Buch über SMS von Dieben

Er ist ihr treu geblieben, „falls sie fragt“

Von Christoph Dorner
 - 09:02

Ein junger Mann mit Fünftagebart und Trainingsjacke sitzt an einem Tisch in Saal 1 des Leipziger Congress Centrums. Es ist Samstag auf der Leipziger Buchmesse. Tausende Bücherfreunde schieben sich zwischen Verlagsständen umher, Manga-Fans machen in ihren Kostümen ein Selfie nach dem anderen, in Halle 3 brüllen sich Rechte und Linke an. Bei der Autorenrunde in Saal 1 geht es um erfolgreiches Publizieren. Die Tischgespräche mit Referenten aus der Branche drehen sich um weibliches Schreiben in exponierten Themenfeldern, allerlei Vermarktungsstrategien und das Rezept für Liebesromane. Auch der junge Mann hat etwas zu erzählen: „Wie es sich anfühlt, einen viralen Hit zu landen“ heißt das Thema, bei dem man aber im Grunde nichts lernen kann. Denn Lukas Adolphi, 29, hatte eine Idee, die sich nicht ohne weiteres nachahmen lässt. Vor allem hatte er Chuzpe. So ist aus einem Grafikdesigner ohne Job innerhalb weniger Wochen ein Ein-Mann-Unterhaltungsbetrieb geworden, der in Eigenregie über 3000 Bücher verkauft hat. Und das nur, weil Adolphi vor acht Jahren sein Handy gestohlen wurde. Seine Geschichte ist ein Märchen aus der Aufmerksamkeitsökonomie.

An einem Sonntagabend im Oktober 2010 fährt Lukas Adolphi, damals ein Student im Fach Kommunikationsdesign mit einem Hang zu bunten Outfits, bei seiner Bank in der ostdeutschen Großstadt Halle vorbei, um Geld abzuheben. Als er die Sparkasse mit 30 Euro verlässt und gerade sein Fahrradschloss aufschließen will, packt ihn eine Hand im Nacken. „Dein Geld“, knurrt eine Stimme. Adolphi dreht sich um und steht zwei Typen gegenüber, zwischen 16 und 17 vielleicht. Adolphi schaut ihnen aus Angst gar nicht erst in die Augen. Sie wollen das Geld und sein Handy, ein gebraucht gekauftes Sony Ericsson K800i. Adolphi wehrt sich nicht, Gewalt lehnt er ab. Dann verschwinden die Typen mit der Beute um die Ecke.

Adolphi ruft zittrig die Polizei, ein Streifenwagen kommt und dreht eine Runde am Bahnhof mit ihm. Doch die Diebe sind schon weg. Die Geschichte könnte hier zu Ende sein – bei einem jungen Mann, der sich noch wochenlang nachts auf der Straße aus Angst umdrehen wird. Im Frühjahr 2011 fischt Adolphi aber eine Zeugenvorladung aus seinem Briefkasten. Er soll gegen die Diebe aussagen. Es sind jugendliche Intensivtäter, die damals noch zur Schule gehen und kein Problem damit haben, bei anderen Überfällen ein Messer zu zücken. Vor Gericht fällt es Adolphi schwer, die Jugendlichen zu beschuldigen. Wie der Prozess ausgeht, erfährt er nicht. Doch ein paar Wochen später wird er den Jugendlichen, der ihn am Nacken packte, in der Innenstadt von Halle sehen. Offenbar ist er noch einmal mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Adolphi wird ihn noch besser kennenlernen, als ihm ursprünglich lieb war. Er wird wissen, wem er schreibt, wie er tickt. Er wird ihm seine Stimme geben, ihn als rücksichtslosen Macho verkörpern, der mit vier Mädchen gleichzeitig anbandelt, auf Lesebühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er wird ihn Marco nennen. Eigentlich heißt der Jugendliche und alle seine Freunde anders.

Vom Opfer zum Gewinner

Als Adolphi sein Handy bei der Polizei aus der Asservatenkammer zurückbekommt, sind darauf Hunderte gesendete und empfangene SMS gespeichert. Marco hat das gestohlene Handy benutzt, zwei Wochen lang. Adolphi hätte die Kurzmitteilungen achtlos löschen können, doch so tickt er nicht. Im Studium macht er im öffentlichen Raum Guerrilla-Installationen mit rotweißem Absperrband, wobei ihn auch einmal die Polizei ertappt. Er baut gerüstartige Installationen für Musikfestivals und veröffentlicht einen Bildband über Bushaltestellen in Osteuropa. „Alle meine Projekte haben eine spielerische Komponente“, sagt Adolphi. Doch sie sind auch ein bisschen versponnen, brotlos. Das wird sich mit „die cops ham mein handy“ ändern. Adolphi wird vom Opfer zum Gewinner.

„Hab grade mit maria schluss gemacht. Es war ne wahnsinns sms. Und ich bin treu geblieben falls sie fragt“, schreibt Marco an Tom. „Steht das noch mit dem dreier“, simst Maria an Marco. Als Adolphi den Wust an Textnachrichten liest, erkennt er die großen Themen, die zwischen den Zeilen aufscheinen: Liebe, Sex, Betrug, Drogen, Gewalt. Die Jugendsprache ist ostdeutsch, roh, pubertär, total unverstellt. Er denkt: „Was für ein Schatz. Da muss ich was draus machen.“ Doch es werden sechs Jahre vergehen, ehe er sich daran setzt, aus den SMS von und an Marco einen Drama-Text zu formatieren, inklusive Personenregister und Glossar. Der Umschlag ist der Clou des Buchs, Adolphi wird dabei selbst zum Räuber. Denn das Layout ist der „Universal-Bibliothek“ des Reclam-Verlags bis ins Detail nachempfunden: Das Kleinformat, das Schriftbild, das leuchtende Gelb – alles ist fast gleich, als wollte Adolphi „die cops ham mein handy“ zwischen den Klassikern „Faust I“ und „Wilhelm Tell“ einsortieren. Sie sind auch deshalb eine so starke Marke, weil sie als Trigger funktionieren, bei dem sich Erwachsene gruselnd an den zähen Deutschunterricht in ihrer Schulzeit zurückerinnern. Statt Reclam schreibt Adolphi auf das Cover: Reklame. Mit Ärger rechnet er nicht, er will mit dem Buch ja auch kein Geld verdienen. Für ihn ist es nur ein Witz unter Grafikdesignern.

Als er das Buch im vergangenen Herbst in einer Auflage von 50 Stück drucken lässt, ist er gerade in einer Agentur für App-Entwicklungen in Leipzig gekündigt worden. Seine Ersparnisse werden nicht lange reichen, Adolphi ist trotzdem erleichtert. Für 1700 netto im Monat in einem Büro an der Benutzerführung von Apps herumzufriemeln war nicht sein Ding. „Vom Typ her ist Lukas jemand, der eigentlich Freiheit bei der Arbeit braucht“, sagt Frank Lemloh vom Social Impact Lab in Leipzig, das junge Leute mit Coachings auf ein Leben als Selbständige vorbereitet. Adolphi hatte es 2016 besucht und sich dann doch gegen sein Bauchgefühl und für einen festen Job mit mehr Sicherheit entschieden. Denn in Leipzig gibt es viele selbständige Grafikdesigner. Als die Nachfrage nach seinem Buch explodiert, wird Lemloh, der 20 Jahre im Musikbusiness gearbeitet hat, ihm raten: „Reite die Welle, solange sie dich trägt.“

„Bei mir hat sich alles gedreht“

Die Welle kommt ins Rollen, als Rudolf Klöckner im Dezember 2017 bei Adolphi nachfragt, ob er über „die cops ham mein handy“ berichten darf. Klöckner ist gut vernetzter Kurator und Blogger in Hamburg, sein Online-Magazin „Urbanshit“ gilt in Sachen Streetart und Design als einflussreich und ist auch bei Journalisten beliebt, die mal eben ein Thema für junge Leute für die Redaktionskonferenz brauchen. Zwei Stunden nachdem Klöckner den News-Artikel über das Buch publiziert hat, meldet sich der erste Verlag bei Adolphi und legt 5000 Euro für die Rechte auf den Tisch. Seine Freundin sagt: Bitte nimm das Geld. Doch er sagt ab, auch weitere Angebote großer deutscher Verlage, weil er dann das Cover des Buchs ändern müsste. Und das will er nicht. Parallel schreiben ihm in kurzer Zeit 1500 Menschen, die das Buch bestellen wollen. „In meinem Postfach hat es ping, ping, ping gemacht. Bei mir hat sich alles gedreht“, erinnert sich Adolphi.

Immer mehr Online-Medien berichten über „die cops ham mein handy“, denn es ist das perfekte Schmunzelthema für junge Leute mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne. „Business Punk“ schreibt: „Das moderne Pendant zu Schillers Kabale und Liebe“; „Vice“ jubelt: „Das beste Buch des Jahres“. Und ein jedes Mal schießen dutzendfach die Daumen nach oben. Über seine Facebook-Timeline wird auch Philipp Werner auf das Buch aufmerksam. Er ist Lektor bei Reclam. Werner bestellt mit einer freundlichen Mail ein Exemplar – und der Grafikdesigner bekommt Muffensausen. Er hat unbeabsichtigt einen viralen Hit gelandet und schläft doch schlecht in diesen Tagen. Könnte Reclam ihn verklagen? Er kontaktiert eine Anwältin, um für eine zweite Auflage all die rechtlichen Fragen zu klären, um die er sich bislang nicht geschert hat. Er erfährt, dass SMS in der Regel keine Schöpfungshöhe erreichen. Von Marco und seinen Freunden hat Adolphi also keine Klage wegen einer Urheberrechtsverletzung zu befürchten, solange er ihre Namen ändert. Wegen der Markenrechtsverletzung von Reclam könnte aber eine Unterlassungserklärung mit einer Vertragsstrafe von ein paar tausend Euro auf ihn zukommen, sagt die Anwältin. Das Projekt steht auf der Kippe.

Wie wird es weitergehen?

Bei dem Verlag aus Stuttgart hat man über die Jahre allerdings Gelassenheit im Umgang mit künstlerischen Adaptionen ihres Markenbilds entwickelt, solange dahinter keine kommerziellen Absichten stecken. „Ich war nicht der einzige im Verlag, der die Idee witzig fand“, sagt Werner, der dem Textfluss der Jugendlichen sogar eine gewisse Literarizität attestiert. Eine Journalistin sei sogar auf das Buch hereingefallen, sie wollte bei Reclam ein Rezensionsexemplar bestellen, erzählt Werner. Er schlägt Adolphi schließlich einen Deal vor: Er darf das Buch ausschließlich über einen Webshop auf seiner Homepage vertreiben. Und er verpflichtet sich, eine Anzeige des Verlags in die zweite Auflage des Buchs aufzunehmen. Darin wird mit feiner Ironie ein Band mit philosophischen Texten über Liebe empfohlen.

Als Adolphi im Januar 2018 den Webshop aufgesetzt hat, verdient er allein am ersten Tag mit den Vorbestellungen über 6000 Euro. Davon kann ich ein halbes Jahr leben, denkt er fassungslos. Und das ist erst der Anfang. Bekannten hat er da schon bei Facebook geschrieben, ob ihnen nicht Kneipen einfallen, in denen er aus dem Buch vorlesen könne, nachdem zur Release-Party in Hamburg über 200 Leute kamen. Adolphi ist vielleicht etwas naiv, aber geschäftstüchtig. Denn den Gewinn pro Buch, etwas mehr als sechs Euro, um den ihn viele Schriftsteller beneiden würden, muss er mit niemandem teilen. Also produziert er ein E-Book, er lässt den Text als Hörbuch von einem schnoddrigen Berliner Radiostar einsprechen und entwirft eine Postkartenkampagne für den Großraum Leipzig. Er ist plötzlich sein eigener Verlag – und hat bald gleich zwei Booker, die ihm die Arbeit abnehmen: Der eine bringt den Stoff als szenische Lesung in Theater in Dortmund und Wien, der andere schlägt bei Clubs mehrere hundert Euro Gage heraus. Anfangs hatte Adolphi bei seinen Lesungen noch Hutsammlungen gemacht.

Ende April weiß er längst, an welchen Stellen sein Publikum garantiert lachen wird. „Je mehr Bühnenerfahrung ich bekomme, desto wichtiger wird mir auch die finanzielle Wertschätzung“, sagt Adolphi. Es ist die Selbstprofessionalisierung eines brotlosen Künstlers. Bis ins nächste Jahr wird er mit Lesungen unterwegs sein, sogar zu „A Summer’s Tale“, einem Musikfestival mit 10.000 Besuchern bei Lüneburg, haben sie ihn eingeladen. Etwas verschämt hat Adolphi zuletzt sogar über den Kauf einer Eigentumswohnung nachgedacht. Sein One-Hit-Wonder ermöglicht ihm daneben, an zwei Tagen in der Woche ein unbezahltes Praktikum in einem Grafikbüro in Leipzig zu machen. Wie es mit ihm weitergeht? Adolphi weiß es nicht. Erst einmal reitet er die Welle, solange sie ihn trägt.

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Quelle: F.A.S.
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