Traditionssport ohne Nachwuchs

„Kegeln? Kenn’ ich nicht.“

Von Jörn Wenge
 - 13:26
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Niklas Albert ist Kegler, aber keiner, der nur ab und zu beim Bier zur Kugel greift. Für den Zwanzigjährigen aus Maintal-Dörnigheim bei Frankfurt ist das Kegeln Sport. Beim Training trippelt er erst auf der Stelle, lässt die Arme schwingen, dehnt die Muskeln. Dann greift er die Kugel mit der rechten Hand, drückt den Rücken durch und nimmt die Kegel am Ende der polierten Bahn ins Visier. Er läuft an. Nach drei Schritten lehnt sein Oberkörper über dem linken, im rechten Winkel gebeugten Knie, und er gibt die Kugel frei. Hat Albert alles richtig gemacht, räumt er alle neun Kegel ab. Das klappt natürlich nicht immer. Doch der Student, der für den Kegelclub 53 Maintal in der Regionalliga spielt, liebt es, seinen Wurf zu perfektionieren. Es gibt jedoch ein Problem.

Albert ist ein Exot. Wieso, sieht man in der Maintaler Keglerstube, einer holzvertäfelten Anlage im Keller einer städtischen Turnhalle, auf den ersten Blick. Fast alle Kegler sind so alt, dass sie Alberts Vater oder Großvater sein könnten. 33 Mitglieder zählt der Klub, nur drei sind jünger als 30 Jahre. Für Albert ist das eigentlich kein Problem, er schätze es, "Zeit mit Leuten aus unterschiedlichen Altersklassen zu verbringen".

Das sieht man: Der Umgang wirkt ungezwungen. Auf den Geburtstag eines Mitspielers etwa wird nach dem Training angestoßen. Albert, Erster Vorsitzender des Klubs, hält eine Ansprache, danach rufen alle dreimal: "Gut Holz". Er wisse aber, sagt Albert, dass es nicht immer so weitergehen kann. "Momentan geht es uns gut, aber langfristig gesehen, ist es total miserabel."

Unter jungen Leuten wollen nicht mehr viele zum Kegeln - und noch weniger zieht es sie in Kegelklubs. Jugendliche wollten sich an keinen Verein mehr binden, sie hätten wegen der verkürzten Gymnasialzeit auch kaum Zeit dazu, sagt Uwe Oldenburg, der Präsident des Deutschen Kegler- und Bowlingbundes (DKB). Der Verband verliert jedes Jahr drei bis fünf Prozent seiner Mitglieder. Dabei sei Kegeln ein toller Sport. "Das Wir-Gefühl ist noch da, wir kriegen es nur schlecht verkauft", sagt Oldenburg. Albert kennt das Image-Problem gut. Er spielt auch Fußball, in der Kreisliga C. "Wenn man jemandem erzählt, man spielt Fußball, ist es sozial anerkannt", sagt er. Beim Kegeln, wozu ihn schon als Kind sein Vater mitnahm, sei das anders. Viele seiner Altersgenossen belächelten den Sport oder verwechselten ihn mit Bowling. Manchen sei das Kegeln sogar völlig unbekannt.

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Dabei war es vor nicht allzu langer Zeit noch ein Volkssport. "In den achtziger Jahren hat es breite Kreise der Bevölkerung in den Bann gezogen", sagt der Kölner Sportökonom Christoph Breuer. Schon damals lag der Reiz des Kegelns vor allem darin, dass sich auf der Kegelbahn Menschen in geselliger Atmosphäre duellieren können, die sich in anderen Sportarten kaum auf Augenhöhe begegnen würden, weil etwa einer zu alt, ein anderer zu schwach ist.

Fast 200.000 Menschen waren damals Mitglied im DKB, heute sind es nur noch 80.000. Hinzu kommen weitere 10.000 Kegler bei der Deutschen Classic-Kegler Union, die ehemalige Mitglieder des DKB 2012 gegründet haben. Sie hatten den Verband verlassen wegen eines neuen Spielsystems, das den Sport attraktiver machen sollte, vielen aber missfiel.

Ein Vereinskamerad von Albert, der 73 Jahre alte Werner Bingemer, hat in den fünfziger Jahren als "Kegeljunge" die umgestoßenen Kegel aufgestellt, als es dafür noch keine Automatik gab. Als Lohn bekam er Rippchen mit Kraut. Bald warf er die Kugel selbst. In den Achtzigern, erinnert sich Bingemer, sei die Bahn in Maintal bis elf Uhr abends voll mit Keglern gewesen. Heute sei beim Training "ab neun Uhr nichts mehr los". Von Jahr zu Jahr würden sie weniger. "Der Sport interessiert keinen mehr." Bingemer kann aus gesundheitlichen Gründen mittlerweile nur noch zuschauen - wie weitere Klubmitglieder.

Eine solche Entwicklung sei nicht ungewöhnlich, sagt Sportökonom Breuer: "Die Nachfrage nach Sportarten unterliegt Moden." Im Freizeitsport dominierten drei "Megatrends": Vielen Menschen gehe es vor allem um ihre Fitness und Gesundheit, anderen hauptsächlich um das Erlebnis im Freien. Es ziehe sie ins Fitnessstudio, zum Yoga oder aufs Snowboard und zum Klettern. Wichtig für die Attraktivität sei zudem eine popkulturelle Lifestyle-Komponente, die etwa das Skateboarden bediene, vor allem aber Sportarten mit ausgeprägtem Star-Kult wie Fußball oder Basketball. Wer keine bekannten Identifikationsfiguren vorweisen könne und anders als etwa das Darts-Spiel – der Kneipensport liegt überraschend im Trend – im Fernsehen nicht auftauche, habe es schwer.

Folgt man Breuer, müsste sich das Kegeln eigentlich neu aufstellen, um wieder beliebter zu werden. Wegen der beim Kegeln eher geringen Belastung des Herz-Kreislauf-Systems, sagt Breuer, eigne es sich womöglich gut für jene, die lange keinen Sport getrieben haben. Damit könne man werben, denn Sportfunktionäre müssten heute angesichts der Konkurrenz wie "Gemeinwohl-Unternehmer" denken.

Das aber, so scheint es, liegt den traditionsbewussten Keglern eher fern. Manche Probleme sind offenbar auch schwer zu lösen – etwa der zeitraubende Spielmodus. Wenn Albert am Wochenende zum Spiel fährt, nimmt allein das Kegeln viereinhalb, manchmal fünfeinhalb Stunden in Anspruch. Viele seien nicht mehr bereit, so viel Zeit zu investieren, sagt DKB-Präsident Oldenburg. Die Maintaler Kegler haben oft Mühe, die benötigten sechs Spieler für die Partien in der Regionalliga zusammenzubringen. Die dritte Mannschaft haben sie in dieser Saison sogar abmelden müssen.

Eine Idee ist, an den Schulen für das Kegeln zu werben. Wie schwer es ist, Jugendliche zu erreichen, zeigte sich für die Maintaler im vergangenen Jahr. Da veranstaltete der Dachverein des Maintaler Kegelklubs ein Schnuppertraining für junge Leute. Letztlich griffen nur drei Jugendliche zur Kugel. Im Verein angemeldet hat sich danach keiner.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Woche
Jörn Wenge
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