Ethan Hawke im Gespräch

„Ich bewundere Brad Pitt, aber ich beneide ihn nicht“

 - 19:19

Ethan Hawke leidet unter akutem Zeitmangel. Drei neue Filme hat er gerade abgedreht und steht schon wieder in Toronto vor der Kamera; Co-Star ist Emma Watson. Unser Interview wird immer wieder verschoben. Am Ende beschließen wir, miteinander zu telefonieren. Hawke will seine Mittagspause opfern. Doch die Dreharbeiten verzögern sich heute. Statt Hawke meldet sich aus Kanada immer wieder sein Agent in der knisternden Leitung: „Tut mir leid, Ethan ruft gleich zurück.“ Als das endlich passiert, ist es 22.30 Uhr.

Unser Thema: Hawkes mittlerweile siebter Film mit Regisseur Richard Linklater, mit dem er unter anderem schon „Before Sunrise“ und dessen Fortsetzungen „Before Sunset“ und „Before Midnight“ machte; es ist zugleich auch der ungewöhnlichste Film des Duos. Die Dreharbeiten zu „Boyhood“ begannen nämlich im Sommer 2002 in Houston, Texas, und wurden mit Unterbrechungen zwölf Jahre später abgeschlossen. Auf der diesjährigen Berlinale wurde Linklater dafür mit dem „Silbernen Bären“ für die beste Regie belohnt. Hawke, 43, der einst mit dem „Club der toten Dichter“ seinen Durchbruch hatte und für „Training Day“ für einen Oscar nominiert war, spielt in „Boyhood“ einen Scheidungsvater. 2005 wurde seine eigene Ehe mit der Schauspielerin Uma Thurman geschieden; seit 2008 ist er wieder verheiratet, mit Ryan Hawke, geborene Shawhughes. Insgesamt hat er vier Kinder, je zwei von jeder seiner beiden Ehefrauen.

Mr. Hawke, in „Boyhood“ sehen wir Sie in 164 Minuten im Zeitraffer zwölf Jahre altern. Mit welchen Gefühlen haben Sie den fertigen Film gesehen?

Das war eine ganz tiefgreifende Erfahrung für mich. Und nicht nur für mich, für das ganze Ensemble. In dieser Zeit ist eine Menge passiert, Dinge, die mein Leben verändert und geformt haben. Das hat Spuren in meinem Gesicht hinterlassen. Wir wissen alle, dass unser Leben endlich ist. Aber als ich „Boyhood“ dann gesehen habe, wurde mir das noch einmal so richtig bewusst. Ich sehe die Dinge heute tatsächlich klarer.

Was sehen Sie klarer?

Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich noch relativ jung war. Das war für mich ein dramatisches Ereignis und damit ein wichtiger Teil meiner Jugend. Und meine eigene Scheidung war natürlich auch so ein eingreifender Moment. Das waren zwei gravierende Ereignisse, die mich mit zu dem Mann gemacht haben, der ich heute bin. In diesen Film konnte ich all diese Dinge einfließen lassen und dazu noch meine eigenen Erfahrungen als Vater. Ich habe heute einen viel tieferen Einblick ins Leben, weil ich mehr Erfahrungen gemacht habe. Und damit spiele ich meine Rollen auch anders. Beim Filmemachen kannst du viele dieser scheinbar negativen Erinnerungen in die Arbeit einfließen lassen, und am Ende kommt dann trotzdem etwas Positives dabei heraus. Mir macht das richtig Spaß. Und das Faszinierende ist ja, dass sich die Perspektive im Leben ständig verändert. Ich war Sohn, bin jetzt selbst Vater und warte schon ganz gespannt darauf, was wird, wenn ich Großvater werde.

Verstehen Sie Ihre Eltern heute besser?

Auf jeden Fall. Ich habe unter der Trennung meiner Eltern gelitten. Das ist ja normal. Als Kind denkt man viel über die Motive seiner Eltern nach. Du meinst, sie sind vielleicht schwach oder sie lieben dich nicht genug. Wie kompliziert das alles ist, konnte ich damals gar nicht verstehen. Seitdem ich selbst Kinder habe, kann ich mich viel besser in meine Eltern hineinversetzen. Und natürlich habe ich ihnen viele Dinge vergeben. Da bin ich in einer sehr glücklichen Position. Denn heute habe ich Mitgefühl für meine Eltern. Es gibt ja auch Kinder, denen es nicht gelingt zu vergeben, weil die Verletzungen zu tief sitzen.

Erkennen Sie sich in der Rolle des Scheidungsvaters?

Ein Aspekt, der mich an dieser Rolle sehr interessierte, betraf meinen Vater und wie er sich verändert hat, während ich aufwuchs. Im Grunde habe ich meinen Vater ja auch dabei erlebt, wie er ein erwachsener Mann wurde. Denn er war noch sehr jung, als ich geboren wurde. Da war er gerade neunzehn Jahre alt. Und in den folgenden Jahren hat er sich enorm verändert, von meiner Geburt bis zu meinem Schulabschluss. Das sind wichtige Jahre für einen Mann. Sein Charakter war noch mitten in der Entwicklung. Und ich wollte eine Filmfigur schaffen, die die Entwicklung meines Vater widerspiegelt.

Was haben Sie daraus gelernt?

Die Opfer, die man als Eltern bringen muss, sind wirklich groß. Du musst lernen, Verantwortung zu übernehmen. Das werten wir natürlich immer als positiv; aber dafür zahlst du einen Preis. Denn nach und nach musst du dich von einem Teil deiner Träume verabschieden. Dieser Aspekt wird oft vergessen, wenn wir Geschichten über die Jugend erzählen.

Wie bewältigen Sie die Herausforderungen einer Patchwork-Familie?

Ich glaube, es gibt zwar nur sehr wenige Menschen, die meinen, sie haben die perfekte Familie. Wir müssen eben mit der Familie zurechtkommen, die wir haben. Trotzdem haben wir dieses Idealbild einer perfekten Familie, die irgendwo da draußen zu existieren scheint. Auch ich musste mich davon irgendwann verabschieden.

Kann man eigentlich Künstler mit dem dazugehörigen Ego und gleichzeitig ein guter Vater sein?

Es ist eine der größten Herausforderungen, über die eigentlich niemand redet. Junge Leute wollen es immer nicht in ganzer Konsequenz glauben. Aber Kinder zu haben ist eine ernste Angelegenheit. Für mich war es ganz schwierig, die Balance zu finden: der Vater zu sein, der ich sein wollte, und trotzdem meinen Träumen zu folgen. Das ist nicht nur für Künstler schwierig, sondern für jeden. Aber trotzdem sind Kinder ein großes Geschenk. Sie haben Liebe und Mitgefühl in mein Leben gebracht, und sie haben mir geholfen, mich von meinem Narzissmus zu befreien. Das war eine wichtige Lektion für mich. Trotzdem habe ich immer wieder diese Momente, in denen ich mich frage: Wie schafft es dieser George Clooney eigentlich, so viele Dinge auf einmal zu machen? Er hat eben keine Kinder.

Wie hat sich Ihre Einstellung zu Liebe und Beziehungen im Laufe der Jahre verändert?

Enorm. Aber es fällt mir schwer, diese Entwicklung in Worte zu fassen. Tatsache ist, dass ich in den vergangenen zwölf Jahren, in denen wir den Film gedreht haben, viel erwachsener geworden bin. Ich merke mit zunehmendem Alter, das Leben ist nicht so perfekt, wie man sich das als jüngerer Mensch vorstellt. Damals habe ich alles sehr schwarz und weiß gesehen und kategorisch in gut und böse eingeteilt. Es gab nur gute oder schlechte Erfahrungen, dazwischen existierte nichts. In meinem Alter stelle ich immer öfter fest, dass jedes Erlebnis eine ganz ambivalente Mixtur von verschiedenen Dingen ist. Ich habe erkannt, dass auch eigentlich positive Erfahrungen einen negativen Nachgeschmack haben können. Und negative Erfahrungen haben manchmal eine positive Entwicklung in mir ausgelöst.

Wie wirkt sich das praktisch auf Ihr Leben aus?

Ich habe nicht mehr diese konkrete Erwartungshaltung an das Leben mit Programmpunkten, die abgearbeitet werden müssen. Ich weiß, junge Leute wollen das nicht hören. Aber das Leben besteht aus vielen Kompromissen und ziemlich viel Grau. Wenn mir damals mit achtzehn Jahren jemand erzählt hätte, dass ich einmal als professioneller Filmschauspieler mein Geld verdienen würde und dass ich all diese Filme machen würde, wäre ich jeden Tag bestens gelaunt gewesen und jeden Tag voller Enthusiasmus aus dem Bett gesprungen. Stattdessen habe ich mir ständig Sorgen gemacht und mir den Kopf zerbrochen, was ich hätte anders tun sollen. Das Leben ist vielschichtiger, als ich es erwartet habe. Und dann haben wir all diese verschiedenen Rollen, die wir parallel ausfüllen müssen. Ich bin Schauspieler, Vater, Teil des Kulturbetriebes und der Filmindustrie und vieles mehr.

Sie haben sich der Erwartung verweigert, der typische romantische Held in Hollywood-Produktionen zu werden. Warum eigentlich?

Wissen Sie, das Leben als Filmstar schien mir irgendwie langweilig zu sein. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bewundere Kollegen wie Tom Cruise, Brad Pitt oder Leonardo DiCaprio. Das sind ja auch ganz wunderbare Schauspieler. Aber ich beneide sie kein bisschen. Ab einem gewissen Level von Berühmtheit distanziert man sich von der Welt und wird isoliert. Du wirst aus dem Alltag deiner Generation ausgeschlossen. Und nicht nur das, im Grunde schließt du dich damit aus dem kompletten normalen Leben aus.

Woran liegt das?

Je berühmter du wirst, desto dicker wird diese Schicht Glas, die du durchbrechen musst, um überhaupt wieder normalen Kontakt zu Menschen zu haben. So idealistisch sich das jetzt anhört, aber als junger Mensch wollte ich einfach nur Teil einer Gemeinschaft kreativer Menschen sein, die Kunst produziert, die etwas bedeutet. Das war immer mein Traum. Das war mir viel wichtiger, als ein Filmstar zu werden. Denn in dieser Position schleppst du eine Menge Gepäck mit dir herum. Das schien mir nicht besonders verlockend.

Sie haben das später wirklich nie bereut?

Doch, manchmal bereue ich es. Denn als Filmstar hast du natürlich eine gewisse Macht, um Filmprojekte anzuschieben. Brad Pitt ist eine Marke, die man auf der ganzen Welt kennt. Ohne ihn wäre „Tree of Life“ von Terrence Malick eventuell nie gedreht worden. Oder am Ende hätten sich nur fünfzehn Zuschauer den Film angesehen. Manchmal denke ich schon, wenn ich kommerziellere Entscheidungen getroffen hätte, könnte ich jetzt dazu beitragen, dass „Boyhood“ einen besseren Start hat.

Wie stellen Sie sich Ihr Leben in zwölf weiteren Jahren vor?

Das wird eine phantastische Zeit. Meine Jüngste wird dann fünfzehn Jahre alt sein. Sie ist dann so alt wie meine älteste Tochter jetzt. Das wird wundervoll, denn es bedeutet, dass meine Zeit als Betreuer kleiner Kinder endgültig vorbei sein wird. Eine großartige Vorstellung! Kindererziehung ist so viel Arbeit. Ich habe große Hoffnung für die zweite Hälfte meines Lebens. Die erste Hälfte war schon wirklich gut, aber ich hoffe, ich mache es in der zweiten Hälfte noch besser.

Was sind Ihre konkreten Pläne?

Ich habe einen tollen Beruf, aber ich würde gern noch mehr Regie führen und schreiben. Filmschauspieler zu sein ist definitiv eine Spielwiese für junge Männer. Denn für mich wird es immer schwieriger, anspruchsvolle Rollen zu finden. Ich möchte alles noch einmal so machen, nur besser.

Mit Ihren 43 Jahren sind Sie in Hollywood schon ein Veteran.

Ich glaube es ja selbst kaum, aber in diesem Jahr feiere ich mein 30-jähriges Berufsjubiläum als Schauspieler. Wenn ich jetzt noch weitere dreißig Jahre Filme mache, bin ich 73 Jahre alt. Wahrscheinlich spiele ich dann Rollen wie „King Lear“, aber das haben andere vor mir auch schon getan. Im Moment fällt es mir noch schwer, wie ich mich als Schauspieler weiterentwickeln soll. Aber ich glaube, es wird wesentlich einfacher, wenn ich nicht mehr so viel finanzielle Verantwortung habe. Immerhin habe ich vier Kinder. Irgendjemand muss ja die Brötchen verdienen.

Jede Schauspielerin wird, sobald sie dreißig geworden ist, nach Ihrer Angst vor dem Alter gefragt. Werden Sie gerne älter?

Das Tolle am Jungsein ist, dass alles so undefiniert ist. Als ich 23 war, hatte ich die Hoffnung, ein so großartiger Schauspieler wie Marlon Brando zu werden. Jetzt bin ich 43, und realistisch gesehen wird daraus ja wohl nichts mehr. Trotzdem: Mir gefällt es, älter zu werden.

Warum?

Ich habe viel weniger Ängste als früher. Als junger Mann war ich so rastlos und wollte es allen recht machen. Aber natürlich kann man nicht jeden zufriedenstellen. Ich kann das Leben heute mehr genießen. Das liegt auch an meiner phantastischen Frau. Sie hat mein Leben zum Besseren verändert. Manche Menschen brauchen eben etwas länger, um zu lernen, wie man wirklich liebt und wie man Liebe zulässt. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen kitschig, aber es ist wahr. Die größte positive Veränderung in meinem Leben war es, meine jetzige Frau kennenzulernen. Sie hat mein Leben besser und schöner gemacht.

Die Fragen stellte Bettina Aust.

„Boyhood“ läuft seit Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBrad PittEmma WatsonEthan HawkeUma Thurman