Student, Musiker und Erfinder

Nur Chinesisch lernen war ein bisschen schwieriger

Von Astrid Ludwig
 - 18:58

In anderen Studentenbuden hängen Poster an der Wand, Frederic Bous hat ein großes Whiteboard. Auf dem sind diverse mathematische Herleitungen und naturwissenschaftliche Formeln notiert – Spielereien, die er zwischendurch aufschreibt. Auf seinem Schreibtisch steht ein großer Computerbildschirm, dahinter ein E-Piano. Im Regal liegen eine Bratsche und ein chinesisches Saiteninstrument, eine Erhu.

Frederic Bous, 24 Jahre alt, macht im August seinen Bachelorabschluss in Mathematik an der TU Darmstadt. Als Nebenfach studiert er im 5. Semester Musik an der Darmstädter Akademie für Tonkunst. Es ist ein sogenannter Joint Bachelor, den die beiden Institutionen gemeinsam anbieten. Bous sagt: „Mathematik studiere ich aus Spaß und Interesse.“ Nicht unbedingt mit einem Berufsziel vor Augen. Da tendiert er eher in Richtung Informatik und „praktische Anwendung“, weshalb er sich an der TU nach einem Bachelor in Elektrotechnik mit Schwerpunkt Signalverarbeitung für das Masterprogramm in Computational Engineering entschieden hat. Das besucht er nun gleichzeitig mit dem Bachelorstudiengang Mathematik. Im Februar 2019 steht dort die Masterarbeit an.

Im Sommer nach Frankreich

Auch hier wählt Bous nicht die „einfache“ Variante, sondern schreibt eine externe Arbeit, die er am Institut de Recherche et Coordination Acoustique / Musique in Paris anfertigen wird. Im August zieht er dafür nach Frankreich. Betreut wird er von Professoren der TU Darmstadt und der französischen Forschungseinrichtung; sein Thema ist die Erzeugung von Gesangsstimmen am Computer. Informatik und Musik, die beiden Leidenschaften des Frederic Bous.

Nebenbei lernt er nun seit einem Jahr noch zweimal die Woche Französisch, selbständig im Sprachenzentrum der Uni. „Aber Französisch ist superleicht“, sagt er. Chinesisch war da schwerer, wenn auch nur ein bisschen. Während seines Bachelorstudiums der Elektro- und Informationstechnik verbrachte er ein Auslandsjahr an der Tongji-Universität in China, einer Partnerhochschule der TU. „Chinesisch ist so ganz anders, die Zeichen, Grammatik, Aussprache.“ Aber gerade das hat ihn gereizt.

Frederic Bous ist ein schmaler junger Mann mit Nickelbrille und einer Frisur, die man zu Beatles-Zeiten Pilzkopf genannt hätte. Hochbegabt, aber kein Streber. Mathe, Physik, Musik, Sprachen, das alles fällt ihm zu. „Ich habe nie viel lernen müssen.“ Sein Vater ist Musiklehrer für Geige, Bratsche und Klavier. Mit drei Jahren lernte Bous Violine, mit sechs Gesang. Er hat auch schon in Opern mitgewirkt. An der Akademie für Tonkunst in Darmstadt studiert er Klavier und Kompositionslehre. Er singt im TU-Chor und leitet den TU-Mathe-Chor. Die Erhu hat er sich aus China mitgebracht.

Bous wohnt in einer Vierer-WG, nur einen Steinwurf vom Darmstädter Staatstheater entfernt. Dort verbringt er oft seine Abende. Studenten können unentgeltlich Restkarten ergattern. „Das nutze ich gern“, sagt er. Computergestützte Musikwissenschaft und digitale Instrumente sind sein Faible. Er hat das Gyrophon erfunden, ein elektronisches Instrument, dessen Töne sich über ein Smartphone steuern lassen. Auf seinem Handy ist eine Klaviertastatur zu sehen, bei Berührung erklingen über die Lautsprecher synthetische Klänge. Per Hand lassen sich Lautstärke und Tonabfolge variieren. Es klingt ein bisschen nach Synthesizer, Jean-Michel Jarre und den unendlichen Weiten des Universums. Frederic Bous lächelt – vermutlich soll es das auch. Das Computerprogramm für sein Gyrophon hat er selbst geschrieben. „Ich kann Kompositionen vorab programmieren oder live spielen.“

Singen auf Chinesisch und Deutsch

Im Improvisationskurs der Tonkunst-Akademie kann er sich mit dieser Vorliebe für neue Klänge und Spielweisen ausleben. „Das ist meine Experimentier-Werkstatt.“ Vor kurzem haben TU-Chor und -Orchester Frederic Bous’ Komposition „Das Mädchen aus Hunan“ uraufgeführt, die zehnminütige Vertonung eines chinesischen Gedichtes. Die Solisten singen auf Chinesisch, die Choristen auf Deutsch. Das Stück ist sozialkritisch, es geht um das Leid chinesischer Wanderarbeiterinnen. „Ich wollte deren Schicksal hörbar machen durch Musik“, sagt der Student. Es ist seine erste Chorkomposition.

Mehrere Studiengänge gleichzeitig absolvieren, musizieren, komponieren, Sprachen lernen – wird ihm das nicht zu viel? Manchmal sei es schon ein bisschen stressig, gibt er zu. „Das Stück für Orchester und Chor, rund 200 Musiker, musste rechtzeitig fertig werden zur Probe.“ Aber sonst ist er ganz entspannt. Wo Freizeit aufhört und Arbeit beginnt, das weiß Frederic Bous meist selbst nicht so genau. Wenn es da für ihn überhaupt eine Grenze gibt.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenTU DarmstadtTUFrankreichDarmstadt