Hotline für besorgte Bürger

Warum ein Kurde mit einem AfD-Politiker befreundet ist

Von Justus Bender
 - 15:03
zur Bildergalerie

Geschenke von Bernd Leidich sind mit Vorsicht zu genießen, das sagt er selbst. Als der Gießener AfD-Kreisbeigeordnete an einem Donnerstagmittag in das Istanbul-Kebábhaus in Pohlheim kommt, trägt er ein Knäuel aus Küchenrollenpapier in der Hand. Nach dem Auseinanderfriemeln kommen Chilischoten der Sorte Carolina Reaper zum Vorschein, eine der schärfsten Sorten der Welt. Leidich hat sie im Garten gezüchtet und will sie seinem Freund Mehmet Can schenken, dem Besitzer des Dönerladens. Can ist vor 22 Jahren als kurdisch-alevitischer Asylbewerber aus der türkischen Provinz Kahramanmaras nach Deutschland gekommen. Er sagt immer Bernd, und Leidich sagt Mehmet, also sagt Bernd: „Schau mal, Mehmet, was ich mitgebracht habe. Aber pass auf, dass du dir nicht in die Augen fasst, wenn du die geschnitten hast. Das ist ganz gefährlich.“ Er betont die Gefahr mehrmals.

Can bedankt sich in gebrochenem Deutsch für das Geschenk und zeigt Leidich seine eigenen Chilischoten, einen prallen Sack aus dem Großmarkt. Leidichs Sorge um den Freund und das kleine Geschenk aus seinem Garten haben etwas Goldiges, auch weil es um einen früheren Flüchtling und einen AfD-Mann geht. Als Leidich merkt, dass er belauscht wird, muss er lachen und ruft: „Der Rechtspopulist bei der Chili-Diskussion!“

Die Chilis sind ein passendes Geschenk. Sie sind höllisch scharf, aber gerade das hat etwas Verlockendes. Das Internet ist voll mit Videos, in denen gestandene Männer weinen, weil sie freiwillig Schoten der Sorte Carolina Reaper gegessen haben. Wenn Bernd seinen Freund Mehmet besucht, lachen sie miteinander und hauen sich auf die Schulter, aber es gibt auch diese spürbare Spannung zwischen beiden. Es gibt den Schmerz, den der Kontakt auslösen könnte, wenn in Klischees gedacht wird, in denen Can ein „Asylschmarotzer“ sein könnte und Leidich ein „Nazi“. Manche Leute reden so.

„Ich kann mit dem Herz und dem Kopf denken“

Jeder Mensch hat ein Herz, einen Bauch und einen Kopf, und wenn es um Asylbewerber geht, sind diese Körperteile bei Leidich nicht immer einer Meinung. „Ich kann mit dem Herz denken und gleichzeitig auch mit dem Kopf“, sagt er, „das eine ergänzt das andere.“ Sein Herz zum Beispiel, das mag die Familie Can sehr gerne. Sein Kopf hingegen glaubt, dass muslimische Asylbewerber ohne Schulbildung nicht gut sind für Deutschland. Und der Bauch, dem schmeckt der Lahmacun von Can einfach gut. Mit Tomaten und Zwiebeln, aber ohne Sauce – „wie immer“.

Auf einen Stuhl gegenüber von Leidich setzt sich Ali Can, der Sohn des Imbissbesitzers. Beide kennen sich gut. Sie telefonieren miteinander, sie chatten auch. Manchmal fragt Leidich im Chat: „Ali, was denkst du da?“ An anderen Tagen sitzt Leidich im Dönerimbiss und erklärt Vater Can die Flüchtlingskrise. Nach dem Motto: Der Laden hat 15 Sitzplätze – was, wenn jetzt ein Reisebus mit 50 Menschen kommt. „Soll er die reinlassen? Es geht nicht!“ Leidich nennt Ali Can scherzhaft: „Meinen kleinen Asylantenfreund.“ Ali Can hat keinen Spitznamen für Leidich, er sagt einfach Bernd.

In Pohlheim ist Ali Can – obwohl erst 23 Jahre alt – eine kleine Berühmtheit. Er hat den Verein „Interkultureller Frieden“ gegründet und steht regelmäßig in der Fußgängerzone von Gießen, um mit Passanten über Vorurteile zu reden. Dort hat ihn Leidich das erste Mal gesehen. Dann trat Can bei einer Lichterkette gegen Rassimus auf, und Leidich stand im Publikum. „Ich bin kein Rassist, kann ich da nicht hingehen?“, sagt er. Und: „Ich höre mir immer die gegnerischen, anderen Meinungen an.“ Leidich sprach Can neben der Bühne an und lobte ihn, so kamen sie ins Gespräch. Irgendwann tauchte Leidich im Dönerladen der Eltern auf und schenkte ihnen eine Chilipflanze – „als interkulturelle Geste“. Es ist, wenn man will, genau das, was Can und Leidich ständig machen. Der alevitische Kurde und der AfD-Politiker reden mit Leuten, die anders denken als sie.

Ali Can hat ein Buch veröffentlicht

Mit einem Kamerateam des WDR war Can schon auf einer Pegida-Demonstration unterwegs. Er trug eine blinkende Weihnachtsmütze auf dem Kopf und Schokonikoläuse in einem Bauchladen. So fragte er die Demonstranten, was an Muslimen schlimm sei. Vor wenigen Tagen hat er außerdem ein Buch im Lübbe-Verlag veröffentlicht, das „Hotline für besorgte Bürger. Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens“ heißt. Eine solche Hotline hat Can tatsächlich eingerichtet. Jeden Mittwoch und Donnerstag zwischen 18 und 20 Uhr können Bürger bei Ali Can unter der gebührenfreien Nummer 0 800/90 90 056 anrufen und mit ihm reden. Das Buch enthält kurzweilige Auszüge aus den Gesprächen.

Und in allem, was er tut, geht es Can um eine Haltung. Er will niemanden vorführen, er will keine Vorhaltungen machen. Er will zuhören, Fragen stellen, zum Nachdenken anregen. „Rassismus sollte man bekämpfen, Rassisten hingegen nicht“, schreibt Can in seinem Buch. Seine fünf Regeln für den Umgang mit Andersdenkenden lauten: „Höre zu!“, „Zeige Wertschätzung!“, „Stelle Fragen!“, „Erzähle persönliche Anekdoten!“ und „Führe zusammen!“.

Es ist ein Ansatz, mit dem er sich bei linken Studenten nicht beliebt macht. Einmal kündigten Plakate an der Uni Gießen eine Lesung von ihm an. Studenten rissen die Plakate herunter, wie sie es sonst nur bei Veranstaltungen von Rechten tun. Manche werfen ihm vor, Rechtsradikalen ein Forum zu geben. „Was ja auch so ist. Du redest mit mir. Also bietest du einem Rechten eine Bühne, ist doch logisch“, sagt Leidich – und Can schaut etwas gequält. Leidich wurde auch schon ausgegrenzt, bespuckt, als „braune Sau“ beschimpft. Es ist eine Gemeinsamkeit der beiden: Sie riskieren viel, indem sie den Kontakt zum anderen suchen.

Wer verändert hier wen?

Die Angelegenheit – Leidichs Besuch im Imbiss und das Gespräch der beiden – ist so etwas wie ein Versuchsaufbau. Man könnte auch sagen: eine Vorführung. Objekt der Anschauung ist nicht Leidich, sondern Cans Methode, mit Menschen wie Leidich zu reden. Die Frage lautet: Wer verändert hier wen?

Vor dem Gespräch ist Leidich nervös. Can musste versprechen, dass das Treffen keine Falle sei. Außerdem will Leidich eine Videokamera mitlaufen lassen. „Ich möchte halt nicht die Erfahrung machen, dass es falsch wiedergegeben wird“, sagt Leidich. „Ich werde mich nicht verbiegen“, sagt er. „Ich werde das so sagen, wie ich es denke. Aber du kennst mich ja.“ Can sagt: „Mittlerweile ja.“

Für einen AfD-Politiker ist Leidich mindestens ein so ulkiger Typ wie Can. Neulich quatschte er einen Flüchtling in der Fußgängerzone an. „Na, alles gut hier, und wie isses in der Heimat?“ Der Flüchtling berichtete von seiner Freundin, der in Syrien aufgrund eines Bombenattentats ein Bein amputiert werden musste. „Natürlich ist das herzzerreißend“, sagt Leidich. „Mit dem Herzen könnte man natürlich sagen: Wir helfen euch allen. Aber es geht nicht. Wir können es finanziell und platzmäßig niemals leisten.“ Das ist der Kopf, der spricht.

Die gespielte Neutralität verlangt ihm viel ab

Leidich sagt, dass im Landkreis rund sechzig Prozent der Asylbewerber Analphabeten seien. „Wie lange soll das dauern, bis sie eine fremde Sprache lesen und schreiben können?“ Er fragt das, während er Ali Can gegenübersitzt – dessen Vater nur die Grundschule besucht hat und dessen Mutter lange Analphabetin war, der selbst aber studiert. Leidich nennt Cans Eltern „gut integriert“, obwohl sie nur gebrochen Deutsch sprechen. Wie geht das zusammen?

Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.
Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.

Starten Sie den Morgen mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen des Tages. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

Mehr erfahren

Es ist ein Moment des Nachdenkens, wie Can ihn provozieren will. Er klagt nie an. Er stellt nur Fragen und ermuntert Leidich sogar. „Das ist eine interessante Frage“, sagt er zum Beispiel oft. Oder, wenn Leidich einen Vorschlag macht: „Das finde ich wirklich konstruktiv.“ Nur an seinem Mienenspiel lässt Can erahnen, was in ihm vorgeht. Wenn Leidich seine Meinung sagt, schaut er manchmal angestrengt auf den Boden. Oder er wischt sich mit der Hand über die Stirn, lehnt sich im Stuhl vor und zurück oder rührt den Löffel sehr schnell in seinem türkischen Tee. Man merkt: Es verlangt ihm etwas ab, diese gespielte Neutralität.

In seinem Buch schildert Can viele solcher Gespräche. Als ein Mann über Parallelgesellschaften schimpft, sagt Can seelenruhig: „Ich finde es gut, dass du mit mir über deine Beobachtungen sprichst.“ Als jemand klagt, er werde von anderen „einfach abgestempelt“ als „Nazi“, wenn er über den Islam rede, sagt Can: „Schade, dass das so verlaufen ist.“ Als wäre die Neutralität ein Schutz, sich nicht selbst als Adressat des Zorns zu verstehen.

„Mit der AFD an der Macht wäre ich nicht hier“

Das Gespräch mit Leidich verläuft ähnlich. In dem Moment, als es um Analphabeten geht, sagt Can: „Ich kann die Skepsis nachvollziehen. Ich glaube, es ist voll schwierig einzuschätzen, was aus welchem Einwanderer wird.“ Das ist der verständnisvolle Teil, der verhindern soll, dass Leidich sich abgelehnt fühlt. Gemäß seinem Motto: „Zeige Wertschätzung!“ Danach folgt – Stichwort: „Erzähle persönliche Anekdoten!“ – ein emotionaler Appell: „Wenn die AfD damals an der Macht gewesen wäre, wäre ich nicht hier. Ich hätte nicht die Chance gehabt. Mich gäbe es gar nicht. Das ist traurig.“

Leidich windet sich. Er sagt, was AfD-Politiker oft sagen, dass er nämlich nichts gegen legitime Kriegsflüchtlinge habe. Was aber hält er von der Aussage des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland, der gesagt hatte, er wolle jede Zuwanderung von Muslimen verhindern? „Das ist ja pure Diskriminierung. Das muss man einfach auch so sagen“, sagt Can. Leidich atmet tief durch. Die Familie Can, die sein Herz mag, gehört zu der Gruppe, die sein Kopf ablehnt. Also nimmt er das Argument mit dem Analphabetismus zurück: „Noch mal, der Dönermann an der Ecke, da hab ich doch gar nichts dagegen. Sie sind hier wohlintegriert. Ob Sie jetzt lesen können oder schreiben, das ist mir so was von egal.“ Auf den Einwand, dass das von weiten Teilen seiner Partei etwas enger gesehen werde, antwortet Leidich: „Ich möchte mich doch dem etwas liberaleren Flügel zuordnen.“

Can erklärt, warum er von der Art, wie er Gespräche führt, überzeugt ist. „Definitiv ist mein Projekt darauf ausgelegt, dass man sich gegenseitig Gedankenimpulse gibt. Und ich bin mir sehr sicher, dass ich dem Bernd zu denken gebe, sehr sicher. Ich glaube, dass er auch durch die Begegnung mit meinen Eltern die eine oder andere Überraschung erlebt. Mein Projekt zeigt mir, dass ich Menschen erreiche, die andere Menschen abstempeln.“

Leidich betont, wie angetan er von Cans Auftreten ist

Aber hat die Auseinandersetzung von Can wirklich etwas verändert in Leidichs Denken? Eigentlich ist Leidich keiner, der seine Haltung so schnell aufgibt. Ein Test: Ob er zum Beispiel die Aussage des hessischen Landesvorsitzenden Albrecht Glaser, wonach alle Muslime automatisch Islamisten seien, noch unterstützen könne, wenn er mit Ali Can befreundet sei? „Ich trenne das“, sagt Leidich. Soll heißen: Sagt der Kopf etwas anderes als das Herz, hört Leidich auf den Kopf, zumindest was das Politische angeht.

An einer Stelle wird Leidich von Can unterbrochen, weil dieser wissen will, ob er nicht doch einen Einfluss auf Leidichs Denken gehabt habe. „Ali. Ali. Du musst die älteren Menschen ausreden lassen, dann kommt man schon zum Punkt.“ Can witzelt, er sei wohl „doch nicht ganz integriert“. Leidich witzelt zurück: „Das ist dieses Islamische.“ Sie lachen zusammen.

Immer wieder betont Leidich, wie angetan er von Cans Auftreten sei. Dass er es „wirklich, wirklich wertschätze“, dass Can auch „Kontakt zu Andersdenkenden, den besorgten Bürgern“ suche. Freilich klingt es, als genieße Leidich nicht nur die Abwesenheit von Vorverurteilungen durch Can, sondern die Abwesenheit von Urteilen überhaupt. „Ich kann sagen, was ich denke. Er kann sagen, was er denkt. Trotzdem essen wir danach wieder einen Döner“, sagt Leidich. Und: „Das Menschliche und das Politische sind zwei Paar Schuhe.“

Für Can haben die Gespräche mit Leidich etwas verändert. Was er antwortet, wenn jemand behauptet, alle AfD-Anhänger seien Nazis? „Aus echter Überzeugung?“, fragt Can. „Komm, raus damit“, sagt Leidich. „Dass es einfach nicht stimmt, denn es gibt auch reine Protestwähler. Es sind nicht nur Rassisten“, sagt Can. Und andersherum – was Leidich antwortet, wenn jemand in seiner Partei das nächste Mal alle Muslime über einen Kamm schert? Leidich überlegt nicht lange: „Da sag ich dann: Das stimmt nicht.“

Quelle: F.A.S.
Justus Bender - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Justus Bender
Redakteur in der Politik.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandAfDPegidaWDRMuslime