zuvor auch zum Chef berufen glaubte. Aus dieser Mesalliance erwuchs keine vertrauliche Partnerschaft während einer Zeit, in der der deutsche Fußball den Anschluss an die Moderne verloren hatte.

Ribbeck, den sie, weil stets picobello gekleidet, den „Sir“ nannten, hing einem altmodischen Fußballverständnis an, in dem auch noch für den einst von Beckenbauer geprägten Libero Platz war. Stielike, der sich, mehr als sein Chef mit den neuzeitlichen Entwicklungen im Fußball vertraut, bei Gelegenheit deutlich von Ribbeck abgrenzte, verlor Ribbecks Vertrauen und musste kurz vor der Europameisterschaft 2000 gehen. Ihn ersetzte der loyale Horst Hrubesch, damals noch ohne eigenes Trainerprofil. Was danach beim Turnier in den Niederlanden und Belgien passierte, geriet zu einem Offenbarungseid des deutschen Fußballs. Nach einem Unentschieden und zwei Niederlagen in den Gruppenspielen war das perspektivlose Ribbeck-Intermezzo vorbei.

Der Münchner Mehmet Scholl, der beim 1:1 gegen Rumänien das einzige deutsche Tor geschossen hatte, vertraute sich einigen deutschen Reportern schon vor Turnierbeginn mit der Bitte um Verschwiegenheit an: „Der Herr Ribbeck ist ein liebenswürdiger älterer Herr“, sagte er, „aber als Trainer fehlt ihm einiges. Das wird nichts bei diesem Turnier.“ Scholl behielt Recht, da vor 18 Jahren neben der fehlenden spielerischen Klasse nicht einmal die oft bewährten deutschen Kämpfertugenden zu sehen waren. Da Ribbeck auch noch seinen Kapitän Oliver Bierhoff ignorierte und nicht aufstellte, trug sich der Essener, heute Manager der Nationalmannschaft, in vertraulichen Gesprächen mit Rücktrittsgedanken noch während des Turniers, die er dann aber doch verwarf. Der 63 Jahre alte Ribbeck machte bei dem Turnier alles falsch, was falsch zu machen war. Vor allem, dass er den 39 Jahre alten Lothar Matthäus reaktiviert und mit der Chefrolle auf dem Platz betraut hatte, stieß bei großen Teilen der Mannschaft auf Unverständnis. Der von den New York New Jersey Metro Stars heimgeholte Libero ohne Gefolgschaft erlebte bei der EM 2000 zum Ende seiner großen Karriere auch einen persönlichen Tiefpunkt. Ribbeck übernahm „für das katastrophale Abschneiden die volle Verantwortung“ und trat von seiner Mission Impossible umstandslos zurück.

Es war die Stunde Null des deutschen Fußballs, nach der zunächst der beim 1. FC Köln und Bayer 04 Leverkusen mit neuen Trainingsmethoden und Motivationstricks erfolgreiche Christoph Daum von 2001 an die Nationalmannschaft wieder aufbauen sollte. Da ihn die Leverkusener nicht vor dem Vertragsende freigeben wollten, fiel dem darüber selbst verblüfften Rudi Völler im Sommer 2000 der Part des vermeintlichen Übergangstrainers zu. Der als Weltmeister 1990 und ehemaliger Weltklassestürmer ob seiner Bodenständigkeit beliebte Teamchef ohne Trainerpraxis („es gibt nur ein'n Rudi Völler“) restaurierte als Erstes den Stolz und das Selbstbewusstsein einer Mannschaft, die von dem Hessen zunächst ähnlich souverän angeleitet wurde wie Beckenbauers Champions zehn Jahre zuvor. Weil Daum inzwischen wegen einer Kokain-Affäre als Bundestrainer nicht mehr tragbar war, verlängerte sich das Völler-Interregnum bis 2004.

Es bescherte dem DFB 2002 immerhin Platz zwei bei der WM in Südkorea und Japan - mit einem Team, das nicht allzu reich mit jungen Spielern und Talenten gesegnet war. Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski standen erst am Anfang ihrer Karrieren, die im Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 gipfelten. Völler verstand es in seinen zwei überzeugenden Jahren als Teamchef, die Begeisterung der Fans ebenso neu zu erwecken wie den Gemeinschaftsgeist innerhalb seiner Mannschaft, die von Spielerpersönlichkeiten wie dem Kapitän Michael Ballack und dem Torhüter Oliver Kahn angeführt wurde. „Rudi hatte diese Aura, die Menschen mit wenigen Worten erreicht“, hat der Münchner Dietmar Hamann, der unter Rudi Völlers Regie seine besten Länderspiele gemacht hat, über ihn gesagt. 2004, bei der Europameisterschaft in Portugal, reichte Völlers Aura nicht mehr für einen weiteren Coup. Die Deutschen schieden nach den Gruppenspielen aus, und der Teamchef trat zurück.

Was folgte, waren goldene Jahre für den deutschen Fußball. Eingeleitet von Jürgen Klinsmann, der neue Wege im DFB riskierte, ohne schon ein großer Trainer gewesen zu sein. Er baute die Trainer- und Betreuerstäbe wie heute in der Bundesliga üblich ob der Vielfalt an speziellen Aufgaben aus, rief eine frische Begeisterung rund um die verjüngte Nationalmannschaft hervor und weckte damit das Hochgefühl, das die WM 2006 sonnig überwölbte. Vollendet hat Joachim Löw, Klinsmanns früherer Assistent und Nachfolger seit 2006, den deutschen Aufstieg an die Weltspitze, kulminierend im Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, dem Land des fünfmaligen Weltmeisters. Das 7:1 gegen die Brasilianer im Halbfinale wurde zum unwirklich scheinenden Gipfel deutscher Fußballkunst, die im größten südamerikanischen Land die tollsten Blüten trieb. Löw hat „die Mannschaft“, wie sie von den Marketingprofis des DFB neuerdings angepriesen wird, auf hohem Niveau über die zwölf Jahre seiner Tätigkeit an der Spitze der deutschen Fußballlehrer gehalten. Versteht sich, dass der Bundestrainer auf dem Weg zur WM in Russland das, was er hat, zu verteidigen gedenkt.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Roland Zorn
Sportredakteur.
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