Jannis Niewöhner im Porträt

Liebe geben

Von Julia Schaaf
 - 22:37
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Eine von den vielen lustigen, weil herrlich selbstironischen Szenen in Anika Deckers Komödie „High Society“ geht so: Eine verzogene Luxusgöre (Emilia Schüle) hat nicht nur erfahren, dass sie im Krankenhaus vertauscht worden ist und in Wirklichkeit aus einer Unterschichtsfamilie stammt. Jetzt ist ihr auch noch ihr Cabrio geklaut worden, ein weißer Mercedes-Oldtimer mit pinkfarbenem Gebaumel am Rückspiegel. Praktischerweise ist ihr neuer Bekannter, der von Jannis Niewöhner gespielt wird, bei der Polizei und treibt den Schlitten wieder auf. Breit grinsend steht der Polizist neben der Fahrertür, den Putzlappen noch in der Hand. Sein Oberkörper ist – nackt. Bauch und Brust bilden gepflegte Muskelpakete, die Arme sind sichtlich von regelmäßigem Training gestählt. Die Boxershorts überragen den Hosenbund.

Es gibt keinen erzählerischen Grund für diese Freizügigkeit. Selbst Superprolls sind beim samstäglichen Polieren ihrer Autos angezogen, auch der Filmpolizist wird deshalb gleich wieder sein eng sitzendes Dienst-T-Shirt überstreifen, das ihm selbstverständlich ebenfalls großartig steht – Uniform soll ja sexy sein. Bis dahin jedoch zeigt Niewöhner sich als attraktiver Halbnackter mit diesem für ihn typischen, zuversichtlichen Strahlen, das zu sagen scheint: Hey, Mädchen, wie zickig oder frech, wie verwöhnt, wie hübsch oder garstig du auch sein magst – vor dir steht der tollste Hecht, den du dir wünschen kannst. Ein sympathischer Mister Universum von nebenan.

„Ich war jetzt nie so der Belesene oder wahnsinnig Intellektuelle“

Jannis Niewöhner ist 25 Jahre alt und schon mehr als die Hälfte seines Lebens Schauspieler. Das Etikett des Sonnyboys begleitet ihn, seit er 2006 in einer TKKG-Verfilmung den Kopf der Detektivbande gab. Niewöhner ist damit aufgewachsen, dass Medien ihn als Mädchenschwarm bezeichnen. Die Fantasy-Trilogie nach den Jugendbüchern von Kerstin Gier – „Rubinrot“, „Saphirblau“, „Smaragdgrün“ – verpasste dem Image vom Teenie-Traumprinzen den letzten Schliff. Aber auch Maskenbildnerinnen jenseits des Klimakteriums seufzen bei Dreharbeiten, wie gut dieser schmucke Kerl ihnen gefalle. In den „Ostwind“-Pferdefilmen schmachten Mütter an der Seite ihrer Töchter.

Kinotrailer
„High Society“
© Warner Bros., Warner Bros.

Niewöhner hätte passieren können, was für jeden deutschen Schauspieler zum Berufsrisiko gehört: festgelegt zu werden auf sein Aussehen und eine Facette seines Könnens, um auf ewig in einer Nische festzustecken. Aber der Beau aus Krefeld hat sich inzwischen auch in anderen Rollen bewiesen. Gerade zum Beispiel ist er im Kino in der Ödön-von-Horvárth-Adaption „Jugend ohne Gott“ zu sehen, in der er einen sensiblen Charakter spielt, der auch schon mal mit hervortretender Halsschlagader drauflosprügelt. „High Society“ jetzt versetzt Niewöhner in die Lage, seinen Markenkern aus pubertärer Projektionsfläche und Wunsch-Schwiegersohn souverän durch den Kakao zu ziehen – besser gesagt: durch den Champagner.

„Es gab eine Zeit“, erzählt Niewöhner, „da wurden mir immer Rollen abgesagt, weil die Leute mich vorher in anderen Sachen gesehen hatten und fanden, dass ich zu glatt bin, oder sie mir das nicht zugetraut haben.“ Ein Café am Boxhagener Platz in Berlin-Friedrichshain. Niewöhner wohnt einen Stadtteil weiter, weil er als Kind vom Land es gerne ein bisschen ruhiger hat, aber der Szenekiez ist mit dem Auto nicht weit. Der Schauspieler hat Unmengen von Zucker in seinen doppelten Espresso gerührt und sich eine Zigarette angezündet. Im Gespräch lacht er viel. Wenn er dabei die Zähne zeigt, ist das so ein selbstgewisses Teflon-Strahlen, das an Til Schweiger erinnert. Sein Lächeln jedoch ist auch in echt so charmant und warm wie jenes, mit dem er Filmpartnerinnen und Zuschauerinnen um den Finger wickelt. Niewöhner wirkt offen und ernsthaft, bleibt aber manchmal vage und oberflächlich. „Ich war jetzt nie so der Belesene oder wahnsinnig Intellektuelle“, sagt er über sich selbst.

Kinotrailer
„Jugend ohne Gott“
© Constantin Film Verleih GmbH , Constantin Film Verleih GmbH

Dann erzählt er, wie mit dem Wunsch nach einem Ausbruch aus seinem Rollenklischee auch die Wut über dieses Korsett in ihm wuchs. Für das Casting zu einem Film über Jugendliche in der Psychiatrie, „4 Könige“ aus dem Jahr 2015, rasierte er sich schließlich die Haare ab, zog eine Bomberjacke über – und war offensichtlich so überzeugend aggressiv, dass er die Rolle bekam. Ein Jahr später spielte Niewöhner „Jonathan“, den Sohn eines sterbenskranken Vaters, in einem thematisch überfrachteten Film.

In die Kinobranche hineingewachsen

Heute sagt Alain Gsponer, Regisseur von „Jugend ohne Gott“, er habe einen Schauspieler gebraucht, der äußerlich in die selbstoptimierte Welt seiner Dystopie passe und glaubwürdig eine rebellische Kraft in sich trage. „Also suchte ich einen körperlich gut gebauten und gutaussehenden Jungen, dem man auch das Nachdenkliche und Grüblerische glaubt. Es gab nur einen Schauspieler in der Altersklasse, der für mich alles verkörperte, und dies war Jannis. Somit hat man den Cast der Schüler um ihn herumgebaut.“Von einem „absoluten Ausnahmetalent“ spricht „High Society“-Regisseurin Anita Decker: „Sein feines akkurates Spiel hat auch, während er Gags liefert, immer eine große emotionale Tiefe. Es gibt nichts, was er nicht spielen kann.“

Nun gehört Niewöhner – wie beispielsweise die Kollegen Maria Ehrich und Jannik Schümann oder seine Exfreundin Emilia Schüle, zu der er nach sechs Jahren Beziehung noch immer ein so gutes Verhältnis hat, dass er mit ihr gleich in beiden aktuellen Filmen überzeugend das Liebespaar spielen kann – zu einer Generation von Schauspielern, die in die Kinobranche hineingewachsen sind wie früher Schaustellerkinder in den Zirkus. Er hat nie eine Schauspielschule besucht. Film jedoch, sagt das einzige Kind eines Lehrerpaares über sich selbst, sei immer sein Medium gewesen. Früh hätten die Eltern mit ihm „Amy und die Wildgänse“ und „Mrs. Doubtfire“ geguckt. Als sein Vater, der in Duisburg ein Kinder- und Jugendtheater betreibt, nach Kandidaten für ein Casting gefragt wurde, fuhr er direkt auch den eigenen Sohn vorbei. Kurz darauf drehte Niewöhner parallel zur Schule jedes Jahr einen Film. Über Berufswünsche musste er gar nicht nachdenken. „Das hat schon irgendwie Sinn gemacht, dass ich da rein bin“, sagt er.

Er weiß zwar noch, wie der Vater ihn mit 13 aus dem Familienurlaub in der Bretagne mitten in der Nacht zum Flughafen nach Paris kutschierte, eine Hymne von den Crash Test Dummies im Ohr und Wehmut im Herzen. Auch nach dem Dreh, erzählt Niewöhner, habe er damals zunächst eine Runde geheult: „Weil ich gemerkt habe, oh, jetzt bin ich wieder zu Hause.“ Mit der Zeit gewöhnte er sich an die obligatorischen Wechsel zwischen Schülerleben und Filmwelt.

„Mein Papa ist der tollste“

Heute beschäftigt Niewöhner mit großer Selbstverständlichkeit einen Presseagenten und einen Stylisten, was weniger mit Eitelkeit als mit Professionalität zu tun hat. Für das Interview hat er trotzdem eine Strickjacke mit Mottenlöchern aus dem Kleiderschrank gezogen. „Ich hol mir gerne einen schönen Anzug für eine Premiere“, sagt er. Wenn er sich aber für Medientermine ausstatten lasse, fühle er sich oft wie kostümiert und entsprechend weniger locker. In seiner Strickjacke und der weiten Stoffhose hingegen sei er einfach entspannt. „Das war mir wichtiger als das Foto.“

Die Grenze zwischen Arbeit und Privatperson unterdessen hat sich nahezu aufgelöst. „Es gibt keine Trennung zwischen ,Das bin nur ich‘ und ,Das ist nur der Beruf‘“, sagt Niewöhner. Ganz gleich, ob er mit Musik auf den Ohren durch die Stadt spaziere oder beim Blick aus dem Fenster einen Vater mit seinem Kind beobachte – immer versuche er, seine Eindrücke für seine nächste Rolle oder ein künftiges Projekt zu nutzen: „Insofern verbindet sich alles“, sagt der Schauspieler. „Aber das ist schön.“

Die Kehrseite dieser Verschmelzung ist, dass Abschalten zur Herausforderung wird und Stressfaktoren schwerer auszumachen sind. „In der Phase, wo ich jetzt bin, wo man das Glück hat, ganz viel machen zu können, worauf man lange gewartet hat, gehört ganz stark dazu, wie man auch absagt und Dinge nicht macht.“ Nach einem besonders aufreibenden Frühjahr, nach einem Kinoprojekt mit Detlev Buck und Dreharbeiten in Spanien für eine internationale Serie, hat Niewöhner sich mit seinen 25 Jahren für den Sommer eine Auszeit verordnet: ein regelmäßiger Tagesrhythmus, ausreichend Schlaf, täglich Sport und Meditation. „In so einem Beruf, der einem eigentlich ja sagt, dass alles Spaß macht und ein Highlight nach dem anderen kommt, nimmst du den Druck und den Stress nie als solchen wahr“, sagt er. Seine Eltern ermahnten ihn deshalb schon immer, gut auf sich aufzupassen. Und tatsächlich sei nichts so entspannend für ihn, wie nach Hause zu fahren auf den alten Bauernhof, wo er in einer Wohngemeinschaft mit zwei anderen Familien und deren Kindern groß geworden ist – ein Lebensmodell, das nach einer Mischung aus Kommune und Baugruppe klingt.

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Überhaupt, die Eltern. Jannis Niewöhner gehört auch zu einer Generation, für die ein inniges Verhältnis zu den Eltern zum Fundament des eigenen Erwachsenenlebens gehört. Voller Wertschätzung und Liebe spricht Niewöhner von der Emotionalität, der Feinfühligkeit und der Kraft seiner Mutter. Über seinen Vater sagt er: „Mein Papa ist der tollste. Ein Papa, der mich niemals angeschrien hat, der mir niemals ein böses Gefühl gegeben hat. Das haben, glaube ich, tatsächlich die wenigsten so erlebt. Das ist ganz krass: Ich habe nur Liebe von meinem Papa gespürt, nie Verletztheit oder Strenge. Nur Liebe. Ganz stark.“

Geballte Leinwandattraktivität eines abgrundfreien jungen Mannes

Gibt es das? Und wenn ja: Was heißt das? Niewöhner erzählt von einer schwierigen Phase als Jugendlicher, in der er damit gehadert habe, ob man als Glückskind aus einer so behüteten heilen Welt nicht nur filmisch, sondern auch als Mensch in einer Rolle gefangen sei, in der es einem immer gutgehen müsse. „Die Gabe, die man hat, immer strahlen und fröhlich auf andere wirken zu können – eine Zeitlang habe ich das so verflucht“, sagt Niewöhner. Sein Vater habe ihn damals bestärkt, über diese Fragen nachzudenken; man müsse wirklich überlegen, was man sei und was nicht. Dann jedoch habe er zu ihm gesagt: „Du bist aber auch einfach ein Strahlemann. Nimm das auch an.“

Ein verblüffender Gedanke: Die geballte Leinwandattraktivität dieses grundsympathischen, abgrundfreien jungen Mannes hat womöglich weniger mit seinem Aussehen als mit seiner Ausstrahlung und Persönlichkeit zu tun.

Niewöhner sagt: „Mein Papa ist einfach jemand, der wahnsinnig viel Liebe geben kann. Wenn man dann irgendwann sieht, man kann das vielleicht auch nur ein ganz kleines bisschen so wie der – dann ist man dafür schon dankbar.“

Übrigens hatte Anika Decker ihn vorher gefragt, ob sie ihm eine Szene mit freiem Oberkörper ins Drehbuch schreiben dürfe. Niewöhner hat es so weit gebracht, dass er zunehmend Einfluss nehmen kann auf die eigenen Rollen und Projekte. Er genieße es, ernst genommen zu werden, sagt er: „Jetzt sind gewisse Dinge möglich, und jetzt kann man sich aufmachen, die zu verwirklichen.“ Projekte mitentwickeln. Vielleicht mal selbst eine Geschichte ins Leben rufen. Was hatte die verzückte Maskenbildnerin am Set noch prophezeit? „Von dem werden wir noch eine Menge sehen.“

Die Filme

„High Society“ kommt am Donnerstag, dem14. September, ins Kino. „Jugend ohne Gott“ läuft seit dem 31. August.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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