Julie Delpy im Gespräch

„Seit ich Regie führe, bin ich glücklicher“

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Frau Delpy, mit Ihren beiden neuen Filmen festigen Sie Ihren Ruf als Spezialistin für Familienfilme. Es geht nicht nur jeweils um mehr oder weniger dysfunktionale Familien, es spielen auch Freunde von Ihnen und Familienmitglieder mit. Akzeptieren die Sie als Autorität, wenn Sie Regie führen?

Alle – außer meinem Vater. Mit Freunden ist es eine andere Dynamik, aber Papa ist … nun ja, ich bin seine Tochter. Es hängt vom Tag ab und davon, wie ich mit ihm rede. Normalerweise muss ich mit ihm ein bisschen verhandeln. Ich mache manchmal recht viele Takes, damit es ein guter Film wird, und zu viele Takes mag er nicht.

Ist es einfacher oder sogar schwieriger, mit Freunden zu filmen?

Ich mag es, denn zu Freunden kann man sehr direkt sein. Es ist generell einfacher, wenn du intelligente Leute vor dir hast. Mit Leuten, die schnell verstehen, was du willst, kannst du gut arbeiten, selbst wenn du sie eben erst getroffen hast.

Sie haben also nur Ihre intelligenten Freunde mitmachen lassen.

Genau (lacht), ich verzichte auf meine dummen Freunde!

Und wenn sie nicht im Film sind, wissen sie, was Sie von ihnen halten.

Ich nehme normalerweise auch Freunde, die Schauspieler sind. Es ist hilfreich - fürs Schauspiel.

Und die dürfen dann gern auch dumm sein? Sie haben einmal gesagt, dass die besten Schauspieler nicht immer die Hellsten seien.

Das stimmt, ich habe einige der größten Schauspieler getroffen, und manche von ihnen waren tatsächlich nicht unbedingt sehr schlau. Aber meine Freundin Alexia, die in „2 Tage New York“ mitspielt, ist ein sehr kluges, lustiges Mädchen. Und mein Vater ist ein sehr kluger Mann.

Nach „2 Tage Paris“ ist er auch in „2 Tage New York“ mit dabei, und auch in Ihrem zweiten neuen Film, „Familientreffen mit Hindernissen“, spielt er eine zentrale Rolle. Warum mussten wir so lange warten, bis wir ihn auf der Leinwand erleben durften?

Nun, vorher ist es mir nicht möglich gewesen, Regie zu führen. Sonst wäre er von Anfang an in meinen Filmen dabei gewesen.

Sie und Ethan Hawke hatten schon 1995 am Drehbuch von Richard Linklaters „Before Sunrise“ mitgeschrieben, was aber nicht im Abspann erwähnt wurde. Ärgert Sie das? Es dürfte Sie einige Jahre des Filmemachens gekostet haben.

Ein wenig, natürlich. Wenn Richard uns erwähnt hätte, dann hätte ich wohl viel früher Regie führen können. Ich wäre auch glücklicher gewesen - denn seit ich Regisseurin bin, bin ich glücklicher. Statt in meinen Zwanzigern ein glücklicheres Leben zu haben, musste ich wie eine Verrückte über Jahre kämpfen.

Wie kam es dazu, dass Sie damals nicht genannt wurden?

Es gab ein fertiges Drehbuch, das Richard, Ethan und ich zerstört haben: Wir haben alles umgeschrieben. Aber Richard hat es dann irgendwie vermasselt, es spielt keine Rolle, aber es war nicht sehr nett. Es sind zu 80 Prozent Ethan und ich und von Richard hier und da ein paar Zeilen. Das ist verrückt. Aber so laufen nun mal die Dinge - du bist jung und wirst benutzt. Dann lernst du deine Lektion und passt beim nächsten Mal auf.

Ist es, seit Sie selbst Regie führen, für andere Regisseure schwieriger geworden, mit der Schauspielerin Delpy zu arbeiten?

Ich weiß es nicht. Ich habe seitdem für keinen anderen gearbeitet.

Bekommen Sie weniger Angebote?

Nicht mehr sehr viele. Jedenfalls nicht von Regisseuren, mit denen ich arbeiten möchte. Also konzentriere ich mich lieber auf mein Schreiben. Wenn mir jemand, den ich liebe, eine Rolle anböte, dann würde ich es machen. Dem würde ich dann auch nicht sagen, was er zu tun hat. Bei jemandem, den ich bewundere wie David Lynch, würde ich mich nicht trauen, auch nur ein Wort zu sagen. Es wäre falsch: Mein Hirn funktioniert nicht wie seins. Er ist ein Genie, ich drehe nur verrückte Komödien.

Sie nennen sich eine Perfektionistin. Gibt es den perfekten Film?

Zur Perfektion gibt es eine Zen-Weisheit. Ein Zen-Meister hat einen Gärtner, der seinen Garten herrichtet, alles sieht perfekt aus. Der Zen-Meister kommt und sagt: Warte. Er schüttelt ein Bäumchen, ein paar Blätter fallen zu Boden, und er sagt: Jetzt ist es perfekt. - Deshalb habe ich ein Problem mit Regisseuren wie Michael Mann: Seine Filme sind perfekt, aber es liegen keine Blätter auf dem Boden. Es fehlt an Menschlichkeit. Man muss dem Ganzen Leben verleihen.

In „Before Sunrise“ erzählt die von Ihnen gespielte Celine von ihrem Überdruss, im Ausland bei allem, was sie tue, ständig hören zu müssen: „Oh, das ist so französisch!“ Hören Sie, die Sie seit mehr als zwanzig Jahren in Amerika leben, diesen Satz noch oft?

Nein, nach all den Jahren nicht mehr. Aber manche Leute glauben immer noch, dass ich ständig zu großen Abendessen gehe und über verrückte Dinge spreche.

Und gibt es schon etwas typisch Amerikanisches an Ihnen?

Ich bin ziemlich positiv, wie Amerikaner es sein können. Ich kann im größten Drama meines Lebens stecken - wenn ich am nächsten Tag arbeiten muss, dann arbeite ich. Wenn ich eine verrückte Nacht lang am Telefon hänge, um die Finanzierung eines Films zu sichern, gehe ich am nächsten Morgen ans Set und niemand merkt, dass ich durch die Hölle gegangen bin.

Und Sie behalten alles für sich?

Nein, ich weine mich bei Freunden am Telefon aus, ich bin ein menschliches Wesen. Und (lacht) ich bin eine Frau! Aber wenn es ums Geschäft und um die Arbeit geht, bin ich sehr professionell.

„2 Tage New York“ ist Ihrer Mutter gewidmet. Sie hatte in „2 Tage Paris“ mitgespielt und ist im Februar 2009 gestorben, kurz nach der Geburt Ihres Sohnes. Sie haben Ihre Mutter zuletzt gepflegt.

Ja, ich zog zurück nach Paris, als ich schwanger war. Dann gab es Komplikationen in der Schwangerschaft, ich musste sechs Monate im Bett bleiben. Irgendein Doktor hatte mir eine Injektion verpasst und war etwas grob mit mir, in meinem Bauch war eine Nadel. Das ist der Nachteil, wenn man in Frankreich im August krank oder schwanger ist: Alle wollen schnell in den Urlaub. Dieser Typ war ein echter Vollidiot. Es war sehr hart, und meine Mutter war krank . . . ich möchte lieber nicht darüber sprechen, wenn es möglich ist.

Dann sprechen wir über Ihren Filmpartner Chris Rock: Wohl zum ersten Mal in einem Film ist sein Charakter der am wenigsten exzentrische von allen.

Ja, aber er wollte das sehr gern machen. Es ermüdet ihn, in jedem Film den Chris-Rock-Typen zu spielen. Viele Leute um mich herum sagten mir: Du bist verrückt, er ist ein Stand-Up-Komiker und sehr berühmt in Amerika. Aber es funktioniert, bei mir ist er der coole Typ, obwohl auch sein Charakter Momente der Verrücktheit hat.

Wer in jedem Ihrer Filme auftaucht, selbst wenn es nur ganz kurz ist, ist Daniel Brühl.

Als Mann, der Bäume umarmt. Er ist ein wirklich süßer Typ, ich habe immer viel Spaß mit ihm.

In „2 Tage New York“ täuscht Ihre Marion einen Gehirntumor vor, um einem lästigen Gespräch zu entkommen. Sind solche Szenen für Sie Teil einer Selbsttherapie? Sie sollen ja früher besessen von der Idee gewesen sein, schwer krank zu sein.

Oh ja, ich bin ständig geröntgt worden. Wahrscheinlich sterbe ich irgendwann an den vielen Tests. Aber inzwischen habe ich meinen Frieden mit der Idee gemacht, dass ich sterben werde, es macht mir nichts mehr aus. Jedenfalls wenn ich noch so lange leben kann, bis mein Sohn um die Zwanzig ist.

Er wächst zweisprachig auf?

Dreisprachig.

Und Sie müssen sich keine Vorwürfe anhören, dass das für den armen Jungen zu viel sei?

Ich höre nicht auf viele Leute. Mein Sohn ist höllisch schlau und höllisch lustig, und er macht sich nichts aus dummen Leuten. Ich liebe seine Persönlichkeit: lebhaft, witzig, mit einer verrückten Phantasie. Ich hätte von keinem besseren Kind träumen können. Und er ist schön, er sieht aus wie Brando trifft Marilyn Monroe. Ich weiß gar nicht, wie das kommen konnte: Ich meine, ich sehe okay aus, mein Freund sieht okay aus, aber wir sind nicht Brando oder Monroe.

Schönheit, haben Sie mal gesagt, sei gar nicht so wichtig. Doch manche Scherze in Ihren Filmen würden nicht funktionieren, wenn Sie nicht attraktiv wären. Einmal klagt Marion, sie sei inkontinent und fett. Wenn eine alte, fette Person das sagte, wäre es nicht lustig.

Die armen alten, fetten Leute! Das ist nicht nett. Ich glaube aber, wenn jemand wie Melissa McCarthy aus dem Film „Bridesmaids“ es sagen würde, wäre es immer noch lustig. Und sie ist nicht die sexieste Person auf der Welt.

Aber sie ist eine Ausnahme, oder? All die anderen Darstellerinnen aus „Bridesmaids“ sind nach dem gängigen Geschmack attraktiv.

Ja. Aber ich bin nicht attraktiv so wie diese Frauen: Ich bin nicht superdünn, ich bin mehr wie eine normale Person. Und es ist nicht sehr attraktiv, wenn ich im Film meine Übungen gegen die Inkontinenz beschreibe und sage: Ich spanne an, ich spanne an. Aber es ist irgendwie lustig. Und weil es lustig ist, ist es nicht abstoßend.

Sie haben nun zwei Komödien über den Kulturclash zwischen Franzosen und Amerikanern gedreht. Ihr Freund ist Deutscher: Wäre so ein Film auch mit den Deutschen vorstellbar?

Nein, ich denke, die Kulturen sind verschieden, aber nicht komisch verschieden. Die Amerikaner sind puritanisch, die Deutschen nicht. Tut mir leid - Ihr Deutschen seid nicht so lustig wie die Amerikaner.

Das denkt die ganze Welt.

Auch mein Freund ist nicht puritanisch, und er sieht vieles ganz entspannt. Gut, mein Vater ist für ihn ein fetter, stinkender Kerl, aber es stört ihn nicht besonders. Er macht sich nur Sorgen, weil meine ganze Familie dick ist, und er sagt: Eines Tages wirst du so sein wie sie. Und ich sage: Yeah! Das werde ich!

Leben in L.A., Filmen in Wien, Paris, New York

Schauspielerin, hat Julie Delpy mal gesagt, ist sie im Grunde aus Versehen geworden: Als sie mit vierzehn am Set von Godards „Détective“ mithelfen wollte, gab man ihr in dem Film eine Rolle. Also folgte sie, die sich viel mehr fürs Regieführen interessierte, doch jenem Weg, der durch ihre Eltern vorgezeichnet schien: Marie Pillet und Albert Delpy waren Pariser Theaterschauspieler, ihre am 21. Dezember 1969 geborene Tochter benannten sie nach Julie Christie. 1990 nahm Delpy ein Regiestudium in New York auf, zwei Jahre später zog sie nach Los Angeles, wo sie bis heute lebt. Als Schauspielerin sah man sie in „Homo Faber“ (1990), in „Drei Farben: Weiß“ (1994) oder in „Before Sunrise“ (1995), einem Lieblingsfilm aller jungen Zugreisenden und Wien-Freunde, für den Delpy und ihr Filmpartner Ethan Hawke einen Gutteil der Dialoge schrieben; 2004 kam die Fortsetzung „Before Sunset“. Mit „2 Tage Paris“ (2007) und „Die Gräfin“ (2009) etablierte sich Delpy doch noch als Regisseurin. Diesen Sommer kommen gleich zwei ihrer Filme ins Kino: „2 Tage New York“ (Kinostart am 5. Juli) und das autobiographisch gefärbte „Familientreffen mit Hindernissen“ (9. August). Julie Delpy lebt mit dem deutschen Komponisten Marc Streitenfeld zusammen, beide haben einen dreijährigen Sohn.

Die Fragen stellte Jörg Thomann.

Quelle: F.A.S.
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