Mutter von intersexuellem Kind

„Man muss viel erklären“

Von Lucia Schmidt
 - 16:08

Wann haben Sie erfahren, dass Ihr Kind intersexuell ist?

Es kam deutlich zu früh auf die Welt. Die Hebamme hat mir dann direkt nach dem Kaiserschnitt gesagt: „Es ist ein Junge.“ Meinem Mann aber, der unser Kind auf die Intensivstation begleitet hat, haben die Ärzte gesagt: „Es ist wahrscheinlich ein Mädchen.“ Da war uns dann schon schnell klar, das ist eine merkwürdige Situation. Aber durch die Frühgeburt hatten wir erst einmal ganz andere Sorgen. Die genaue Diagnose Gonadendysgenesie haben wir dann einige Wochen später erst erfahren.

Was steckt hinter dieser Diagnose?

Unser Kind hat einen männlichen Chromosomensatz, aber der Penis ist nur schwach ausgebildet, ebenso wie ein Hoden. Der andere befindet sich im Bauchraum. Außerdem hat unser Kind eine Gebärmutter und eine Vagina.

Nachdem die Ärzte Ihnen diese Diagnose mitgeteilt hatten, wie ging es weiter?

Für mich war diese Diagnose erst mal schon überraschend. Ich hatte davon noch nicht viel gehört. Aber da wir eher große Sorgen um die Gesundheit wegen der Frühgeburt hatten, war die Diagnose für mich jetzt nicht so schockierend. Ich bin schon immer sehr offen mit solchen Themen umgegangen. Für mich stand unabhängig von unserem Kind fest, dass man nicht nur diesen beiden Wegen, also Mann oder Frau, folgen muss. Aber trotzdem mussten wir uns natürlich damit nach der Geburt auseinandersetzen.

Mussten Sie sich für ein Geschlecht entscheiden?

Wir mussten uns innerhalb von einer Woche entscheiden und unser Kind in das Geburtsregister eintragen lassen. Das Geschlecht offenzulassen, das war damals noch nicht möglich. Wir haben dann ein wenig rumgedruckst, aber am Ende gesagt: Schreiben Sie weiblich rein. Wir mussten uns ja entscheiden und haben ihr dann auch einen weiblichen Namen gegeben. Wir haben uns erst mal nach der ersten Einschätzung der Ärzte gerichtet. Mehr wussten wir nach einer Woche ja auch noch nicht.

Inzwischen ist Ihr Kind 13 Jahre alt und immer noch eine Sie?

Sie hat immer noch einen weiblichen Namen. Wir zu Hause sagen auch immer noch sie. In der Schule sagen aber auch viele Kinder er. Unser Kind ist damit aufgewachsen, mal als sie oder er angesprochen zu werden.

Und das stört sie gar nicht?

Für sie ist das bisher kein Thema.

Und für andere Kinder, etwa Mitschüler? Beim Spiel „Mädchen fangen Jungen“, wo spielt sie mit?

Wir sind damals einfach offen mit der Situation auf Lehrer und Mitschüler zugegangen. Wir haben erklärt, wie es ist, und vor allem positive Reaktionen bekommen. Unser Kind hat keine Probleme in der Klasse.

Vanja, der intersexuelle Mensch, der vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt hat, hat die Pubertät durchlebt, sich damit auseinandergesetzt, Frau oder Mann oder anders zu sein. Bei einem kleinen Kind spielt das alles noch keine Rolle. Wie haben Sie mit Ihrem Kind darüber gesprochen?

Wir haben sehr früh mit ihr darüber gesprochen. Wir müssen ja regelmäßig in die Klinik, um sie untersuchen zu lassen, und da habe ich immer gesagt: Wir gehen jetzt dahin, weil die meisten Menschen Junge oder Mädchen sind, du bist ein Puzzle aus beiden und kannst dir später mal aussuchen, was du sein möchtest – oder so bleiben. Wir haben regelmäßig über das Thema gesprochen. Je älter sie geworden ist, umso mehr sind wir ins Detail gegangen.

Und im Alltag, auf dem Spielplatz, im Kinderladen – überall wird in unserer Gesellschaft nach Jungs- oder Mädchenklamotten sortiert und nach Spielsachen, die pink glitzern oder militärisch anmuten. War es nicht schwierig, das Kind durch diese rosa-blaue Konsumwelt zu navigieren?

Wir sind, wie gesagt, sehr offen damit umgegangen, aber wir haben es auch nicht jedem auf die Nase gebunden. Wenn jemand gesagt hat: „Ach, ein Mädchen“ oder „Das wäre doch etwas für ein Mädchen“, dann haben wir genickt, gelächelt – und gut war, wenn wir nicht aufklären wollten. Unser Kind hatte allerdings in einem bestimmten Alter mal die Mission, es allen zu erzählen.

Was kamen für Reaktionen darauf?

Eigentlich ist sie ganz gut damit gefahren. Fremde Kinder haben aber dann schon mal verwundert nachgefragt. Ich kann mich auch an eine Situation erinnern, da kam sie zu mir und hat gesagt: „Mama, du musst dem jetzt erklären, dass das stimmt, was ich sage.“ Und da hatte ich damals den Impuls: Ach, das muss ich jetzt nicht erklären, wir gehen ja auch gleich. Vermutlich habe ich sie da etwas im Stich gelassen. Solche Situationen gab es, aber es war die Ausnahme. Man muss viel erklären, aber dann geht es meist gut.

Jetzt ist Ihr Kind in der Pubertät, ist sie denn rein äußerlich noch voll ein Mädchen?

Sie hat lange blonde Haare, aber der Stimmbruch hat eingesetzt, und auch sonst verändert sich das Äußere eher Richtung Junge. Das merkt man schon. Bisher ist das kein Problem. Manchmal sind die Reaktionen spannend, aber in keinem Fall negativ beladen.

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Bisher läuft das ja wirklich gut bei Ihnen – haben Sie Sorge, dass das anders wird, wenn die Pubertät mehr zuschlägt und Themen wie Beziehung und Sex eine Rolle spielen?

Ich habe das Gefühl, sie hat das für sich alles so verinnerlicht, wie es ist, und will damit erst mal so leben. Sie ist zwar vom Typ her mehr jungenhaft, aber sie will die langen Haare behalten und den Namen auch, erst mal zumindest. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass es, wenn es dann um die Partnersuche geht, nicht so einfach wird. Aber ich denke, sie wird sich dann die Kreise suchen und auch finden, wo Jugendliche sind, die mit Geschlechterrollen offen umgehen. Durch das Internet findet man heute ja leicht Kontakt zu vielen Menschen mit ähnlichen Interessen. Wir sind auch von Anfang an in die Selbsthilfegruppe des Vereins Intersexueller Menschen gegangen. Da hat sie eine gute Stütze von Jugendlichen, die genauso sind.

Was konkret bedeutet das Gerichtsurteil nun für Sie?

Wir hoffen, Ende 2018 den Geburtseintrag zu „inter“ ändern zu können.

Haben Sie da auch schon mit Ihrem Kind drüber gesprochen?

Ja sicher. Seit 2013 darf man ja den Geschlechtseintrag offenlassen. Damals haben wir schon darüber gesprochen, ob wir das machen sollten, aber das wollte sie nicht. Sie sagt nämlich: „Naja, gar nichts bin ich ja nicht. Das stimmt nicht.“ Das Gerichtsurteil von dieser Woche hat sie aber positiv aufgenommen. „Inter“ könnte sie sich vorstellen als Eintrag.

Gerichtsurteile sind ja die eine Sache, sie müssen aber auch gesellschaftlich gelebt werden. Was erwarten Sie da in Zukunft?

Ich würde mir wünschen, dass es kein Zwangseintrag wird, wenn eine Diagnose im Raum steht, sondern dass Eltern die Zeit gegeben wird, zu schauen, wie ihr Kind sich entwickelt, und es auch die Möglichkeit gibt, einen Eintrag später zu ändern. Was mir im Alltag auffällt? Dass Intersexualität im Schulunterricht immer noch kein Thema ist.

Zum Beispiel im Biologieunterricht?

Wenn man das im Ethik- oder Biounterricht behandelt, kann man mehr Toleranz und Verständnis erreichen. Insgesamt bin ich gespannt, was Ende 2018 wirklich alles geändert wird. Das sind ja unglaublich viele bürokratische Stellen, die überarbeitet werden müssen. Und selbst in ausgewiesenen Kliniken für Intersexuelle gibt es bisher im Register nur weiblich oder männlich. Da muss ich immer grinsen.

Wirklich?

In der Klinik, in der unser Kind regelmäßig untersucht wird, läuft sie unter weiblich. Obwohl alle Hormone, die aus dem Labor kommen, auf ein männliches Geschlecht hinweisen, werden sie in die Tabelle weiblich eingetragen. Selbst in einer solchen Klinik kann man sich offensichtlich nicht von der herkömmlichen Einteilung lösen. Da ist absurd. Was sich da ändern wird, das wird spannend.

Quelle: F.A.S.
Lucia Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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