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25 Jahre nach Fund

Frau Ötzi fehlt der Forschung noch

Von Christian Geinitz
 - 12:21
So soll er ausgesehen haben: Das Handout des Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen zeigt eine Rekonstruktion des Gletschermannes. Bild: dpa, F.A.Z.

Erleichterung in Österreich! Endlich gibt es eine gute Nachricht aus dem Land, das unter wiederholten Schwierigkeiten beim Wählen seines Staatsoberhauptes leidet und sich noch immer die Wunden nach dem frühen Ausscheiden seiner hochgelobten Mannschaft bei der Fußball-Europameisterschaft leckt. Doch jetzt wissen wir: Der Fund des Ötzi, der berühmtesten Mumie der Welt neben Tutanchamun, ist entgegen allen früheren Angaben doch den Österreichern zu verdanken.

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Zwar hat ein Ehepaar aus Nürnberg den Gletschermann vor 25 Jahren entdeckt. Zwar hat sich Italien den berühmten Leichnam gesichert, weil er kurz hinter der Grenze in Südtirol lag. Zwar stammt der führende Ötzi-Gelehrte aus München - und forscht in Bozen. Aber eigentlich sorgten zwei Österreicher dafür, dass der Gletschermann am 19. September 1991 gefunden werden konnte.

„Ohne unsere österreichischen Freunde wären wir nicht hier langgegangen. Eigentlich ist es ihnen zu verdanken, dass wir auf den Ötzi gestoßen sind“, sagt Erika Simon und stützt sich auf ihre Wanderstöcke. „Dahinten haben wir uns getrennt: Die wollten weiterlaufen, wir zur Hütte.“ Statt zum markierten Weg zurückzukehren, nahmen Erika Simon und ihr Mann Helmut eine Abkürzung. In einer Mulde des 3210 Meter hohen Tisenjochs, die mit Schnee, Eis und Schmelzwasser gefüllt war, stolperten sie förmlich über den Ötzi. „Schau mal, was da liegt“, sagte Helmut nach Erikas Erinnerung, und sie stieß hervor: „Ui, das ist ja ein Mensch!“

Zum Jubiläum in den Ötztaler Alpen

Für das Jubiläum ihres spektakulären Fundes hat sich Erika Simon nochmals in die Ötztaler Alpen bemüht, denen der Eismann seinen Namen verdankt. Dieses Mal ist die Sechsundsiebzigjährige nicht zu Fuß gekommen, sondern mit einem Hubschrauber. Im Gepäck haben sie und ihre Helfer eine Nachbildung des bekanntesten Tirolers neben Reinhold Messner. Mit Eispickeln und bloßen Händen wird Ötzi in den Schnee eingegraben, wie die Simons ihn fanden: das Gesicht im Wasser, den Körper bis zu den Schultern im Eis.

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Im Schatten der 3514 Meter hohen Fineilspitze (Punta di Finale) stellt die Nürnbergerin die Entdeckung an jenem Donnerstagmittag vor 25 Jahren nach, die für die Wissenschaft und auch für die Familie Simon von geradezu alpiner Bedeutung werden sollte. Das Ehepaar trat in Fernsehsendungen auf, es wurde Dutzende Male interviewt, über Helmut Simon existiert ein Wikipedia-Eintrag. Auch Geld gab es, allerdings spät. Nach langem Rechtsstreit bekam Erika Simon von der Südtiroler Landesregierung erst 2010 einen Finderlohn von 175 000 Euro; fast ein Drittel davon steckten ihre Anwälte ein. Ihr Mann erlebte das nicht mehr, er stürzte 2004 bei einer Bergwanderung im Salzburger Land in den Tod.

25 Jahre nach Ötzi-Entdeckung
25. Jahrestag der Ötzi-Entdeckung

Bis heute gibt es viel Rummel rund um den Steinzeitmenschen, der auf Englisch den schönen Namen „Frozen Fritz“ trägt. Im Tiroler Örtchen Umhausen zeigt ein „Ötzi-Dorf“ den Besuchern, wie man Feuer ohne Streichhölzer anzündet. Wer will, kann sich mit dem „Ötzi-Franz“ fotografieren lassen, einem in Fell gewandeten Laiendarsteller. Im kommenden Jahr soll sogar ein Film über den Vorzeithelden in die Kinos kommen. Für die Hauptrolle hätte sich Brad Pitt geeignet, schließlich trägt er ein Ötzi-Tattoo am Unterarm. Am Ende ist es Jürgen Vogel geworden.

Faszination Ötzi

Klar ist: Der „Mann vom Similaun“, wie der Ötzi nach einem weiteren nahen Grenzberg auch genannt wird, hat nichts von seiner Faszination eingebüßt. Die Mumie gilt in Mitteleuropa als der einzige Leichnam aus der Kupfersteinzeit, der durch eine Art natürliche Gefriertrocknung erhalten geblieben ist. Rund 5300 Jahre lang lag der Ötzi im Eis, geschützt durch die Steinwanne, in die er gestürzt war. Weder Wetter noch Aasfresser konnten ihm etwas anhaben, denn gleich nach seinem Tod begann es wohl zu schneien, so dass er in seinem Eissarg überdauern konnte wie Schneewittchen.

Dass der Gletschertote überhaupt ans Tageslicht kam, sei ein fabelhafter Zufall gewesen, sagt Walter Leitner, ein Archäologe der Universität Innsbruck, der Erika Simon in die Berge begleitet. Als die deutschen Bergwanderer hier bei außergewöhnlich hohen Temperaturen unterwegs waren, habe der Ötzi vielleicht erst drei, vier Tage aus dem Eis geschaut. Wie schnell sich das Wetter in diesen Höhen ändern kann, zeigte die Bergung des Leichnams. In der Nacht bevor er, an einem Hubschrauber hängend, ins Tal geflogen werden sollte, hatte es geschneit, so dass die halb ausgegrabene Mumie wieder festgefroren war. „Das kannte der Ötzi schon: Mal lag er frei, mal im Eis“, sagt der Wissenschaftler.

Meist untersuchter Toter der Geschichte

Forscher wie Leitner gewinnen den ledrigen Überresten immer neue Erkenntnisse ab. Viele halten den Ötzi für den am besten untersuchten Toten der Geschichte. Man weiß, dass der Rechtshänder etwa 1,60 Meter groß war, 50 bis 60 Kilogramm wog, braune Augen hatte und rund 40 bis 50 Jahre alt wurde. Die Strontium-Isotope in seinem Zahnschmelz verrieten seinen Herkunftsort: das Eisacktal bei Brixen, etwa 60 Kilometer Luftlinie vom Fundort in Richtung Osten.

Der Fellträger litt unter allerhand Wehwehchen: Bandscheibenverschleiß, Karies, Gallensteinen, Arteriosklerose. Ob ein Zeckenbiss ihn mit Borreliose infizierte, ist umstritten. Der erst kürzlich erfolgte Nachweis des Bakteriums Helicobacter pylori im Magen könnte bedeuten, dass den Wanderer Bauchschmerzen plagten. Dabei ernährte sich der Ötzi erstaunlich ausgewogen von Getreide, Salat, Brot, Steinbock- und Rotwildfleisch.

Der Kupferzeitmensch kümmerte sich um seine Gesundheit. Unter der Haut fanden sich 61 Linien und Kreuze aus Kohlenstaub, die ältesten Tätowierungen der Welt. Da sie genau dort sind, wo der Ötzi Beschwerden hatte, und da sie sich mit bekannten Akupunkturpunkten decken, wird den blauschwarzen Malen eine therapeutische Wirkung nachgesagt. Zum Desinfizieren, Blutstillen und möglicherweise gegen Wurmbefall hatte der Ötzi Birkenporlinge dabei. Zunder und Pyrit dienten zum Feuermachen, in einem Zylinder aus Rinde transportierte er Glut, eingewickelt in feuchte Ahornblätter.

Der prähistorische Bergsteiger war schwer bewaffnet: mit einem Dolch aus Feuerstein und einem 1,80 Meter hohen Eibenbogen samt 14 Pfeilen, die angeblich auf bis zu 50 Meter Entfernung Hirsche töten konnten. Die wertvollste Ausrüstung ist ein vollständig erhaltenes Kupferbeil.

Wurde Ötzi ermordet?

Am kommenden Montag soll es auf einem internationalen Ötzi-Kongress in Bozen weitere Einblicke in das Leben des Gletschermanns geben. Dann will das dort ansässige „Institut für Mumien und den Iceman“ gemeinsam mit dem örtlichen Archäologiemuseum - wo der Ötzi seit 1998 ausgestellt wird - unter anderem eine Rekonstruktion seiner Stimme präsentieren. Mittlerweile gilt es als gesichert, dass der Jäger an einem Pfeilschuss starb, der ihm von hinten das linke Schulterblatt durchbohrte. Festgestellt wurde auch ein Schädel-Hirn-Trauma, wobei unklar bleibt, ob es von einem Schlag herrührte oder vom Sturz auf den Fels. „Vieles spricht gegen einen Raubüberfall“, sagt Albert Zink, der führende Ötzi-Forscher und Leiter des Bozener Mumien-Instituts.

Wahrscheinlicher erscheint Zink, dass es die Täter gezielt auf den Wanderer abgesehen hatten. Möglicherweise hatte er sich schon früher einen Kampf mit den Verfolgern geliefert. Dafür sprechen Schnittwunden an der rechten Hand, Abwehrverletzungen, die sich der Ötzi einige Tage vor seinem Tod zuzog.

Also war es Mord? „Möglicherweise“, sagt Zink, „es könnte sich zum Beispiel um ein Eifersuchtsdrama gehandelt haben.“ Knochenanalysen erbrachten, dass Ötzi vor seinem Tod im Vinschgau lebte, also im oberen Etschtal, 30 Kilometer Luftlinie südwestlich vom Tatort. Laut Zink waren die Gelenke an Händen und Armen viel weniger abgenutzt als die unteren Extremitäten: „Er war wohl kein Handwerker, Schäfer oder Metall-Verarbeiter, eher ein Händler, der viel unterwegs war.“ Zink, der rechtzeitig zum Jubiläum das Buch „Ötzi, 100 Seiten“ veröffentlicht hat, wünscht sich vor allem eins: dass noch mehr Mumien im Eis auftauchen, mit denen sich der bisher singuläre Fund vergleichen ließe. Die Hoffnung ist nicht unbegründet, kürzlich gab ein Gletscher im Pfossental einen Schneeschuh frei, der noch älter als der Similaun-Mann ist. „Am schönsten wäre es, wenn wir eine Frau Ötzi finden würden“, sagt Zink.

Bis es so weit ist, setzt der Wissenschaftler auf neue Untersuchungsverfahren. Mit Hilfe der Genanalyse ließ sich schon zeigen, dass es bis heute Menschen gibt, die eine Teilsequenz des Y-Chromosoms aufweisen, die mit jener des Eismanns identisch ist. Das heißt zwar nicht, dass sie Nachfahren des Ötzi sind, sie dürften aber dieselben Vorfahren gehabt haben. Einer von ihnen, der Schweizer Simon Gerber, ist zum Jahrestag ebenfalls an die Fundstelle oberhalb des Niederjochferners gekommen. „Es gibt eine ganze Menge von uns“, sagt er und lacht. „Aber ein Familientreffen hat noch nicht stattgefunden.“

Quelle: F.A.Z.
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.
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