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Erstkommunion

Das Kreuz mit den Kindern und der Kirche

Von Ursula Kals
 - 14:08
Ob die Erstkommunion ein langweiliges Pflichtereignis wird oder ein lebendiges Glaubensfest, liegt oft am Priester, und dessen Vorbereitung. Bild: Cornelia Sick, F.A.S.

Schon den Informationsabend zur Kinderkommunion fand ich eisig – in jeder Beziehung. Draußen pfiff der Herbstwind, drinnen polterte der Pfarrer der Münchener Vorortgemeinde und schimpfte: Es gebe zwei Sonntage zur Auswahl, die meisten Eltern hätten sich für den zweiten Sonntag angemeldet. Das aber gehe nicht, die Kirche sei zu klein. Der Mann wurde richtig wütend; falls das jetzt nicht geklärt werde, teile er das auf und neu ein. Autoritär kündigt er zwölf Pflichttermine an, darunter das verbindliche Beichtgespräch und vorher jeweils den Gottesdienst. Es herrsche Anwesenheitspflicht, sonst werde das Kind nicht zur Erstkommunion zugelassen!

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Wir Eltern wurden ganz klein auf unseren Pfarrsaalstühlen. Für Ausgleich sorgte die leitende Kommunionmutter, die Warmherzigkeit in Person und ein Lichtblick. Nachdenklich machten wir uns auf den Heimweg. Noch war das Kind guter Dinge und freute sich darauf, dass es bald losgehen sollte. Mittlerweile können wir sagen: Die Begeisterung des Neunjährigen nahm Monat für Monat ab.

Kindliche Faszination an grenzwertigen Gruselthemen

Ich bin katholisch sozialisiert, glaube an Gott, weniger an die katholische Kirche und ihr Bodenpersonal – das hat sich langsam ausgeschlichen. Was erschwerend hinzukommt: Mein Mann bevorzugt Kant statt Kirche, eine Seele von Mensch, aber bekennender Agnostiker. Doch er ist loyal und unterstützt die Auffassung, dass der Sohn sich mit Fragen der Religion auseinandersetzen soll. Ganz besonders in diesen bewegten politischen Zeiten, wo Orientierung nottut. Das Christentum ist tief in unserer Kultur verankert. Bewusst haben wir daher das Kind in einen katholischen Kindergarten geschickt, wo St. Martin und kein Li-La-Laune-Laternenumzug gefeiert wird. Dort tritt der heilige St. Nikolaus in Erscheinung und kein diffuser Weihnachtsmann. Regelmäßig schiebt die Erzieherin ein Bibel-Viertelstündchen ein. Im Elterngespräch wurde unser Sohn gelobt: „Er erinnert sich jedes Mal lebhaft an die Geschichte der vergangenen Woche und kann sie nacherzählen.“

Ich erinnere mich dagegen eher voller Unbehagen an verstörende Gute-Nacht-Gespräche über elende Bettler, grausame Kindstötung und Kreuzigung, all die archaische Härte, von der Bibelgeschichten zeugen. Ich glaube an ein Missverständnis: Die Erzieherin meint, einen kleinen frommen Katholiken vor sich zu haben. Ich sehe bei meinem Sohn die kindliche Faszination an grenzwertigen Gruselthemen. Musste ich dem Vierjährigen noch im Ritterbuch das Spanferkel schwärzen („Schweinchen hat Aua!“), weil er vor Sorge ums Tierwohl nicht in den Schlaf fand, goutierte der Fünfjährige durchaus alttestamentarische Grausamkeit. Meist gab es ein gutes Ende. Das kannte er von Märchen: Verschwand die Hexe im Ofen, waren Hänsel und Gretel gerettet. Die Ordnung ist wiederhergestellt.

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Kein anbiederndes Entertainment, keine Glaubens-Show am Altar

Meine Hoffnung war, dass mit dem Kommunionsunterricht die Bindung zur Kirche erstarken würde. Doch die Pflichtgottesdienste gestalteten sich – vorsichtig formuliert – schwierig. Die Lieder singt mein Sohn gerne. Die schöne Sprache des „Vaterunsers“ berührt ihn. Mit den Predigten kann er dagegen wenig anfangen. Der Pfarrer gestaltet die Messe stets feierlich. Er kommt aus einem osteuropäischen Land, sein harter Akzent lässt seine Worte unverbindlicher klingen, als sie möglicherweise gemeint sind. Tiefgang haben sie selten. An Weihnachten lautet die Kernbotschaft: Es geht nicht nur um Geschenke. Das ist selbst einem Neunjährigen zu offenkundig. Ich merke, dass er nicht mehr hinhört, sondern schicksalsergeben in der Bank wartet, bis alles vorbei ist. Wenigstens kichert und schwatzt er nicht wie die anderen.

Freunde in anderen Städten haben es offenbar besser erwischt: Sie schwärmen von sympathischen Pfarrern, kindgerechten Predigten, berichten von feierlichen Gottesdiensten mit bemerkenswerten Fürbitten und Legosteinen, die die Kommunionkinder zum Altar bringen – „wir sind und bauen Kirche“. Die Mädchen glänzen im Krippenspiel als Engel. Bei uns fand sich erst nach quälendem Drängen überhaupt ein „Josef“. Die Gespräche frustrieren und enden mit dem mitleidigen Satz: Ihr habt wirklich Pech mit eurem Pfarrer!

Ich will nicht missverstanden werden. Ich möchte kein anbiederndes Entertainment, keine Glaubens-Show am Altar. Aber Geistliche, die zugewandter sind oder so souverän, einfühlsamen Laien Aufgaben zu übertragen, und erkennen: Kommunion und Konfirmation sind eine riesige Chance, Gläubige zu gewinnen. Das ist meiner Ansicht nach die Krux: Kirchenbindung ist hochgradig personenabhängig. Einmal sprach ich mit der charismatischen Religionslehrerin meines Sohnes, die das Dilemma verstand und mir den „großartigen Kindergottesdienst von Pfarrer B.“ empfahl. Der predigt leider eine halbe Autostunde von uns entfernt.

Geschmückte Hamstergräber

In unserer Gemeinde sieht die Realität leider so aus: Auf den 9-Uhr-Gottesdienst in unserer Kirche folgt regelmäßig der Kommunionsunterricht im Pfarrheim. Nach dem Stillsitzen dürfen die Grundschüler toben und vom Reihum-Mitbring-Buffet essen. Die Kommunionmütter opfern ihre Freizeit, sind engagiert, aber keine Religionspädagogen. Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Ich habe mehrfach hospitiert und dabei gemerkt, dass die Themen nichts fruchten, die Kinder nicht begreifen, was Beichte bedeutet oder gar Dreifaltigkeit. Es ist fern ihrer Lebenswelt.

Stattdessen witzelten zwei Jungs: „Sakramente, Exkremente“. Die Mädchen wälzten Kleiderfragen und freuten sich auf ihren Traum in Weiß. Mein Kind dämmerte regelmäßig weg. Einmal sollte er als Hausaufgabe den Sakramenten Symbole zuordnen. Das kriegte er locker hin. „Wie das? Du hast doch keinen Schimmer?“, fragte ich ihn. Mein Sohn lachte: „Ich bin zweimal nach vorne gegangen und habe mir das Tafelbild gemerkt.“ Zum Thema Barmherzigkeit wurden Collagen gebastelt, ein anderes Mal Holzkreuze mit bunten Steinen verziert. Das Kreuz hängt jetzt bei uns im Flur, morgens verweilen wir davor, basteln ein bisschen unsere Privatreligion und fühlen uns als Teil eines Ganzen.

Verzweifelt greife ich nach jedem Anker in dem Bewusstsein, dass die Kommunionvorbereitung die letzte Ausfahrt vor der Autobahn ist: Danach wird es noch schwerer sein, das Kind religiös zu stärken, geschweige denn zu begeistern. Also habe ich mich durch pädagogische Erbauungsliteratur gelesen, betete mit ihm für unsere Verstorbenen, schmückte die Hamstergräber, bastelte mit ihm Einladungskarten und meldete uns zur Kirchenführung für die ganze Familie an.

Betten für das Seelenheil des sechs Jahre alten Ketzers

Die Gruppe war winzig klein. Der hochbetagte Pfarrgemeinderatsvorsitzende gab jedem die Hand und sich redlich Mühe. Die Kinder erreichten seine Ausführungen indes nicht. Ein Jammer: Der Marienaltar war geschmückt, das Ewige Licht leuchtete rot und geheimnisvoll. Das wären schöne Anknüpfungspunkte gewesen. Imposant ist das barocke Eucharistie-Kreuz: Engel umschweben den Gekreuzigten, fangen mit goldenen Messkelchen Jesu Blut aus den Wundmalen auf, rote Drähte stellen den Blutfluss dar. Eine imposante Darstellung der Wandlung. Erst daheim verwickelte mich mein Sohn in ein Gespräch über das Leid in der Welt. In der Kirche verharrten die Kinder indes leblos. Ihre sehnsüchtigen Blicke Richtung Orgelempore und Kirchturm bemerkte der Kirchenführer nicht. Als sich ein Mädchen traute, danach zu fragen, lehnte er ab: Die Empore sei dem Chor vorbehalten, der Turm renovierungsbedürftig. Enttäuscht wandten sich die Kinder ab.

Wie weltfremd die Kirche ist, zeigt eine Anekdote meines Patensohns. Im Religionsunterricht in der ersten Klasse ging es mal um Adam und Eva und die Erschaffung der Welt. Der damals Sechsjährige, größter „Was-ist-was“-Fan aller Zeiten, fragte wissbegierig nach: Was denn mit dem Urknall sei? Die Erschaffung der Welt werde in seinem Sachbuch anders dargestellt. Die Religionslehrerin war schockiert, forderte die Klasse auf, aufzustehen und gemeinsam für das Seelenheil des sechs Jahre alten Ketzers zu beten. Das ist neun Jahre her und in unseren Anekdotenschatz eingegangen, damals war das schlimm, rief zum Glück die Rektorin auf den Plan – die pfiff ihre Hardcore-Katholikin zurück. Heute diskutiert der 15-Jährige, wenn er bei uns zu Besuch ist, über Kirche und Missbrauch, die hohe Zahl und zähe Aufarbeitung findet er „absolut unerträglich“.

„Gott sei Dank ist bald alles ist vorbei“

Am Karfreitag geschah dann doch ein kleines Wunder. Ein kroatischer Diakon hatte in unserer Kirche den Kinderkreuzweg mit zu Herzen gehenden Gebeten und feierlichen Aktionen zu den zwölf Stationen gestaltet. Die Kinder durften das Kreuz enthüllen, seine Last spüren, das Schweißtuch ablegen – und waren ganz bei der Sache.

Zu spät. Mein Sohn macht Striche im Kalender und sagt: „Gott sei Dank ist bald alles vorbei.“ Nein, mein Sohn, würde ich ihm gerne sagen: Eigentlich fängt dann etwas Neues an, denn im Glauben steckt so viel Erbauliches, Tröstliches, weil die frohe Botschaft froh machen kann, durch Krisen leitet und den Abschied geliebter Menschen erträglicher macht. Kirchliche Feste stiften Sinn und vereinen Familien. Jetzt passiert wahrscheinlich das, was ich nie wollte: Zur Kirche werden wir an Hochfesten gehen, um etwas fürs Gemüt abzugreifen. Den Rest des Jahres wird sie für mein Kind vermutlich keine Rolle spielen.

Für den Montag nach der Kommunion hat die Gemeinde einen Familienausflug organisiert, es geht mit dem Bus ins Voralpenland. Es soll zwei Kirchenbesichtigungen jeweils mit Führung und Gottesdienst geben. Dazu eine kleine Brotzeit und eine große Wanderung. Mein Sohn sagt, dass er keine Lust hat, mitzufahren. Lieber möchte er in die Schule gehen.

Quelle: F.A.S.
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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