Prozess gegen Peter Madsen

„Kein normaler, gesunder Junge“

Von Matthias Wyssuwa, Kopenhagen
 - 17:26
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Das erste Bild im Gericht zeigt Kim Wall, das Opfer. Sie blickt selbstbewusst in die Kamera, mit angedeutetem Lächeln. Eine junge schwedische Journalistin, die für mehrere internationale Zeitungen geschrieben hat. Sie wurde nur 30 Jahre. Ihr Bild erscheint auf den vielen Bildschirmen im Gerichtssaal. Hinter einem der Schirme sitzt Peter Madsen, mit Brille, Jeans und schwarzem T-Shirt. Die Anklage ist davon überzeugt, dass er Wall getötet hat, geplant und sehr brutal. Das zweite Bild zeigt Madsens U-Boot, die „UC3 Nautilus“. Ein Video wird abgespielt: Ein Polizist öffnet die Luke der „Nautilus“, quetscht sich durch den schmalen Einstieg in den Bauch des U-Boots, zeigt den Maschinenraum, eine Toilette, schmale Bänke in der Messe. Beklemmende Enge. Es ist der Tatort.

Nach den ersten Bildern zeigt Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen im Gerichtssaal die letzte SMS von Kim Wall, geschrieben vom U-Boot aus an ihren Freund: Sie sei übrigens noch am Leben. Sie würden jetzt tauchen. „Ich liebe dich“ mit vielen Ausrufezeichen. Er, also Madsen, habe Tee und Kekse mitgebracht.

Der Fall, um den es seit Donnerstag in dem Prozess gegen Peter Madsen in Kopenhagen geht, hat weit über Dänemark hinaus Interesse erregt. Der verschrobene Konstrukteur, der gemeinsam mit Freunden U-Boote und Raketen gebaut hat, soll zum sadistischen Frauenmörder geworden sein. Die junge Journalistin, die für eine Geschichte auf sein U-Boot gegangen ist, wurde selbst zum Opfer einer Kriminalgeschichte.

Fernsehsender haben Zelte in den Schneematsch vor dem Gericht gestellt, die Schlange der Journalisten aus mehr als einem Dutzend Ländern ist lang. Die meisten verfolgen die Übertragung in einem Raum neben dem Gerichtssaal. Das Gericht spricht von „einem überwältigenden Medieninteresse“. In Dänemark nimmt der Fall schon lange viel Platz in den Medien ein. Am Tag vor dem Prozess schaut Madsens Bild von den bunten Blättern. „Sex, Lügen und Video“ steht auf dem einen Titel, auf einem anderen wird ein früherer Chef von ihm zitiert: „Er war anders.“ Und ein ehemaliger Lehrer: „Kein normaler, gesunder Junge.“

Geständnis im Prozess
Madsen hat Walls Leiche zerstückelt
© afp, afp

Was ist an Bord der Nautilus passiert?

Der Fall nahm seinen Lauf am 10. August vergangenen Jahres. Für den Abend hatte Kim Wall mit ihrem Freund ein Fest geplant. Gemeinsam wollten sie nach China umziehen und sich nun von ihren Freunden verabschieden. Da meldete sich Madsen. Wall hatte ihn um ein Interview gebeten, für eine Geschichte über ihn in einem amerikanischen Magazin. Er lud sie ein, Wall sagte zu. Sie wollte nur schnell das Interview führen und dann zurück zu der Feier. Der Weg war nicht weit. Madsen bot an, mit dem U-Boot auf das Meer hinauszufahren. Um 19 Uhr traf Wall sich mit Madsen und bestieg mit ihm das U-Boot. Ihr Freund berichtete später, sie hätten das U-Boot bei seiner Ausfahrt gesehen und gewinkt. Ein Mann nahm von seinem Boot noch einen Film auf: Madsen und Wall stehen im Ausguck des U-Bootes, sie trägt einen orangefarbenen Pullover, der Himmel ist blau. Es gibt auch ein Bild der Ausfahrt, da schaut Madsen offenbar gerade in die Ferne, den Kopf auf seinen Arm gelegt. Und Wall lächelt mit hochgesteckten Haaren, hinter ihr das Licht der Abendsonne.

Gegen zwei Uhr am nächsten Morgen meldet ihr Freund sie als vermisst. Am frühen Morgen nimmt die Polizei die Suche nach dem U-Boot auf. Sie dauert nicht lange. Gegen 9.30 Uhr meldet sich Madsen. Alles sei in Ordnung an Bord, er sei auf den Weg an Land. Ein Stunde später sinkt das U-Boot plötzlich, es dauert nur wenige Minuten. Madsen wird später zunächst sagen, es habe technische Probleme gegeben mit den Ballasttanks. Techniker werden bei der Untersuchung des U-Boots aber feststellen, dass es absichtlich versenkt worden ist. Freiwillige Helfer holen Madsen in ihr Motorboot und bringen ihn an Land. Journalisten warten schon. Er wird gefragt, ob es ihm gut gehe. Madsen hebt den Daumen. Die Polizei fragt ihn nach Wall. Er sagt, er habe sie am Vorabend an Land abgesetzt. Die nächste Lüge. Sein Handy sei mit dem U-Boot untergegangen. Ein Taxi wartet auf ihn im Hafen, er steigt ins Polizei-Auto und wirkt dabei ganz ruhig. Die Polizei ist sogleich misstrauisch. Am Donnerstag macht Jakob Buch-Jepsen im Gericht auch deutlich, warum. Wieder zeigt er ein Bild, diesmal von Madsens Gesicht. Eine kleine Blutspur ist zu sehen. Das Blut stammt von Kim Wall.

Was aber war an Bord der Nautilus passiert? Immer wieder änderte Madsen seine Geschichte. Er sagte der Polizei bald, sie sei bei einem Unfall an Bord umgekommen. Die schwere Luke sei ihr auf den Kopf gefallen, er habe ihren Leichnam unberührt auf See bestattet. Dann tauchten die ersten Leichenteile in der Ostsee vor Kopenhagen auf, der Torso zuerst, später Beine, Kopf und Arme. Vor Gericht wird gezeigt, wie sie in Plastikbeuteln verpackt waren, beschwert mit Röhrchen aus Metall. Der Torso wies zahlreiche Einstiche auf, viele im Intimbereich. Der Kopf hingegen wies keine Verletzungen auf, die von der Luke hätten stammen können. Daraufhin änderte Madsen seine Geschichte. Weiter bestritt er aber einen Mord. Wall sei an Bord an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben. Er gestand, ihren Leichnam zerstückelt zu haben. An dieser Variante hält er auch vor Gericht fest.

Mitte Januar veröffentlichte die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift. Madsen habe Wall ermordet und die Tat geplant. Es wird aufgeführt, dass er dazu Säge, Messer, angespitzte Schraubendreher und Metallstücke mit an Bord genommen habe. Er habe Wall an Kopf, Armen und Beinen gefesselt, sie gequält, erstochen oder erdrosselt und schließlich ihren Leichnam zerlegt. Bevor Buch-Jepsen vor Gericht die ersten Bilder zeigt und davon berichtet, was seiner Ansicht nach geschehen ist, verliest er die gerade einmal knapp drei Seiten lange Anklageschrift. Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Freiheitsstrafe, das wären in Dänemark im Durchschnitt etwa 16 Jahre Gefängnis, oder Sicherungsverwahrung. Eine Reaktion ist bei Madsen nicht zu erkennen. Seine Verteidigerin macht auch im Gericht sofort klar, dass ihr Mandant bestreite, Kim Wall ermordet zu haben.

Gewalt errege ihn nicht, sagt Madsen

Bekannt war der Siebenundvierzigjährige den Dänen schon lange. In den vergangenen Jahren hatte er vor allem mit dem Versuch Schlagzeilen gemacht, mit einer selbstgebauten Rakete ins Weltall zu fliegen. Der Mann mit den strubbeligen blonden Haaren und den Falten im Gesicht wirkte auf manche charismatisch. Immer wieder schaffte er es, andere Menschen für seine Ideen zu begeistern. Das Fernsehen war auch schon dabei, als er 2008 die Nautilus das erste Mal zu Wasser ließ: knapp 18 Meter lang und 40 Tonnen schwer, das größte privat gebaute U-Boot. Es wirkte wie ein Volksfest im Hafen Kopenhagens, es wurde Musik gespielt und getanzt. Madsen schien fast außer sich vor Freude, als das Boot schließlich im Wasser lag.

2016 kam dann eine Dokumentation in die dänischen Kinos: „Amateurs in space“ begleitet Madsen und seinen Partner auf dem Weg zu den ersten Raketentests. Madsen nahm das Projekt gleich auf, nachdem die Nautilus zu Wasser gelassen worden war. In der Dokumentation erzählt er, wie er sich als Kind frühe Raumflüge im Fernsehen angeschaut habe. Wie der Astronaut in die Kapsel geklettert sei und er danach gleich unter seinen Tisch, um herauszufinden, wie klein er sich machen könne. Wie sein Vater ihn immer wieder davon habe überzeugen müssen, dass man mit dem Motor seines Volvos kein selbstgebautes Flugzeug in die Luft bekomme. Er wollte hoch hinaus. Und mit seinem U-Boot tief hinunter.

Nach der Tat wurde die Aufmerksamkeit auf ganz andere Seiten gelenkt. In den Medien zeichneten Freunde, Bekannte, Wegbegleiter und Freundinnen das Bild eines Mannes, dem es schwer fiel, sich einzuordnen, eines narzisstischen Getriebenen. Seine Kindheit war schwierig. Als die Eltern sich trennten, war Madsen gerade einmal sechs Jahre alt. Er blieb bei seinem sehr alten Vater, mit dem er oft umzog. Wenig schien stabil in seinem Leben, so stand es schon 2014 in einem Buch über ihn. Er tauchte ein in seinen Traum vom Weltall, las alles über Raketen, war begeistert von der Nasa. In der Dokumentation ist er tief bewegt, als er jede einzelne Stufe eines Apollo-Starts kommentiert.

Auch in dem Film wird deutlich, dass Madsen sich schwer einordnen kann. Er überwirft sich mit seinem Partner und den anderen Mitstreitern, sie tauschen Vorwürfe über Mails aus, und am Ende wenden sich alle gegen ihn. In einer Besprechung wirken manche fassungslos über sein Verhalten, es ist eine absurde Situation. Madsen verlässt die Gruppe. Ein Mitstreiter fragt, warum er immer alles zerstören müsse. Madsen sagt, es gebe die Menschen nur als Ganzes. „Du kannst nicht den schlechten Teil abtrennen und nur den guten behalten.“

Auch seine Sexualität wurde nun zum Thema. Dass er mehrere Frauen zur gleichen Zeit hatte, dass er an Orgien teilgenommen haben soll. Eine Frau tauchte immer wieder in den Berichten auf, die mit Madsen seit vielen Jahren schon eine sexuelle Beziehung unterhielt. Für den Prozess sind Madsens sexuelle Präferenzen und Phantasien von Bedeutung. In seiner Werkstatt fand man eine Festplatte mit Videos, in denen Frauen gequält, geköpft und verbrannt werden. Madsen sagte, es sei nicht seine. Im Gerichtssaal berichtet Buch-Jepsen davon, dass es gelungen sei, an Daten des auf dem Grund des Meeres verschollenen Smartphones von Madsen zu gelangen. Etwa 19 Stunden, bevor er mit Wall auf die Ostsee hinausgefahren ist, habe er auf Englisch nach „Frauen köpfen“ gegoogelt. Ein Video habe er sich angesehen, in dem einer jungen Frau der Hals durchgeschnitten wird. Die Anklage sieht hierin ein Motiv für die Tat. Er habe seine sexuellen Phantasien ausgelebt. Buch-Jepsen berichtet vor Gericht von der psychologischen Untersuchung. Madsens scheine pervers zu sein, sexuell auffällig. Ihm fehle es an Empathie.

Bei Madsen ist auch da keine Reaktion zu erkennen, den Blick gesenkt, blättert er in Papieren. Seine Anwältin weist die Vorwürfe zurück: Man solle vergessen, was alles in den Medien geschrieben wurde.

Am Donnerstagnachmittag wird Madsen vor Gericht befragt. Er erzählt alles ganz ruhig. Er sagt, er wisse nicht genau, was geschehen sei. Nur, dass Wall an Bord der Nautilus gestorben sei. Er habe dann nicht gewusst, was er habe tun sollen. Er habe draußen am U-Boot etwas befestigt, die Luke sei zugefallen. Ins Innere sei giftige Luft aus dem Motor eingedrungen. Als er wieder in das U-Boot hineingekommen sei, habe er bei Wall keinen Puls mehr spüren können. Er habe Angst gehabt, dass ihm Jahre im Gefängnis drohten, würde man eine vergiftete Frau in seinem U-Boot finden. Die verschiedenen Varianten dieser Nacht habe er nur erzählt, um die Verwandten des Opfers zu schonen.

Madsen sagt auch, dass er nicht finde, es sei seltsam, dass er nach „Pornografie“ gegoogelt habe, wie er es nennt. Er sei promisk, aber nicht interessiert an SM-Praktiken. Gewalt errege ihn nicht. Als es am Ende der Befragung immer mehr um seine sexuelle Vorlieben geht, reagiert Madsen zunehmend gereizt. Er sei sexuell nicht interessiert gewesen an Wall. Er habe sie nur als Journalistin gesehen, sie sei eine spannende Person gewesen. Am 25. April wird das Urteil erwartet. Seine Befragung hat Madsen mit den Worten eingeleitet, dass er unschuldig sei.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
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