Frauenfußball

Die weibliche Art einen Elfmeter zu schießen

Von Friederike Böge
 - 16:52

Besonders weh getan hat Petra Landers das Video, in dem sich Spielerinnen der U-20-Fußballnationalmannschaft vor vier Jahren leicht bekleidet und mit feuchten T-Shirts für den „Playboy“ und Bild.de präsentiert haben. „,Mannsweiber‘ haben sie uns genannt“, sagt die frühere Nationalspielerin. „Die haben uns schlecht dastehen lassen.“ Zur Strafe nennt die 53-Jährige die jungen Frauen jetzt nur noch „die Prinzessinnen“. Dann huscht kurz ein Schatten über ihre fröhlichen Lachfalten. „Die meinten, sie wären die Ersten gewesen. Dabei sind wir damals auch vom ,Playboy‘ angesprochen worden, aber wir haben nein gesagt, weil der Fußball im Vordergrund stehen sollte.“

Die burschikose Frau mit den kurzen, blonden Haaren sitzt in Trainingshose und Turnschuhen in ihrer Einzimmerwohnung in Bochum auf dem Sofa und erzählt von früher. Von 1982, als sie beim ersten Länderspiel der neu gegründeten Nationalmannschaft gegen die Schweiz dabei war; eine Ehreneskorte der Polizei begleitete sie damals zum Platz. Und von 1989, als die deutschen Frauen zum ersten Mal Europameister wurden und das Stadion in Osnabrück aus allen Nähten platzte. Das ganze Spiel über ermahnte der Stadionsprecher die Zuschauer, weiter zusammenzurücken, weil draußen noch immer Leute auf Einlass warteten.

Stiefmütterliche Behandlung

Petra Landers ist eine Pionierin des Frauenfußballs – nur weiß das niemand. Wohl nicht einmal die deutschen Spielerinnen, die in der kommenden Woche bei der WM in Kanada um den Einzug ins Finale kämpfen werden. Beim Deutschen Fußball-Bund wird dieser Teil der Sportgeschichte nicht sonderlich gepflegt, und Frauen wie Landers passen nicht in das neue Bild vom femininen Frauenfußball. Als 2011 die Weltmeisterschaft in Deutschland ausgetragen wurde und das ganze Land auf diesen Sport schaute, machte ihre Heimatstadt Bochum nicht sie, sondern einen Mann, Dariusz Wosz vom VfL Bochum, zum Botschafter für die WM. „Wir Neunundachtzigerinnen wurden total ignoriert und haben noch nicht einmal Eintrittskarten bekommen.“ Landers kränkt das.

Kerstin Garefrekes kann das gut verstehen. „1954, das Wunder von Bern, das kennt jeder. Fritz Walter oder Beckenbauer, das sind Namen, die lebendig gehalten werden. Aber beim Frauenfußball? Wen kennt man da noch aus den achtziger Jahren?“, sagt die 35-jährige Rekordnationalspielerin, die frühmorgens vor der Arbeit in einem Frankfurter Café sitzt. Sie findet, es sei Aufgabe des DFB, diese Geschichte lebendig zu halten.

Rasante Entwicklung

Wer den beiden grundverschiedenen Frauen zuhört, bekommt ein Gefühl dafür, wie rasant sich der Frauenfußball seit seinen Anfängen entwickelt hat – in nur 45 Jahren ist aus einem offiziell verbotenen Sport ein Profisport geworden. Ihre Erzählungen zeigen auch: Trotz des Wandels haben sich die alten Klischees von der unweiblichsten aller Sportarten erstaunlich lange gehalten – und jede Spielerinnengeneration hat ihre eigene Strategie entwickelt, damit umzugehen. Zu Landers’ Zeiten waren es noch plumpe „Trikot-Tausch!“-Rufe vom Spielfeldrand; heute müssen sich Profispielerinnen mit Anfragen von Sponsoren auseinandersetzen, die möglichst viel Haut und Lippenstift sehen wollen.

Früher, sagt Landers, da habe sie sich aufgeregt, wenn eine Mitspielerin geschminkt auf den Platz kam. „Für mich hieß Sport, dass ich siegen wollte; da achte ich nicht darauf, dass meine Haare schön sind.“ Es war eine Zeit, in der es noch wütende Zuschaueranrufe gab, wenn Frauenfußball einmal im Fernsehen gezeigt wurde. Wer Fußball spielte, widersetzte sich schon dadurch dem Bild des vermeintlich schwachen Geschlechts. Wenige Jahre zuvor, von 1955 bis 1970, hatte der DFB den Vereinen noch verboten, Frauenfußball anzubieten. Zur Begründung hieß es, der Fußball sei eine Kampfsportart, die „der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd ist“, und dass „im Kampf um den Ball die weibliche Anmut schwindet“. Heute heißt es dazu verschwurbelt auf der DFB-Website, 1970 sei das Jahr gewesen, in dem „der Verband die Förderung des Frauenfußballs in seine Satzung aufnahm“.

Zum Titel gab es ein Kaffeeservice

Landers’ Geschichte wäre für einen Gründungsmythos durchaus eine dankbare Vorlage. Sie schmiss ihre Ausbildung zur Arzthelferin hin, weil ihr Arbeitgeber ihr für die Spiele am Wochenende nicht freigeben wollte. Stattdessen beschaffte der DFB ihr eine Stelle als Kfz-Mechanikerin, wo man sie dann aber doch nicht wollte – weil man sonst zusätzliche Sanitäranlagen gebraucht hätte. Bei der EM 1989 lief sie trotz eines frischen Kreuzbandrisses auf und biss die Zähne zusammen. Als Belohnung für den gewonnenen Meisterschaftstitel bekamen sie und ihre Mitspielerinnen vom DFB das schon legendäre Kaffeeservice. Es kam per Post, Landers fand das „komisch“ und hat es nie benutzt. Irgendwann interessierten sich Museen dafür – als Objekt in Ausstellungen zur Geschichte der Frauen- und Lesbenbewegung. Im Moment ist Landers’ Service gerade im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen. Titel der Ausstellung: „Homosexualität_en“. Das freilich passt kaum zu dem Motto, das der DFB 2011 für die FrauenfußballWeltmeisterschaft im eigenen Land ausgab: „20Elf von seiner schönsten Seite“.

Vielleicht hat der Frauenfußball aber auch deshalb seine Anfänge vergessen, weil er immer nach vorn geschaut hat, um Schritt zu halten mit einem Sport, der immer athletischer und schneller geworden ist. Die Fußballwelt, an die Landers sich erinnert, hat mit dem Alltag einer Kerstin Garefrekes nichts mehr gemein. 130 Länderspiele hat die Frankfurter Spielerin absolviert, bevor sie nach der WM 2011 aus der Nationalmannschaft ausschied.

Professionalisierung fördert Selbstvermarktung

Als Garefrekes 1998 in die Bundesliga kam, trainierte sie zunächst drei bis viermal die Woche abends nach sieben Uhr, denn alle Spielerinnen waren berufstätig. Seither hat sich ihr Trainingspensum mehr als verdoppelt. Und Garefrekes ist inzwischen die einzige Spielerin beim 1. FFC Frankfurt, die neben dem Fußball überhaupt noch einen anderen Beruf ausübt. Die Diplombetriebswirtin arbeitet als Controllerin bei der Stadtkämmerei Frankfurt. Auch auf den Trainerbänken der Bundesliga sitzen inzwischen nur noch Hauptamtliche, viele mit Fußball-Lehrer-Lizenz, der höchsten Ausbildungsstufe. Als Garefrekes anfing, gab es sogar noch einzelne Spielertrainerinnen in der Bundesliga. Inzwischen beschäftigen die Spitzenvereine einen ganzen Stab von Physiotherapeuten, Ärzten und Fachleuten. Die Frauennationalmannschaft reist nicht ohne ihren eigenen Koch.

Das Profitum hat die Frauen vor eine neue Herausforderung gestellt: die Selbstvermarktung. Als Ökonomin sieht Garefrekes das nüchtern: „Wenn man eine gewisse Optik hat und das auch gern zur Schau stellt, dann erhöht sich die Chance auf einen Sponsorenvertrag.“ Und sie sagt auch: „Wenn eine Spielerin privat auch Röcke trägt und sich schminkt, warum soll sie das nicht auch beim Werbedreh machen, wenn das Produkt insgesamt zu ihr passt?“ Ihre frühere Mitspielerin Birgit Prinz hatte vor ein paar Jahren noch den unvergesslichen Satz geprägt: „Wir möchten unseren Sport vermarkten, nicht unseren Hintern.“

Heim-WM brachte Höhepunkt der Sexualisierung

Doch es kam anders: Die Sexualisierung des Frauenfußballs erreichte 2011 bei der Weltmeisterschaft in Deutschland ihren Höhepunkt. Im Bemühen, ein möglichst breites Publikum und möglichst viele Sponsoren zu erreichen, vermarkteten DFB und Fußballmanager die Attraktivität des Fußballs über die Attraktivität der Spielerinnen. In vielen Fällen geriet das zur krampfigen Farce. Doch es gab auch Spielerinnen, die das für sich zu nutzen wussten: Fatmire Bajramaj, die dem „Kicker“ erzählte „Ich bin gern die Tussi“, wurde zum öffentlichen Gesicht der Mannschaft, während der eigentliche Star Birgit Prinz in den Hintergrund geriet. In diesem Kontext entstand auch das Video der U-20-Spielerinnen, in der Selina Wagner jenen Satz sagte, der Landers bis heute kränkt: Sie habe die Fotos für den „Playboy“ machen lassen, um zu beweisen, dass das „Klischee von den Mannsweibern“ falsch sei und „dass es eben nicht mehr so ist, wie es vielleicht früher war, und dass es durchaus auch attraktive Fußballspielerinnen gibt“.

Garefrekes hat bei all dem nicht mitgemacht. „Ich habe mir frühzeitig überlegt, dass mich die Fotoshootings und Fernsehtermine nur ablenken würden. Ich habe versucht, nur Fußball zu spielen.“ Die Frau mit dem herben Lächeln fremdelt mit der Vorstellung, dass für den Zuschauer außer ihrer sportlichen Leistung noch etwas anderes zählen könnte.

Männerklubs auf dem Vormarsch

Eines jedenfalls hat die WM bewirkt: Immer mehr Mädchen finden es völlig normal, Fußball zu spielen. Mehr als eine Million und damit 15 Prozent der Mitglieder des DFB sind inzwischen weiblich. Und noch etwas hat sich mit der WM verändert: In der Bundesliga, in der früher reine Frauenvereine wie der FFC Frankfurt reüssierten, sind inzwischen die traditionellen Männerprofivereine auf dem Vormarsch. „Das ist Fluch und Segen zugleich“, sagt Garefrekes. Namen wie Bayern München, VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen mit ihren bekannten Logos und Vereinsfarben machen es den Zuschauern leichter, sich zu begeistern, als ein SC Bad Neuenahr. Dabei ist der Provinzverein in Insiderkreisen eine Legende: Die dortige Frauenfußballabteilung wurde 1969 gegründet – ein Jahr bevor der DFB sein Verbot aufhob. Aber das weiß heute kaum noch jemand. Die Dominanz der großen Vereine heißt auch: eine neue Abhängigkeit von den Männern. Das bekamen 2012 die Frauen des HSV zu spüren. Der Verein zog seine Frauenmannschaft aus der Fußballbundesliga zurück. Zu teuer, hieß es zur Begründung. Es fehlten 100.000 Euro.

Die zahlungskräftigen Vereine haben die Verdienstmöglichkeiten der Spielerinnen verbessert. Doch Garefrekes sieht das mit Sorge: „Die Spielerinnen verdienen genug, um davon zu leben, aber nicht, um damit alt zu werden.“ Mit Anfang, Mitte 30 werde es für die Frauen schwer sein, den Einstieg in einen neuen Beruf zu finden. Damit steigt auch der Druck, sich zu vermarkten.

Fokus liegt inzwischen auf dem Sport

Doch die Spielerinnen haben dazugelernt – und die Jüngeren gehen wohl auch spielerischer mit ihren verschiedenen Weiblichkeiten um. In Kanada lautet die Botschaft nun nicht mehr: Auch Frauen, die Fußball spielen, können gut aussehen. Sondern: Auch Frauen können gut Fußball spielen. Unterstrichen wird das vom Werbespot der Commerzbank, der die Nationalmannschaft der Frauen in den gleichen grauen Hoodies zeigt wie zuvor schon die Männer. Einziger Unterschied: Die Adidas-Streifen am Ärmel sind nicht schwarz – sondern pink. Für den Fall, dass die Frauen den Titel holen, hat der DFB ihnen kein Kaffeeservice zugesagt – sondern 65.000 Euro Siegprämie.

Und Petra Landers? Die hat inzwischen ihre Rolle im Frauenfußball gefunden: Sie trainiert nun Mädchenteams in Sambia.

Epilog

Auch ich selbst habe als junges Mädchen Fußball gespielt, und erst neulich habe ich erfahren, dass bei meiner Mutter die Feminisierungsstrategie des DFB gut funktioniert hat. Damals nämlich, hat sie mir erzählt, sei sie dagegen gewesen, dass ich Fußball spielte. Deshalb habe sie kein einziges meiner Spiele verfolgt. „Ich hätte mir damals gewünscht, dass du einen weiblicheren Sport machst“, sagte sie mir jetzt – mit 30 Jahren Verspätung. Dann erzählte sie mir von meiner Nichte, ihrer Enkelin, die wahnsinnig gerne Fußball spielt. Das müsse man doch fördern und sie bei einem Verein anmelden, sagte meine Mutter. Schließlich lerne man beim Fußballspielen Teamgeist und Verantwortung.

Quelle: F.A.S.
Friederike Böge
Friederike Böge
Redakteurin in der Politik.
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