Auschwitz-Überlebender

Er befreit sich durch Berichte

Von Reiner Burger, Münster
 - 16:37
© Edgar Schoepal, Edgar Schoepal

Manchmal wundert sich Leslie Schwartz selbst darüber, dass er so was sagt: „Deutschland, meine zweite Heimat.“ Ausgerechnet Deutschland, in dessen Namen seine Mutter und seine zwei Schwestern ermordet wurden, Deutschland, wo er selbst mehrmals nur knapp dem Tod entkam.

Fast sieben Jahrzehnte lang versuchte Schwartz zu verdrängen, was er in Auschwitz und Dachau erlebte. Wie er im April 1945, kurz vor Kriegsende, mit mehr als 3000 anderen ausgezehrten KZ-Häftlingen in einem Güterzug eingesperrt auf Irrfahrt in Oberbayern war. Wie ihm – als endlich alles vorbei schien – von einem Hilterjungen in den Hals geschossen wurde.

Aber seit fünf Jahren erzählt er nun seine Geschichte. Zu Hause in Amerika, in Dänemark und vor allem in Deutschland. Seine zweite Frau Annette kommt aus Münster. Immer im Sommer, wenn es in New York unerträglich heiß wird, wohnen die beiden für ein paar Wochen in der westfälischen Stadt.

„Ich war ein Kind“

Schwartz berichtet dann in Schulen sowie Gedenk- und Begegnungsstätten in ganz Deutschland von seinem Leben. „Ich muss Zeugnis ablegen, solange ich kann. Für die jungen Leute, aber auch für mich. Das Berichten befreit mich“, sagt Schwartz, als die ersten Schüler in die Aula des Anne-Frank-Berufskollegs in Münster kommen. „Ich habe spät damit begonnen.“

Das erste Mal kam Laszlo, wie Leslie Schwartz damals noch hieß, 1944 nach Deutschland. Sein Weg führte über Auschwitz. Er war 14 Jahre alt und dem Tode geweiht. Laszlo gehörte zu den mehr als 400.000 ungarischen Juden, die nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen binnen weniger Wochen nach Auschwitz deportiert wurden.

Auf der Rampe des Konzentrationslagers wurde seine Familie gleich nach der Ankunft getrennt: Frauen, Kinder und Alte in eine Reihe, Männer in die andere. Laszlo war hin- und hergerissen. „Ich war ein Kind und wollte einfach bei meiner Mutter bleiben. Aber ich hatte den Eindruck, die Reihe meiner Mutter verströmte Furcht. Das rettete mir wahrscheinlich das Leben.“

Sie starb, er überlebte

Laszlo wechselte in die Reihe der Männer und verlor seine Mutter, seine Schwester Judith und seine Halbschwester Eva aus den Augen. Die SS-Schergen schickten sie direkt ins Gas.

Für die jungen Leute in Münster hat Schwartz eine kleine Rede über Anne Frank vorbereitet, die Namenspatronin ihrer Schule. Bevor er vorliest, glaubt Schwartz sich entschuldigen zu müssen. „Mein Deutsch is from the KZ Dachau“, sagt er lachend, um dann, nur wenige Worte weiter, die ersten Schüler zu Tränen zu rühren. „Anne war sieben Monate älter als ich. Sie kam mit 15 ins Todeslager, ich mit 14. Ihre Mutter wurde in Auschwitz getötet, so wie meine.“

Anne und er erkrankten an Typhus. „Sie starb, ich überlebte.“ Laszlo Schwartz war nur wenige Tage in Auschwitz. Als er erfuhr, dass ein Transport mit KZ-Insassen nach Westen aufbrechen sollte, schlich er sich unter die Erwachsenen, die in Richtung Bahnhof marschierten. „Jetzt ging es also irgendwohin. An einen Ort, wo man sein bisschen Leben retten könnte, ich machte mir fast Hoffnungen.“

Alles für das Überleben

Zwei Tage brauchte der Zug bis Dachau. Im Konzentrationslager mit den meisten Außenkommandos schufteten Zehntausende Häftlinge in Steinbrüchen, Kiesgruben, im Straßenbau oder an der „U-Verlagerung“ der Rüstungsindustrie: In riesigen unterirdischen Hallen sollte Kriegsgerät wie das erste Düsenstrahlflugzeug von Messerschmitt gefertigt werden – ein größenwahnsinniges Projekt, das nie fertiggestellt wurde.

Viele Zwangsarbeiter kamen um. Schwartz arbeitete in einer BMW-Motorenfabrik, später musste der Junge auf einer Baustelle wie die Erwachsenen schuften, Zementsäcke tragen, die schwerer waren als er selbst. Denn bald wog Schwartz nur noch etwas mehr als 30 Kilogramm. „Man sah die Knochen überall.“

In einem der Außenlager sicherte ihm ausgerechnet der größte Sadist das Überleben. Kapo Christof Ludwig Knoll ließ Häftlinge den Dreck vom Fußboden in den Baracken ablecken. Er, der selbst ein Häftling war, erschlug immer wieder Häftlinge. Aber an Laszlo fand Knoll Gefallen. Der Junge musste ihn regelmäßig maniküren. „Da hatte ich also die Hände des Mörders in meinem Schoß und pflegte seine Nägel.“ Alles hätte er getan, um zu überleben, sagt Schwartz. „Ich hielt seine Hand, weil es mir Vorteile brachte.“

Todeszug

Schwartz glaubte nach seiner Auswanderung 1946 lange, dass es besser sei, sein neues Leben in Amerika einfach zu genießen. Es gelang ihm nicht. Nicht aus Zorn, nicht aus Verbitterung, sondern weil er das Bedürfnis in sich wachsen spürte, noch einmal jene zwei Frauen zu sehen, die ihm in höchster Not als Engel erschienen.

Agnes Riesch steckte Schwartz zwischen Herbst 1944 und Frühling 1945 in unbeobachteten Momenten regelmäßig Brot zu. 1972 reiste Schwartz das erste Mal wieder nach Deutschland, um ihr zu danken. Den Namen der zweiten mitfühlenden Bäuerin aus dem Ort Poing bei München kannte er nicht. Wie sollte er sie ausfindig machen?

Am 25. April 1945 wurden in Mettenheim 3600 KZ-Häftlinge in einen unendlich langen Güterzug gezwungen. Die Häftlinge, die aussahen wie lebende Tote, sollten unterwegs zugrunde gehen. Am Abend setzte sich der Todeszug in Bewegung. „Der Zug fuhr und fuhr, und wir wussten nicht, wohin.“

Gerüchte vom Kriegsende

Schwartz spürte den Hunger so sehr wie nicht einmal an den schlimmsten Tagen zuvor. Wenn der Zug kurz hielt, streckten die verzweifelten Insassen die Arme aus dem Waggon, um nach Gras zu fassen. „Wir aßen es, wir fraßen es wie Tiere“, erinnert sich Schwartz. In Poing blieb der Zug liegen, wahrscheinlich, weil die Lokomotive defekt war. Dann kam unter der Wachmannschaft das Gerücht auf, der Krieg sei zu Ende. Sie öffneten die Waggontüren, schrien „Alle sind frei“, zogen hastig ihre Uniformen aus und verschwanden.

Schwartz machte sich mit drei anderen Häftlingen auf zu einem Bauernhof. Als die Bauersfrau die Häftlinge sah, brach sie in Tränen aus. „Sie setzte mich an den Tisch, gab mir ein großes Glas Milch und ein Brot mit Butter. Ich kann es immer noch schmecken, noch immer riechen, noch immer sehen!“ Es blieb nicht viel Zeit, weil der Krieg eben doch noch nicht vorbei war.

Dokumentation der Erlebnisse

Nach einer Stunde kamen SS-Männer, die in der Nähe stationiert waren, und trieben die Geschundenen wieder in den Zug zurück. Mehr als 50 Flüchtlinge kamen dabei um. Schwartz versuchte zu fliehen, doch ein Hitlerjunge schoss auf ihn. Die Kugel drang am Nacken ein und trat durch den Wangenknochen aus. Wieder entging Schwartz dem Tod nur knapp. Tage später erst endete die Schreckensfahrt, als amerikanische Verbände die wenigen Häftlinge, die überlebt hatten, endlich befreiten.

Schwartz hat ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben. Zuerst erschien es in Dänemark, wo es wochenlang auf den Bestsellerlisten stand. 2010 wurde es unter dem Titel „Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau“ in Deutschland veröffentlicht. Der erste Satz lautet: „Ich sollte nicht leben.“ 2010 war auch das Jahr, in dem Schwartz das erste Mal seit 1945 nach Poing fuhr.

Er erfuhr nicht nur, dass die Bäuerin, die ihn bewirtete, Barbara Huber hieß, aber leider schon vor einigen Jahren gestorben war. Er kam auch mit Gymnasiasten aus dem benachbarten Markt Schwaben in Kontakt, die zu den grausamen Ereignissen vom April 1945 recherchierten. Aus der Begegnung entstand der 2012 vom Bayerischen Rundfunk produzierte Dokumentarfilm „Der Mühldorfer Todeszug“.

„Das ist wie Medizin für mich.“

Die Arbeit mit den jungen Leuten sei der Beginn seines „seelischen Heilungsprozesses gewesen“, sagt Schwartz. Es sei gut für ihn, mit jungen Leuten wie den Schülern des Anne-Frank-Berufskollegs in Münster zusammen zu sein. „Es erinnert mich daran, wie ich 14 war und von einem auf den anderen Tag meine Kindheit, meine Familie und meine Heimat verlor.“

Er bedankt sich für den Applaus. „Das ist wie Medizin für mich.“ Lange noch sitzt er mit einigen Mädchen zusammen, die in sein Notizbuch schreiben wollen. Vor zwei Jahren hat er es von Lehrern geschenkt bekommen, damit die Jugendlichen ihre Gedanken über die Begegnung mit ihm hineinschreiben können. Schwartz’ Lieblingseintrag lautet: „Sie hätte ich gerne als meinen Opa.“

Überlebende des Holocaust hätten eines gemeinsam, sagt Schwartz, als die Schüler wieder im Unterricht sind. „Sie können nicht genug Liebe bekommen.“ Der 85 Jahre alte Mann sitzt in der leeren Aula und kramt in seiner Stofftasche, legt Bilder, Zeitungsausschnitte und schließlich einen Brief auf den Tisch, in dem sich Bundeskanzlerin Angela Merkel für sein Engagement bei ihm, dem „Brückenbauer“, bedankt. Daneben legt er einen Brief aus Budapest. Es ist eine Einladung der ungarischen Regierung. Im September soll er in seiner alten Heimat Zeugnis über sein Schicksal ablegen.

Ungarische Erzählungen

„Eigentlich wollte ich nicht mehr nach Ungarn.“ Und schon steigen alte Erinnerungen auf, wie die Ausgrenzung begann, als die Juden nicht mehr länger zur ungarischen Gemeinschaft gehören sollten. Leslie Schwartz erinnert sich an das wundervolle Wetter an dem furchtbaren Tag im April 1944, als er mit seiner Familie, wie alle Juden aus der Heimatstadt, in ein Getto vertrieben wurde.

„Sie begannen, die Kirchenglocken zu läuten. Aus Freude darüber, dass wir verschwanden. Der Klang der Glocken vermischte sich mit ihren Jubelschreien.“ Auf einem Plakat vor der Synagoge stand: „Nun sind wir von den Juden befreit.“ Er werde in seine alte Heimat fahren, sagt er. Denn es sei wichtig für junge Leute dort, auf Ungarisch erzählt zu bekommen, was damals Ungeheuerliches auch in ihrem Land geschah.

Quelle: F.A.Z.
Reiner Burger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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