Meister im Kinnbart-Freistil

„Berühren ja, zupfen nicht“

 - 17:20
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Guten Tag, Herr Chevalier, heute schon rasiert?

Nein, ich habe den Bart ausgewaschen und geföhnt, dass er wieder schön glatt ist. Wochentags, wenn ich nicht weggehe, wird er nicht gestylt. Dann ist der Bart nachher ganz natürlich.

Am Samstag findet die Deutsche Bart-Meisterschaft in Bad Schussenried statt. Wie sieht Ihr Wettkampftag aus?

Am Wettkampftag geht es um sieben Uhr morgens ins Bad. Pro Kringel brauche ich eine halbe Stunde, damit ich zufrieden bin. Nach zweieinhalb Stunden kommt dann noch das richtige Outfit.

Sie sind Deutscher Meister in Freistil Kinnbart. Seit wann nehmen sie an Meisterschaften teil?

Meinen allerersten Pokal habe ich 1996 gewonnen. Seitdem bin ich immer als Sieger hervorgegangen.

Wie sehen Sie die Chancen, Ihren Titel zu verteidigen?

Man weiß ja, wer an den Start geht. Es gibt immer Überraschungen, die anderen Bartträger wissen ja auch, was Sache ist. Sie werden immer schlauer und versuchen Bärte wie meinen zu kopieren. Gott sei Dank ist es bis heute nicht gelungen.

Nehmen Sie Hilfsmittel?

Ja. Als Bartträger mit gestyltem Bart ist das erlaubt. Es ist ja kein natürlicher Bart. Ich nehme extra starken Haarlack, weil der Bart den ganzen Tag halten muss.

Wie pflegen Sie Ihren Bart?

Er wird jeden Tag ausgewaschen, glatt geföhnt, weil der Bart ja auch oft strapaziert wird durch Haarlack oder heiße Luft vom Föhn. Dann bekommt mein Bart alle paar Wochen eine Kurpackung, damit sich der Bart wieder erholen kann. Dasselbe Zeug, was die Frauen auf ihre Haare geben.

Behindert ihr pompöser Bart Sie eigentlich im Alltag, beim Essen zum Beispiel?

Als Bartträger weiß man, wie man isst und trinkt. Manchmal fixiere ich aber auch den Oberlippenbart mit Haarlack.

Und wie sieht’s beim Küssen aus?

Wenn die Damen mal mit der Zunge durch die Haare durch kommen, dann ist alles gleich.

Haben Sie einen Namen für Ihren Bart?

Nein, den habe ich nicht.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, dass Sie seit 40 Jahren im Versicherungsgeschäft tätig sind. Was sagen Kunden denn zu Ihrem Look?

Die reagieren alle positiv. Selbst wenn ich vor einer neuen Haustür stehe, gehe ich auf Empfehlung. Die wissen dann meist schon: Da kommt der Chevalier mit dem Bart.

Wie kamen Sie überhaupt dazu? War Ihr Vater Bartträger? Ihr Großvater?

Nein. Vor 40 Jahren hörte ich auf zu rauchen, von heute und morgen. Wie jeder Raucher, der Schluss macht, brauchte ich einen Ersatz. 1996 habe ich das erste Mal bei einer Meisterschaft mitgemacht und gesehen, was man mit einem Bart alles machen kann. Und ich bin Mitglied eines Bartclubs geworden.

Was machen Sie da so?

Wir treffen uns jeden Monat einmal, um Erfahrungen auszutauschen, Freundschaften zu pflegen, Meisterschaften und neue Trends zu besprechen.

Gibt es verpönte Bärte in der Szene?

Skurrile zumindest. Einfärbungen sind nicht mehr gerne gesehen, Grün oder Rot oder Neonfarben. Der Bart sollte doch ein klein wenig natürlich aussehen. Man darf auch das Alter sehen. Der Bart muss letztlich zum Kopfhaar passen.

Früher gab es mehr Bartträger. Bedauern Sie den heutigen fast bartlosen Zustand der Gesellschaft?

Das kann man nicht so stehen lassen. Es gibt den Trend zu ausrasierten Konturenbärten zum Beispiel. Oder denken Sie an Politiker oder Schauspieler. Viele Bartkategorien lehnen sich an historische Bärte an. Denken Sie an Dalí, Garibaldi, die Freiheitskämpfer oder die buschigen ungarischen Bärte. Auch die Musketiere, die kaiserlichen Bärte Wilhelms I. oder des II. waren Vorbilder. Mit dem Bart von Errol Flynn brach eine regelrechte Barthysterie aus. Oder denken Sie an Tom Selleck. Die Frauen standen auf diesen Bart.

Und wie kommt Ihr Bart bei Frauen an?

Positiv. Wenn der Bart ausgekämmt und gewaschen ist, möchten schon viele Frauen irgendwie in den Bart reinlangen. Bei den Meisterschaften bin ich aber empfindlich. Da meint speziell die Damenwelt, dass sich so ein Bartträger freut, wenn eine Dame mal kräftig reinlangt. Ich meine: Berühren ja, Zupfen nicht. Da haben die Frauen oft kein Verständnis.

Zuletzt: Sind sie schon mal gegen Frauen angetreten?

Bisher nicht. In einer Jury saß mal eine Frau mit Bart, mit einem richtigen Ziegenbart. Ich glaube aber nicht, dass jemals ein Frau an einer Meisterschaft teilnimmt. Hat nix mit Diskriminierung der Damenwelt zu tun: Frauen wachsen einfach keine Bärte. Und ich muss schon sagen: Gott sei Dank.

Die Fragen stellte Maximilian Weingartner.

Quelle: F.A.Z.
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