Designer-Familien

Was du ererbt

Von Peter-Philipp Schmitt
 - 14:10
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Die Nachkriegszeit hat seine frühen Entwürfe geprägt. Da es Sadi Ozis an Materialien mangelte, musste er sich mit dem behelfen, was er in den fünfziger Jahren in der Türkei zur Hand hatte: Wasserleitungen, Fischernetze, Kabelschnüre, Küchensiebe. So entstand zum Beispiel der Stuhl Fishnet. "Ich erinnere mich, wie Freunde zu uns nach Hause kamen, den Stuhl sahen und Angst hatten, darauf zu sitzen", erzählt Neptun Ozis. Sitz und Rücken des Stuhls waren ursprünglich aus echtem Fischernetz. Der deutsche Hersteller Walter Knoll legte den Entwurf später mit Polstern neu auf. Daran beteiligt war auch Neptun Ozis, der seit seiner Studienzeit mit seinem Vater zusammenarbeitete.

Sadi Ozis, Jahrgang 1923, studierte zunächst Kostümdesign in Paris. Nach seiner Rückkehr nach Istanbul begann er als Maler und Bildhauer, aber auch als Designer zu arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mit seinem Freund Ilhan Koman gründete er 1956 das erste Atelier für Metallmöbel in der Türkei, um fortan "nützliche Kunst" in Form von Stühlen zu entwickeln. Dazu gehören auch die Stühle Burgaz, im Original aus Stahlrohr und Kabelschnüren, und Rumi, der mit seinen weit geschwungenen Rundungen an einen tanzenden Derwisch erinnern soll. Überhaupt erkennt man bei Ozis immer den orientalischen Einfluss seiner Heimat.

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Neptun Ozis wurde 1970 geboren. Er nennt seinen Vater "meinen Mentor". Er selbst war Sadi Ozis' Assistent. "Entweder ich habe gezeichnet, und er hat meine Entwürfe überarbeitet. Oder er hat mir seine Entwürfe gegeben, die ich weiterentwickelt habe." Der Sohn machte Prototypen, suchte das Material aus oder verfeinerte die Ergonomie. So verbesserten sie gemeinsam die frühen Entwürfe, die Walter Knoll vor kurzem neu auflegte. Sadi Ozis, der über Jahrzehnte Professor an der Kunstakademie in Istanbul war, starb 2012. Sein Sohn hat sich inzwischen einen Namen als Designer von Yachten gemacht. Auch er ist Dozent in Istanbul und Izmir - für Yacht- und Möbeldesign.

Jacob und Timothy Jacob Jensen

"Mein Vater", sagt Timothy Jacob Jensen, "war eine Mischung aus Charlie Chaplin und Benito Mussolini." Ganz ernst meint er das nicht. Der Sohn will vielmehr damit ausdrücken, dass der Vater charismatisch und kompromisslos zugleich war - Jacob Jensen zählt zu den bedeutenden skandinavischen Gestaltern, die das Nachkriegs-Design geprägt haben.

Schon Jacob Jensens Vater hatte mit Möbeln zu tun. Der Sohn, Jahrgang 1926, ging bei ihm in die Polstererlehre, bevor er 1948 an der Kunsthandwerkerschule in Kopenhagen aufgenommen wurde. Dort gab es erstmals das Fach Industriedesign, das Jacob Jensen als Erster studierte und erfolgreich abschloss. Nach sechs Jahren, in denen der Däne unter anderem für Raymond Loewy in New York arbeitete, eröffnete er sein eigenes Studio in Kopenhagen. 1966 zog er nach Højslev im Norden Jütlands, auch weil er für Bang& Olufsen zu entwerfen begann, das Unternehmen für Unterhaltungselektronik, das dort seinen Sitz hat. Zugleich wurde er unter seinem eigenen Namen zur Marke, besonders mit Jacob-Jensen-Uhren.

Der Sohn machte die Firma international

Timothy Jacob Jensen kam 1962 zur Welt. Mit 16 ging auch er bei seinem Vater in die Lehre, bevor er als Designer ein paar Jahre auf Wanderschaft ging. 1990 kaufte er dann seinem Vater das nach ihm benannte Studio ab. "Für mich war es ein skandinavisch geprägtes Familienunternehmen", sagt Timothy Jacob Jensen. Inzwischen ist Jacob Jensen Design Studios eine international agierende Firma mit Niederlassungen in Bangkok und Schanghai. "Ich sehe es nicht mehr als das Studio meines Vaters. Schließlich führe ich jetzt schon länger die Geschäfte als er."

Allerdings blieben dem Junior neben dem Namen des Seniors auch etliche alte Kunden erhalten, vor allem Bang&Olufsen und Gaggenau Hausgeräte. Offiziell ging der Gründer des ältesten Design-Studios Skandinaviens erst 2011 in Rente. Vier Jahre später, im Mai 2015, starb Jacob Jensen im Alter von 89 Jahren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philipp (pps.)
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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