F.A.Z. Woche

Wenn Frauen zuschlagen

Von Leonie Feuerbach
 - 15:19
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Am Anfang der Beziehung liebte Martin Krüger die impulsive Art seiner Partnerin, am Ende fürchtete er sie. Er fürchtete sie so sehr, dass er sich gelegentlich nicht nach Hause traute, sondern bei Freunden schlief. Denn seine Partnerin rastete von Zeit zu Zeit aus, schlug auf ihn ein, mit den Fäusten oder einer Flasche. Einmal versuchte sie, ihm die Küchenschere in die Brust zu rammen. Martin Krüger erlitt häusliche Gewalt, auch wenn er das damals nicht so sah. Er dachte manchmal: Das ging jetzt wirklich zu weit. Doch er dachte nie: Meine Freundin schlägt mich. Diesen Gedanken konnte er nicht zulassen.

Heute sieht er es so: Schlägt ein Mann seine Frau, sind Familie und Freunde entsetzt. Das Thema ist schambesetzt, und viele Frauen haben Hemmungen, sich Hilfe zu suchen. Doch tun sie es, erwartet sie ein Netz an Hilfsangeboten: Rund 400 Frauenhäuser gibt es in Deutschland. Wird ein Mann von seiner Frau geschlagen, reagieren seine Bekannten oft erst mal belustigt. Der Mann schämt sich nicht nur für das, was ihm geschieht, er kann es sich eigentlich gar nicht eingestehen, ohne sein Mann-Sein in Frage zu stellen. Tut er es dennoch, gibt es praktisch keine Anlaufstelle für ihn. Nur in Sachsen existieren seit knapp drei Monaten zwei öffentlich geförderte Einrichtungen, eine in Leipzig und eine in Dresden, im Rest Deutschlands nur eine Handvoll privat finanzierter Beratungsangebote.

Martin Krüger, Mitte 40, sanfte Augen, sanfte Stimme, findet das nicht gerecht. Ihm ist aber auch klar, dass die Männer durch ihre Scham und Verschwiegenheit das Thema klein halten. Er selbst hat einem Gespräch nur unter der Bedingung zugestimmt, seinen richtigen Namen nicht zu nennen, nicht einmal die Stadt zu nennen, in der er lebt.

Prügel für die falschen Blumen

Auch Natalie Kuhn heißt eigentlich anders. Wegen häuslicher Gewalt stand schon mehrmals die Polizei vor ihrer Tür. An das erste Mal erinnert sie sich noch genau: Ihr Mann hatte ihr zum Geburtstag Schnittblumen von Aldi überreicht. Für sie konnte das nur heißen, dass er sie nicht liebte, sie nicht einmal respektierte. Sie warf die Blumen aus dem Fenster und stürzte sich auf ihn, schlug und kratzte und trat. Er blieb ruhig, wehrte ihre Schläge ab, ohne zurückzuschlagen, und rief die Polizei.

Natalie Kuhn, 45 Jahre alt, rötlich gefärbte Haare und schwarz nachgezogene Augenbrauen, lernte ihren Mann vor 14 Jahren über das Internet kennen. Kurz darauf zog sie aus dem Ausland zu ihm. Sie wollte geliebt und unterstützt werden, dabei, in einem fremden Land anzukommen, die Sprache zu lernen, eine Arbeit zu finden. Doch ihr Mann zog sich oft zurück. In den Schlägen, so sieht sie es heute, drückte sich auch ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe aus.

Auch Martin Krüger ist introvertiert, zog sich bei Konflikten zurück. Als er seine ehemalige Freundin kennenlernte, im Nachtleben einer Großstadt, fand er sie überschäumend, schillernd, faszinierend. Sie schien nicht zu bremsen zu sein, und das gefiel ihm. Doch ihre Energie entlud sie bald in stundenlangen Diskussionen, für die sie ihn nachts wachrüttelte. Wollte er dem entfliehen, verstellte sie ihm den Weg aus der Tür. Dann, eines Tages, beendete Martin Krüger einen Streit, in dem er sich bäuchlings aufs Bett warf. Sie nahm daraufhin Anlauf, sprang ihm mit den Knien voran auf den Rücken und biss mit voller Wucht in sein Ohr. Für ihn bedeutete das einen Bluterguss, Schmerzen, Fassungslosigkeit. Für sie, sagt er, war es wie eine Initialzündung, denn danach wurde sie immer wieder auch körperlich gewalttätig - und er ging oft mit einem mulmigen Gefühl zu Bett.

Gewalttätige Frauen suchen oft Nähe

Peter Thiel, Paartherapeut, berät in einer Altbauwohnung im Berliner Wedding Paare, bei denen öfters einer oder beide Partner gewalttätig sind. An einem anderen Ort, den er geheim hält, betreibt Peter Thiel eine Zufluchtswohnung für männliche Opfer häuslicher Gewalt. Dort können Männer, die ihrer gewalttätigen Beziehung entflohen sind, bis zu einem Monat kostenlos wohnen. Er sagt, dass es oft so sei, dass Frauen in gewalttätigen Beziehungen Nähe suchten und Männer sich zurückzögen.

Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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Auch die Sozialpädagogin Anja Pfettscher kennt diese Dynamik. Sie befasst sich fast 700 Kilometer südwestlich von Peter Thiel mit derselben Problematik – aber aus der entgegengesetzten Position. Beim Verein für Jugendhilfe in Karlsruhe berät sie gewalttätige Frauen. Unbeherrschtheit, Wutausbrüche, mangelndes Einfühlungsvermögen können Gründe für gewalttätiges Verhalten sein. Bei vielen Frauen, sagt sie, löse aber auch Überforderung die Gewalt aus. Der Anspruch, eine perfekte Mutter, Partnerin und Geschäftsfrau zu sein, setze manche Frauen so sehr unter Druck, dass sie sich ständig schämten, zu versagen. Die empfundene Hilflosigkeit führe dann teils zu Wut und Aggressivität.

Auch bei Natalie Kuhn, die an einem sonnigen Frühlingsmorgen bei der Sozialpädagogin im Büro sitzt, spielte Überforderung eine Rolle. Sie wurde spät Mutter, konnte die schlaflosen Nächte und den Stress mit über 40 kaum bewältigen. Von ihrem Mann fühlte sie sich mit den Kindern allein gelassen. Lange hat sie sich deshalb als Opfer und nicht als Täterin begriffen. In ihren Augen war ihr Mann schuld daran, dass ihr Leben nicht so verlief, wie sie es sich erhofft hatte – noch heute hört man ihre Wut und Enttäuschung, wenn sie von den Schnittblumen erzählt.

Passanten halten meist die Frau für das Opfer

Als damals die Polizei kam, zeigte ihr Mann sie nicht an. Von da an schlug sie ihn immer wieder, vor allem, wenn sie getrunken hatte. Unmittelbar danach fühlte sie sich schuldig – so lange, bis sie aufs Neue wütend auf ihn war, dachte, eigentlich sei er an allem schuld, und wieder zuschlug. Die Polizei kam noch mehrmals, irgendwann auch das Jugendamt. Einmal musste ihr Mann die Wohnung verlassen – sie musste das nie. Stritten sie sich in der Öffentlichkeit, fragten Passanten Natalie Kuhn, ob sie Hilfe brauche.

Auch Martin Krüger fand sich regelmäßig in solchen Situationen wieder, in denen andere davon ausgingen, sie müssten seiner Partnerin helfen. Manchmal, erinnert er sich mit leiser Stimme, wurde seine damalige Freundin im Café oder Restaurant wütend – und kippte ihm ihr Getränk über den Kopf. Die anderen Frauen im Raum schauten daraufhin verächtlich: Was er wohl Böses getan hatte, um das zu verdienen? Die Männer schauten so, als machten sie sich bereit, die zierliche Frau jeden Moment gegen ihren Begleiter verteidigen zu müssen.

Kein Wunder, sagt Martin Krüger. Denn als Mann, der Gewalt erlebt, kämpfe man mit dem Klischee und mit der Statistik. Das Klischee ist das von der Nudelholz schwingenden Hausfrau. Es ist eines, das viele eher zum Schmunzeln als zur Sorge anregt. Und statistisch gesehen, ist es eben einfach wahrscheinlicher, dass der Mann gewalttätig ist. Deshalb nimmt die Polizei im Zweifelsfall ihn mit, selbst wenn er sie gerufen und blaue Flecken hat. Dazu kommt, dass die meisten Männer ihren Frauen körperlich überlegen sind. Es fällt deshalb schwer, sie als Opfer zu begreifen. Martin Krüger ist groß, hat breite Schultern und kräftige Hände. Seine frühere Partnerin ist klein und zierlich. Auch der Mann von Natalie Kuhn ist größer und kräftiger als sie selbst.

Attacken kommen meist plötzlich oder von hinten

Viele Frauen, die gewalttätig werden, gleichen die unterschiedlichen Kräfteverhältnisse mit Hilfsmitteln aus. Neben dem sprichwörtlichen Nudelholz kann das Verbrühen mit heißem Kaffee bedeuten oder eine Attacke von hinten. Paartherapeut Peter Thiel sagt: „Das ist ja kein Boxkampf, wo man miteinander in den Ring steigt.“ Manche Attacken kämen ganz plötzlich. Anja Pfettscher kennt Fälle, in denen der Mann genäht werden musste, zum Beispiel, weil er mit einem Aschenbecher am Kopf getroffen wurde. Natalie Kuhn hat ihren Mann immer von vorne attackiert. Und auch Martin Krügers Freundin war, wie er es formuliert, verrückt genug, um das zu tun. Sonst hätte es katastrophal enden können, sagt er, so aber hatte er meist nur Abwehrverletzungen an den Armen. Gleichzeitig hatte er nie das Gefühl, wegen seiner körperlichen Überlegenheit sicher zu sein. Denn seine Partnerin entwickelte in ihrer Wut eine ungeheure Kraft. Viele Männer, die Gewalt durch ihre Partnerinnen erleiden, wehren sich so wie er nicht oder kaum. Laut dem „Deutschen Ärzteblatt“ liegt das an einer angeborenen und anerzogenen Hemmung, Frauen zu verletzen. Aber auch daran, dass viele Männer die Gefahr unterschätzen, die von einer Frau ausgehen kann – oder schlicht daran, dass sie ihre Partnerin trotz allem lieben.

Einer Untersuchung des Familienministeriums und des Bundeskriminalamts zufolge waren im Jahr 2015 rund 23.000 Männer Opfer häuslicher Gewalt. In der Pilotstudie „Gewalt an Männern“ von 2004 gaben 25 Prozent der befragten Männer an, körperliche Gewalt durch eine Partnerin erfahren zu haben. Der Berliner Therapeut Wolfgang Laub fordert zumindest ein oder zwei staatlich geförderte Beratungsstellen für männliche Gewaltopfer pro Bundesland. Er hat schon viele Landtage mit diesem Anliegen angeschrieben – ohne Erfolg.

Laub sagt: Es ist dasselbe wie früher mit den Frauenhäusern. Mal heißt es, so viele Fälle gebe es doch gar nicht, mal, es sei kein Geld da. So habe man in den siebziger Jahren auch bezüglich der Frauenhäuser argumentiert. Weil es wenige Anzeigen gab, dachte man, es gebe auch wenige Fälle. Doch oft trauten sich Frauen damals schlicht nicht zu Polizeistellen, in denen nur Männer saßen. Genauso trauten sich Männer heute nicht zu Beratungsstellen, die sich vor allem an Frauen richteten und von Frauen betrieben würden.

Für seine Erlebnisse gibt es keinerlei Beweise

Martin Krüger sagt, dass es für ihn jahrelang nicht in Frage kam, sich beraten zu lassen, obwohl er depressiv wurde. Er begab sich dann doch in Therapie. Aber er verriet dem Therapeuten nicht, was er zu Hause durchlitt. Stattdessen druckste er herum, fraß es in sich hinein. Erst jetzt, fast sieben Jahre nach der Trennung, besucht er eine Männergruppe, in der es auch, aber nicht nur, um häusliche Gewalt geht. Denn seine kranke Beziehung lässt ihn nicht los. Aus ihr ist ein gemeinsames Kind entstanden, das bald acht Jahre alt wird. Martin Krüger würde den Jungen gerne zu sich und seiner neuen Frau holen. Er spielt mit dem Gedanken, vor Gericht zu ziehen. Doch für seine Erlebnisse gibt es keinerlei Beweise. Er hat sich nie die blauen Flecken vom Arzt dokumentieren lassen, seine damalige Freundin nie angezeigt. Er konnte ja selbst kaum glauben, was ihm widerfuhr. Wieso hätten andere ihm glauben sollen?

Anders als er hat sich Natalie Kuhn relativ schnell professionelle Beratung gesucht und sich offen mit ihrer Gewalttätigkeit auseinandergesetzt - auch, um ihre Kinder nicht an das Jugendamt zu verlieren. In den Gesprächen mit Anja Pfettscher ist Natalie Kuhn darauf gekommen, dass sie ihren Mann mit den Schlägen zu einer emotionalen Reaktion bringen wollte, ihn aus der Zurückgezogenheit herausholen. Und darauf, dass der im Heim groß gewordene Mann in seiner Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, ihrer Mutter ähnelt, von der sie sich nie geliebt gefühlt hat. Sie sprach mit der Pädagogin auch über die Schwierigkeiten, schwanger zu werden, und das Kind, das sie im fünften Monat verlor. Irgendwann hörte Natalie Kuhn mit den Schlägen auf.

„Vielleicht hat er Angst, alleine zu sein?“

Martin Krüger fragt sich bis heute, warum er nicht schneller die Reißleine zog. „Warum gerät man in so eine Beziehung rein? Und was will man da? Warum wendet man sich nicht schaudernd ab?“, fragt er und antwortet selbst: „Ich war immer eher zurückgezogen und verschwiegen, brauchte einen halben Tag, um mich über etwas aufzuregen. In der Hinsicht hat es diese Beziehung natürlich gebracht, auch wenn das Ganze so eine kranke Kiste war.“ Das Ende kam dann nach der Geburt des gemeinsames Kindes. Eines Tages saß er mit dem Kleinen auf dem Badewannenrand, die Badezimmertür abgeschlossen. Seine damalige Partnerin bekam einen Wutanfall, trat die Tür ein. Die Handtuchstange fiel herunter – wenige Zentimeter vom Kopf des Jungen entfernt. Kurz darauf zog Martin Krüger aus.

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Zehntausende Männer leiden unter häuslicher Gewalt. Eine Täterin und ein Opfer berichten

Natalie Kuhn kann nur mutmaßen, warum ihr Mann sich nie getrennt hat. „Vielleicht hat er Angst, alleine zu sein?“ Sie lebt immer noch mit ihm und den beiden Kindern zusammen. Glücklich ist sie nicht. Irgendwann fing ihr Mann an, ihre Schläge nicht mehr bloß abzuwehren. Inzwischen, sagt sie bitter, sei er auf den Geschmack gekommen. Anzeigen will sie ihn nicht und auch nicht ausziehen. Anja Pfettscher hofft, dass Natalie Kuhn eines Tages die Kraft haben wird, ihren Mann zu verlassen. Denn sonst, befürchtet sie, könnte ihre Klientin künftig etwas tun, was bei Frauen eigentlich verbreiteter ist, als Männer zu schlagen: ihre Aggressionen gegen sich selbst richten.

Quelle: F.A.Z. Woche
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Ressort Gesellschaft.
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