Michael Fassbender im Gespräch

„Ich kann Old Shatterhand förmlich sehen“

Von Christian Aust
 - 14:29
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Sie haben ja einen deutschen Vater. Seit Sie so erfolgreich sind, vereinnahmen wir Deutschen Sie gerne als einen von uns.

Warum auch nicht?

Wie deutsch sind Sie?

Gibt es da einen Gradmesser? Wie definiert man das? Ich bin mir nicht sicher.

Trinken Sie gerne viel Bier?

Ich mag Sauerkraut. Und Bier. Woran könnte man es noch festmachen?

Sind Sie immer pünktlich?

Nein, definitiv nicht. Tatsächlich bin ich immer zu spät dran, meistens sind es mindestens fünfzehn Minuten. Ich habe sogar schon meine Uhr vorgestellt, aber es nützt alles nichts. Ich unterstütze allerdings Deutschland, wenn es um Sport geht, vor allem beim Fußball. Da ich gerade in Montreal arbeite, habe ich auch die Frauen-Fußball-WM verfolgt und war für das deutsche Team.

Und wenn Irland - Heimat Ihrer Mutter - gegen Deutschland spielt, für wen schlägt dann Ihr Herz?

Das ist schwierig. Ich fürchte, dann muss ich für Irland sein, weil wir mit Fußball noch nie irgendetwas gewonnen haben. Aber ich fühle meine Verbindung zu Deutschland. Ich habe ja immer noch Verwandte dort. Ich besuche sie nicht so oft, wie ich eigentlich sollte. Aber ich habe eine emotionale Beziehung zum deutschen Teil meiner Familie.

Angeblich sprechen Sie fließend Deutsch. Ich habe in Interviews immer wieder versucht, Deutsch mit Ihnen zu sprechen. Aber Sie werden dann sehr schüchtern. Wie gut ist es denn tatsächlich?

Mein Deutsch ist jetzt wahrscheinlich noch schlechter als das letzte Mal, als wir miteinander gesprochen haben. Mir fehlt einfach die Übung. Ich weiß auch nicht, wie weit wir thematisch in einem deutschen Interview kommen würden. Aber Sie sprechen da einen wunden Punkt an: Ehrlich gesagt, schäme ich mich etwas wegen meiner mangelnden Deutschkenntnisse. Als ich ein paar Wochen in Deutschland lebte, während wir „Inglourious Basterds“ gedreht haben, da ging es aber viel besser.

Was sind Ihre Erinnerungen an die Sommerurlaube mit Ihrer Schwester in Deutschland?

Ich erinnere mich an den Luisenpark in Mannheim. Und ich denke immer gerne an die Zeit, die ich mit meinen Großeltern verbracht habe. Meine Großmutter konnte gut kochen. Es gab Schnitzel, Sauerkraut, und ich bin ein großer Fan von Kartoffelsalat. Sehr lecker finde ich auch Linzer Torte. Ich erinnere mich sehr gut an meine Großtante Doris. Sie hat sich toll um uns gekümmert. Ich mochte sie sehr.

Ihr neuester Film, „Slow West“, ist ein Western. Waren Sie als Kind lieber Cowboy oder Indianer?

Ich war Cowboy und hatte auch ein Kostüm. Ich habe es auch wirklich oft getragen.

Eigentlich war es doch immer cooler, Indianer zu sein.

Das kann sein. Aber ehrlich gesagt, war das auch keine besonders intellektuelle Entscheidung. Ich mochte den Cowboyhut und die Revolver. Und ich habe als Kind gerne Western gesehen. Da waren die Protagonisten meistens Cowboys. Ich mochte die Spaghetti-Western. Und ich mochte vor allen Dingen Clint Eastwood. Meine Rolle in „Slow West“ ist auch eine Hommage an Clint. Ich habe ja immer diesen Zigarillo im Mundwinkel. Und der andere Teil meiner Leidenschaft für diese Filme kam aus Deutschland. Ich mochte die Karl-May-Filme sehr. Sie wissen schon, Winnetou und Old Shatterhand.

Wo haben Sie die denn gesehen?

Ich war in den Sommerferien oft mit meiner Schwester bei unseren Verwandten in Deutschland. Und ich erinnere mich noch sehr gut an die Filme. Das war das erste Mal, dass ich diese tiefe Freundschaft zwischen einem Cowboy und einem Indianer gesehen habe, das hat mich fasziniert. Und ich mochte die Musik. (Fängt an, auf Deutsch zu singen.) „Mein Bruder, du gehst in die Ferne. . .“ (lacht). Oder so ähnlich. Mein Vater war ein großer Fan der Bücher.

Ich will Sie ja nicht enttäuschen, aber an diesen Song kann ich mich überhaupt nicht erinnern . . .

Vielleicht kennen Sie ja nicht sämtliche Filme? Wenn meine Schwester und ich in Deutschland waren, haben wir sie alle gesehen.

Am populärsten ist bei uns in Deutschland die Titelmelodie.

Welche Melodie meinen Sie?

Ich singe Sie Ihnen kurz vor: Damda . . dadadadidadaaa . . . - die transportierte einen nach ein paar Takten direkt in den Wilden Westen.

(Lacht laut) Fantastisch. Natürlich weiß ich, welche Melodie Sie meinen. Wenn Sie das singen, kann ich Old Shatterhand und Winnetou förmlich sehen. Ich finde es bis heute ganz erstaunlich, wie Karl May über den Westen geschrieben hat, ohne jemals da gewesen zu sein. Woher wusste er das alles? Ich finde das völlig verrückt.

Wenn man Ihren Film sieht, wird einem bewusst, dass die Vereinigten Staaten von Amerika eigentlich von Gaunern, Gangstern und Mördern gegründet worden sind.

Man könnte argumentieren, dass der größte Teil der Welt auf diese Weise kultiviert worden ist. Ich sehe es eher als ein Land von Opportunisten. Und was sie damals verbunden hat, war die Idee des verheißenen Landes, in dem Milch und Honig fließt. Das hoffte man auf irgendeine Weise zu finden, wenn man Richtung Westen zog. Menschen haben sich dieser Vision von unterschiedlichen Seiten genähert. Sie alle verband diese Vision vom Wilden Westen. Der begann in Dodge City, wo die Bahngleise aufhörten. Dahinter begann die Gefahr, aber auch die Freiheit, sich neu zu erfinden.

Was war, wenn Sie sich früher Ihre Zukunft ausgemalt haben, Ihr Wilder Westen?

Mein verheißenes Land? Es klingt jetzt vielleicht etwas simpel, aber ich habe einfach nur gehofft, irgendwann als Schauspieler arbeiten und davon leben zu können. Und wenn man bedenkt, wie viele Kollegen arbeitslos sind und nie die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen, dann ist das auch ein großer Traum.

Ihre physische Präsenz vor der Kamera hat oft etwas beunruhigend Intensives. Für „Hunger“ etwa haben Sie extrem abgenommen. Wo ist für Sie die Grenze? Oder existiert die gar nicht?

Ich mache, was immer die Geschichte verlangt, die wir erzählen wollen. Letztendlich bin ich ein Diener der Geschichten. Der Mann, den ich in „Hunger“ gespielt habe, ist im Hungerstreik an Unterernährung gestorben. Ich musste Gewicht verlieren. Daran führte kein Weg vorbei. Es ist mein Job, diese Geschichten so lebendig wie möglich werden zu lassen.

Haben Sie keine Angst, wenn Sie sich dermaßen ausliefern?

Die Angst ist ja gerade ein großer Teil des Prozesses, die Angst zu scheitern. Und gleichzeitig ist da der Wunsch, immer mehr über diesen Beruf zu lernen. Wenn du versuchst, einen guten, ungewöhnlichen Film zu machen, existiert immer die Gefahr, dass alles grandios den Bach heruntergeht. Ich sage immer, wir versuchen jedes Mal, auf immer höherem Niveau zu scheitern. Das ist unser Motto am Set. Und die Angst davor ist ein guter Treibstoff.

Sie arbeiten gerade pausenlos. Sind Sie süchtig danach, andere Menschen zu spielen?

Ich liebe meine Arbeit. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch süchtig danach. Dazu kommt die Tatsache, dass ich erst relativ spät Erfolg hatte und regelmäßig arbeiten konnte. Deswegen mache ich jetzt so viel wie möglich. Ich bin absolut hungrig nach der Arbeit. Wissen Sie, wenn ich ständig dieses überhöhte Leben spiele, dann ist es manchmal schwierig, zurück in die Normalität zu gehen. Und diese intensiven Reisen außerhalb des Alltags zu machen hat für mich bestimmt einen Suchtfaktor.

In welchen Momenten vergessen Sie vor der Kamera, dass Sie spielen?

Das kommt sehr selten vor. Aber wenn ich mich dann ganz in diesem Moment verliere, fühle ich mich wie ein Sportler, der in diese Zone gerät, die sich wie ein Rausch anfühlt. Und gerade weil das so selten passiert, bin ich immer auf der Suche nach diesem Gefühl.

Sie waren in Ihrer Jugend Messdiener. War das im Grunde Ihr erster Bühnenjob?

Natürlich ist so eine Messe eine Inszenierung. Man sagt ja immer, wir Katholiken hätten die bessere Show. Wir haben diese Rituale und starken Bilder. Allein dieses Bild, Wasser in Wein zu verwandeln! Das ist ziemlich heftig, oder? Meine erste Bühnenerfahrung vor Publikum war tatsächlich mein Messdienst in der Kirche. Und schon da hatte ich eine Verantwortung dem Publikum gegenüber. Nach meinem ersten Jahr als Messdiener suchten sie nach, wie soll ich sagen, Chef-Messdienern. Die Jungs, die den Schlüssel zur Kirche bekommen und vor der Messe aufschließen. Das ist ein sehr wichtiger Job. Dafür habe ich mich sofort beworben. Stellen Sie sich mal vor, ich war zwölf Jahre alt und hatte die Schlüssel zur Kirche. Ich habe ein paar Mal in der Kirche übernachtet, weil ich Angst hatte zu verschlafen, um dann morgens aufzuschließen. Einmal war ich nämlich zu spät dran. Ich rannte wie ein Irrer mit den Schlüsseln über das Feld zur Kirche, und die gesamte Kongregation wartete auf mich. Es war schrecklich . . . (lacht). Ich war wieder einmal fünfzehn Minuten zu spät.

Sie leben immer noch in einem bescheidenen Apartment in East London, das Sie mit Ihren ersten Gagen finanziert haben. Sie fahren keine teuren Autos und verprassen Ihr Geld nicht mit Modells in St.-Tropez. Wann leben Sie eigentlich die glamouröse Seite Ihres Daseins als Star?

Gleich morgen werde ich damit anfangen. Tatsächlich besitze ich zurzeit nicht einmal ein Auto. Und in London war ich bis auf Kurzbesuche seit einem Jahr nicht mehr. Partys? Also, ich treffe mich in meiner spärlichen Freizeit gern mit Freunden. Ich arbeite einfach zu viel. Und ich gehe gerne auf Partys, Aber das sind bestimmt nicht die Art von Partys, die später in Klatschzeitungen dokumentiert werden. Ich lebe eigentlich sehr einfach und konzentriere mich ganz auf die Arbeit. Aber vielleicht existiert da irgendwo in mir doch eine glamouröse Seite, die ich leben sollte. Vielleicht verpasse ich ja etwas.

Zur Person: 1977 in Heidelberg geboren, in Irland aufgewachsen; Vater Deutscher, Mutter Irin; in deutschsprachigen Filmen synchronisiert.

Bekannt aus: Filmen wie „Hunger“, „Inglourious Basterds“, „Shame“, „Prometheus - Dunkle Zeichen“, „12 Years a Slave“ (Oscar-Nominierung als bester Schauspieler in einer Nebenrolle).

Aktuell: In „Slow West“ spielt er einen Kopfgeldjäger im Wilden Westen; ab 30. Juli in den Kinos.

Quelle: F.A.S.
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