Raumfahrtgeschichte

Als Allererste im All

Von Manfred Lindinger
 - 09:17

Als am 16. Juni 1963 das sowjetische Raumschiff Wostok6 vom Weltraumbahnhof Baikonur abhob, feierte die Sowjetunion im Wettlauf um die Vorherrschaft im All noch einen Triumph gegenüber den Vereinigten Staaten. Denn an Bord saß erstmals eine Frau: Walentina Wladimirowna Tereschkowa. Der Flug der Russin dauerte knapp drei Tage. Fast 50 Mal kreiste sie um die Erde – häufiger als die Astronauten des Mercury-Programms der amerikanischen Raumfahrtbehörde. Dabei näherte sich Tereschkowa mit ihrer Kapsel bis auf wenige Kilometer der Kapsel Wostok 5, in der ihr Kollege Waleri Bykowski saß, der bereits zwei Tage lang in der Umlaufbahn kreiste.

Sie landete am 19.Juni bei Nowosibirsk, wo sie begeistert empfangen wurde. Die Sowjet-Führung feierte Tereschkowa als Volksheldin und verlieh ihr den Titel „Fliegerkosmonaut der Sowjetunion“. Die Sechsundzwanzigjährige galt als Beweis dafür, dass im Sozialismus die Geschlechter gleichberechtigt sind. Regierungschef Nikita Chruschtschow selbst hatte sich dafür starkgemacht, dass auch Frauen der Weg ins All offen steht. Er ließ gezielt nach einer Arbeiterin suchen. Aus Tausenden von Bewerberinnen wurde die gelernte Näherin Walentina Tereschkowa ausgewählt. Für die junge Frau, die am 6. März 1937 in einem kleinen Dorf nordöstlich von Moskau geboren wurde und in einer Textilfabrik arbeitete, erfüllte sich ein Traum, durfte sie doch in die Fußtapfen ihres Idols Juri Gagarin treten, der 1961 als erster Mensch ins All geflogen war.

Älteste weibliche Raumfahrerin

Sie wollte früh dem Himmel nah sein, sagte Tereschkowa später einmal. Dafür lernte die Jungkommunistin, die sich neben ihrer Arbeit im Spinnerei-Kombinat zur Technikerin ausbilden ließ, das Fallschirmspringen. Schließlich bewarb sie sich für die erste Mannschaft weiblicher Kosmonauten. Ihr Raumflug blieb lange eine einmalige Angelegenheit. Erst 1982 folgte ihr die Kosmonautin Swetlana Sawizkaja ins All, die mit Sojus 7 zur sowjetischen Raumstation Saljut 7 startete.

Rund 60 Frauen sind bisher ins All geflogen, 46 von ihnen waren Astronautinnen aus den Vereinigten Staaten, nur vier von ihnen Kosmonautinnen aus Russland. Auch die Europäer schickten bislang nur drei Frauen in den Weltraum. Eine deutsche Astronautin gab es noch gar nicht. Das soll sich jedoch ändern. In der vergangenen Woche wurden in Bremen sechs Kandidatinnen vorgestellt, denen man einen Flug zutraut. Der beste Beweis, dass nicht nur Männer das Zeug zum Astronauten haben, ist die amerikanische Astronautin Peggy Whitson. Die 57Jahre alte Biologin arbeitet zurzeit auf der Internationalen Raumstation. Sie ist die älteste weibliche Raumfahrerin und mit drei Raumflügen die Astronautin, die sich am längsten im Weltraum aufgehalten hat.

Ein zweiter Raumflug blieb Tereschkowa verwehrt. Noch 1963 heiratete sie Andrijan Nikolajew, der als Kosmonaut an der Wostok-3-Expedition teilgenommen hatte, 1964 kam die Tochter des Ehepaars zur Welt. Danach machte sie in der Sowjetunion politische Karriere und stieg zu einer ranghohen Funktionärin auf, unter anderem war sie Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU. Heute sitzt sie für die Kremlpartei „Geeintes Russland“ in der Duma und engagiert sich für Präsident Wladimir Putin.

Walentina Tereschkowa, die bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi zu den acht Trägern der olympischen Fahne gehörte, trägt den militärischen Rang eines Generalmajors i. R. der Russischen Luftstreitkräfte. Der Raumfahrt ist sie zeitlebens treu geblieben. Sie würde, wenn sie dürfte, sofort noch einmal ins All aufbrechen, wenn es sein müsste, auch zum Mars, wie sie 2013 sagte. Von dort würde sie ihren alten Funkcode „Tschaika“ (Möwe) zur Erde senden. An diesem Montag wird die „First Lady des Kosmos“ 80 Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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