Geschlechtsangleichung

Ich muss dir was erzählen...

Von Katrin Hummel
 - 22:01

Bis sie in die Pubertät kam, hielt Netty sich wahlweise für lesbisch oder für verrückt: Seit sie denken konnte, hatte sie sich wie ein Junge gefühlt, sie hatte drei ältere Brüder und immer nur mit deren Spielsachen gespielt. Mädchenkleider hatte sie nur an Weihnachten angezogen, wenn es unbedingt sein musste, ihren Eltern war es ansonsten egal. Und verlieben tat sie sich stets nur in andere Mädchen.

Dann aber, sie war 16, verstand sie plötzlich, dass es eine dritte Option gab: Sie bekam einen Zeitungsartikel über Männer in die Hände, „die nach Casablanca fuhren und als Frauen zurückkamen“, erinnert sie sich. „Von dem Moment an wusste ich, dass es möglich ist, im falschen Körper geboren zu werden.“ Dennoch: Um ihren Eltern zu gefallen, heiratete sie mit 21 einen jungen Mann aus dem Dorf, in dem sie aufgewachsen war. Nach einem Jahr war die Ehe gescheitert, „wir lebten nur noch nebeneinander her, ich war sehr unglücklich“. Die erste Freundin hatte sie zwei Jahre nach ihrer Scheidung, da war sie 26. Und sie dachte immer noch, wenn sie es wage, ihr Geschlecht zu ändern, verliere sie alles: ihre Familie, ihre Freunde, ihren Job als Sozialarbeiterin. Lesbisch zu sein, das erschien ihr als guter Kompromiss.

Keine Zukunft mehr ohne Operation

Und dann, 1997, als sie 40 war und ihren ersten Computer hatte, konnte sie sich zu Hause und unbemerkt informieren. Sie suchte nach „transsexuell“, sie suchte nach „transgender“. Der Gedanke an eine Operation machte ihr zwar immer noch Angst, wurde aber in den kommenden vier Jahren zusehends verlockender: „Ich sah keine Zukunft mehr ohne Operation. Mir war klargeworden, dass ich keine Frau war, die ein Mann werden wollte, sondern dass ich schon immer ein Mann gewesen war, nur im falschen Körper. Und dass ich nur als Mann im richtigen Körper würde weiterleben können. Dass es keine andere Option mehr für mich gab, als mich operieren zu lassen. Egal, wie hoch der Preis dafür wäre. Es konnte einfach nicht mehr schlimmer werden, als es war. Ich konnte den Gedanken nicht mehr ertragen, von anderen Menschen als Frau gesehen zu werden. Mehr als 40 Jahre lang hatte ich eine Rolle gespielt, die allem widersprach, was mich ausmachte; ich steckte in einem Körper, den ich hasste und der mir jedes Mal, wenn ich in den Spiegel guckte, entgegenschrie: Dein Leben ist sinnlos!“

Ein guter Freund von ihr hatte kurz zuvor Suizid begangen, und sie dachte: Wenn ich mich nicht operieren lasse, bringe ich mich auch um. Noch vor der Operation begann sie, Freunden, Kollegen und ihren Brüdern zu erzählen, was sie vorhatte. Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich: „Meine Brüder sagten: Wir haben immer gewusst, dass du ein Mann bist.“ Ihre Eltern waren schon verstorben. Ihre Kollegen sagten: „Interessant. Erzähl mal“ Ihr Chef sagte: „Wenn du Hilfe brauchst, bin ich für dich da.“ Und die meisten ihrer Freunde hielten ebenfalls zu ihr.

Aber ihre beste Freundin, die sie schon seit 17 Jahren kannte, hatte plötzlich weniger Zeit für sie. „Sie ist verheiratet, vielleicht ist ihr Mann eifersüchtig“, dachte Netty zu Beginn. Vielleicht war es aber auch einfach so, dass Netty nun keine typischen Mädchensachen mehr machen wollte: kein Shopping-Weekend in Paris, nicht mehr zu zweit essen gehen. Anderthalb Jahre nachdem Netty die Eierstöcke, die Gebärmutter und die Brüste entfernt worden waren und ihre Klitoris zu einem kleinen Penis umgeformt worden war, hatte die Frau, die keine Frau mehr war, auch keine beste Freundin mehr.

Ein Cocktail aus Testosteron

Stattdessen war Netty nun das, was sie immer hatte sein wollen: ein Mann. Er gab sich den Namen Sander, weil er wollte, dass der neue Name kein bisschen wie der alte klingt. Alle zwölf Wochen bekommt Sander jetzt außerdem eine Spritze, einen Cocktail aus Testosteron und anderen Hormonen. Das Problem an der Geschlechterfront ist nun also gelöst, denn Sander sieht aus wie ein Mann, er ist das, was man attraktiv nennen könnte, wenngleich nicht besonders groß. Auf die Idee, dass er mal eine Frau gewesen sein könnte, würde man nicht kommen.

Er wirkt so männlich, dass er es mit jedem Klischee aufnehmen kann: dunkle Augen, Glatze, breite Schultern, tiefe Stimme, kantiges Kinn. Aber ein anderes Problem tat sich nun auf, über das er zuvor nicht viel nachgedacht hatte: Es war schwer, eine Partnerin zu finden. Denn er wusste einfach nicht, wie er seinen Frauenbekanntschaften sagen sollte, dass er früher eine Frau war und mit seinem winzigen, aus der Klitoris geformten Penis keinen Sex haben kann. Schon das Ausfüllen eines Datingprofils auf irgendwelchen Partnervermittlungsseiten im Internet überforderte ihn.

Und so beschloss Sander, sich Hilfe zu suchen. Über eine Werbeanzeige auf einer Datingseite im Internet stieß er auf Denise Janmaat, eine niederländische Datingcoachin, die auch perfekt Deutsch spricht und schon öfter Transgender-Personen beraten hat. Alle Transgender hätten das gleiche Problem, sagt Janmaat: „Vor der Geschlechtsangleichung gibt es viele psychologische Gespräche über die Beweggründe und die Folgen einer solchen Operation. Aber danach werden die Menschen alleingelassen. Es gibt überhaupt keine psychologische Nachsorge im zwischenmenschlichen Bereich als Kassenleistung mehr“, regt sie sich auf.

In ihrer Beratung geht sie trotzdem ganz unverkrampft an die Sache heran. „Jeder hat beim Dating eine Geschichte im Gepäck, die er nicht so gern erzählt“, sagt sie. „Bei mir ist das doch genauso.“ Janmaat sitzt im Rollstuhl, und sie würde dies, wenn sie ein Datingprofil ausfüllen müsste, niemals darin erwähnen. „Einfach, weil ich mehr bin als ein Rollstuhl. Ich möchte, dass die Menschen zuerst meinen Charakter sehen und dann alles andere.“ Genau so, erklärte sie Sander, solle er auch vorgehen. „Erst mal für dich selbst den richtigen Moment finden, in dem du dich angenommen fühlst und es sagen willst.“

So half sie Sander zunächst dabei, sein Datingprofil auszufüllen. Sie brachte ihm bei, nicht einfach zu schreiben, was er suchte, sondern seine Wünsche in eine Geschichte zu verpacken: Er solle schreiben, wie er sich einen schönen Urlaubstag vorstelle, was er unternehmen würde und wie die Frau sei, die er zu treffen wünsche. „Das weckt mehr Gefühle bei der Leserin als eine bloße Auflistung“, weiß Janmaat aus ihrer Beratungspraxis, „und man kann auch Witz und Spontaneität in so einen Text einfließen lassen. So weckt man mehr Interesse auf der Gegenseite.“

Dann bereitete sie ihn auf das „Coming-out“ vor: Sie brachte ihm bei, seine Geschichte so zu erzählen, dass sein Gegenüber beim Zuhören nicht gleich deprimiert würde. „Er war viel zu ängstlich und vorsichtig“, sagt Janmaat, „dabei gibt es doch viele Möglichkeiten, diese Geschichte auch positiv und stolz zu erzählen.“ Schließlich gebe es viele Menschen, die sexuelle Probleme hätten, und Sander müsse einfach nur verstehen, dass seine Sexualität nicht gerade mainstream, aber deswegen nicht schlecht sei. „Ich habe zum Beispiel einen Klienten, der will jeden Tag Sex“, erzählt sie, „der überlegt sich auch, wann und wie er einer neuen Bekanntschaft sagen soll, dass täglicher Sex für ihn ein Muss in der Beziehung ist. Das richtig zu vermitteln ist in erster Linie eine Frage des Selbstbewusstseins.“

Kein „richtiger Mann“?

Sanders Idee, einer Frau gleich beim ersten Date zu sagen, dass er „einen sehr kleinen Penis“ habe, fand sie darum nicht gerade ideal. Stattdessen schlug sie ihm vor, ihr zu vermitteln: Ich bin ein richtiger Mann und wollte immer einer sein. „Das ist viel wichtiger als irgendwelche körperlichen Beeinträchtigungen. Sander soll sich stark fühlen und nicht denken, dass er einen körperlichen Makel hat.“

Und dann hatte Sander schließlich eine Partnerin. Zunächst lief alles gut, aber Sander hatte ständig ein schlechtes Gewissen, weil er der Frau noch nicht erzählt hatte, dass er früher selbst eine Frau gewesen war. Als sie die ersten Berührungen ausgetauscht hatten, aber noch vor dem ersten Kuss, schrieb er ihr einen Brief und gab ihn ihr, als sie gemeinsam auf der Couch saßen. „Darin stand, dass ich ein Mann bin und mich als Mann fühle, aber dass ich als Mädchen geboren worden bin“, erzählt Sander. Seine Freundin habe den Brief gelesen und ihn dann umarmt und zu ihm gesagt: „Ich sehe dich als Mann."“ – "“Aber später, als sie allein war, ging sie zu ihrer Schwester und weinte sich aus“, so Sander. Nach anderthalb Jahren ging die Beziehung in die Brüche, Trennungsgrund für die Freundin war, dass sie „beim Sex einen Penis vermisste“. Außerdem habe ihre Familie ihr die ganze Zeit eingeredet, dass es unendlich viele andere, „richtige“ Männer für sie gebe.

Direkt danach war Sander am Boden zerstört. „Mein Selbstbewusstsein war im Keller, ich dachte, ich finde nie wieder eine Frau“, sagt er. Aber Janmaat versuchte ihn davon zu überzeugen, dass die Begründung, die ihm seine Freundin gegeben hatte, für sie nur die einfachste Möglichkeit gewesen sei, die Beziehung zu beenden. „So musste sie sich nicht mit ihren eigenen Anteilen am Scheitern der Beziehung beschäftigen“, behauptet Janmaat. Denn diese Frau habe, bevor sie mit Sander zusammengekommen sei, 15 Jahre lang eine Beziehung mit einem Mann gehabt, der sie sehr schlecht behandelt habe, was niemand in ihrem Umfeld auch nur ahnte. „Diese Frau hatte auch sehr viele eigene Probleme“, glaubt Janmaat. Der Gedanke, dass nicht er allein schuld sei am Scheitern der Beziehung, tröstet Sander.

Den richtigen Zeitpunkt abwarten

Beim nächsten Date – zurzeit schreibt er sich mit zwei Frauen – wird er länger warten als bis zum ersten Kuss, bevor er der Frau von seiner Geschlechtsangleichung erzählt. „Manchmal denke ich, ich warte, bis wir miteinander im Bett sind“, sagt er. Aber ihm ist klar, dass er sich das niemals trauen würde. Nach wie vor hat er ein schlechtes Gewissen dabei, einer Partnerin nicht von Anfang an reinen Wein einzuschenken. Dennoch wird er sich Janmaats Anweisungen wohl fügen – einfach, weil er sich so sehr eine Partnerin wünscht und sich von diesem Vorgehen mehr Erfolg verspricht. Janmaat begrüßt das. Im Coaching hat sie die Erfahrung gemacht, dass man, wenn zwei Menschen erst mal verliebt sind, „Kompromisse machen kann bei der Sexualität. Es gibt ja auch Fälle, wo der Partner zum Beispiel durch Krebs impotent geworden ist, und dann kann man mit ein bisschen Phantasie Wege finden, damit zu leben.“

Dieser Meinung ist auch Kurt Seikoswki, Psychologe an der Universität Leipzig. Er hat schon mehr als tausend Frau-zu-Mann-Transgender betreut und ist sich sicher: „Heute brauche ich als Mann keinen Penis mehr. Es gibt die Zunge, den Dildo, den Vibrator.“ Wenn jemand selbstbewusst und sozialkompetent sei und gut mit Problemen und Stress umgehen könne, dann habe er oder sie nach der Operation auch wenig Probleme, das Thema eines extrem kleinen Penis anzusprechen. „Bloß die psychischen Probleme, die jemand vor der Operation hatte, die bleiben natürlich. Die Operation kann nicht alle sozialen Schwierigkeiten lösen.“

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Das Vorgehen, zu dem Janmaat Sander geraten hat, findet er indessen gut. „Wir sagen unseren Patienten auch: Machen Sie's doch wie die Frauen – testen Sie ihre neue Partnerin doch erst mal ohne Sex.“ Wenn dann genug Vertrauen da sei, könne man das Thema immer noch zur Sprache bringen. Ohnehin, sagt Seikowski, nehme die Zahl der Transsexuellen, die sich operieren ließen, ab, obgleich es inzwischen sogar diverse Möglichkeiten gebe, auch „normalgroße“ (aber dennoch nicht natürlich funktionierende) Penisse aufzubauen: „Weil immer mehr Leute Oralverkehr als Alternative akzeptieren.“

Auch Daniel, ein 35 Jahre alter Ingenieur, der eigentlich anders heißt, hat sich gegen eine Operation entschieden. Stattdessen nimmt er sei viereinhalb Jahren Hormone. Trägt er Kleider, sieht er aus wie ein Mann, „dann sieht keiner, dass ich mal eine Frau war, ich bin sehr zufrieden“. Doch eine Beziehung hatte er noch nie, seit er sein Geschlecht gewechselt hat. Denn genau wie bei Sander kommt auch bei ihm „so ein bisschen die Panik hoch“, wenn er drüber nachdenkt, wie er einer potentiellen Partnerin erklären könnte, dass er früher ebenfalls eine Frau war.

„Ich hab für mich noch keine Lösung, wie ich das machen soll, obwohl ich schon sehr lange und sehr oft darüber nachgedacht habe“, gibt er zu. Den anderen Transgendern, die er kenne, gehe es genauso, mit den gleichen Folgen wie bei ihm: Daniel kennt keinen einzigen Frau-zu-Mann-Transgender, der eine Beziehung mit einem Nicht-Transgender hat. Von der Idee, sich coachen zu lassen, hält er aber trotzdem nichts: „Dazu bin ich zu pragmatisch. Ich sehe nicht, wie mir das helfen könnte.“

In einer früheren Version dieses Artikels war von „Geschlechtsumwandlung“ die Rede. Der Begriff der Angleichung trifft es aber eher, da der Körper an das Geschlecht eines Menschen angeglichen wird, und wird heute auch häufiger verwendet.

Quelle: F.A.S.
Katrin Hummel
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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