Doppel-Interview

„Ich wollte Mutter beschützen“

Von Christian Aust
 - 09:23
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Auf dem 13. „Zürich Film Festival“ ist sie kürzlich mit dem „Golden Eye Award“ für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. Außerdem hat Glenn Close, die durch Filme wie „Gefährliche Liebschaften“ oder „Eine verhängnisvolle Affäre“ zum Star wurde und sechsmal für den Oscar nominiert war, dort das Drama „The Wife“ präsentiert, eine Literaturverfilmung. In den Rückblenden wird Closes Figur von ihrer Tochter Annie Starke gespielt, die mit nach Zürich reiste. Ein schöner Anlass für ein Mutter-Tochter-Interview.

Glenn Close: Sie schreiben für eine Zeitung aus Frankfurt? Findet dort nicht immer die verrückte Fernsehshow mit diesem Thomas statt?

Sie meinen Thomas Gottschalk?

Close: Genau! Gibt es die Show noch?

Das war „Wetten, dass..?“. Das wurde inzwischen abgesetzt.

Close: Ich war da vor ewigen Zeiten einmal Gast in Frankfurt, und das war eines der surrealsten Erlebnisse meines Lebens. Ich saß da mit Anthony Perkins und Arnold Schwarzenegger auf diesem Sofa, und die Sendung dauerte ewig.

Annie, wann hatten Sie den ersten Verdacht, Ihre Mutter könnte anders sein als die anderen Erziehungsberechtigten in Ihrem Umfeld?

Close: Als ich im Pyjama in deiner Schule aufgetaucht bin, um dich abzuholen?

Annie Starke: Ja, das war ein ziemlich cooles Outfit. Sie trug einen Ledermantel über ihrem Pyjama.

Warum haben Sie Ihre Tochter im Pyjama von der Schule abgeholt?

Close: Sagen wir es so: Ich hatte es eilig... (lacht)

Starke: Es ist eigenartig. Wenn ich zurückdenke, gab es nie diesen Moment, in dem ich dachte: Aha, meine Mutter ist ein Filmstar. Das war einfach ihr Beruf. Ich weiß noch, dass ich ihre Filme sogar im Fernsehen gesehen habe und das toll fand. Wir wurden allerdings oft von Fremden angesprochen oder einfach angestarrt. Und ich dachte immer, das ist wirklich seltsam. Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als mir das bewusst aufgefallen ist. Infolgedessen habe ich einen starken Beschützerinstinkt für meine Mutter entwickelt. Ich habe den Autogrammjägern und Fans gesagt, sie sollen verschwinden.

Close: Wenn wir zum Beispiel auf dem Flughafen waren und Annie merkte, dass sich Fremde näherten, setzte sie sofort diesen grimmigen Blick auf, den sie einstudiert hatte.

Starke: Wenn es darum ging, fies zu gucken, war ich sehr talentiert.

Welchen Film haben Sie Ihrer Tochter als Erstes gezeigt, um ihr zu erklären, womit Sie Ihr Geld verdienen?

Close: Ich habe in einem Fernsehfilm mitgespielt, der „Sarah, Plain and Tall“ hieß. Da war Annie noch ein Säugling. Als wir dann wenig später die Fortsetzung gedreht haben, ritt sie bereits mit den Film-Cowboys über das Set, die sie vorne auf ihren Sattel gesetzt hatten.

Starke: Daran erinnere ich mich noch!

Close: Meine Tochter ist auf Filmsets aufgewachsen. Deswegen musste ich ihr nicht viel erklären. Sie kannte es ja nicht anders. Im Theater war sie auch ständig im Bereich hinter der Bühne. Als wir „Sunset Boulevard“ gespielt haben, war sie gerade fünf Jahre alt und immer dabei. Es war mir immer wichtig, meinen Beruf und die Familie richtig auszubalancieren. Annie sollte nicht mit einem Kindermädchen aufwachsen, weil ich ein Engagement habe.

Starke: Es war eine Kindheit auf Filmsets und im Backstage-Bereich.

War das eine gute Kindheit?

Starke: Ich weiß, für andere Menschen mag das absurd und lächerlich klingen. Aber mir kam all das völlig normal vor.

Close: Wie definiert man überhaupt „normal“?

Starke: Genau. Was ist normal? Das war eben meine Normalität.

Haben Sie bei Ihren ersten Castings verschwiegen, dass Ihre Mutter Glenn Close ist?

Starke: Ich trage ja den Nachnamen meines Vaters, deswegen ist mir zunächst niemand auf die Schliche gekommen. Das ist gut, denn so konnte ich inkognito bleiben. Denn natürlich werde ich immer an meiner Mutter gemessen, das spüre ich ganz deutlich. Aber mir macht es großen Spaß, den Leuten zu beweisen, dass sie falschliegen.

Dass sie womit falschliegen?

Starke: Das ich nur eine Chance bekommen habe, weil ich die Tochter einer berühmten Mutter bin. Es gibt zwei Möglichkeiten, mit so einer Situation umzugehen: Entweder macht es dir Angst, oder du siehst es als Herausforderung. Und ich habe mich für Letzteres entschieden.

Close: Die Tatsache, dass ich bekannt war, hat Annie sehr früh misstrauisch gemacht bei der Frage, warum andere Kinder mit ihr befreundet sein wollten. Und deswegen hat sie eine extrem gute Fähigkeit entwickelt, wenn es darum geht, Bullshit zu wittern.

Starke: (Seufzt.) Oh, ja. Wie ein Bluthund. Ich bin sehr vorsichtig.

Close: Deswegen hat sie so tolle Freunde. Wenn jemand mit falschen Intentionen kommt, ist ihr das sehr schnell klar.

Wie gehen Sie damit um, Glenn? Fragen Sie sich: Meinen all diese freundlichen Menschen wirklich mich oder nur mein Image?

Close: Wenn ich nicht arbeite, bin ich nicht sehr gesellig. In meinem Privatleben ziehe ich mich eigentlich völlig zurück. Das hat nichts damit zu tun, dass ich Menschen nicht mag. Ich bin dann einfach sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt. Ich habe ein Buch mit dem Titel „Die Kraft der Introvertierten“ gelesen. Und in diesem Moment dachte ich: Ja, das bin ich, so bin ich gestrickt. Das war eine enorme Erleichterung. Seitdem zwinge ich mich nicht mehr in Situationen, die ich immer als sehr unangenehm empfunden habe.

Starke: Früher hat sie sich immer dafür entschuldigt, so ungesellig zu sein. Dabei ist das doch völlig in Ordnung. Das ist nun einmal ihre Persönlichkeit.

Close: Ich glaube, es hat auch mit meinem Beruf zu tun, in dem ich ständig von Menschen umgeben bin, immer verfügbar sein und ständig Smalltalk machen soll. Ich gebe sehr viel. Und wenn ich allein bin, muss ich mich gewissermaßen wieder auffüllen.

Starke: Weißt du, wofür ich sehr dankbar bin? Dass du und Dad mir dieses Mantra vorgelebt habt, dass Privatsphäre, Familie und ein Freundeskreis, dem man trauen kann, etwas Heiliges sind. Besonders die Privatsphäre ist wichtig, denn du brauchst einen Raum, in den du dich zurückziehen kannst. Denn in diesem Beruf gesteht man dir diesen Raum nicht zu, im Gegenteil. Manche Kollegen begreifen das gerade zu Beginn ihrer Karriere nicht. Und dann wird dein Leben plötzlich zum Albtraum, während du verzweifelt versuchst, den Frieden wiederzufinden, der dir verlorengegangen ist. Das habe ich sehr früh begriffen und verinnerlicht.

Zu Ihrer Familie, Glenn, zählen auch immer wieder Hunde. Was begeistert Sie so sehr an den Tieren?

Close: Ich habe jetzt einen kleinen Havaneser. Ich habe in den vergangenen Jahren einige Höhen und Tiefen erlebt, und dieser Hund ist immer für mich da. Wussten Sie, dass man sich ein Formular ausdrucken kann, um es bei der Fluggesellschaft abzugeben, mit der man fliegen will? Darauf steht: Dieser Hund muss mit mir an Bord, weil er meine emotionale Unterstützung ist. Mein Hund ist mein emotionaler Rückhalt.

Quelle: F.A.S.
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