Interview mit Helen Mirren

„Ich habe jeden Tag Erniedrigung erlebt“

Von Christian Aust
 - 06:54
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Frau Mirren, in Ihrem neuen Film spielen Sie die Witwe des Waffenherstellers William Winchester.Sarah Winchester lebt in einem großen Anwesen, in dem ihrem Empfinden nach auch die wütenden Geister der Opfer der Winchester- Gewehre hausen...

Und Sie wollen mich jetzt, wie viele Ihrer Kollegen fragen, ob ich an Geister glaube?

Nicht an Geister. Aber ich spreche zum Beispiel manchmal mit meiner verstorbenen Großmutter. Reden Sie mit ihren Vorfahren?

Das ist interessant. Meine Mutter hat ihren Körper der Wissenschaft vermacht. Mein Vater wurde eingeäschert. Beide waren unreligiös. Es existiert kein Grab oder irgendetwas in der Art, was ich besuchen könnte, um mit ihnen zu sprechen.

Vermissen Sie so einen Ort des Gedenkens?

Nein, das finde ich nicht schlimm. Denn meine Eltern leben in meiner Erinnerung weiter. Und das ist alles, was ich brauche. Ich habe allerdings das Grab meiner Urgroßmutter in Russland besucht. Allein deswegen, weil es einem Wunder gleicht, dass wir es überhaupt gefunden haben. Und das war ein ganz besonderes Erlebnis für mich.

Was haben Sie dort empfunden?

All meine Verbindungen zu meiner russischen Herkunft waren eigentlich mein Leben lang verloren. Und als ich dann nach Russland gereist bin und dieses Grab auf einem sehr großen und sehr berühmten Friedhof in Moskau entdeckt hatte, war das ein ganz außergewöhnlicher Moment. Ich habe auch die Ländereien meiner Familie in Kuryanovo besucht, auf denen mein Großvater zur Welt gekommen und aufgewachsen ist. Es ist ein kleines Dorf, das kein Mensch kennt. Auch das hat mich tief berührt: dieselbe Luft zu atmen, die Düfte zu riechen, die er als Kind gerochen hat, denselben Wind auf der Haut zu spüren. Aber um noch einmal auf Ihre erste Frage zurückzukommen. Ich glaube, ich trage die Verbindung zu meinen verstorbenen Vorfahren immer in mir, wohin ich auch gehe. Und das natürlich nicht nur im spirituellen Sinne, sondern ganz konkret, in meiner DNA. Ich empfinde: Ich bin die Summe all der Familienmitglieder, die vor mir gelebt haben. Ich stelle mir das aber vor allem physisch, nicht metaphysisch vor.

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Kinotrailer„Winchester - Das Haus der Verdammten“

An die metaphysische Präsenz glauben Sie nicht?

Ich habe das für mich noch nicht so genau ausformuliert. Aber doch, metaphysisch sind meine Ahnen auch bei mir. Ich hatte darüber hinaus auch schon Erlebnisse dieser Art. Ich glaube schon, dass man die Präsenz von Verstorbenen spüren kann. Wenn ich ein Haus betrete, fühle ich mich entweder wohl oder unwohl. Einen Geist habe ich noch nie gesehen. Aber ich habe diesen Sinn für Orte, die für mich persönlich gutartig sind oder eine negative Ausstrahlung haben. Am nächsten war ich der Welt der Geister wahrscheinlich, wenn ich beinahe unmögliche Zufälle erlebt habe.

Was ist so ein unmöglicher Zufall?

Davon gab es einige. Und in solchen Momenten dachte ich: Das muss ja wohl mehr als ein Zufall gewesen sein. Ich will jetzt nicht zu weit ausholen und versuche, die Geschichte auf den Punkt zu bringen. Ich war einmal vor vielen Jahren mit meinem damaligen Freund in London-Hampstead unterwegs. Und auf dem Müll haben wir eine coole grüne Jacke gefunden. Ein außergewöhnliches Teil. Wir waren ganz begeistert, und sie passte meinem Freund wie angegossen, als ob man sie für ihn maßgeschneidert hätte. Und sie stand ihm wirklich gut. Wir sind dann in eine Bar gegangen, um zwei Bier zu trinken. Und da saß diese Frau, die uns die ganze Zeit so seltsam ansah. Schließlich kam sie zu uns an den Tisch und sagte: Tut mir leid, dass ich Sie so anstarre. Aber Sie tragen die Jacke meines kürzlich verstorbenen Mannes. Und er hat dieses Wandbild gemalt, vor dem Sie gerade sitzen. Das war unheimlich. Das wäre schon ein ziemlich extremer Zufall, oder?

Macht Ihnen so etwas Angst?

Nein, ich empfinde es eher als Wunder. Das sind die Wunder der Mysterien dieser Welt.

In dem Film „Winchester: Haus der Verdammten“ geht es auch darum, sich seiner Angst zu stellen...

Und seiner Schuld.

Wann haben Sie so etwas aus therapeutischen Gründen getan?

Der ganze Prozess des Schauspielens ist eine permanente Auseinandersetzung mit meinen Ängsten. Allein der Moment, jeden Abend auf die Bühne zu gehen. Viele Schauspieler fühlen sich in diesem Augenblick richtig krank vor Angst. Früher hatte ich Angst vor der Dunkelheit, aber heute nicht mehr.

Wie haben Sie das in Griff gekriegt?

Ich glaube, ich bin aus dieser Angst im Laufe der Jahre herausgewachsen. Irgendwann habe ich begriffen, wie schön die Dunkelheit ist. Heute ist die Nacht für mich eine wunderbare Tageszeit.

„Winchester“ ist im Kern ein Film über den amerikanischen Waffenkult. Wie erleben Sie dieses Phänomen als Wahlamerikanerin?

Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, dass sich in Amerika irgendetwas an diesem Kult ändern könnte. Ich habe jetzt in diesem Land im Zusammenhang mit Waffen schon so viele grauenhafte und absolut destruktive Ereignisse erlebt. Die Zahl der Menschen, die jährlich durch Waffen ums Leben kommen, ist einfach atemberaubend, weil sie so hoch ist. Trotzdem wollen die Amerikaner ihr Recht auf Waffenbesitz nicht aufgeben.

Woran liegt das?

Mir kommt es vor wie in der Kultur der Maya, in der den Göttern Menschen geopfert wurden. Der Gott der Amerikaner ist das Gewehr. Sie sind bereit, diesem Gott ihre Mitbürger zu opfern. Darunter sind Kinder oder Menschen mit Depressionen, die sich selbst töten. Aber das nehmen sie in Kauf. Wenn sie dazu bereit sind, habe ich nicht das Recht, ihnen das vorzuwerfen. Ich kann ihnen nicht sagen, sie sollten ihre Kultur ändern. Ich sehe das größere Problem in der weltweiten Produktion von Waffen, mit der Unmengen von Geld verdient wird. Geschäftsmänner reisen eifrig um die Welt, um diese Instrumente von Tod und Zerstörung zu verkaufen. Sie verkaufen an relativ junge Nationen, Diktatoren und halbverrückte Warlords. Und darum geht es auch in der Rolle, die ich im Film spiele: Wie kann man es mit seinem Gewissen vereinbaren, Waffen herzustellen und damit zu handeln?

Man kann zurzeit mit niemandem aus der Filmindustrie sprechen, ohne irgendwann auf die Themen „Me Too“ und „Time’s Up“ zu reden. Was halten Sie von dieser Diskussion?

Es war tatsächlich höchste Zeit für diese Debatte. Denn es hat uns schrecklich viel Zeit gekostet, sie anzuschieben. Wie jede Frau war ich mir der Ungerechtigkeit bewusst, war frustriert, wütend und gekränkt. Die sexuellen Übergriffe sind ja nur eine Sache und im Grunde nur eine Manifestation des viel größeren Problems, das bösartiger und zerstörerischer ist. Wir erleben in dieser Beziehung gerade große gesellschaftliche Veränderungen. Davon bin ich begeistert.

Welche Erfahrungen haben Sie als jüngere, unbekanntere Schauspielerin ohne Macht in der Branche gemacht?

Ehrlich gesagt, hatte ich nie so ein dramatisch negatives Erlebnis. Es klingt jetzt blöd, aber wenn es Übergriffe irgendwelcher Art gab, kann ich mich nicht mehr daran erinnern... (lacht).

Ernsthaft?

Vielleicht liegt es daran, dass dieser alltägliche Sexismus damals die Norm war. Ich kannte es ja nicht anders. Und genau deswegen ist es so großartig, dass wir heute sagen: Nein, das ist eben nicht die Norm. Und wir können etwas daran ändern. Außerdem begann meine Karriere am klassischen Theater. Da gab es zwar auch Übergriffe und männlichen Machtmissbrauch. Aber er war nicht so offensichtlich, weil weniger Geld im Spiel war. Der Ruhm und Reichtum, den man dort erlangen konnte, war nicht so extrem. Wir haben das ja alles für die Kunst getan. Als ich dann später nach Hollywood kam, war ich schon in meinen Dreißigern und keine naive Anfängerin mehr. Ich hatte einen gewissen Status und die Phase, in der Schauspielerinnen etwas derartiges passiert, übersprungen. Das Einzige, was ich jeden Tag erlebt habe, und zwar jeden Tag meines Lebens, war das permanente Erniedrigen und Herabsetzen, die sexuelle Objektifizierung, der Entzug meiner Stimme, die man nicht hören wollte.

Ihr Beruf hat viel mit Äußerlichkeiten zu tun. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich musste lernen, damit umzugehen. Natürlich empfindest du am Anfang alles als persönliche Zurückweisung. Aber im Laufe der Jahre lernst du, dass du für bestimmte Rollen auch einfach nicht der richtige Typ bist. Ich werde jetzt immer wieder gefragt, warum ich in meinem Alter noch so blendend aussehe. Und ich antworte dann: Du kannst alles mitmachen, aber eben nicht zu viel davon ...

Quelle: F.A.S.
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