Wenn man Musik plötzlich sehen kann

Von JULIA SCHAAF

18. Juni 2017 · Die Gebärdendolmetscherin Laura Schwengber übersetzt Klassik und Rap, Schlager, Pop und die Nationalhymne. Denn die Gefühle, die ein Song oder ein Konzert auslösen, lassen sich auch für Gehörlose transportieren. Wie cool ist das denn?

Die Gebärdensprachdolmetscherin Laura Schwengber gebärdet die deutsche Nationalhymne. Foto: Andreas Pein
Foto: Andreas Pein
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Können Sie sich vorstellen, wie das ist, keine Musik zu hören?
Weil ich es kann, ist das schwer. Aber natürlich weiß ich, wie taube Leute davon erzählen.

Was würde Ihnen fehlen?
Ganz viel an Emotionalität. Manchmal gibt Musik mir tatsächlich ein Stück Halt, weil jemand von Sachen singt, die ich kenne, bei denen man denkt, cool, man ist nicht allein auf der Welt. Manchmal geht es nur um Ablenkung und Zerstreuung.

Glauben Sie, dass man ohne Töne dieselben Gefühle erzeugen kann wie ein Popsong oder ein klassisches Konzert?
Auf jeden Fall, und genau, weil ich das glaube, glaube ich auch daran, dass dieses Musikdolmetschen funktioniert. Sonst könnte ich meine Hand zum Rhythmus einer Violine tanzen lassen, und es würde nichts ankommen. Ein tauber Mensch kann meine Videos gucken und viele Konzerte besuchen. Er wird zum Schluss nicht wissen, wie eine Violine klingt. Weil es aber auch nicht wichtig ist. Es geht um Emotionen, und ich glaube, dass man Emotionen auch durch andere Medien vermitteln kann.

Was übersetzen Sie denn? Wie wichtig ist der Text, welche Rolle spielen die Stilrichtung und die Instrumente?
Zuerst geht es um Stilrichtung und Stimmung, da muss ich mich total drauf einlassen. Dann um Rhythmus und Melodie. Zum Schluss kommt der Text.

Nehmen wir als Beispiel Helene Fischer mit ihrem Hit „Atemlos“. Ein superklarer Beat, stampfende Synthesizer. Wie transportieren Sie das?
Für alle Beatgeschichten nehme ich gerne die Füße und so ein Wippen im ganzen Körper. Am Anfang zeige ich den Rhythmus einmal an mit einer Bewegung für Schlagzeug, dann geht das in den Körper über, weil es sich nicht lohnt, immer eine Hand dafür zu reservieren.

Lied Nr. 1 · Erkennen Sie das Lied auch ohne Ton? Video: Andreas Pein

Übersetzen Sie den gesamten Text inklusive Formulierungen wie „Deine Augen ziehen mich aus“. und „schwindelfrei, großes Kino für uns zwei“?
Es ist der ganze Text, aber es ist nicht wortwörtlich. Gerade für die Stelle mit dem Kino habe ich zwei Formulierungen, zwischen denen ich schwanke. Die eine ist „Kino – schön – für uns“. Oder „Alles vorbereitet – für uns“ in Verbindung mit so einem Strahlen. Weil es ja nicht darum geht, dass da zwei im Kinosaal sitzen, sondern um die inhaltliche Interpretation.

Was, wenn Sie Helene Fischer schrecklich finden?
Da bin ich in so einem Zwiespalt. Auf der einen Seite finde ich nicht, dass ich als Dolmetscherin das Recht habe, Leuten einen Titel vorzuenthalten. Aber je mehr ich Musik mag, desto schöner wird auch das Ergebnis. Wobei ich mich langsam dahin entwickele, in vielen Titeln etwas Schönes zu entdecken, und wenn es nur ein Live-Video ist, wie Helene Fischer Stadien füllt und die Menschen total ausflippen. Davon lasse ich mich dann anstecken.

Lernt man das alles im Studium zum Gebärdensprachdolmetscher?
Es gibt in Deutschland sechs Studienstandorte, und ich weiß, dass Musik an zweien zumindest einmal Thema ist. In Hamburg gibt es ein eigenes Seminar. In Berlin haben wir uns nur einmal vier Semesterwochenstunden damit beschäftigt. Das ist nicht viel.

Heißt das, Sie denken sich das alles aus?
Das kann man so sagen. Eine Verknüpfung zwischen Gebärdensprache und Musik, wie es sie in Amerika gibt, ist in Deutschland noch im Entstehen. Aber selbst wenn dieses Feld eines Tages etabliert sein sollte, wird trotzdem jeder Dolmetscher seinen eigenen Stil finden müssen.
Die Deutsche Gebärdensprache ist eine vollwertige eigenständige Sprache, weil sie eben nicht einfach die Lautsprache mit Zeichen und Gesten begleitet, sondern etwa eine eigene Grammatik besitzt. Es gibt also richtige und falsche Übersetzungen, und wenn zwei Dolmetscher dieselbe Situation übersetzen, sollte mehr oder weniger Dasselbe rauskommen.

Lied Nr. 2 · Erkennen Sie das Lied auch ohne Ton? Video: Andreas Pein

Die Deutsche Gebärdensprache ist eine vollwertige eigenständige Sprache, weil sie eben nicht einfach die Lautsprache mit Zeichen und Gesten begleitet, sondern etwa eine eigene Grammatik besitzt. Es gibt also richtige und falsche Übersetzungen, und wenn zwei Dolmetscher dieselbe Situation übersetzen, sollte mehr oder weniger Dasselbe rauskommen. Wie ist das bei Musik?
Musik hat viel Interpretationsspielraum. Es geht ja damit los, dass es irgendwo ein Blatt mit Noten gibt und Text. Der Musiker legt dann die erste Interpretation drüber und ich quasi eine zweite. Da werden auch Stilunterschiede von Dolmetscher zu Dolmetscher deutlich. Ich sage immer, man muss sich ganz schön nackig machen auf der Bühne, weil ich sehr viel von dem zeigen muss, was die Musik mit mir macht. Und wir führen sehr grundsätzliche Fachdiskussionen. Es gibt Kollegen, die keine Luftgitarre spielen, weil sie das Quatsch finden. Ich habe das am Anfang auch nicht gemacht. Dann habe ich Rückmeldungen gekriegt von tauben Leuten, die sich das gewünscht haben, weil sie wissen wollten, welche Instrumente die Musiker in einem Video gerade benutzen. Daran habe ich mich weiterentwickelt.

Wie viel muss man dafür von Musik verstehen? Das ist ja eine Kunst und eine Wissenschaft für sich.
Ich hatte jahrelang Gesangs- und Tanzunterricht und dachte immer, ich bin da ganz gut. Neulich habe ich mich mit einer professionellen Musikvermittlerin unterhalten, die hatte Begriffe, da habe ich gar nichts verstanden. Aber es ist auch die Frage, wie viel Theorie man braucht. Der Unterschied zwischen Dur und Moll ist für mich nicht wichtig. Ich arbeite ja nicht mit dem Noten, sondern mit dem, was man hört. Mir geht es um fröhlich oder nicht-fröhlich.

Wie haben Sie angefangen mit der Musikdolmetscherei?
Der NDR hat 2011 für den Tag der Gehörlosen jemanden gesucht, der für ein Onlineprojekt Musik in Gebärdensprache übersetzt. Über drei Ecken ist ein Video in der Redaktion gelandet, das jemand von mir an der Uni gedreht hatte. Zwei Wochen später stand ich im Studio, und wir haben fünf Songs gemacht. Ich dachte, das funktioniert nicht, das wird nicht klappen. Aber die Videos bekamen total viele Klicks. Da dachte ich, okay, das ist cool, das will ich auf die Bühne bringen.

Lied Nr. 3 · Erkennen Sie das Lied auch ohne Ton? Video: Andreas Pein

Herbert Grönemeyer hat gewissermaßen den Klassiker über Gehörlose geschrieben: „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist.“ Stimmt das eigentlich? Wie nehmen Gehörlose Musik normalerweise wahr?
So unterschiedlich wie Hörende. Manchmal geht es weniger um die Lautstärke als um Höhen und Tiefen. Natürlich funktioniert viel über Vibration. Aber nicht viele Gehörlose sind wirklich stocktaub. Die Mehrheit ist an Taubheit grenzend schwerhörig und kann auch Hörgeräte für sich nutzen.

Wir haben Ihnen Grönemeyer als Live-Version vorgespielt. Merkt man das Ihrer Übersetzung an?
Ich glaube schon, weil natürlich die Stimmung im Hintergrund eine andere ist und der Beat nicht so laut und durchdringend wie auf der Albumversion. Mehr Zwischenspiele, alles spontaner.

Aber Sie erklären Ihrem Publikum nicht explizit: Übrigens, das ist live?
So Meta-Infos mache ich eigentlich nur, wenn Künstler zwischen Deutsch und anderen Sprachen wechseln, weil mein Ergebnis immer die Deutsche Gebärdensprache ist.

Und diese charismatische Stimme? Wer Grönemeyer hört, erkennt auf Anhieb, dass es sich um den vielleicht erfolgreichsten lebenden deutschen Musiker handelt.
Ich glaube, man sieht an meinem Gesichtsausdruck schon, dass der nicht freudestrahlend Helene-Fischer-mäßig singt, sondern eher grummelig wirkt, bärig irgendwie, ein bisschen schlumpi. Und dass er so berühmt ist, wissen ja auch nicht alle Hörenden.

„Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“ von Herbert Grönemeyer. Auf das charakteristische Knarzen der Grönemeyer-Stimme müssen Gehörlose verzichten. Wichtiger ist jedoch, dass Laura Schwengber seine Aussage widerlegt: Taube können Musik nicht nur über die Lautstärke genießen. Foto: Andreas Pein
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Als ich Sie das erste Mal live erlebt habe, war ich ganz hingerissen, weil ich das Gefühl hatte, Musik plötzlich sehen zu können. Von wem ernten Sie mehr Begeisterung: Hörenden oder Gehörlosen?
Schwer zu sagen. Mein oberstes Ziel ist, dass taube Menschen einen Vorteil von meiner Musik haben, während die Hörenden natürlich nicht gestört werden, aber im besten Falle auch einen Mehrwert haben sollen. Das ist ein Entwicklungsschritt, den wir gerade erst dabei sind zu gehen, dass Menschen nicht nur sagen: Inklusion stört, Gebärdensprache stört. Sondern, dass das einfach eine coole Ergänzung ist.

Was für Rückmeldungen bekommen Sie von Gehörlosen?
Manchmal kommen Leute nach Konzerten und sagen: Jetzt weiß ich, worüber meine Kinder, die hören können, beim Abendbrot diskutieren. Andere gebärden: War schön oder beeindruckend oder hat mich fasziniert. Und viele strahlen und wirken so geflasht, wie Hörende das im Prinzip von Konzerten auch sind. Das ist total schön.

Gibt es auch Kritik?
Es gibt taube Menschen die zu mir sagen: Musik ist immer noch Hörenden- Kultur, und es ist zwar schön, dass du jetzt Öffentlichkeitsarbeit für Gebärdensprache machst, aber eigentlich ist es mir egal. Die Bandbreite ist groß. Am Anfang habe ich mir gewünscht, dass alle meine Arbeit großartig finden: Bitte habt mich alle lieb! Irgendwann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es darum gar nicht geht, sondern darum, eine Tür zu öffnen: Das ist Musik, und jetzt erlaube dir dein eigenes Urteil, über den Künstler, über die Musik und auch über die Übersetzung. Diese Freiheit muss man dem Publikum lassen.

Wenn wir jetzt anstelle von Vivaldi Mozart ausgesucht hätten oder eine Bachkantate: Woran könnte ein Gehörloser Unterschiede erkennen?
An der Rhythmik, am Tempo, an den Bewegungen. Es sind unterschiedliche Töne, die unterschiedlich aussehen. Aber ich würde kein zweistündiges klassisches Konzert dolmetschen, wenn nur ein Orchester spielt. Das ist unter dem Strich nicht gewinnbringend. Es sei denn, es singt ein Chor, da funktioniert es wieder, weil es einen Text gibt.

„Die Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. Klassik dolmetschen – da, findet Laura Schwengber, gibt es dann doch Grenzen. Aber der Unterschied zwischen Viwaldi und Mozart sei spürbar. Und im Zweifelsfall bitte mit Text: Lieber „Zauberflöte“ als „Kleine Nachtmusik“. Foto: Andreas Pein
Foto: Andreas Pein

Wie transportiert man ein Genre wie Rap?
Da funktioniert viel über so eine Attitüde im Gesicht. So eine Rapgeschichte: Lass mal abwarten, wer bist du denn eigentlich? Was natürlich das totale Stereotyp ist und bei weitem nicht auf alle Rapper passt. Aber es ist sehr visuell und funktioniert deshalb für taube Menschen sehr gut. Und die Bewegungen sind zackiger, mehr so hingerotzt.

Meinen Vorschlag, einen Gangsta-Rapper zu gebärden, fanden Sie allerdings nicht gut.
Nee. Ist mir zu taff. Und ich verstehe zu wenig von dieser Hiphop-Kultur, um das so nehmen zu können, wie die Rapper selbst es beschreiben im Sinne von: Das ist bei uns normal. Den einzigen Auftrag, den ich je abgelehnt habe, war auch eine Hiphop-Geschichte, die so frauenfeindlich war, dass ich gesagt habe: Tut mir leid, davon möchte ich keine Aufnahme von mir. Das ist nicht cool. So viele Schimpfwörter in Gebärdensprache kenne ich gar nicht.

Was machen Sie mit den Reimen, die für Rap so typisch sind?
Ich reime in Gebärdensprache. Jede Gebärde besteht ja aus vier verschiedenen Parametern: Wo befindet sich meine Hand? Welche Handstellung habe ich? In welche Richtung gucken die Fingerspitzen? Dazu haben wir eine Bewegung. Und wenn ich nur einen dieser Parameter verändere, habe ich oft eine neue Gebärde. Schönes Beispiel: Für „Mama“ muss ich mit dem Zeigefinger rechts neben der Lippe anschlagen. Wenn ich den gleichen Zeigefinger durch den Gebärdenraum, so eine Art Theaterbühne direkt vor mir, bewege, ist das ein laufender Mensch. Damit kann ich quasi reimen: „Mama kommt“. Indem ich nur einen Teil der Gebärde verändere, ist das wie ein Reim.

Nehmen wir an, Sie dolmetschen ein Liebeslied, eine Ballade voller Wehmut und Abschiedsschmerz. Wie drücken Sie das aus?
Ich finde das schwer zu beschreiben, weil ich mich ja selber nicht sehe. Was ich versuche, wenn ich dolmetsche, ist, so viel wie möglich von dem, was das Lied in mir auslöst, rauszulassen. Wir Deutschen neigen ja dazu, nur zu Hause zu weinen und zum Lachen in den Keller zu gehen. Der Typ bin ich zum Glück nicht. Es geht darum, alle Gefühle rauszulassen und noch eine Schippe draufzulegen, so dass es auch in der zehnten Reihe ankommt.

Noch ein Beispiel, die Nationalhymne, gesungen von Heino. Erklären Sie dann, wer Heino ist als Interpret?
Nein. Weil dann die Frage ist: Kennen die Leute Heino? Und wenn sie Heino nicht kennen, wäre es ja mein Job, kulturell zu dolmetschen und Hintergrundinfos zu liefern. Die habe ich nicht alle, und dann wäre es ja nur mein persönlicher Eindruck von Heino. Das geht zu weit. Jeder muss sich seine eigene Meinung bilden.

Ist Musikgebärden eigentlich anstrengender als Sprache übersetzen?
Erst am Morgen danach. Auf der Bühne ist alles cool und läuft. Selbst mehrstündige Konzerte merke ich kaum. Ich bin dann in der Lautstärke und der Stimmung und den Lichtern und der schlechten Luft. Da ist man beschäftigt. Am Morgen danach sollte man allerdings nicht mit mir frühstücken gehen.

Pionierarbeit

Weil ihr bester Freund nach und nach taub und blind wurde und das beim Spielen störte, interessierte Laura Schwengber, 27, sich schon als Jugendliche für alternative Formen der Kommunikation. Die staatlich geprüfte Dolmetscherin hat an in Berlin Deaf Studies (Sprache und Kultur der Gehörlosengemeinschaft) sowie Gebärdensprache, Gebärdensprach- und Audiopädogogik studiert. Seit einem Auftrag für den NDR 2011, für den Tag der Gehörlosen Musikvideos zu dolmetschen, verfolgt sie das Ziel, diese sich in Deutschland erst etablierende Kunst auch auf die Bühne zu bringen. Als erstes traute sich die Band Keimzeit, die Dolmetscherin mit auf Tour zu nehmen – im zweiten Jahr stand ihr Name mit auf den Plakaten. Seitdem ist sie mit den Wise Guys und AnnenMayKantereit aufgetreten, zweimal hat sie den gesamten Eurovision Song Contest gedolmetscht. Für den Grimme Online Award, der Ende Juni vergeben wird, ist ein Webspecial des Hessischen Rundfunks über Laura Schwengber nominiert.
Quelle: F.A.S.