Menschen
James Blunt im Interview

„Auf Erfurt freue ich mich besonders“

Von Daniela Gassmann
© James Blunt, F.A.S.

James Blunt gehört zu der Sorte von Stars, zu der alle eine Meinung haben: Die einen, vor allem Frauen, schmachten seit seinem Hit „You’re Beautiful“, die anderen finden ihn schrecklich nervig. Zur letzteren Gruppe gehört der Brite selbst, zumindest behauptet er das auf Twitter. Dank seines Humors gilt er inzwischen als cooler Typ – und dank seiner hohen Stimme hat er immerhin 20 Millionen Alben verkauft. Das fünfte, „The Afterlove“, kündigte er so an: „Ihr glaubt, 2016 war ein schlimmes Jahr? 2017 erscheint mein neues Album!“

In einem Berliner Luxushotel, Stockwerk 28, beendet Blunt schnell sein Telefonat. Er sinkt in Jeans und Sweatshirt aufs Sofa, als wäre es sein eigenes. Falls Blunt erschöpft ist, kann sein frisch rasiertes Gesicht das gut verstecken. Einzig eine kleine Geste deutet darauf hin, dass er rastlos sein muss, zwischen Welterfolg und Vaterpflichten: Unablässig schiebt er seinen silbernen Ring über den Fingerknöchel und wieder zurück.

Ihren Erfolg haben Sie einem Lied über unerfüllte Liebe zu verdanken, auf Ihrem neuen Album klingen Sie erstaunlich glücklich. Könnte das für Sie zum Problem werden?

Auf dem neuen Album ist nicht mehr nur der Mann mit Gitarre zu hören, trotzdem gibt es immer noch die dunklen, verzweifelten Stücke. In „Don’t Give me Those Eyes“ singe ich über eine Liebe, die nicht bestehen darf, weil sie falsch ist. Ich habe viel Gefühl hineingelegt und im Schreibprozess sogar mal geweint. Das Album ist ein Schnappschuss des Lebens, der Titel „The Afterlove“ steht genau wie das Wort „afterlive“ (deutsch: Jenseits, Anmerkung der Redaktion) für viele Dinge: Einerseits einen fröhlichen, paradiesischen Ort, den man erreicht, wenn man die Liebe gefunden hat, nach der man immer gesucht hat. Gleichzeitig meint „The Afterlove“ die Phase, wenn die Liebe gestorben ist. Meine Musik ist also so emotional wie früher – nur selbstbewusster.

Sie haben 90 Lieder geschrieben, zehn ausgewählt, und am Ende handeln fast alle von Liebe. Das ist wenig innovativ, oder?

Es geht aber nicht nur darum. „Someone singing along“ handelt von Politik auf der ganzen Welt. Ich singe darin, dass wir jeden Menschen schätzen sollen, egal welche Sexualität, Hautfarbe oder Religion er hat. Neu an dem Album ist auch der Humor. Wie die meisten Leute inzwischen wissen, blödele ich gerne herum. Früher habe ich keinen Weg gefunden, diesen Teil meines Charakters in meiner Musik auszudrücken. Bei diesem Album ist mir das zum ersten Mal gelungen.

Sie machen sich sogar über Ihren Hit „You’re Beautiful“ lustig, und das in einem eigentlich romantischen Lied.

„I would have said you are beautiful but I used this line before“, singe ich da. Die Leute fragen mich ständig nach dem Song, nach zwölf Jahren dachte ich, es wäre witzig, wenn ich mir in einem anderen Song einen Scherz erlaube.

Nervt es Sie denn nicht, immer mit Ihrer ersten Nummer in Verbindung gebracht zu werden? Immerhin ist sie als schnulzig verschrien.

Ich glaube, die Leute machen da einen einfachen Denkfehler: Sie behaupten, „You’re Beautiful“ wäre ein romantischer Song, aber eigentlich handelt er von einem Typen, der voll auf Drogen ist und sich in der U-Bahn in die Freundin eines anderen verguckt. Er wird zum Stalker. Wahrscheinlich wäre er im Gefängnis besser aufgehoben.

Ihr berüchtigter Sarkasmus, endlich!

So steht es in den Lyrics, lesen Sie nach. Da haben die Leute einfach komische Dinge hineininterpretiert.

Soso, die romantische Seite von James Blunt haben sich all die weiblichen Fans nur erträumt.

Sagen wir es so: Wir alle vereinfachen Dinge. Für die Leute war ich nur der romantische Typ mit der Gitarre, da habe ich mich in eine Ecke gedrängt gefühlt. Ich war Soldat, bevor ich Musiker wurde. Ich war jemand, der auf Ibiza lebte.

...und ausgiebig mit Models feierte...

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Neues Album „The Afterlove“: Im Interview spricht James Blunt über sein Softie-Image und Twitter-Coolness

Auch davon erzählen die Medien gern. Die Welt ist aber nicht so einfach, ich habe viele Seiten, so wie alle anderen Menschen auch. Und was „You’re Beautiful“ angeht: Ich liebe das Lied. Es wird mich immer begleiten.

Den Militär-Look hat er aus seiner Zeit bei den britischen Streitkräften übernommen: Der Musiker James Blunt
© dpa, F.A.S.

Über Ihre Zeit als Soldat im Kosovo-Krieg reden Sie gerne. Dabei sind bereits 15 Jahre vergangen, seit Sie nicht mehr Aufklärungsoffizier einer Panzereinheit sind. Wie prägen diese Erfahrungen Sie heute?

Meine neuen Songs haben weniger damit zu tun, aber man kann den Einfluss auf alten Alben erkennen. Wenn man einmal im Kriegsgebiet war, prägt einen das ein Leben lang. Ich habe dort angefangen, Lieder zu schreiben, und meine Liebe zur Musik gefunden.

Dass Sie nachts an der Front Lieder geschrieben haben, ist nicht nur Teil einer Vermarktungsmasche?

Wenn es ruhiger war und ich Zeit hatte, habe ich wirklich an Songs gearbeitet. Natürlich kam es darauf an, wo meine Einheit gerade war – im Kriegsgebiet sollte man nachts im Wald nicht drauflosspielen. Es gab viele Nächte, in denen wir keine Geräusche machen durften. Aber ich habe immer wieder Auszeiten genommen für die Musik.

Und die Gitarre haben Sie um den Panzer gebunden?

Allerdings. Was hätte ich sonst tun sollen? Ich hätte die Gitarre ja in den Panzer reingepackt, aber wenn ich das getan hätte, dann hätte ich einen Soldaten außen hinbinden müssen.

Dann kamen Sie zurück nach England und wurden schlagartig berühmt.

So erzählen es die Leute gerne, aber ich habe ja schon immer Musik gemacht. Andererseits: Wenn ich mit „Your’re Beautiful“ keinen Hit gelandet hätte, würde ich jetzt wahrscheinlich nicht hier sitzen. Ein einziger Song ist heutzutage dein Ticket zu allem, mehr brauchst du gar nicht. Das Publikum möchte ihn hören, und ich freue mich auf jedem Konzert, wenn ich ihn spiele. Das bedeutet nämlich, dass ich gleich fertig bin und mir ein Bier an der Bar holen kann.

Ähnlich dankbar müssen Sie Twitter sein. Seit Sie sich in dem sozialen Netzwerk selbstironisch geben, finden sogar diejenigen Sie cool, die Ihre Musik hassen.

Ed Sheeran (Mitte) und James Blunt (r.) gemeinsam bei der Verleihung zur Goldenen Kamera in Hamburg: Die beiden britischen Musiker sind gute Freunde. Gehen sie bald auch gemeinsam auf Tournee?
© AFP, F.A.S.

Es ist lustig, dass immer alle von diesen Hatern sprechen wollen, obwohl es so viel Gutes gibt. Ich mache eine Welttour, auf die Zehntausende, Hunderttausende Menschen kommen. Da muss ich mir keine Sorgen machen über ein oder zwei Leute, die auf Twitter böse Dinge schreiben.

Sie klingen sehr von sich überzeugt. Heben Sie ab?

Das kann gar nicht passieren. Meine Freunde beleidigen mich ständig.

Nicht nur die. Heute erst hat jemand getwittert: „Wer kann James Blunt zwischen die Beine treten?“

Dazu ist es sowieso zu spät, das hat ja schon jemand getan. Deshalb ist meine Stimme so hoch.

Ähnliche Dinge antworten Sie online, obwohl Sie diese Leute geringschätzen. Sogar das neue Album wurde mit solch einem Tweet angekündigt. Ist das Marketingstrategie?

Warum soll man sich bei der Promotion nicht mal einen Scherz erlauben? Mein Label würde sich aber wünschen, dass ich mich anders verkaufe. Sie hätten es lieber, wenn ich einfach sagen würde: Mein Album ist jetzt draußen, holt es euch! Ich führe einfach gerne Leute an der Nase herum, Twittern macht mir Spaß.

Ein Motiv auf Ihren früheren Alben war das Fortkommen. Sind Sie jetzt, als Vater und Ehemann, angekommen?

Ich bin viel gereist und habe die Welt gesehen – das tue ich immer noch, ich bin einfach ein Nomade. Ab Oktober werde ich 18 Monate lang auf Tour sein. Ob ich angekommen bin? Ich bin auf jeden Fall glücklich, aber angekommen zu sein, das würde für mich bedeuten, dass ich nicht mehr vorankomme. Das ist ganz und gar nicht der Fall, ich bewege mich sogar ziemlich schnell, genau wie früher. Nur dass da jetzt Menschen sind, die sich in derselben Geschwindigkeit mit mir mitbewegen.

Einen ein Jahr alten Sohn können Sie doch nicht überallhin mitnehmen.

Der 43-Jährige Blunt hat mittlerweile Frau und Kind. Die wilden Zeiten auf Ibiza sind vorbei.
© James Blunt, F.A.S.

Stimmt, und das ist sehr schwer für mich. Ich freue mich deshalb auch nicht so sehr auf die Tour, wie ich das früher getan hätte. Aber es gibt ja Flugzeuge und Züge, die meine Familie zu mir bringen werden oder mich zu ihnen.

Der britische Popstar Ed Sheeran hat Sie in einem Video gefragt, ob Sie mit ihm auf Tour gehen wollen. Dann müssen Sie wohl absagen.

Der gehört doch auch zur Familie. Ich glaube, er darf seine Tour noch gar nicht ankündigen. Wenn er mir ein Angebot machen würde, fände ich das aber toll. Ja, ich würde mitkommen.

Wären Sie Vorgruppe oder Hauptakt?

Was denken Sie denn? Ich weiß schon, was ich kann. Mehr muss ich nicht sagen.

Was würde Ihre Frau sagen, wenn Sie schon wieder weggehen?

Ich bin wahrscheinlich vertraglich verpflichtet, darüber in der Öffentlichkeit nichts zu sagen.

Wenn Sie über Ihr Privatleben schon so wenig sagen wollen: Welches Lied beschreibt es am besten?

Das ist dann wohl der Song, den ich mit Ed Sheeran geschrieben habe. Er heißt „Make Me Better“. Darin singe ich von meinem Leben, von dem ich sonst nichts preisgeben will. Wir waren gemeinsam im Skiurlaub, und Ed sagte: „Komm schon James, du bist ein Songwriter, du musst diese Dinge schreiben. Hör auf, dich zu verstecken, und singe über Dinge, die dir wichtig sind.“ Das war die Lektion, die ich von Ed Sheeran bekommen habe. Dafür habe ich ihm dann beigebracht, wie man Ski fährt.

In diesem Lied geht es auch um die Frau, die Sie zu einem besseren Menschen macht und Ihnen ein Kind geschenkt hat. Sehr romantisch. Dabei stammen Sie aus einer Soldatenfamilie, auch Ihr Vater und Großvater waren bei der Armee. Was macht einen Mann für Sie aus?

Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch gar nicht so viele Gedanken gemacht, aber jetzt, wo ich darüber nachdenke: Sich um die Leute um einen herum zu kümmern, das ist wahrscheinlich der Job eines Mannes.

Welche Werte wollen Sie an Ihren Sohn weitergeben?

Mein Vater hat immer gesagt: Tu, was ich dir sage, und nicht, was ich selbst tue. Ich weiß nicht, ob ich das so übernehmen würde. Eigentlich wäre es sogar ein ganz anderes Ideal: Folge anderen nicht wie ein Schaf seiner Herde, sondern hör auf dich selbst. Mach dein eigenes Ding! Das würde ich meinem Sohn sagen, und dass er stark und gütig sein soll.

Wie ist es Ihnen gelungen, Ihren eigenen Weg zu finden?

Mit sieben Jahren habe ich mein Zuhause verlassen, um ein Internat zu besuchen. Danach bin ich zur Universität gegangen, dann zum Militär. Dort geht es nicht darum, anderen Leuten zu folgen, wie viele denken. Man bekommt nicht alles vorgegeben, sondern hat eine Mission und muss dann selbst herausfinden, wie man sie umsetzt. Ich habe mich immer ziemlich unabhängig gefühlt.

Blunt auf Tournee im schweizerischen Nyon: Der Musiker schätzt das deutsche Publikum.
© dpa, F.A.S.

Als Nächstes wird Sie ihr Weg nach Deutschland führen.

Deutschland ist mein liebster Ort zum Touren, deshalb spiele ich hier das erste und letzte Konzert. Alle gehen total ab, es ist lauter und verrückter als anderswo. Besonders auf Erfurt freue ich mich, da war das Publikum beim letzten Mal wundervoll, wir haben ziemlich gut gefeiert nach dem Konzert. Ich glaube, hier lassen sich die Leute mehr gehen, weil sie sich weniger ernst nehmen als in London. In Deutschland zu spielen ist für mich wie Heimkommen.

Weil Sie eine Zeitlang hier gelebt haben?

Ja, zwei Jahre waren es. Mein Vater war in Soest stationiert. Wir haben direkt am Möhnesee gewohnt. Ich weiß noch, wie im Winter der See zugefroren ist. Wir waren total ausgelassen, haben den ganzen Tag Eishockey gespielt. Im Sommer waren wir schwimmen und windsurfen. An die Frau, die oben im Haus wohnte, erinnere ich mich gut, Frau Hildenstock hieß sie. Sie war sehr lieb und gab uns ständig Schokolade, so dass wir sie nur Frau Schock nannten. Heute wird sie nicht mehr am Leben sein.

Was ist mit Ihrer eigenen Zukunft: Wo wollen Sie in 20 Jahren sein?

Wenn alles gut läuft, dann werde ich wieder genau hier sitzen und über mein neues Album reden. Das fünfundvierzigste.

Zur Person

Geboren 1978 im britischen Tidworth als Sohn eines Berufssoldaten. Ging bereits mit sieben Jahren aufs Internat.

Berühmt wurde Blunt 2002 mit dem Lied „Youre Beautiful“. Am 24. März erscheint sein fünftes Album „The Afterlove“.

Aufmerksamkeit brachte ihm sein britischer Humor. Auf Twitter reagiert er auf Beleidigungen selbstironisch.

Folgte der Militärtradition seiner Familie und führte als Aufklärungsoffizier eine britische Panzereinheit im Kosovo-Krieg an. Danach lebte und feierte Blunt auf Ibiza. 2014 Hochzeit mit Sofia Wellesley. Die beiden haben einen einjährigen Sohn.

Quelle: F.A.S.
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