Interview mit Jim Jarmusch

„Iggy Pop ist ein seltsames Wesen“

Von Christian Aust
 - 17:45
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Mister Jarmusch, Sie bezeichnen die Stooges als die grandioseste Rock'n'Roll-Band aller Zeiten. Warum?

Sie hatten so etwas Ursprüngliches. Diese Wildheit, das Anarchistische, das Animalische ihres Frontmanns und ihre Musik, die alles Konventionelle zermalmte. Ich bin in Akron aufgewachsen, im Bundesstaat Ohio, in der Nähe von Michigan. Man hörte da vor allem eine Menge Soul-Musik, Otis Redding und solche Sachen. Aber die wichtigsten Bands für mich als Teenager waren MC5, The Stooges und The Velvet Underground. Alle waren auf ihre Art revolutionär. MC5 waren sehr politisch, bei den Stooges war es ihre Attitüde, mit der sie das Primitive und den Krach feierten, und Velvet Underground waren musikalisch wegweisend. Letztlich habe ich mich persönlich für die Stooges entschieden. Das ist natürlich subjektiv. Und ich erwarte gar nicht, dass der Rest der Welt damit einverstanden ist.

Kinotrailer
„Gimme Danger“
© AFP, StudioCanal Deutschland

Trotzdem ging die Initiative für diesen Film nicht von Ihnen aus.

Nein, Iggy Pop hat mich gefragt, ob ich den Film machen will. Wir sind seit mehr als 20 Jahren befreundet. Und vor ungefähr acht Jahren meinte er: ,Die fangen jetzt an, Filme über mich zu drehen. Ich weiß, wie sehr du die Stooges liebst. Vielleicht hast du eines Tages Lust auf dieses Projekt?' Schon am nächsten Tag habe ich angefangen darüber nachzudenken, wie ich das in die Tat umsetzen kann. Für mich war das eine große Ehre.

Verliert man nach acht Jahren nicht irgendwann den Überblick und vor allem den Abstand?

Iggy und ich sind sehr stolz auf den Film. Einerseits ist es keine klassische Dokumentation im Stil der ,American Masters' geworden. Andererseits wird er nicht die Leute befriedigen, die etwas total Experimentelles erwarten, die glauben, ich hätte das Genre neu definiert. Er ist weder konventionell noch ganz abgedreht. Wir sind irgendwo in der Mitte gelandet. Und deswegen bezeichne ich den Film als Liebesbrief an die Stooges.

In dem die Skandale um die Band eher eine Fußnote sind.

Mir gehen diese Filme über Künstler gegen den Strich, die im Mist von deren Privatleben herumwühlen. Das überlasse ich der beschissenen Klatschpresse. Von mir bekommen sie das nicht. Ich verstehe, dass einige Leute das erwartet hatten. Aber nicht mit mir. Da müssen sie sich dann bitte woanders bedienen. ,Kurt Cobain: Montage of Heck' zum Beispiel finde ich ganz schrecklich. Da wird das intimste Privatleben eines Künstlers ausgebeutet.

Sie haben Iggy Pop tagelang interviewt. Es heißt ja, wer sich noch an die frühen Siebziger erinnert, war eigentlich nicht dabei. Iggy dürfte sich eigentlich an nichts erinnern, oder?

Genau das ist ja das Faszinierende. Iggy muss eine Mutation sein. Er hat nie studiert, aber er ist unglaublich belesen, seine Gedanken sind faszinierend. Und seine Erinnerung? Ich kann es nicht fassen! Er erzählt dann Geschichten wie: ,Als ich 13 Jahre alt war, da war ich in dieses Mädchen aus meiner Schule verknallt. Ich bin durch den strömenden Regen zu ihrem Haus marschiert, ihre Mutter öffnete die Tür, trug ein rosa Hauskleid und war echt heiß. Das Mädchen hieß Mary Jane Piercen, und durch ihre Adern floss Indianerblut.' Wow! Er erinnert sich an jedes Detail. Ich weiß nicht einmal mehr, was vergangene Woche passiert ist. Dabei hat er sein Gehirn mit Drogen und Alkohol malträtiert. Er ist ein seltsames Wesen.

Wer war Jim Jarmusch, als er sich in die Stooges verliebt hat?

Er war ein 14 Jahre alter Junge, der in einer postindustriellen Stadt im Mittleren Westen lebte. Ich war auf der Suche nach Freiheit und hoffte, dass mich die Kultur in eine freiere Zukunft führen könnte. Es war eine typische Mittelklasse-Vorstadt. Und dann öffneten mir die Stooges plötzlich die Türen zu dem, was alles möglich war. Allein ihre Wildheit hatte etwas Befreiendes für mich. Und ,Fun House' wurde dann für mich das größte Rock'n'Roll-Album aller Zeiten. Ein Leben ohne ihre Platten wäre nichts gewesen.

Sie hatten damals nicht viele Gleichgesinnte. Die Stooges wurden eigentlich erst nachträglich zur Kult-Band.

Eine schreiende Ungerechtigkeit. Die Jungs waren gerade mal Anfang 20, als sie diese wunderbare Musik veröffentlichten, und man hat sie einfach ignoriert, als seien sie der letzte Mist. Das hat mich immer geärgert. In der Musikgeschichte haben die Stooges natürlich ihren Platz gefunden. Heute versteht man die Kraft, Schönheit und Relevanz ihrer Musik. Damals waren sie erschütternd erfolglos.

Das müsste Ihnen bekannt vorkommen. Als junger Künstler wurden Sie auch nicht gerade gefeiert.

Als ich dann den Film ,Stranger than Paradise' gemacht hatte, schrieb ein Kritiker: ,Was für ein prätentiöser Idiot! Er zieht sich schwarz an, färbt sich die Haare weiß und macht einen Schwarz-Weiß-Film ohne irgendeine Form von Action.' Das hat mich schon getroffen. Für meine weißen Haare konnte ich ja nichts. Die wurden schon weiß, als ich noch ein Jugendlicher war. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie die Mädchen in meiner Klasse mich ausgelacht haben: Wenn du das Haus deiner Eltern gestrichen hast, solltest du dir vielleicht mal die Haare waschen. Echt fies! In dieser finsteren Phase fing ich irgendwann an, schwarze Klamotten zu tragen.

Nach dem Motto: Jetzt erst recht?

Genau. Die Inspiration war so eine Mischung aus Hamlet, Zorro und Roy Orbison. Der Look gefiel mir dann aber so gut, dass ich dabei geblieben bin.

Wie haben Sie die Ablehnung verarbeitet?

Ich fand das ziemlich kaltherzig. Aber ich habe da eine wichtige Lektion gelernt. Wenn dich irgendjemand nach deinem Äußeren beurteilt: just fuck them! Das ist deren Problem. Deswegen darfich es nicht persönlich nehmen.

An einer Stelle sagt Iggy Pop, er habe es allen heimzahlen wollen, die sich über ihn lustig gemacht und ihn gequält haben. Wie gut kennen Sie diese Art von Antrieb?

Sehr gut. Ich war immer der Außenseiter, der Sonderling, der Freak. Ich bin ständig von den Dolan-Brüdern verprügelt worden, die etwas gegen mich hatten. Ich war auch kein guter Sportler, deswegen gehörte ich in der High-School nie wirklich dazu. Aber letztlich habe ich genau daraus die Kraft geschöpft, meinen eigenen Weg zu gehen. Es war mir später irgendwann auch egal, was irgendwelche Kritiker über meine Filme schrieben. Und ich habe keine Angst mehr davor, dass andere Menschen auf mich herabsehen. Das hat keine Wirkung mehr auf mich.

Was haben Sie während der Arbeit an diesem Film über Iggy Pop herausgefunden, das Sie vorher nicht wussten?

Ich wusste nicht viel über seine kurze, aber schöne Liebesaffäre mit Nico. Ich hatte davon gehört, und ich kannte Nico. Aber ich habe sie nie danach gefragt, und wir haben nie über Iggy gesprochen. Und ich wusste nicht, wie sehr er seine Eltern geliebt hat. Die Familie wohnte ja lange in einfachsten Verhältnissen in einem Wohnwagen. Ich finde die Stelle im Film sehr berührend, in der Iggy erzählt, wie schön er es fand, so nah mit seinen Eltern aufzuwachsen. Er war trotzdem glücklich. Das ist gleichzeitig auch das Anti-Klischee eines Rockmusikers, der eine zerrüttete Beziehung zu seinen Eltern hat.

Er war erstaunlich ambitioniert. Das passt nicht unbedingt zu seinem Image als charmanter Chaot.

Iggy wollte es genauso machen wie sein großes Vorbild, die MC5, und die probten acht Stunden am Tag. Das Problem waren seine Band-Mitglieder, die Asheton-Brüder, Scott und Ron, die oft nicht aufzufinden waren. Einmal fand er sie in einem ausgeschlachteten Autowrack auf einem Feld in der Nähe des Probenraums. Die beiden rauchten Joints und sagten: Hey, Mann, wir tun so, als wären wir die Beatles, die gerade im Lear-Jet zum nächsten Auftritt fliegen.

Machte dieser Dilettantismus nicht auch einen Teil ihrer urtümlichen Stärke aus?

Das ist ein kompliziertes Thema. Den Stooges wurde dieser Dilettantismus immer vorgeworfen. Für einen Künstler gibt es viele Wege, sich auszudrücken. Ich bin so eine Art kryptobuddhistischer Atheist. Und in der buddhistischen Philosophie gibt es die Theorie, dass ein Mensch ohne Können und Disziplin einen schnelleren Zugang zur Erleuchtung haben kann als derjenige, der täglich übt. Das heißt natürlich nicht, dass man nicht üben sollte. Ich erinnere mich noch gut an den Nachruf auf Ron Asheton im ,Guitar Player Magazine': Man respektierte ihn zwar, aber gleichzeitig machte man ihn dafür runter, dass er technisch nicht so versiert war und eher primitiv spielte. Das hat mich richtig wütend gemacht. Denn am Ende geht es doch immer darum, was man fühlt. Es gibt Gitarristen, die technisch brillant sind und trotzdem Mist spielen. Auf Youtube findet man viele Clips von Jugendlichen, die in ihrem Schlafzimmer perfekt irgendwelche Soli nachspielen. Aber was sagt das wirklich aus? Nichts. Üben wird überbewertet. Es kommt immer darauf an, worauf man hinaus will. Primitive Kunst kann so bewegend sein wie das Werk eines großen Meisters. Mir kommt es immer darauf an, was ich fühle.

Fast oben ohne
Iggy Pop ohne Hemd auf dem roten Teppich
© dpa, afp

Was für eine Art von Kunst machen Sie?

Ich bezeichne mich selbst als Amateur-Filmemacher. In dem Wort Amateur verbirgt sich die Liebe zu einer bestimmten Form. Professionell bedeutet, dass man es für Geld macht. Also bin ich gerne ein Amateur. Das gleiche gilt für meine Musik. Ich hatte in meinem ganzen Leben keine einzige Musikstunde. Und trotzdem spiele ich Gitarre und Keyboards.

Warum ist Iggy Pop bis heute relevant?

Er fasst das gut am Ende des Films zusammen, als er sagt: ,Ich will kein Teil irgendeiner Bewegung oder irgendeines Trends sein, ich will mich nicht in irgendeine Schublade stecken lassen. Ich mache keinen Punk, ich habe ihn auch nicht erfunden, ich mache keine alternative Musik. Ich möchte einfach so sein, wie ich bin.' So hat er immer gelebt. Um ihn herum sind die Moden gekommen und gegangen. Als er anfing, Musik aufzunehmen, machte er weder Hippie-Musik mit ,Peace and Love' noch Glam-Rock. Die Stooges haben etwas Eigenes geschaffen.

Ärgert es Sie, dass Mick Jagger seine Moves von Iggy Pop geklaut hat?

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das stimmt. Ich liebe die Stones, aber ich finde Mick Jaggers Bühnenshow peinlich. Er tänzelt da einfach nur irgendwie herum. Ich weiß noch, als zwischen Mick und Keith Funkstille herrschte und Keith meinte: ,Es langweilt mich einfach langsam, ihn da vorne wie eine verdammte Schwuchtel rumtänzeln zu sehen.' Ich fand es toll, als Mick Jagger sich auf der Bühne kaum bewegt hat. Das war so cool. Ich mag seine Stimme und seine Musik. Aber dieses Tänzeln? Oh, Mann! Der Einzige, den ich noch schlimmer finde, ist der Frontmann von Coldplay, Chris Martin. Jemand sollte ihm mal ein Video zeigen, damit er weiß, wie das aussieht. Nicht gut. Aber das ist wieder mein rein subjektives Empfinden.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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