Koscher in Brooklyn

Text ROLAND LINDNER, Fotos KAI NEDDEN

25.08.2017 · Die größte Gemeinde von orthodoxen Juden außerhalb Israels ist mitten in der amerikanischen Metropole. Es ist eine ganz eigene Welt, die sich abschottet und immer konservativer wird.

E s ist fast ein halbes Jahrhundert her, aber Isaac Schonfeld kann sich noch gut an seine früheren Nachbarn erinnern. In der Wohnung nebenan lebte eine Familie von Amerikanern mit italienischen Wurzeln, und Schonfeld ging bei ihr ein und aus. Die kleine Nancy wurde seine beste Freundin, er spielte nach der Schule mit ihr. Großvater Louie brachte ihm das Fluchen bei, zum Entsetzen seiner Mutter. Schonfeld ist heute 54 Jahre alt und wohnt noch im selben Haus, aber die Nachbarn aus seinen Kindertagen sind längst weggezogen.

Isaac Schonfeld in seinem Haus im New Yorker Viertel Borough Park

Ebenso wie fast alle anderen italienisch- und irisch-amerikanischen Familien, die früher Borough Park bevölkert haben. Jetzt dominieren orthodoxe Juden wie Schonfeld selbst das Viertel im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Angehörige dieser konservativen jüdischen Gruppe sind heute seine Nachbarn und prägen das Straßenbild. Für die hiesigen Kinder wäre es kaum noch möglich, in der Gegend Freunde anderer Abstammung zu finden so wie er damals. Schonfeld meint, es wäre wohl auch nicht mehr erwünscht. In gewisser Weise, so sagt er, ist Borough Park zu einer „Monokultur“ geworden. Das kann auf den ersten Blick verwundern. Ist New York nicht eigentlich als Schmelztiegel berühmt? Als Ort, an dem Menschen verschiedenster Herkunft neben- und miteinander leben? Borough Park erscheint wie ein Gegenentwurf.

Wer hier als Nicht-Angehöriger der orthodox-jüdischen Gemeinschaft über die Einkaufsmeile an der 13th Avenue spaziert, fällt auf. Die Bewohner mögen New Yorker sein, aber sie verweigern sich vielen Selbstverständlichkeiten des modernen Lebens in einer westlichen Großstadt. Borough Park gilt als die größte orthodox-jüdische Gemeinde außerhalb Israels. Und ihre weit überdurchschnittlichen Geburtenraten lassen diese Gruppe rasant wachsen.

Die 13th Avenue führt mitten durch den Stadtteil. Die Straße ist faktisch ein Drehkreuz des täglichen Lebens.

Als Besucher nach Borough Park zu kommen, heißt, sich in eine ganz andere Welt versetzt zu fühlen. Überall sind Schilder in jiddischer Sprache. Männer tragen zumeist lange Bärte und sind abgesehen von einem weißen Hemd schwarz gekleidet. Blutjunge und züchtig angezogene Frauen schieben Kinderwägen vor sich her. Fast an jeder Ecke scheint eine Synagoge zu stehen. Dafür fehlen Kneipen oder Kinos, ebenso wie vertraute Restaurantketten. Statt McDonald’s gibt es Fast-Food-Lokale mit Namen wie „Jerusalem II“. An deren Eingängen signalisieren Zertifikate, dass das Essen „koscher“ ist, also den jüdischen Speiseregeln folgt. In Supermärkten werden Lebensmittel in großen Portionen verkauft, um die vielen kinderreichen Familien zu bedienen. In der Kühltheke eines Ladens liegen ganze Hühnchen im Zweierpack. Am Rande der Straßen in dem Viertel parken fast nur familientaugliche Kombis und Minivans.

Eine zentrale Anlaufstelle in Borough Park ist „Eichler’s“, ein sogenannter „Judaica“-Laden mit Artikeln für den orthodox-jüdischen Alltag. Das reicht von religiösen Büchern über Gemälde mit berühmten Rabbis bis hin zu speziellen Produkten für Feiertage wie Pessach. Es gibt eine große Auswahl von Kippot, den Kopfbedeckungen für jüdische Männer, und Mesusot, den Pergamenten mit Versen aus der hebräischen Bibel, die an den Türrahmen jüdischer Haushalte hängen. In der Spielwarenabteilung kann man eine Art Lego mit orthodox-jüdischen Figuren kaufen.

Ein koscheres Pizzageschäft auf der 13th Avenue im jüdischen Stadtteil Borough Park in Brooklyn

Einen Einblick in die Eigenheiten des Lebens der hiesigen Frauen verschaffen Läden wie „Treasures Forever“. Hier wird Bekleidung angeboten, die den jüdischen Sittsamkeitsvorschriften („Tzniut“) entspricht, wozu es gehört, dass Frauen ihre Knie und Ellbogen verhüllen. Es gibt auch Accessoires wie „Quiet-Step“, kleine Filzscheiben für Schuhsohlen, die aufreizende klackernde Geräusche beim Gehen dämpfen. Im Schaufenster der „Lingerie Boutique“ sind keine Dessous, wie der Name nahelegen würde, sondern lange Kleider. Die Unterwäsche ist im Kellergeschoss, versteckt vor etwaigen Blicken männlicher Passanten. Auffällig sind auch die vielen Perückengeschäfte. Verheiratete orthodox-jüdische Frauen müssen ihre Haare bedecken. Sie tun dies mit Kopftüchern oder Perücken, manche rasieren ihre eigenen Haare sogar ganz ab. Vor einem Perückenladen an der 13th Avenue hängt ein Schild, das Männer auffordert, anzuklopfen, bevor sie ihn betreten. Es ist eines von vielen Beispielen für Barrieren zwischen Männern und Frauen. In Synagogen gibt es separate Eingänge für beide Geschlechter, auch bei Hochzeiten oder Beerdigungen sitzen Männer und Frauen nicht zusammen. Die Trennung fängt schon im Kindesalter an, Mädchen und Jungen gehen in verschiedene Schulen.

  • Das jüdisch-orthodoxe Geschäft Eichler's auf der 13th Avenue im Stadtteil Borough Park in Brooklyn
  • Bei Eichler's werden Bücher und traditionelle, religiöse Waren verkauft.
  • Auch Spielsachen gibt es bei Eichler's.
  • Chesky Goldman betrachtet Gemälde von Rabbis, die man kaufen kann.
  • Kippas in den Regalen von Eichler's
  • Viele, der religiösen Bücher sind in Leder gebunden.

In New York und Umgebung leben nach einer Studie der Organisation UJA-Federation insgesamt rund 1,5 Millionen Juden, knapp ein Drittel davon ist orthodox. Dabei ist orthodox nicht gleich orthodox. Es gibt modern-orthodoxe Juden, die zwar streng ihren Glauben praktizieren und Vorschriften wie Sabbatruhe einhalten, aber auch voll in der säkularen Welt integriert sind. Ein Beispiel ist Jared Kushner, der Schwiegersohn des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Die orthodoxen Juden in Borough Park sind weit konservativer. Viele gehören besonders religiösen ultraorthodoxen Gruppierungen an. Etwa die Chassiden, die an ihrem markanten Erscheinungsbild zu erkennen sind. Chassidische Männer haben üblicherweise Locken an ihren Schläfen und tragen lange schwarze Mäntel. Nicht jeder will sich Kategorien zuordnen lassen. Lokalpolitiker Dov Hikind, der Borough Park in der Regierung des Bundesstaates New York vertritt, sind die Begriffe „orthodox“ und „ultraorthodox“ zuwider. „Ich bin einfach nur ein Jude, und zwar ein stolzer Jude“. Heshy Friedman dagegen, ein Unternehmensberater aus Borough Park, versteht sich als Ultraorthodoxer und lässt sich gerne so nennen: „Für mich ist das wie ein Ehrenabzeichen, ich habe nichts zu verheimlichen.“

I saac Schonfeld passt nicht so recht in Schubladen. Er hat zwar den typischen langen Bart, dafür entsprechen die schwarzen Cowboystiefel, die er gerne trägt, ganz und gar nicht dem konventionellen Dress Code in Borough Park. Er hält sich an orthodox-jüdische Standards wie koscheres Essen, Sabbatruhe und Fastentage, weicht aber von vielen konservativen Positionen in seiner Gemeinde ab, zum Beispiel wenn es um Rechte von Frauen oder Homosexuellen geht. „Ich bin wahrscheinlich liberaler als 95 Prozent der Menschen hier,“ sagt er. Schonfeld ist in einer vergleichsweise modernen Familie aufgewachsen. Seine erste Sprache war Englisch und nicht Jiddisch wie in vielen anderen Haushalten. Bei ihm wurde nicht nur religiöse Literatur gelesen, sondern auch Shakespeare. Es gab sogar einen Fernseher, was bis heute in vielen orthodox-jüdischen Familien undenkbar ist. Die weltlichen Einflüsse vertrugen sich freilich nicht immer mit Schonfelds Erziehung. Er erinnert sich, wie angeekelt er war, wenn er in Fernsehshows Menschen sah, die nicht sofort nach dem Aufstehen die Hände waschen, wie es jüdischen Vorschriften entspricht. Oder wie irritierend er es fand, wenn im Fernsehen über andere Menschen gelästert wurde. Das ist für Juden „Lashon hara“ und gilt als Sünde.

Die orthodoxen Juden in Borough Park haben verschiedene Methoden, säkulare Dinge aus ihrem Leben herauszuhalten. Manche verzichten nicht nur auf Fernseher, sondern auch auf das Internet. Heshy Friedman geht nicht ganz so weit, aber er hat auf seinem Smartphone einen speziellen Filter installieren lassen, der den Zugang zu Seiten mit nicht-religiösen Inhalten sperrt. Er hört keine weltliche Musik und kann nichts mit Namen von Superstars anfangen. Einmal bat ihn ein Freund, für eine wohltätige Veranstaltung am Eingang die Platzkarten auszugeben. Prominente wie das Supermodel Cindy Crawford und der Wrestler Hulk Hogan waren da, aber Friedman kannte keinen einzigen von ihnen. Entsprechend lange brauchte er, die Identität der Gäste zu prüfen, und vor ihm bildete sich eine riesige Schlange.

Heshy Friedman, konservatives Mitglied der Orthodoxen Jüdischen Gemeinde in Borough Park und Trump-Enthusiast
Isaac Schonfeld, liberales Mitglied der Orthodoxen Jüdischen Gemeinde vor seinem Haus in Borough Park

Die Verwandlung von Borough Park begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als orthodoxe Juden, die den Holocaust überlebt hatten, in großer Zahl hierherkamen. Viele von ihnen, wie die Eltern von Heshy Friedman und Dov Hikind, hatten Familienmitglieder im Völkermord verloren. Noch heute kann man in Borough Park auf ältere Menschen treffen, die bereitwillig ihre auf den Arm tätowierte Häftlingsnummer aus dem Konzentrationslager Auschwitz zeigen. Im Laufe der Jahre breiteten sich orthodoxe Juden immer mehr in Borough Park aus und verdrängten andere Gruppen. Mit ihrem Kinderreichtum folgen sie dem biblischen Gebot „Seid fruchtbar und mehret euch“, aber auch dem Gedanken, ihre vom Holocaust dezimierte Gemeinschaft wiederaufzufüllen. „Sechs bis neun Kinder zu haben, ist hier normal,“ sagt Isaac Schonfeld. Die schnell wachsenden orthodoxen Familien haben in Borough Park in den vergangenen Jahrzehnten für einen wahren Bauboom gesorgt. Kleine Einfamilienhäuschen wichen imposanten Ziegelbauten.

Je größer die orthodox-jüdische Gemeinde in Borough Park geworden ist, umso mehr hat sie sich abgeschottet. Heshy Friedman sagt, er habe in seinem Privatleben keinerlei Kontakt zu Nicht-Orthodoxen. Wer Elektriker oder Klempner ins Haus ruft, greift üblicherweise auf Handwerker aus der Gemeinde zurück, die es heute im Gegensatz zu früher in großer Zahl gibt. Borough Park unterhält sogar eigene orthodox-jüdische Erste-Hilfe-Dienste und Polizeistreifen. „Die Menschen hier fühlen sich wohler, wenn sie unter sich sind,“ meint Isaac Schonfeld.

B orough Park ist nicht vollständig uniform. Vereinzelt kann man sogar orthodoxe Frauen sehen, die in knallbunten Farben statt in üblichen neutralen Tönen gekleidet sind. Es gibt in dem Viertel eine ganze Reihe von Untergruppierungen, auch Sekten genannt, die Regeln unterschiedlich strikt auslegen. Allgemein aber sind die Menschen hier nach Schonfelds Beobachtung in jüngerer Vergangenheit nicht moderner, sondern konservativer geworden. Er erklärt das damit, dass sich die orthodoxen Juden in der Region mittlerweile etabliert fühlen und es daher für weniger notwendig halten, sich an ihr Umfeld anzupassen. Und die zunehmende Zahl weltlicher Einflüsse aus dem Internet und anderen Kanälen habe viele Menschen dazu gebracht, sich umso mehr auf ihre Traditionen zu besinnen.

Dass Borough Park anders tickt als der Rest New Yorks, konnte man auch bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr sehen. Die Metropole ist eigentlich eine Hochburg der Demokratischen Partei, Hillary Clinton hat hier 79 Prozent der Stimmen gewonnen. Aber in Borough Park entschieden sich 69 Prozent der Wähler für Donald Trump. Das mag erstaunen, scheint sich doch Trumps Lebenswandel so gar nicht mit orthodox-jüdischen Werten zu vertragen. Spricht man mit Menschen in dem Viertel, hört man unterschiedliche Erklärungen. Sie reichen von „Er strahlt Stärke aus“ über „Er ist besser für Israel“ bis zu „Er beruft konservative Richter in den Obersten Gerichtshof, die Abtreibung und Homosexuellenehe wieder verbieten“. Heshy Friedman ist einer der Trump-Wähler. Er hat sogar mit Schildern in seinem Auto und Fahnen vor seinem Haus für ihn geworben.

Die Künstlerin Sara Erenthal ist in einem streng jüdisch-orthodoxen Haushalt groß geworden.
Sara Erenthal in ihrer Ausstellung „Moving On“ in Brooklyn
Sara Erenthal vor einem Mural, das ein Selbstporträt aus verschiedenen Phasen ihren Lebens ist, im Stadtteil Park Slope in Brooklyn

Nicht alle orthodoxen Juden sind mit ihrem reglementierten Leben glücklich. Manche entscheiden sich, aus der Gemeinde auszubrechen. Es gibt in New York sogar eine Organisation namens „Footsteps“, die solchen Menschen beim Sprung in die säkulare Welt hilft. Bis zu 150 ultraorthodoxe Juden im Jahr nehmen das in Anspruch, sagt die geschäftsführende Direktorin Lani Santo. Die Motive der Aussteiger sind nach ihren Worten unterschiedlich. Es könne eine Flucht vor einer unfreiwilligen Heirat sein oder auch einfach intellektuelle Neugier auf Dinge, die in ihrer Gemeinschaft tabu sind. Den orthodoxen Juden ist Footsteps ein Dorn im Auge, was ein Grund ist, warum die Gruppe ihre Adresse geheim hält.

Sara Erenthal ist von zuhause ausgerissen, als sie 17 Jahre alt war und ihre Eltern einen Mann zum Heiraten für sie ausgesucht hatten. Aber Sehnsucht nach einem anderen Leben hatte sie schon viel früher. Sie hatte ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater, hasste den Zopf, den sie tragen musste, und blickte oft neugierig aus dem Fenster ihrer Wohnung in Borough Park auf die gegenüberliegende Schule, in die nicht-jüdische Kinder gingen („die sahen so aus, als ob sie Spaß hätten, und ich fand, ich hatte gar keinen Spaß“). Sie erinnert sich, wie fasziniert sie war, als sie nach ihrer Flucht zum ersten Mal Jeans getragen hat. „Ich hatte vorher noch nie gesehen, wie mein Hintern in einem Kleidungsstück aussieht.“ Sie schnitt umgehend ihren Zopf ab und wechselt seither ständig ihre Frisur, im Moment sind ihre Haare kurz und blond gesträhnt.

Die Freiheit hatte auch ihren Preis: Erenthals Vater wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben, ihre drei Geschwister durften anfangs in seinem Beisein nicht einmal mehr ihren Namen erwähnen. Es war auch schwer, sich in dem neuen Leben zurechtzufinden. Sie fühlte sich dumm, wenn Freunde über Filme und andere Dinge redeten, von denen sie keine Ahnung hatte. Und sie stellte sich ungeschickt an, als sie zum ersten Mal ein Junge küssen wollte. Heute ist sie 36 Jahre alt, aber ihre Vergangenheit beschäftigt sie noch immer. Sie arbeitet diese Zeit künstlerisch in Bildern und Skulpturen auf und hat schon einige Ausstellungen hinter sich.

Isaac Schonfeld gibt zu, dass in Borough Park Selbstverwirklichung nicht gerade an erster Stelle steht.

Footsteps-Chefin Santo sagt, sie würde sich wünschen, dass orthodoxe Juden mehr Verständnis für Aussteiger wie Erenthal zeigen anstatt sie mit Nichtachtung zu strafen. „Für orthodoxe Juden ist die Gemeinschaft wichtiger als der Einzelne. Es wird alles getan, um die Gemeinschaft zusammenzuhalten.“ Isaac Schonfeld gibt zu, dass in Borough Park Selbstverwirklichung nicht gerade an erster Stelle steht. Aber er glaubt, die meisten orthodoxen Juden um ihn herum seien mit ihrem Leben zufrieden. Wegen des starken Gemeinschaftssinns müsse sich hier niemand alleine fühlen, und wer in Not gerate, dem werde geholfen. „Die positiven Dinge überwiegen.“

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche:

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Quelle: F.A.Z. Woche