Neues Lied der Söhne Mannheims

Xavier Naidoo hat eine Reichsbürger-Hymne geschrieben

Von Leonie Feuerbach
 - 15:26

Die Söhne Mannheims haben ein neues Lied und das hat es in sich. „Marionetten“ heißt es und steckt voller Anspielungen auf rechtspopulistische Themen wie Lügenpresse und Volksverrat, aber auch auf handfeste Verschwörungstheorien wie pädophile Politiker und die Reichsbürger-Ideologie. Und ein paar möglicherweise antisemitische Anspielungen sind auch dabei.

Kein Wunder, dass der Text von rechten Magazinen wie Compact und von Reichsbürgern und Mitgliedern von NPD und der Identitären Bewegung kommentiert und geteilt wird. Bei Compact heißt es etwa: „'Marionetten' könnte zur Hymne der friedlichen Volksopposition werden. Die ersten Hetzartikel der Systempresse sind schon im Umlauf. Doch Naidoos Rückhalt ist ungebrochen.“ Und auf Twitter finden sich Beiträge wie dieser: „Immer wieder abspielen: Xavier Naidoo – Marionetten. Volksverräter sollen würgen und ersticken daran. #Widerstand!“

Was ist das für ein Lied, das Rechtsextreme so begeistert?

Es beginnt noch vergleichsweise harmlos:

Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht, ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht, ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter

Bei genauerem Hinsehen hat aber schon diese Strophe es in sich: Der manipulative „Puppenspieler“, der im Hintergrund die Fäden zieht, ist ein uraltes antisemitisches Klischee. Und der Begriff des Sachverwalters erinnert stark an die Vorstellung der sogenannten Reichsbürger, nachdem die Bürger der Bundesrepublik nur Personal einer von Amerika oder dem Weltjudentum gelenkten GmbH sind – der Personalausweis dient den Anhängern dieser kruden Ideologie als Beweis dafür.

Weiter geht es mit:

Und weil ihr die Tatsachen schon wieder verdreht
Werden wir einschreiten
Und weil ihr euch an Unschuldigen vergeht
Werden wir unsere Schutzschirme ausbreiten

Das „Tatsachen verdrehen“ kann als eine Umschreibung des Lügenpresse-Vorwurfs gelesen werden. Das „an Unschuldigen Vergehen“ liest sich rätselhaft und wie ein Vorwurf des Kindesmissbrauchs. Ein beliebtes Thema im rechtsextremen Spektrum, wo seit Jahren die „Todesstrafe für Kinderschänder“ gefordert wird.

Lassen diese Strophen aber noch Interpretationsspielräume offen, geht es in Pegida-Manier mit dem Begriff der Volksverräter weiter, der nicht bloß umschrieben wird. Und es folgt eine glasklare Gewaltandrohung:

Alles nur peinlich und so was nennt sich dann Volksvertreter
Teile eures Volkes nennt man schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter
Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid
Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid

Xavier Naidoo träumt also von einem Aufstand des kleinen Mannes gegen die Herrschenden. Statt Angestellter oder Arbeitsloser ist der kleine Mann hier ein Bauer, der mit der Mistgabel kämpft. Vielleicht hat er sich hier auch von der einstigen Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling inspirieren lassen, die den „Eliten“ mit Mistgabeln gedroht hatte. Es kommt aber noch dicker:

Als Volks-in-die-Fresse-Treter stößt ihr an eure Grenzen
Und etwas namens Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung
Bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen
Wenn ich so ein´ in die Finger krieg´,
Dann reiß ich ihn in Fetzen
Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen

Der Begriff „Pizzagate“ bezeichnet eine krude Verschwörungstheorie aus den Vereinigten Staaten. Sie besagt, dass verschiedene prominente Politiker, unter ihnen auch Hillary Clinton, aus einer Pizzeria heraus in geheimen Treffen einen Pädophilenring organisiert haben. Sie wurde im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf in rechten Kreisen verbreitet und ist an Absurdität kaum zu überbieten, wird von Naidoo und seiner Band aber offenbar für voll genommen. Möglich, dass sich hierauf auch die Zeile über die Unschuldigen bezieht. Die Gewaltandrohung steigert sich in dieser Strophe noch einmal, die ohne viel Phantasie als Aufruf zu Selbst- und Lynchjustiz jenseits der Gesetze gelesen werden kann.

Deutschland ein besetztes Land?

Dass Xavier Naidoo ziemlich krude Ansichten hat, ist nichts Neues. Schon 1999 sagte er in einem Interview, bevor er „irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue“, engagiere er sich lieber für Mannheim und bezeichnete sich als „Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe“. 2011 erklärte er im ARD-Morgenmagazin: „Wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land“ – ebenfalls ein bei Reichsbürgern verbreiteter Gedanke, die an ein Deutschland in den Grenzen von 1937 glauben und die Bundesregierung für illegitim halten, unter anderem, weil Deutschlands Verfassung nicht Verfassung, sondern Grundgesetz heißt. 2014 sprach er dann auf einer Kundgebung dieser wirren Verschwörungstheoretiker vor dem Reichstag.

Auch seine Liedtexte sprachen schon in der Vergangenheit für sich. So fragte er etwa auf seinem Album „Gespaltene Persönlichkeit“ von 2012 in einem Bonustrack: „Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?“ In dem Lied mit Kool Savas setzt er Pädophilie und Homosexualität gleich und malt sich aus, wie er mit einem Pädophilen umgehen würde: zum Beispiel, ihm die Arme und die Beine abzuschneiden.

Und 2009 sang er in „Raus aus dem Reichstag“:

Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken
Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken
Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel
Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel

Baron Totschild ist eine ziemlich eindeutige Anspielung auf die jüdische Bankiersfamilie Rothschild, „Schmock“ ein jiddischer Begriff, mit dem unangenehme Menschen aus der gehobenen Gesellschaft bezeichnet werden. Für den emeritierten Berliner Professor und Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke ist das eindeutig antisemitisch, viel deutlicher als „Marionetten“, das inhaltlich der AfD, Pegida und dem Rechtsextremismus nahe stehe, aber keine zweifelsfrei antisemitischen Passagen habe.

Den Echo durfte Naidoo trotzdem moderieren

Xavier Naidoo hat also in der Vergangenheit schon mehrfach eindeutig seine Gesinnung offenbart. Obwohl das alles seit Jahren bekannt ist, folgt auf gelegentliche Empörungswellen erstaunlich wenig. Während etwa die Südtiroler Deutsch-Rock-Band „Freiwild“ schon 2013 beim Echo wegen ihrer umstrittenen Texte nicht nominiert wurde, hat Naidoo die Veranstaltung in diesem Jahr sogar moderiert. 2015 wollte der NDR ihn als Kandidaten für den Eurovision Song Contest nominieren und rückte davon erst nach einer Welle der öffentlichen Empörung ab. Und die Stadt Mannheim hat in der Vergangenheit immer wieder bei öffentlichen Veranstaltungen mit ihren prominenten Söhnen kooperiert.

Jetzt hat die Stadt öffentlich erklärt, sie sei „über diese Entwicklung nicht glücklich“. Man denke über Konsequenzen nach und erwarte „eine Erklärung der Söhne Mannheims zu den antistaatlichen Aussagen in den Songtexten“. Die Band zeigte sich daraufhin scheinbar einsichtig und sang „Marionetten“ nicht beim Auftakt-Konzert ihrer Tour in Mannheim. Sie bat den Oberbürgermeister der Stadt, Peter Kurz, außerdem um ein Gespräch, das bald stattfinden soll. Auf der Internetseite der Stadt ist jetzt zu lesen: „Eine Klärung ist den Künstlern aufgrund ihrer Identifikation mit Mannheim und auch weil sie die von der Stadt Mannheim vertretenen Werte der Toleranz, Offenheit und Demokratie teilen, wichtig.“

Diese Mitteilung hat einen faden Beigeschmack, denn schließlich zeigen die Texte der Band deutlich, dass dem nicht so ist. Der Sprecher des Oberbürgermeisters wollte sich auf Anfrage von FAZ.NET aber nicht weiter dazu äußern. Auch die Band selbst lässt über ihre Pressesprecherin ausrichten, dass Xavier Naidoo und seine Kollegen sich nicht zu dem Liedtext äußern wollen.

Werden die Söhne Mannheims bloß falsch verstanden?

Eines der Bandmitglieder, Rolf Stahlhofen, nahm zu den Vorwürfen auf Facebook Stellung. Er schreibt: „Wenn die Blendgranaten verpufft sind, kann sich mit dem wahrem Inhalt des Albums auseinandergesetzt werden. Und nicht mit Wörtern, die aus dem Zusammenhang gerissen werden. Die grösste Lüge ist das weglassen!“ Was der „wahre Inhalt“ sein soll und wer was weggelassen hat, erläutert er nicht.

Und ein anderes Bandmitglied, Henning Wehland, sagte am Rande des Tourstarts zur Deutschen Presse-Agentur: „Ich verstehe das Lied als Appell zum Nachdenken darüber, dass Politik oft missbraucht wird. Und da wollen wir – mit zugegeben überzeichneten Worten – aufrufen, etwas dagegen zu tun.“

Beide Wortmeldungen bieten keine Erklärung für den Text außer der offensichtlichen, dass Xavier Naidoo und seine Band rechten und teils auch antisemitischen Verschwörungstheorien anhängen. Naidoo wird dennoch weiter Veranstaltungen wie den Echo moderieren und viele Platten verkaufen. Inzwischen ist aber ein Punkt erreicht, an dem keiner der Käufer und Zuschauer sagen kann, Naidoo werde bloß falsch verstanden. Denn es ist ziemlich offensichtlich, dass er das, was er schreibt und singt, auch genau so meint.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Ressort Gesellschaft.
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