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Hugh Bonneville im Gespräch

„Ich habe am Set gestohlen“

Von Bettina Aust
 - 08:05
Bonneville weiß, wem er seine Karriere auch zu verdanken hat: „Der Einfluss meiner Eltern auf mein Leben war sehr groß.“ Bild: Jesse Dittmar/Redux/laif, F.A.S.

Weltweit berühmt wurde Hugh Bonneville als „Robert Crawley, Earl of Grantham“ in der britischen Fernsehserie „Downton Abbey“. Sechs Staffeln lang versuchte er hier als Oberhaupt einer britischen Adelsdynastie im Zeitalter fortschreitender Industrialisierung das Familienanwesen zu retten. Auch deswegen ist er genau der richtige Mann für die Rolle des Lord Mountbatten in seinem neuen Film „Der Stern von Indien“. Diesmal ist seine Aufgabe allerdings wesentlich monumentaler. Als Vizekönig soll Mountbatten 1947 die britische Kronkolonie Indien in die Unabhängigkeit führen.

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Macht es Sie nicht nervös, wenn Sie als Brite nun ein solch nationales Schwergewicht wie Lord Mountbatten spielen sollen?

Ich finde es eher interessant, diese Denkmäler wieder menschlich zu machen. Aber natürlich spüre ich auch die Verantwortung, denn es sind Menschen, die im Gedächtnis der Zuschauer immer noch sehr präsent sind, obwohl sie schon lange nicht mehr am Leben sind. Prinz Charles betont zum Beispiel immer wieder, was für einen großen Einfluss Mountbatten auf ihn hatte. Ehrlich gesagt, versuche ich, mir nicht zu viele Gedanken darüber zu machen. Am Ende macht es vor allen Dingen Spaß, in so eine fremde Welt einzutauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Mountbatten zu leben, weder als Mitglied der oberen Zehntausend noch als militärischer Befehlshaber, der Indien friedlich aufteilen soll. Ich tauche nur ab und an in diese Welt ein.

Sind Sie deshalb so überzeugend als britischer Aristokrat, weil Sie den nötigen Abstand zu dieser Welt haben?

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Nett, dass Sie es so sehen. Ich weiß nicht, ob ich jemals in einer Rolle überzeugend war. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Grammatik beherrsche und in vollständigen Sätzen sprechen kann? Andererseits können das viele Mitglieder der High Society auch nicht mehr. Ich bin mir also nicht sicher.

Kinotrailer
„Der Stern von Indien“

Wie haben diese beiden Rollen in Downton Abbey und dem neuen Film Ihre Sicht auf die britische Upper Class verändert?

Sie haben sie nicht wirklich verändert. Ich bin mit dem Image dieser Welt aufgewachsen. Nach Downton Abbey und „Der Stern von Indien“ bin ich allerdings wirklich so eine Art Insider. Trotzdem habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zur britischen Upper Class, denn ich bin gewissermaßen schon als Liberaler zur Welt gekommen. Und das heißt, ich finde nicht, dass die Welt der Feudalherrschaft, wie wir sie in Downton Abbey sehen, ein erstrebenswerter Gesellschaftsentwurf ist. Trotzdem respektiere ich die Oberschicht heute mehr als davor, weil ich einfach mehr über sie weiß.

Und alles verstehen heißt vieles verzeihen?

Natürlich hat die Oberschicht damals auf Kosten der armen Leute gelebt. Das ist jetzt keine großartige Erkenntnis. Trotzdem kann man nicht sagen, dass Robert Crawley in Downton Abbey ein übler Bursche war. Das wäre auch eine Interpretation, die nicht ganz fair ist. Wenn Sie die Farmer, die Ihr Land bewirtschaften, grausam behandeln, haben Sie am Ende keine Ernte, um Ihr Anwesen zu finanzieren. Ich bin mit diesem System zwar nicht einverstanden, aber ich kann es bis zu einem gewissen Grad verstehen. Trotz unterschiedlicher Startbedingungen sollte aber jeder die gleichen Chancen im Leben haben. Und das war in dieser Gesellschaft bestimmt nicht möglich. Es ist allerdings auch nicht in Ordnung, so hart über Menschen zu urteilen, die in dieses System hineingeboren wurden.

Sie sind in einen Mediziner-Haushalt hineingeboren worden und haben dann als Schauspieler Karriere gemacht. Woher kam dieser Impuls?

Mein Vater war Chirurg in der Urologie, meine Mutter zuerst Krankenschwester und dann für den größten Teil ihres Lebens Hausfrau. Jedenfalls dachten wir das.

Hatte sie heimlich einen Nebenberuf als Schauspielerin?

Sie werden lachen, aber einen Nebenberuf hatte sie offensichtlich tatsächlich, und wir haben es erst später herausgefunden. Als ich zehn Jahre alt war, hatte meine Mutter plötzlich wieder einen Teilzeitjob beim Auswärtigen Amt, wo sie als junge Frau schon einmal gearbeitet hatte, als sie mit meinem Vater in Singapur lebte und eine Art Wehrdienst leistete. Bis zu ihrer Pensionierung ging sie dort zwei bis drei Tage pro Woche hin. Eines Tages schlug ich also die Zeitung auf und sehe da dieses Foto, auf dem das Gebäude zu sehen ist, wo sie immer hinging. Und darunter steht: Ehemaliges Quartier des Auslandsgeheimdienstes MI6 soll in Apartmentkomplex umgebaut werden. Ich habe das meiner Mutter gezeigt und meinte: Aber Mum, hier hast du gearbeitet!

Und was hat sie geantwortet?

Yes, dear. Ich sagte dann völlig entgeistert: Aber Mum, das ist MI6! Und sie sagte wieder: Yes, dear. Und ich: Warst du eine Spionin?! Und sie: Ich darf dir nicht verraten, was genau ich gemacht habe, aber ich habe für den MI6 gearbeitet. Sie hat nie wieder darüber gesprochen. Nach ihrem Tod vor zwei Jahren habe ich dann meinen Vater gefragt, ob sie ihm jemals erzählt hat, was ihr Job war. Aber er wusste auch nichts Genaues. Durch Zufall lernte ich dann jemanden kennen, der mit ihr gearbeitet hatte. Und der erzählte mir, sie habe immer gesagt, sie würde nur Akten bearbeiten. In Wirklichkeit gingen aber strengstens geheime Informationen durch ihre Hände.

Offenbar war Ihre Mutter eine gute Schauspielerin.

Ich war vor allen anderen Dingen sehr stolz auf sie, wie sie ihren Dienst mit so viel Diskretion geleistet und nie darüber gesprochen hat, weil es ihr wichtig war. Der Schuljunge in mir wollte natürlich noch viel mehr wissen, alle Details. Aber ich bewundere sie deswegen noch mehr. Wo waren wir stehengeblieben?

Ihrer genetischen Disposition für den Beruf des Schauspielers.

(Lacht) Meine Eltern gingen gerne ins Theater, liebten die Oper und Kunst. Sie liebten aber auch Ausflüge aufs Land, die uns Kindern immer endlos zu dauern schienen. Worauf ich eigentlich hinaus will: Kunst war immer präsent in meiner Kindheit. Und ich war begeistert, wenn meine Eltern mich mit ins Theater genommen haben. Das war ein großes Glück. Und irgendwie habe ich schon früh begriffen, dass ich davon profitiere. Ich konnte so eine ganz andere Vorstellungskraft und Phantasie entwickeln. Im Theater zu sitzen, Angst zu haben, über etwas zu lachen, auf so viele Weisen berührt zu sein, das hat mich in meinen Grundfesten erschüttert.

Und da haben Sie beschlossen, Teil dieser Welt zu werden und andere Menschen zu erschüttern?

Nein. Ich konnte mir trotzdem nie vorstellen, dass daraus einmal ein Beruf wird, weil es einfach nicht meine Welt war. Ich erinnere mich noch genau daran, als ich meine erste Gage als Schauspieler bekommen habe. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass man mich dafür bezahlt, auf der Bühne zu stehen. Und ehrlich gesagt, geht es mir bis heute so. Es ist ein großes Glück, seinen Lebensunterhalt mit etwas bestreiten zu können, das man so sehr liebt. Ich konnte mein Hobby zur Karriere machen. Und obwohl die Wahrscheinlichkeit, damit Erfolg zu haben, sehr gering ist, haben meine Eltern mir den Mut vermittelt, diesen Weg zu gehen.

Obwohl sie wussten, sie könnten später eventuell einen arbeitslosen Schauspieler durchfüttern?

Ich erinnere mich noch an mein zweites Jahr auf der Universität, in dem ich in erster Linie Theater gespielt und kaum studiert habe.

Ihr Hauptfach war Theologie.

Ja, das war noch so ein Steckenpferd von mir. Dabei bin ich gar nicht religiös. Aber ich hatte in der Schule einen Religionslehrer, der mich für das Thema begeistert hat. Ich dachte, ich mache drei Jahre Theologie und kann dann immer noch Jura oder irgendetwas anderes Ordentliches studieren. Ich war ein mieser Student, konnte aber in dieser Zeit schon Erfahrung auf der Bühne sammeln. Irgendwann habe ich meinen Eltern erzählt, ich würde es gerne als Schauspieler versuchen. Wenn es nicht funktioniert, könnte ich ja in ein paar Jahren immer noch etwas Vernünftiges lernen. Und sie haben gesagt: Wir unterstützen dich. Wir haben dich oft genug auf der Bühne gesehen und wissen, wie sehr du es liebst – probiere es einfach aus. Ich frage mich heute oft, ob ich den Mut gehabt hätte, auf eigene Faust mit dem Zirkus durchzubrennen, wenn sie nicht einverstanden gewesen wären.

Warum war Ihnen der Segen Ihrer Eltern so wichtig?

Der Einfluss meiner Eltern auf mein Leben war sehr groß. Und es war mir wichtig, dass sie mit dem, was ich mache, einverstanden sind. Sie waren sehr großzügig, und ich hätte mich dafür gehasst, sie vor den Kopf zu stoßen.

Wie haben Sie sich in der Unsicherheit dieses Berufes eingerichtet?

Ich weiß nicht, ob ich das jemals erfolgreich getan habe. Eigentlich bin ich der glücklichste Schauspieler der Welt, denn ich bin jetzt seit über dreißig Jahren beschäftigt. Trotzdem denke ich immer noch, mein aktueller Job war der letzte und ich werde nie wieder engagiert. Das ist eine Art Berufskrankheit, fürchte ich. Ich habe ja ein paar Jahre mit der „Royal Shakespeare Company“ gearbeitet und war fest überzeugt, ich würde dort bleiben, das ist mein Zuhause. Dann wurde mein Vertrag nicht verlängert. Ich war fürchterlich deprimiert. Und dann bot man mir eine kleine Rolle beim Fernsehen an.

Und Fernsehen war wahrscheinlich zunächst kein adäquater Ersatz für die Royal Shakespeare Company?

Das war ja noch eine ganz andere Zeit. Man kam nicht von der Schauspielschule und wurde für eine Fernsehserie verpflichtet, wie es heute üblich ist. Meine erste Liebe war immer das Theater. Fernsehen war eine Sprache, die ich nicht verstand. Ich verstand Theaterstücke. Wir Briten können Theater, dachte ich. Film und Fernsehen war in meiner Vorstellung etwas für amerikanische Schauspieler.

Und dann hatten Sie mit Ihrer Rolle in Downton Abbey Ihren größten Erfolg. Ironie des Schicksals?

Irgendwie schon. Aber das ist ja das Schöne an diesem Beruf. Er lässt sich nicht planen.

Wie hat diese Rolle Ihr Leben verändert?

Mich hat sie nicht verändert, ich bin immer noch derselbe Schauspieler. Aber diese Rolle hatte für mich einen ähnlichen Effekt wie damals „Notting Hill“. Plötzlich öffneten sich Türen, die mir vorher verschlossen waren. Mir ist völlig klar, dass ich ohne Downton Abbey nie im Leben einen Film wie „Monuments Men“ mit George Clooney gemacht hätte, für „Der Stern von Indien“ oder für „Paddington“ besetzt worden wäre. Deswegen blicke ich auf Robert Crawley mit großer Liebe, Zuneigung und Stolz zurück. Und es ist für mich immer noch ein Mysterium, wie viele Menschen diese Serie weltweit berührt hat. Damit hatten wir alle nicht gerechnet. Ich bekomme immer noch Briefe aus China oder Südamerika. Es ist faszinierend.

Wie haben Sie das Ende der Serie erlebt?

Ich glaube, wir haben zur richtigen Zeit aufgehört. Wir waren ein gutes Team und sind Freunde geblieben. Vor ein paar Wochen haben wir uns alle zum Reunion-Dinner getroffen, und das war sehr schön.

Was haben Sie als Erinnerung vom Set mitgenommen?

Ich habe einige Menükarten geklaut, die waren ja Teil jedes Dinners und immer wundervoll in Französisch geschrieben. Und darüber hinaus habe ich einen Brief gestohlen, den Rose an Robert Crawley geschrieben hatte, in dem es um ihr neues Leben in Amerika geht. Und dann hat mir der Produktionsdesigner das Telegramm geschenkt, in dem man mir mitteilt, dass wir uns im Krieg mit Deutschland befinden.

Wo heben Sie diese Dinge auf?

Ich habe sie gerahmt und in mein Klo gehängt (lacht).

Quelle: F.A.S.
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