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Interview Harrison Ford

„Ich bereue den Verlust der Anonymität“

Von Christian Aust
 - 10:25
Harrison Ford (rechts) mit Ryan Gosling in „Blade Runner 2049“ Bild: AP, F.A.S.

Hat man eigentlich als Hauptdarsteller schon eine Ahnung davon, dass man gerade Filmgeschichte schreibt, wenn man für einen Film wie „Blade Runner“ vor der Kamera steht?

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Filmgeschichte interessiert mich nicht.

Was interessiert Sie dann?

Ich will eine Geschichte erzählen. Ich will meinen Job so gut wie möglich machen, die Herausforderung meistern, auf die ich mich eingelassen habe. Denn ich habe mich ja mit der Unterschrift auf dem Vertrag verpflichtet zu liefern. Mein Teil muss in das Puzzle passen.

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Und ob ein Publikum das am Ende honoriert, ist erst einmal nebensächlich?

Natürlich möchte ich, dass unsere vereinten Bemühungen erfolgreich sind. Denn das bedeutet, dass eine Form von Kommunikation stattfindet, zwischen uns, den Geschichtenerzählern und den Zuschauern. Und ich will auch deswegen den Erfolg meiner Filme, weil ich dadurch potentiell die Möglichkeit habe, einen Beruf weiter auszuüben, den ich liebe. Wenn meine Filme floppen, bin ich ja irgendwann weg vom Fenster.

Filmkritik „Blade Runner 2049“
Verena Lueken spricht über „Blade Runner 2049“

Kritiker verreißen immer wieder Filme, die dann später Kultstatus erreichen. Vielleicht geht es Ihnen als Schauspieler ja ähnlich.

Wie meinen Sie das?

Vielleicht sind Sie zunächst mit dem Resultat Ihrer Arbeit unzufrieden und wissen einen Film erst später zu schätzen?

Das passiert sehr selten.

Mochten Sie „Blade Runner“, so wie der Film 1982 in den Kinos gestartet ist?

Ich mochte den Erzähler aus dem Off nicht, genauso wenig gefiel mir das Happy End. Aber ich habe die eigenartige Kraft in dieser Übung erkannt. Ich habe die Ambition des Regisseurs gesehen, seine einzigartige Vision, das Talent und die Professionalität aller Beteiligten, die Ridley Scott zusammengebracht hatte. Letztendlich ist es auch völlig egal, was ich über einen Film denke. Es geht um das Publikum. Das muss unsere Arbeit akzeptieren.

Sie sollen bei den Dreharbeiten nicht immer einer Meinung mit Ridley Scott gewesen sein.

Ich formuliere es einmal so: Es gab Punkte, in denen wir einer Meinung waren. Und dann hatten wir uns darauf geeinigt, in anderen Punkten uneinig zu sein.

Welche Punkte waren das?

Unsere zentrale Diskussion drehte sich vor allem darum, ob die Hauptfigur Rick Deckard nun ein „Replikant“ ist, also ein künstlich geschaffener Mensch, oder nicht. Wir haben uns aber bei den Dreharbeiten nicht so heftig darüber gestritten, wie bis heute kolportiert wird. Wir hatten schließlich einen Job zu erledigen, dafür hatten wir gar keine Zeit. Und letztlich musste ich ihn auch gar nicht von meiner Meinung überzeugen. Denn meine Aufgabe war es, mit meiner Figur eine emotionale Projektionsfläche für das Publikum zu schaffen, mit der man sich identifizieren kann. Und deswegen war ich im Gegensatz zu Ridley der Meinung, dass Deckard ein Mensch ist.

Was war 1982 wichtig für Sie, als Sie „Blade Runner“ gedreht haben?

Überleben.

Können Sie das etwas genauer erklären?

Es ging um mein künstlerisches Überleben. Ich wollte demonstrieren, dass ich die Kapazitäten besitze, als Schauspieler auch in unterschiedlichen Genres für unterschiedliche Arten von Publikum zu funktionieren. Ich wollte mich als Charakterdarsteller etablieren. Mein Erfolg basierte nur auf einem bestimmten Genre, auf Filmen, die sehr erfolgreich waren. Aber ich wollte nicht, dass diese Filme mich als Schauspieler definieren.

Warum hat Sie diese Art von Erfolg nicht befriedigt?

Weil ich meinen Job als Schauspieler anders verstanden habe. Ich hatte die Ambition, eine Bandbreite verschiedener Charaktere darzustellen. Denn ich wollte möglichst viel über ganz unterschiedliche Leben lernen. Und ich hatte mir vorgestellt, mit Regisseuren zu arbeiten, die ganz gegensätzliche Konzepte von Film umsetzen wollten.

In „Blade Runner“ geht es auch um Selbstanalyse – die Frage, woraus wir gemacht sind. Wann wussten Sie, wer Sie sind?

Das ist eine große Frage. Ich fürchte, wir glauben nur zu wissen, woraus wir gerne gemacht wären. Wer wir wirklich sind, wissen wir nicht. Ich beschäftige mich jedenfalls immer noch mit dieser Frage. Die Antworten, die ich bisher gefunden habe, haben nie funktioniert. Sie lösen sich im Laufe der Zeit wieder auf. Und so bleibt diese Frage für mich unbeantwortet. Du kannst dir natürlich irgendwelchen Scheiß ausdenken. Aber das hilft dir nicht wirklich weiter.

Als Sie mit „Star Wars“ weltberühmt wurden, waren Sie bereits 34 Jahre alt.

Finden Sie das zu alt?

Selbst damaligs war das im Action-Kino relativ alt. Wie haben Sie bis zu diesem Punkt durchgehalten?

Ich hatte ja mein Geld zu diesem Zeitpunkt bereits mit anderen Berufen verdient, zum Beispiel als Tischler. Aber das Bedürfnis, als Schauspieler Geschichten zu erzählen, war dann doch stärker als der flüchtige Impuls, den Job aus zeitweiliger Frustration an den Nagel zu hängen.

Sie haben angeblich eine notorische Aversion gegen die Begleiterscheinungen Ihrer Bekanntheit.

Einige dieser Begleiterscheinungen mochte ich sogar sehr, vielen Dank. Aber mit dem Ruhm kamen natürlich andere Dinge, die ich als unbequeme Wahrheit bezeichnen würde. Was ich bereut habe, ist der Verlust meiner Anonymität, im Fokus der Aufmerksamkeit anderer Menschen zu stehen. Ich fühlte mich im übertragenen Sinne wie der Anthropologe im Dorf der Pygmäen. Und das gefiel mir überhaupt nicht. Ich gehörte nicht mehr dazu, wich von dem ab, was ich um mich herum sah, und das durch meine bloße Präsenz.

Sie waren auch als jüngerer Mann nicht zeitweilig vom sogenannten Hollywood-Lifestyle fasziniert?

(Überlegt lange) ... Ich weiß nicht, da müssen Sie einen anderen fragen. Ich glaube nicht. Ich habe zwanzig Jahre in Hollywood gelebt, bevor irgendjemand meinen Namen kannte. Ich kannte die Stadt einfach zu gut.

Wann haben Sie zuletzt mit Holz gearbeitet?

Ich habe nicht mehr wirklich die Zeit zu tischlern. Und Sie wissen, wie es läuft. Ich verliere meine technischen Fähigkeiten, wenn ich nicht täglich mit Holz arbeite. Es kommt nichts mehr dabei heraus, was ich auch anschließend der Öffentlichkeit präsentieren möchte. Ich müsste erst einmal wieder üben, um in Schwung zu kommen. Ich habe mir jedenfalls in letzter Zeit in meiner Tischlerei keine ambitionierten Projekte mehr vorgenommen. Das liegt erst wieder an, wenn ich in Form bin.

Ist die Tischlerei heute eine Art Meditation für Sie?

Nein, für mich ist es die pure Freude daran, etwas mit meinen Händen herzustellen. Der Arbeitsprozess an sich befriedigt mich. Und heute empfinde ich dieselbe Freude, wenn ich eine Figur spiele, ihren Charakter zusammenbaue, um damit beim Erzählen einer Geschichte zu helfen. Ich betrachte einen leeren Raum und stelle mir vor, ihn mit Leben zu füllen. Welche Werkzeuge benötige ich dazu? Welches Fundament hat dieser Raum? Wie stabil muss seine Struktur sein? Welches Gewicht an Schnee kann das Dach tragen?

Kinotrailer
Kinotrailer: „Blade Runner 2049“

Sie haben nicht nur als Tischler gearbeitet, sondern auch in einer Reihe von Berufen, für die Sie definitiv nicht qualifiziert waren. Warum hat man Sie trotzdem engagiert?

Weil ich gelogen habe, wenn es um meine Qualifikation ging. Aber in wirklich verantwortungsvollen Positionen habe ich dann am Ende doch nie gearbeitet. Ich hatte zum Beispiel einen Job als Küchenhilfe in einer Krankenhausküche. Dabei konnte ich gar nicht richtig kochen. Und es war gut, dass diese Küche zu einem Krankenhaus gehörte. Denn an meinem ersten Tag tat ich so, als ob ich sehr professionell das Gemüse schneiden könnte, um den anderen Köchen meine Fähigkeiten mit dem Messer zu demonstrieren. Und dabei habe ich mir dann prompt einen Teil meines Fingers abgeschnitten. Ich musste dann praktischerweise nur um die Ecke, in einen anderen Teil des Gebäudes gehen, wo man ihn mir wieder angenäht hat.

Als Actionheld haben Sie die haarsträubendsten Katastrophen überlebt. Kürzlich wären Sie aber beinahe selbst mit Ihrem Flugzeug abgestürzt.

Ich wäre nicht beinahe abgestürzt. Eines meiner Triebwerke hatte den Geist aufgegeben, das war alles.

Reagieren Sie da cooler, weil Sie solche Situationen vor der Kamera schon durchgespielt haben?

Cool bin ich überhaupt nicht. Aber als Pilot habe ich mein Verhalten in solchen Notsituationen trainiert. Mein Gehirn schaltet dann sofort auf Ausnahmesituation um; für so etwas habe ich einen mentalen Erste-Hilfe-Kasten in Reserve. Und damit bin ich dann beschäftigt – so sehr, dass ich gar keine Zeit habe, die Nerven zu verlieren.

Bis Sie wieder sicher landen.

Oder einen sicheren Crash hinlege. Ich hatte einen Motorausfall in 180 Metern Höhe. Und da erinnerte ich mich dann an die Worte eines Mentors und Fluglehrers: Flieg das Flugzeug so lange wie möglich in den Crash. Das heißt, im kritischen Moment wirst du nicht hysterisch, wirfst die Hände in die Luft oder etwas in der Art. Du landest, egal wie. Ich bin dann dummerweise auf der Taxispur gelandet, weil ich abgelenkt war. Aber das war eine dieser Maschinen, mit denen du auf einer schmalen Buschpiste irgendwo im Dschungel oder auf einer Straße landen könntest, wenn es sein muss. Es ist auch nicht wahr, dass ich beinahe ein Passagierflugzeug gerammt hätte. Ich bin ganz soft gelandet, nur eben leider auf dieser Taxispur. Zwischen ihr und der Landebahn lagen nur zwölf Meter. Mein Kommentar war dann: Oh, shit. Mein Fehler. Ich akzeptiere die Konsequenzen.

Ist das eine gute Lektion für das Leben im Allgemeinen?

„Oh, shit. Mein Fehler. Ich akzeptiere die Konsequenzen?“ Unbedingt.

Die Fragen stellte Christian Aust.

Quelle: F.A.S.
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