Michelle Pfeiffer im Interview

„Es ist eine Herausforderung, Frau zu sein“

Von Nina Rehfeld
 - 19:24
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Michelle Pfeiffer kann auf eine große Filmkarriere zurückblicken, die Klassiker wie „Scarface“, „Die fabelhaften Baker Boys“ und „Batmans Rückkehr“ umfasst. Zuletzt sah man sie seltener, aber jetzt ist sie wieder da, mit „Mord im Orient Express“. Ihr Comeback fällt in jene Zeit, da Hollywood infolge der Harvey-Weinstein-Enthüllungen über sexuelle Belästigungen und Missbrauch diskutiert. Michelle Pfeiffer, Jahrgang 1958, hat bislang keine eigene Geschichte zu dem Thema geteilt, aber der Kollegin Gwyneth Paltrow für deren Mut applaudiert, sich als eine der Ersten gegen den Filmproduzenten auszusprechen. Es passt zu der sanften, aufgeweckten Klugheit, zu der ungekünstelten Art, mit der Pfeiffer zu diesem Gespräch empfängt, das wir an einem Sommertag in Beverly Hills mit ihr führen – noch vor dem Bekanntwerden von Weinsteins Taten.

Mrs. Pfeiffer, Sie waren länger von der Leinwand abwesend. Darf man das eine Auszeit nennen?

Vielleicht, auch wenn es das nicht offiziell war – es ist einfach passiert. Ich finde es nicht ungewöhnlich, mal längere Zeit nicht zu arbeiten. Hier sind eben aus zwei Jahren fünf geworden. Aber es scheint schon so zu sein, dass ich im vergangenen Jahr oder den vergangenen beiden wieder mehr arbeite. Die Kinder sind aus dem Haus, wissen Sie.

Für viele Mütter ist dies eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben: Arbeite ich weiter? Kümmere ich mich um die Kinder? Was, wenn ich, sobald sie aus dem Haus sind, den Einstieg ins Berufsleben nicht mehr finde? Haben diese Gedanken für Sie auch eine Rolle gespielt?

Ehrlich gesagt, nein. Es ist nicht so, dass ich mir das vorgenommen habe – meine Prioritäten verschoben sich einfach, und es wurde immer schwieriger, mich gewissen Dingen zu verschreiben. Filmemachen heißt ja, eine lange Zeit weg von zu Hause zu sein, und dazu konnte ich mich schlicht nicht durchringen. Und bevor ich mir dessen bewusst wurde, war einige Zeit vergangen. Meine Kinder sagten schließlich zu mir: Mama, findest du nicht, dass es Zeit ist, wieder zur Arbeit zu gehen?

Frechheit!

Ja, oder? Ich sagte, wie soll ich das denn verstehen? Ist es nicht schön, dass ich hier bin? Sie drucksten ein bisschen herum und sagten dann: Vielleicht solltest du wieder arbeiten gehen.

Was bedeutet Ihnen die Schauspielerei? Was faszinierte Sie daran?

Das kann ich Ihnen gar nicht genau sagen. Ich erinnere mich aber, dass es mich sehr anzog. Ich weiß noch, wie ich als kleines Mädchen fernguckte und all diese Leute sah, die ich vielleicht nicht „Schauspieler“ zu nennen wusste – aber ich verstand, dass sie eine erfundene Welt spielten, und ich dachte: Das kann ich auch. Woher das kam? Keine Ahnung. Aber der Samen war bei mir bereits in einem sehr frühen Alter gesät.

Eigentlich hatten Sie damit begonnen, eine Ausbildung als Gerichtsstenographin zu machen. Können Sie sich eine alternative Gegenwart ohne die Schauspielerei vorstellen?

Ich habe keine Ahnung, was ich sonst gemacht hätte. Psychologie hat mich immer stark interessiert, womöglich hat mich das an der Schauspielerei angezogen. Ich habe mir tatsächlich mal überlegt, in die Psychologie zu gehen. Mich fasziniert das menschliche Gehirn. Ich habe dieses Verlangen, zu verstehen, was wirklich hinter den Dingen verborgen liegt. Ich möchte wissen, was die Leute wirklich denken, ungeachtet des Bildes, das sie von sich präsentieren.

Sie haben in einem kürzlichen Gespräch mit dem Regisseur Darren Aronofsky bekannt, Sie fürchteten manchmal, dass früher oder später jemand Sie als Betrügerin bloßstellen könnte – weil Sie keine klassische Ausbildung haben.

Ich glaube, dass viele Leute diese geheime Sorge haben – besonders, wenn sie in den Künsten arbeiten. Es ist eine so flüchtige Sache. Wer entscheidet denn in der Schauspielerei, was gut und was schlecht ist, wann etwas fertig und rund ist? Wenn jemand mein Auto repariert, dann macht er seinen Job entweder gut oder nicht, und wenn das Auto wieder fährt, hat er es hingekriegt. In meinem Fall muss ich mich auf die Meinung anderer verlassen. Was zählt da, was nicht?

Helfen Auszeichnungen? Man munkelt, Ihr Auftritt in „Mother!“ könnte Ihnen endlich den dreimal verpassten Oscar bescheren.

Natürlich ist es schön, von den Kollegen anerkannt zu werden. Das hat schon großen Wert.

Haben Sie manchmal das Gefühl, mit einem Film den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben?

Nein. Nie. (Lacht) Na ja, das stimmt nicht ganz. Aber die wenigen Male, als ich dieses Gefühl hatte, bekam ich entweder vernichtende Kritiken, oder kein Mensch sah den Film. (Lacht) Vielleicht gucke ich mir meine eigene Arbeit in Zukunft lieber nicht mehr an.

Aber die Leute lassen sich von Ihren Filmen bewegen.

Nun, ich gebe zu – hin und wieder, selten, wird mir das zugetragen, und das bedeutet viel. Ich erinnere mich an „Dangerous Minds“, das war ein wirklich schwieriger Film, ein ungeheuer anstrengender Dreh, ein Albtraum, und die Kritiker zerrissen ihn – auch wenn er später ein Erfolg in den Kinos wurde. Aber wir hatten wirklich hart daran gearbeitet. Und kurz nach der Premiere, am Tag vor Weihnachten, passierte mir diese seltsame Sache. Ich hatte noch nicht alle Geschenke beisammen und total miese Laune. Ich raufte mir die Haare und dachte: Mach bloß, dass du zum Einkaufszentrum kommst, bevor es voll wird. Ich schleppte mich dorthin, und natürlich tauchte diese junge Frau auf. „Michelle, Michelle!“, rief sie, und ich wäre am liebsten im Boden versunken. Ich wollte einfach mit niemandem reden. Aber sie sagte: „Ich möchte, dass Sie eines wissen: Ich bin wegen ,Dangerous Minds‘ Lehrerin geworden.“ Oha, dachte ich, das sollte mir vielleicht eine Lehre darüber sein, was von Bedeutung ist. Ich werde diesen Moment nie vergessen.

Sie gelten als eine der schönste Frauen Hollywoods, aber das schien in Ihrem Beruf lange geradezu eine Behinderung zu sein – schöne Frauen wurden als Trophäen-Weibchen oder als Hingucker besetzt ...

... und selten als vielschichtige Figuren, ja.

Haben Sie das zu spüren bekommen? Und hat sich das geändert?

Ja. Mir war sehr früh in meiner Karriere bewusst, dass ich sorgfältig entscheiden müsste, welche Rollen ich spiele. Und wenn sich die Gelegenheit bot, eine Figur zu spielen, bei der es nicht um Schönheit ging, stürzte ich mich drauf. Ich habe das ganz bewusst gelenkt, und ich achtete darauf, Charaktere zu vermeiden, die nur das von mir verlangten: schön zu sein. Sogar in „Scarface“...

...Brian de Palmas Film, in dem Sie das Trophäenweib von Al Pacinos Drogenkönig Tony Montana spiel-ten ...

Ja, diese Figur hätte leicht auf ihr Aussehen beschränkt sein können. Aber es gab noch eine weitaus dunklere Seite in ihr, und was sich hier zum Ausdruck bringen ließ, war tatsächlich eine Art Warnung. Ich erinnere mich noch, als ich Jessica Lange in „Frances“ sah – das war, während wir „Scarface“ drehten. Das war eine so rohe, so kraftvolle Darstellung. So wollte ich sein, diese Art von Arbeit wollte ich machen.

Ironischerweise sind Sie durch einen Schönheitswettbewerb zum Film gekommen ...

Ja, ich habe auf diese Weise meinen ersten PR-Agenten bekommen, und dann führte eines zum anderen.

Sie hatten aber gar nicht vor, Schönheitskönigin zu werden.

Stimmt, ich fand das Ganze, diesen Wettbewerb, ätzend. Aber er bot mir eine Gelegenheit. In der Ecke, in der ich stand, war das meine Eintrittskarte.

Sie selbst tun Ihre Schönheit gern ab. Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel blicken?

Wissen Sie, manchmal, an guten Tagen, bin ich ganz zufrieden mit dem, was ich da erblicke. Aber oft sehe ich einfach nur alle meine Fehler. Es ist ja eine Herausforderung, in der heutigen Welt eine Frau zu sein, und ziemlich schwierig, nicht überkritisch mit sich selbst zu sein, sich nicht ständig an unmöglichen Idealen der Weiblichkeit, der Schönheit, des Erfolgs zu messen.

Kinotrailer
„Mord im Orientexpress“
© Twentieth Century Fox, Twentieth Century Fox

Haben Sie einen Lieblingsfehler?

Ich habe riesige Hände.

Riesige Hände?

Ja. Ich wette sie sind größer als Ihre. Lassen Sie uns mal messen. Oha, Sie haben auch große Hände. Ich glaube, Sie gewinnen. Nein, oder? Wir sind ziemlich gleich. Aber wie groß sind Sie?

1,77 Meter. Und Sie?

Gerade mal 1,70. Ich habe also für meine Proportionen riesige Hände. Aber ich mag sie, weil meine Großmutter auch so große Hände hatte.

Sie haben im Verlauf Ihrer Karriere mit Hollywoods Superstars zusammengearbeitet, auch beim „Mord im Orient-Express“ sind wieder die ganz Großen versammelt. Ist Ihnen schon Mal die Spucke weggeblieben?

Als ich Judi Dench zum ersten Mal gegenüberstand, kamen mir die Tränen. Ich konnte es einfach nicht fassen! Aber ich versuchte sehr, mich zusammenzureißen – du kannst doch vor Judi Dench nicht rumheulen! Sie ist einfach ... was soll ich sagen? Ich verehre sie zutiefst.

Sie haben vorhin angedeutet, dass Sie wieder mehr arbeiten, weil die Kinder aus dem Haus sind. Ist das seltsam?

Ja, sehr. Der Übergang ist viel größer, als man erwartet. Es gibt ja viele Witze über sogenannte leere Nester. Aber eigentlich ist das gar nicht komisch (lacht). Dustin Hoffman soll mal über den Auszug seiner Kinder gesagt haben: Niemand sagt einem die Sache mit ihren Zimmern. Man geht an ihren Zimmern vorbei, und sie sind einfach nicht mehr da. Das stimmt, es verfolgt einen. Meine Kinder sind jetzt seit vier Jahren aus dem Haus, aber es ist immer noch seltsam. Auch wenn sie erwachsen sind und ihr eigenes Leben haben, ist man ja nicht einfach fertig damit, Mutter zu sein. Ich sage ja auch immer noch „die Kinder“ zu ihnen. Darf ich das? Ich denke mal, das ist okay. Meine Mutter sagt das zu mir und meinen Geschwistern auch immer noch.

Es ist schwierig, diesen Übergang elegant zu bewältigen, oder?

Ja, es ist eine laufende Verhandlung. Man muss sie loslassen, und trotzdem möchte man sich ja nah bleiben. Hin und wieder brauchen sie einen auch noch ein bisschen, und das ist schön. Aber dann gehen sie wieder. Man muss ziemlich flexibel sein.

Verändert das auch Ihre Beziehung zu Ihrem Mann, dem Drehbuchautor David E. Kelley?

Es ist ganz gut für uns, weil wir ja schon wenige Monate nach Beginn unserer Beziehung Eltern wurden.

Sie hatten im März 1993 Ihre Tochter Claudia adoptiert, im November heirateten Sie David E. Kelley...

Ja. Unsere Flitterwochen waren ziemlich unruhig. Jetzt haben wir endlich Zeit füreinander, wir verreisen zu zweit, verbringen Zeit miteinander.

War die Elternschaft auch ein Test für Ihre Beziehung?

Nun, als alleinerziehende Mutter wusste ich damals, dass der Mann, der vielleicht in mein Leben treten würde, sich von der Spreu deutlich würde absetzen müssen. Das machte die Dinge leichter.

Was haben Sie Ihrer Tochter als Frau mit auf den Weg gegeben?

Ich wollte, dass sie ein empathischer Mensch ist, und das ist sie. Und mir lag daran, dass sie selbständig und widerstandsfähig ist. Auch das ist sie.

Und Ihr Sohn?

Ach, der war schon in der High School so selbständig, dass ich manchmal das Gefühl habe, er habe schon viel früher die Leinen gekappt. Und jetzt schließt er gerade das College ab.

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Was liegt jetzt vor Ihnen, auf das Sie sich freuen?

Ich bin nicht besonders gut darin, mein Leben durchzuplanen. Ich folge lieber meinen Instinkten, meiner Nase. Allerdings mache ich mir auch manchmal zu viele Gedanken, wenn es um aktuelle Entscheidungen geht.

Sie haben sich in Ihrer Karriere oft aus dem Fenster gelehnt. Sie haben gesungen, Kampfkünste gelernt, sogar einmal einen lebenden Vogel in den Mund genommen ...

Ja, das stimmt. Aber es stand so im Drehbuch! Heute würde ich das vielleicht nicht mehr machen und hätte mehr drüber nachgedacht, was dabei alles hätte schiefgehen können. Aber ich hab’s einfach gemacht.

Haben Sie vor irgendwas Angst?

Ja, vor Spinnen. Ich fürchte mich vor Spinnen zu Tode. Eine Spinne hätte ich nicht einmal angefasst. Da nehme ich lieber einen Vogel in den Mund.

Zur Person

Geboren am 29. April 1958 in Santa Ana in Kalifornien. Dreimal für den Oscar nominiert, mit ihren Darstellungen in „Gefährliche Liebschaften“ (1988), „Die fabelhaften Baker Boys“ (1989) und „Love Field“ (1992). Bekam einen Golden Globe für „Die fabelhaften Baker Boys“. Verheiratet mit dem amerikanischen Regisseur David E. Kelley. Das Ehepaar hat zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Von Donnerstag an ist Pfeiffer im Kino in „Mord im Orient-Express“ als Witwe Hubbard zu sehen.

Quelle: F.A.S.
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