„Wir planen ein Palastmuseum“

Von LUTZ MÜKKE
Foto: Lutz Mükke

14.04.2018 · Der König von Benin ist einer der einflussreichsten traditionellen Herrscher Nigerias. Im Exklusiv-Interview fordert er einige der 1897 geplünderten Kunstschätze zurück.

E inen Interviewtermin mit dem König von Benin zu bekommen, ist schwierig. Ein halbes Jahr hat es gebraucht. Der neue helle Königspalast steht heute dort, wo britische Elitetruppen im Jahr 1897 mordeten, plünderten und den alten Palast brandschatzten. Die ganze Stadt ging dabei in Flammen auf. Die Beute der Briten war enorm: tausende Bronzeplatten und -figuren, Elfenbein- und Holzschnitzereien. Nicht zu reden von den Handelswegen und von dem Plantagenland, das sie für Jahrzehnte unter ihre Kontrolle brachten.
Um die geraubten Kunstgüter soll es bei der Audienz gehen. Viele Würdenträger des Königreichs sind deshalb hinzugekommen. Etwa 25 ehrwürdig wirkende Männer in langen weißen Gewändern sitzen im hohen gold-roten Chorgestühl der großen Empfangshalle rechts und links des Ganges. Sie tragen traditionellen roten Korallenschmuck und den typischen Haarschnitt des Hofes zu Benin. Ganz vorn thront erhöht Oba (König) Ewuare II, Palastwachen an seiner Seite.


Ich sage bewusst, wir wollen einige der geplünderten Objekte zurück, nicht alle. Denn sie sind mittlerweile zu Botschaftern unsere Kultur auf der ganzen Welt geworden. Aber einige wollen wir schon zurück.
Oba (König) Ewuare II

Palast des Königs vom Innenhof Foto: Lutz Mükke

Gäste müssen sich an die strengen Protokolle des Hofes halten. Weder darf man sich dem König wirklich nähern, noch beispielsweise schwarze Kleidung zur Audienz tragen. Jeder, der den Oba sprechen möchte, hat zunächst niederzuknien und ihn mit „Lang lebe der König“ zu grüßen. Wenn Details wie das Mikrofon, die Kamera oder die funkelnde Spiegelglasbrille des Königs nicht wären, könnte man sich glatt in einem Zeitsprung wähnen.
Ewuare II gehört zu den einflussreichsten Männern Nigerias. Wenn er einlädt, kommen hochrangige Politiker aus der fernen Hauptstadt in seinen Palast nach Benin-City; Könige des Südens, Emire des Nordens und höchste religiöse Würdenträger aus allen Landesteilen folgen seinem Ruf. Als traditioneller Herrscher besitzt er aber nicht nur symbolische Macht, sondern spricht beispielsweise auch Gerichtsurteile im Gewohnheitsrecht. Der König von Benin ist als Schatten des jeweils gewählten Ministerpräsidenten eine zentrale gesellschaftliche Größe im Bundesstaat Edo. Im Kosmos der Edo, seinem Volk, füllt er zudem ein heiliges religiöses Amt aus: Er hat besonderen Zugang zur Ahnenwelt und zu den Göttern. Seine wichtigste Funktion ist, als sakraler Herrscher kontinuierlich die Verbindung zu den Vorfahren zu halten. Denn das Glück seines Volkes, der Edo, braucht den Einklang mit den Vorfahren.

Beute, „Loot“ Foto: Maria Wiesner

„Die geplünderten Gegenstände sind von tiefer religiöser Wichtigkeit für das Königreich und unser Volk“, sagt der Oba, der 2016 den Thron bestieg. Er erinnert sich an seine Studienzeit in den Vereinigten Staaten. Sein Vater, Oba Erediauwa, schickte ihn als Repräsentant des Königshaus nach Philadelphia, wo er ein Museum besuchte, um die Benin-Bronzen zu sehen. Der damalige Prinz, der in New Jersey einen Master in öffentlicher Verwaltung erlangte, war verblüfft darüber, dass die Bronzen, die er im schwer gesicherten Keller-Fundus des Museums sah, einem Schrein glichen, so wie ihn „meine Vorfahren nutzten und wie wir ihn bis heute hier im Palast haben.“ Er habe sich kneifen müssen, um zu glauben, dass er in den Vereinigten Staaten sei. Auch während seiner folgenden Einsätze als Botschafter Nigerias in Italien und Schweden beschäftigte ihn das Thema Benin-Bronzen immer wieder. Denn die wertvollen sakralen Benin-Kunstschätze sind heute in Kunst- und Völkerkundemuseen und Privatsammlungen auf der ganzen Welt verstreut. Zu verschiedenen Anlässen bat der damalige Botschafter darum, „einige der Bronzen“ an das Königshaus in Benin-City zurückzugeben. „Ich sage bewusst, wir wollen 'einige' der geplünderten Objekte zurück, nicht alle. Denn sie sind mittlerweile zu Botschaftern unsere Kultur auf der ganzen Welt geworden. Aber einige wollen wir schon zurück“, erklärt der König.

Recherche: Maria Wiesner, F.A.Z.

E s schreckt Ewuare II nicht, dass die vielen Rückgabebemühungen seiner Familie über ein Jahrhundert lang „nicht viel“ gebracht haben, wie er selbst resümiert. Er sieht dennoch günstige Konstellationen. Seit einigen Jahren verstärkten sich positive Entwicklungen. Da seien beispielsweise die Studentenproteste der Cambridge-Studenten, die 2016 die Rückgabe einer Bronze forderten, die sich im Besitz der Universität befindet. Oder der Brite Mark Walker: Er brachte 2014 zwei Bronzen zurück, die sein Großvater als Kolonialsoldat 1897 geraubt hatte. Auch auf der Agenda internationaler Museumskreise ist das Thema Restitution heute stärker denn je präsent, zudem brachten die jüngsten Äußerungen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron Bewegung in die Debatte. Macron kündigte an, die Rückführung afrikanischen Kulturerbes in den nächsten Jahren prioritär zu behandeln.


Wir planen ein Palastmuseum, wo die Stücke, die zu uns zurückkommen, sicher aufbewahrt und Besuchern zugänglich gemacht werden. Dorthin geben wir dann auch unser Archivmaterial, das wir seit langem im Palast gesammelt haben.
Oba (König) Ewuare II

Auf die in Fachkreisen seit langem diskutierte Frage, an wen denn die Benin-Objekte im Falle des Falls eigentlich zurückgegeben werden sollten – an das Königshaus, an den Bundesstaat Edo oder an die nigerianische Zentralregierung – hat Ewuare II eine eindeutige Antwort: „Wir möchten, dass die Gegenstände wieder dorthin zurück kommen, von wo sie gestohlen wurden, zurück in den Königspalast.“ Bislang waren die anwesenden Würdenträger dem Gespräch still und aufmerksam gefolgt. An dieser Stelle brechen jedoch lautstarke Unterstützungsrufe los. Mit einer leichten Handgeste sorgt der König wieder für Ruhe und dann verkündet er eine kleine Sensation: „Wir planen ein Palastmuseum, wo die Stücke, die zu uns zurückkommen, sicher aufbewahrt und Besuchern zugänglich gemacht werden. Dorthin geben wir dann auch unser Archivmaterial, das wir seit langem im Palast gesammelt haben.“ - In Nigeria selbst und im Ausland hatten viele Experten einen solchen Neubau immer wieder ins Gespräch gebracht.
Dieses Museum hätte viel zu erzählen, von einem Königreich mit einer über tausendjährigen Geschichte, das über Jahrhunderte mit den Portugiesen und Europa Handel trieb, als starke Militärmacht und Sklavenhändler bei seinen Nachbarn Angst und Schrecken verbreitete und dessen Hauptstadt Benin-City schon früh mit europäischen Metropolen wie Madrid und Amsterdam verglichen und gerühmt wurde. Das Museum könnte von einem Königreich und einer Dynastie berichten, die mehrere Aufstiege und Niedergänge erlebte. Dass der jetzige König, der 40. Oba von Benin, viel vorhat, kann man auch an seinem gewählten Namen erkennen: Ewuare II. Der erste Ewuare regierte im 15. Jahrhundert und brachte Benin als Kriegerkönig zu Größe und Reichtum. Er ließ unter anderem das bis zu 25 Meter hohe System aus Verteidigungswällen und -Gräben Benins weiter ausbauen, das eine Gesamtlänge von 10.000 Kilometern hatte und laut Guinness Buch der Rekorde nach der Chinesischen Mauer der zweitgrößte von Menschenhand erschaffene Bau der Welt ist. Das Museum könnte dazu beitragen, solchen Geschichten Raum und Bedeutung zu geben.

AUF DER SPUR DER RAUBKUNST

An der Recherchekooperation über den Benin-Kunstschatz arbeitete ein Team von nigerianischen und deutschen Journalisten in Europa, Afrika und den Vereinigten Staaten. In diesen Tagen erscheinen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und auf FAZ.NET weitere Beiträge zum globalen Handel mit afrikanischen Kunstgütern und den Wegen von Benin-Bronzen in westliche Museen. Die Recherchen, die monatelang dauerten, wurden unterstützt vom Journalistenverein „Fleiß und Mut“ und dessen „Kartographen-Mercator-Stipendienprogramm“. Weitere Projektpartner sind die panafrikanische Organisation Code for Africa sowie die Leipziger Volkszeitung.
Quelle: FAZ.NET