Hollywoodstar im Interview

„Stimmt, ich hatte eine seltsame Karriere“

 - 12:43
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Im Gespräch: Kultschauspieler Kurt Russell über Tarantino, den Terminator und Walt Disney

Kurt Russell steht, seit er dreizehn ist, vor der Kamera - erst in Disney-Filmen, später in Kult-Klassikern der Achtziger wie dem Thriller „Die Klapperschlange“, dem Horrorfilm „Das Ding aus einer anderen Welt“ oder „Big Trouble in Little China“. Jetzt ist er in einem Western von Quentin Tarantino, „The Hateful Eight“, zu sehen. Wir treffen einen gutgelaunten Vierundsechzigjährigen im feinen „Shutters on the Beach“- Hotel in Santa Monica. In schwarzem Hemd und dunkler Jeans erzählt er auf dem Sofa einer Luxussuite samt Strandblick mit Palmen von seinem Mentor Walt Disney, seiner langjährigen Lebensgefährtin Goldie Hawn und seiner eigenwilligen Karriere.

Mr. Russell, mögen Sie Western?

Ich mag Filme weniger aus der Sicht des Connaisseurs als aus der des Durchschnittsfans. Ich mag Western, weil Pferde darin vorkommen, weil die Leute in altmodischer Diktion sprechen und weil die Männer ein bestimmter Typ Mann sind. Quentin Tarantinos Filme liegen ganz auf dieser Linie.

Tarantino besetzt ja gern Filmikonen aus vergangenen Zeiten - John Travolta in „Pulp Fiction“, David Carradine in „Kill Bill“ und nun Kurt Russell in „The Hateful Eight“.

Man ist schon stolz, wenn Quentin einen anruft und bittet, an einem seiner Filme mitzuarbeiten. Es ist schön, dass er an einen denkt und glaubt, dass man eine seine Figuren zum Leben erwecken und ihm beim Erzählen seiner Geschichte helfen kann. Und natürlich auch, weil man weiß, dass man bei der Arbeit unglaublich viel Spaß haben wird. Auf seinen Sets geht es immer hoch her.

Sie haben schon in dem schrägen Exploitation-Thriller „Death Proof“ mit ihm zusammengearbeitet - was zu Ihrer seltsamen Karriere als Star passt, dessen Filme Kultstatus erlangten, obwohl sie an der Kasse oft nur mäßig erfolgreich waren.

Es stimmt, ich hatte eine sehr seltsame Karriere. Wenn man mit Filmen sein Geld verdient, hofft man immer auf das Beste. Aber ich habe immer schon Filme gemacht, weil ich die Geschichte und die Figuren mochte. Dann fügt sich hoffentlich der Rest zusammen. Mein Verhältnis zu den Kritikern, die in Los Angeles und New York sitzen und bestimmen, was sehenswert und preisverdächtig ist, war immer schwierig. Ich war nie einer ihrer Jungs. Dass mich die Leute trotzdem mögen, weiß ich von den Reaktionen der Straße - die Leute können auf Anhieb zehn meiner Filme aufzählen! Und ich zumindest finde, dass da tolle Filme dabei sind.

Für Leute, die in den Achtzigern groß wurden, sind Sie Snake Plissken aus „Die Klapperschlange“, für die, die in den Neunzigern aufwuchsen, Wyatt Earp aus „Tombstone“.

Es ist so eine Sache mit Hollywood. Die Leute hier lieben es, dich in eine Schublade zu stecken, dir ein Etikett anzupappen und dich entsprechend zu verkaufen. Das war bei mir immer schwierig, weil ich nicht immer wieder dasselbe in unterschiedlichen Variationen spielen wollte. Mir war klar, dass mich das einiges Geld kosten würde, aber damit hielt ich mir die Gelegenheit offen, Figuren zu spielen, die mir sonst verwehrt geblieben wären. Nachdem „Die Klapperschlange“ ins Kino kam, habe ich fünfzig solcher Drehbücher gelesen - manche davon für ganz schön große Projekte. Man bot mir zum Beispiel „Terminator“ an...

Und das haben Sie abgelehnt?

Ich wollte nicht John Connor spielen, ich wollte der Terminator sein! Einen Roboter zu spielen, das klang nach Spaß. Ich wollte jedenfalls nicht immer wieder dasselbe machen, also machte ich als Nächstes „The Thing“, einen Horrorfilm. Es war das Jahr, in dem „E.T.“ herauskam, und es war eine tolle Geschichte über Paranoia. Aber die meisten, die den Film sahen, einschließlich der Kritiker, sahen bloß Monster.

Heute verbringen Sie mehr Zeit auf Ihrem Weingut als in Hollywood. Wie kommt’s?

Vor ein paar Jahren haben Goldie und ich diese Fahrradtouren durch Weingebiete in Kalifornien gemacht. Ich liebte diese Touren - nicht nur wegen der Radlerei und der zauberhaften Landschaften, sondern der Weine wegen. Ich wusste nicht viel über Wein, außer dass ich einen ganz bestimmten Wein mochte: den Burgunder. Also begann ich, über Weine und die Winzerkunst und Pinot noir zu lernen. Als ich 2007 mit Tarantino „Death Proof“ drehte, waren wir in dieser Region in den Santa Rita Hills, und in meiner drehfreien Zeit bin ich herumgefahren und habe Weine verkostet. Ich entdeckte einige phantastische Weine und dachte mir: Moment, ich bin kaum zwei Stunden von daheim entfernt!

Und da begannen Sie einfach, Ihre eigenen Trauben anzubauen.

Ja, ich lernte ein Ehepaar kennen, das organisch, biodynamisch und nachhaltig anbaut. Sie machen noch Wein, wie man das in der Alten Welt macht - sehr sauber und mit La-Tâche-Trauben aus Burgund in Frankreich. Mit ihrer Hilfe begann ich einen Pinot zu machen, der ziemlich gut angekommen ist.

Ihr Wein heißt GoGi. Wofür steht das?

Das war als Kind mein Kosename. Mein mittlerer Name ist Vogel - Kurt Vogel Russell -, und als ich klein war, sagte ich auf die Frage nach meinem Namen: „Kurt Gogo Russell“, weil ich das nicht richtig aussprechen konnte. Es gibt viele Versionen davon: Gogo, Gogi, Gogitschgi. „Gogi“ riefen mich meine Schwestern, und heute nennen mich meine Enkel so. Ich hielt das für einen schönen Namen für den Wein. Leider kann kein Mensch es aussprechen - also: beides mit hartem G.

Neben der Winzerei haben Sie noch ein anderes aufwendiges Hobby, die Fliegerei.

Ja, allerdings trinke und fliege ich nicht gleichzeitig!

Stimmt es, dass Ihr Großvater eine Fluglizenz besaß, die von Orville Wright unterschrieben war?

Ja, sie trägt tatsächlich die Unterschrift von Orville Wright. Mein Großvater hat mir einiges beigebracht. Mit über achtzig Jahren zeigte er mir, wie ich meinen Doppeldecker weicher lande.

Ein weiterer alter Hase, der Sie stark prägte, war Walt Disney. Er fraß einen Narren an Ihnen, als Sie Ihre Filmlaufbahn starteten.

Mit dreizehn begann ich, bei Disney Filme und Fernsehserien zu machen. Wir sahen uns fast täglich beim Mittagessen im Studio. Manchmal spielten wir eine Partie Tischtennis gegeneinander. Er stellte mir die ganzen Abteilungschefs bei Disney vor, und er zeigte mir die Animationsstudios. Ich bekam sogar einige Gespräche über die Entstehung von „Mary Poppins“ mit, das war faszinierend.

Disney starb, als Sie sechzehn waren und gerade in dem Disney-Film „Vierzig Draufgänger“ zu sehen waren. Einer Legende zufolge sollen Walt Disneys letzte Worte „Kurt Russell“ gewesen sein. Ist da was dran?

Nachdem er starb, rief man mich aus irgendeinem Grund vom Studiogelände in Walt Disneys Büro. Seine Sekretärin führte mich zum Schreibtisch und zeigte mir ein Blatt Papier, auf das er meinen Namen geschrieben hatte. „Kurt Russell“ stand da. Und sie fragte mich: „Kannst du dir vorstellen, was das bedeuten könnte?“ Ich habe bis heute keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte.

Sind Sie stolz darauf, einen solch berühmten Mentor gehabt zu haben?

Zu der Zeit war mir das ehrlich gesagt gar nicht so klar. Er erinnerte mich an meinen Opa, er war ein cooler Typ. Und ich bin ja in einer Familie groß geworden, in der viele bekannte Menschen ein- und ausgingen. Mein Großvater war nationaler Stunt-Champion, mein Vater war Schauspieler und ein bekannter Baseballspieler. Für mich war es ganz normal, dass irgendwelche berühmten Menschen zum Abendessen vorbeikamen. Als ich mit dreizehn Walt Disney traf, hatte ich bereits einen Job, verdiente mein eigenes Geld und war Jugend-Champion im Midget-Car-Autorennen. Ich hatte schon einiges erreicht, und als ich Mr. Disney kennenlernte, mochte ich ihn einfach. (Russell greift nach seinem Handy.) Hier, ich zeige Ihnen was: Gerade letzte Woche haben sie diesen Brief von mir an ihn im Disney-Archiv gefunden. (Scrollt durch seine E-Mails.) Ich war damals schon so wie heute: ziemlich unaufgeregt, höflich, geradeheraus. Ah, hier ist er! Von 1965! Gucken Sie mal: „Lieber Mr. Disney, vielen Dank für Ihr Weihnachtsgeschenk, meine ganze Familie freut sich an den Schallplatten . . . Ich werde mein Bestes tun, um gute Arbeit für Sie zu leisten. Frohes neues Jahr für Sie und Ihre Familie, Kurt Russell.“ Das war ich mit 13. Schauen Sie mal, ist es nicht cool, dass ich damals schon meinen eigenen Briefkopf hatte?

Sehr cool. Aber für Disney-Kinderstars ist es oft schwierig, in erwachsenere Rollen zu wechseln. Wie war das für Sie?

Im Hinblick auf eine Hollywood-Karriere gibt es zwei Dinge, die einem den Zutritt zur Szene verwehren. Erstens: Profi-Baseballspieler zu sein; das disqualifiziert dich schon mal völlig. Zweitens: von Disney zu kommen. Das ist ein Schandfleck. Deswegen schrieben die Kritiker bereits Verrisse über „Elvis“ . . .

Ihre erste Zusammenarbeit mit dem Regisseur John Carpenter und Ihr Durchbruch im Erwachsenenkino . . .

. . . bevor der Film überhaupt zu sehen war. Weil ich für Disney gearbeitet hatte. Man machte sich lustig über mich. Ich wollte am liebsten schreien: Leckt mich doch! Und als sie den Film endlich sahen, hieß es auf einmal: Wow! - Als Schauspieler muss man sich sagen: Mach’s nicht für andere, mach’s für dich. Mach Filme, die du selbst gern sehen würdest, arbeite hart, und am Ende hoffe einfach wie jeder Künstler, dass dem Publikum das Gemälde gefällt.

Und wenn’s ihm nicht gefällt?

Dann hänge ich’s mir eben selbst an die Wand. Genauso ist es mit dem Wein. Meine Schwester sagte irgendwann zu mir: Was, wenn wir uns all diese Mühe geben und am Ende keiner den Wein mag? Ich sagte: Pech, dann trinken wir ihn halt selbst.

Stichwort Familie: Sie sind seit 32 Jahren mit Goldie Hawn zusammen, und sie sagte neulich in einem Interview, das funktioniere, weil Sie ihr jeden Morgen gutgelaunt den Kaffee ans Bett brächten . . .

Tja, man tut eben sein Bestes! Nein, um ganz ehrlich zu sein: Ich kann Ihnen auf die Frage, warum das klappt, keine Antwort geben. Ich kann immer nur übers Heute sprechen. Heute früh habe ich mit ihr telefoniert, sie ist in New York, wir hatten ein schönes Gespräch, und jetzt, in diesem Moment, habe ich das Gefühl, dass wir noch zusammen sind und prima miteinander auskommen. Aber ich weiß auch, dass wir beide so drauf sein können, dass der andere womöglich sagt: Das war’s, ich bin fertig, ich bin hier raus.

Haben Sie das schon erlebt?

In einer dreißigjährigen Beziehung gibt es nicht vieles, was man nicht miteinander durchgemacht hat. Alles, was passiert, wird entweder dem Stapel „gut“ oder dem Stapel „schlecht“ zugeordnet - oder dem Stapel „Ich fasse nicht, dass ich überhaupt noch an diesem beschissenen Gespräch teilnehme!“ Wahre Liebe besiegt alles - bis sie es nicht mehr tut.

Wie schade - es gibt also keine Anleitung zum Beziehungsglück?

Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, ob unsere Beziehung schon derart angenagt ist, dass sie nur noch am seidenen Faden hängt und vielleicht noch heute Nachmittag reißt. Ich stelle mir einfach vor, dass wir uns erst heute kennengelernt haben, und ich versuche einfach, ich selbst zu sein. Oft zeige ich mich dabei vielleicht von meiner Schattenseite, und manchmal erkenne ich sogar aus ihrer Perspektive, dass ich nicht zum Aushalten bin! Sagen wir es mal so: Wenn die Waage insgesamt in Richtung des Guten kippt, kann das funktionieren.

Zur Person Geboren 1951 in Springfield/Massachusetts als Sohn eines Baseballspielers, der später Schauspieler wurde. Als Russell vier Jahre alt war, zog die Familie mit ihren insgesamt fünf Kindern nach Kalifornien. Schon als Kind stand Russell vor der Kamera, vor allem für Filme von Walt Disney, der ihm einen Zehn-Jahres-Vertrag gab. In den Achtzigern feierte er Erfolge mit Filmen wie „Die Klapperschlange“ (1981) oder „Ein Goldfisch fällt ins Wasser“ (1987) mit Goldie Hawn. In einer Beziehung mit Goldie Hawn seit 1983. Die beiden haben einen Sohn. Im Kino ist Russell von Donnerstag an in Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“ zu sehen.
Quelle: F.A.S.
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