Lea van Acken als Anne Frank

Wir können rausgehen und leben

Von Julia Schaaf
 - 12:42
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Lea van Acken ist das, was sie selbst ein ganz normales Mädchen nennt. Vor ein paar Jahren, als sie noch „Germany’s Next Topmodel“ guckte, erklärte sie die Straße vor dem Haus zum Catwalk und lief mit einer Freundin auf und ab, im Bikini, während die Mutter aus dem Fenster sah und sich wunderte, warum die Autos so langsam fuhren.

Später dann schwärmte ihre Clique für ein paar Jungs aus der Oberstufe, weshalb die Mädchen sich so lange auf dem Gang in der Schule herumdrückten, bis sich jeder denken konnte, was los war. Und weil die Sechzehnjährige weder bei Facebook noch bei Instagram ist, lässt sie sich gelegentlich von den Freundinnen informieren, welcher Sänger gerade besonders angesagt ist.

Van Acken lebt auf dem Dorf in Schleswig-Holstein. Sie geht joggen und reiten, und im Sommer springt sie mindestens einmal täglich in den nahe gelegenen See. Manchmal streitet sie sich mit ihrem kleinen Bruder. In der Schule mag sie Englisch und die Diskussionen in Politik und Philosophie. Nachdem sie als Zwölfjährige bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg auf der Bühne gestanden hatte, suchte sie sich eine Schauspielagentur in Berlin.

Sie lacht viel und wirkt aufgekratzt, und wenn dieses ganz normale Mädchen erzählt, wenn es mit heller Stimme von einem Komma zum nächsten rast, ohne Pausen, auf die Gefahr hin, dass ihre Gedanken Schleifen bilden oder sich verknoten, nimmt Van Acken zwischendrin die Hände an die Schläfen und seufzt, gleichzeitig belustigt und bestürzt: „Ich rede auch so viel, oh Gott. Ich rede die ganze Zeit.“

Von Schluchzern geschüttelt

Der Film „Das Tagebuch der Anne Frank“, der am Dienstag auf der Berlinale seine Weltpremiere feierte und Anfang März in die Kinos kommt, beginnt auch, indem Lea van Acken redet. Ihr Schneewittchengesicht ist zunächst nicht zu erkennen. Vor einem honigfarben verklebten Fenster zeichnet sich in der Dunkelheit eine Silhouette ab. Das Licht flackert, es ist laut, und man ahnt schnell, dass draußen kein Gewitter tobt, sondern Bomben fallen. Van Acken spricht langsam dagegen an. Den Monolog musste sie schon bei ihrem ersten Casting vortragen, als der Regisseur Hans Steinbichler entschied, dass dieses Mädchen aus Schleswig-Holstein seine Anne Frank spielen sollte.

Der Text setzt sich aus mehreren Einträgen im Frühjahr 1944 zusammen. Damals hielt sich die Familie Frank bald zwei Jahre vor den Nationalsozialisten versteckt. Die ersten Sätze finden sich auf den allerletzten Seiten des weltberühmten Tagebuchs: „Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit.“

Video-Filmkritik
„Das Tagebuch der Anne Frank“
© F.A.Z., Universal Pictures Germany, F.A.Z., Universal Pictures Germany

Die Kamera kommt näher. Nach und nach wird das Glänzen unter den Augen der Schauspielerin größer, das Glitzern über der Lippe. Man sieht ihre Schultern beben. Die helle Stimme stolpert, von Schluchzern geschüttelt. Schließlich füllt Van Ackens tränennasses Gesicht die gesamte Leinwand aus, die Augen sind direkt auf den Zuschauer gerichtet. Ihr Blick jedoch geht nach innen. Der Film hat gerade erst angefangen, aber das Ende ist bekannt, und es tut einem jetzt schon weh: Anne Frank starb im Februar 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Sie wurde 15 Jahre alt.

Solange man das Schöne in der Natur findet

„Bevor ich mich mit dem Film beschäftigt habe, war das Thema auch immer so unglaublich schrecklich“, sagt Van Acken. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass so etwas wirklich passiert ist. Also, klar, ich wusste, dass es passiert ist, ich wusste, es gab den Holocaust, wir haben zu Hause darüber geredet, ich hab Filme gesehen. Aber wenn man die Geschichte für Jugendliche oder für unsere Generation greifbar machen will, dann muss man sie nahbar machen. Bei uns geht es in erster Linie um das Mädchen Anne, das ihre Pubertät unter diesen Bedingungen erlebt.“

Die Dreharbeiten liegen ein Jahr zurück, das Premierenkleid ist ausgesucht. Daheim in der Schule gibt es Zeugnisse, Lea van Acken ist für Interviews in Berlin. Sie plappert schon, als sie die Treppenstufen zum „Anne Frank Zentrum“ am Hackeschen Markt emporsteigt. Sie ist dort zum ersten Mal. Aber sie bewegt sich durch die Ausstellung, als wäre sie zu Hause. Die Kleinkindfotos, die sie an die eigene Tante erinnern. Das Bild mit den Schulfreundinnen, die ihr wie Bekannte scheinen, weil Anne Frank sie in ihrem Tagebuch beschrieben hat.

Den Kastanienbaum, auf den das Mädchen vom Dachfenster ihres Verstecks aus blickte: „Sie meinte, solange man das Schöne in der Natur immer noch sieht, so lange gibt es noch Hoffnung. Sie hat sich ja an diesem Baum total festgehalten. Sie hat gesehen, wie die Jahreszeiten daran vorbeigegangen sind, sie hat gesehen, wie sie mit diesem Baum älter wird.“ Oder das Plakat mit dem Ensemble aus vier Porträtfotos, über das Van Acken sagt: „Ich finde, das zeigt so die verschiedenen Seiten von Anne.“ Die kokett Lächelnde. Die Beobachtende. Die konzentriert Beschäftigte. Die Nachdenkliche.

Briefe an Anne Frank

Lea van Acken hat mit ihren Großeltern über den Krieg geredet und Bücher über den Nationalsozialismus gelesen. Sie war mit ihren Eltern in Bergen-Belsen und hat das ehemalige Versteck der Familie Frank in Amsterdam besichtigt. Angesichts ewiger Besucherschlangen vor dem Hinterhaus sagt sie: „Da wurde mir auch noch mal klar, was Anne Frank bedeutet. Sie ist eines der berühmtesten Mädchen der Welt.“

Wichtiger jedoch war vermutlich, dass Van Acken diesem Mädchen Briefe geschrieben hat und ihm von sich, von ihrer Familie, ihren Gefühlen und ihrem Leben erzählt hat. Wenn Anne Frank über die Jahrzehnte zur Ikone geworden ist, eine Art universales Denk- und Mahnmal gegen den Holocaust, dann hat Lea van Acken sie in der Vorbereitung auf ihre Rolle von diesem Sockel heruntergeholt. Sie redet von „Anne“ wie über eine enge Freundin, deren Gedanken und Gefühle sie ganz genau kennt.

Sie sagt, sie könne sich vorstellen, mit ihr in eine Klasse zu gehen, in der Schule neben ihr zu sitzen oder im Bus gemeinsam Menschen zu beobachten. „Ich hab das Gefühl, sie zu spüren“, sagt Van Acken und unterbricht sich selbst mit einem entnervten Stöhnen: „Das hört sich doof an.“ Aber das tut es nicht. Wenn man dieser Sechzehnjährigen gegenübersitzt, ist es tatsächlich ein bisschen so, als wäre das berühmte, dunkelhaarige Mädchen von den Museumsfotos mit im Raum.

Ein Muslim und dieses Thema?

Walid Nakschbandi lässt die Jalousien in seinem Büro in Berlin-Mitte herunter und greift zur Fernbedienung: Nachdem es siebzig Jahre lang keinen deutschen Film über Anne Frank gegeben hatte, lief der erste vor einem Jahr im Fernsehen. „Meine Tochter Anne Frank“ beginnt damit, wie Otto Frank nach seiner Rückkehr aus Auschwitz als einziger Überlebender der Familie von der Helferin Miep Gies das Tagebuch seiner Tochter erhält.

Das Doku-Drama ist von der Kritik gefeiert, die Hauptdarstellerin Mala Emde als perfekte Verkörperung Anne Franks gerühmt worden. Jetzt folgt der Kinofilm, volle zwei Stunden lang, mit komplett anderer Besetzung und x-fachem Budget. Und wenn man die Projekte nicht in Konkurrenz zueinander begreifen muss, liegt das vor allem an Nakschbandi: Der Siebenundvierzigjährige hat beide Filme produziert.

Der gebürtige Afghane erzählt, wie er als Zwölfjähriger mit seiner Familie als Flüchtling nach Deutschland kam und dass die Lektüre von Anne Franks Tagebuch ihm in den Jahren darauf „unglaublich Hoffnung“ gegeben habe. Dass er schon vor einigen Jahren die Filmrechte erworben habe, die der von Otto Frank gegründete „Anne Frank Fonds“ in Basel nicht zuletzt Steven Spielberg verweigert habe, weil der Fonds keine Kommerzialisierung im Hollywood-Stil wollte.

Nakschbandi ist Geschäftsführer der Produktionsfirma AVE, die genau wie der Fischer-Verlag als Herausgeber des Tagebuchs zum Holtzbrinck-Konzern gehört; die vertrauensvollen persönlichen Beziehungen zwischen den Beteiligten seien sicherlich hilfreich gewesen, sagt der Produzent. Im ersten Anlauf jedoch sei sein Konzept an der Finanzierung gescheitert. Die Film- und Fernsehbranche in Deutschland habe mit Ablehnung reagiert: Der Stoff sei doch auserzählt. Bitte keine Holocaustopfer auf dem Bildschirm. Und warum überhaupt er, ein Muslim, sich mit dem Thema befasse?

Zwischen „Homeland“ und den Matheaufgaben

So kommt es, dass ein muslimischer Produzent mitten in der größten europäischen Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg das Schicksal der Anne Frank verfilmt und sagt: „Wir sind verpflichtet, diese und auch andere Geschichten immer wieder neu zu erzählen. Das ist das, was im kulturellen Gedächtnis vorhanden sein muss, und es muss immer wieder auch aufgefrischt werden.“ Denn nachdem Nakschbandi seinen Traum vom opulenten Spielfilm für das bescheidenere Doku-Drama abgespeckt hatte, kam plötzlich doch die Finanzierung für das Ursprungsprojekt zusammen.

Und so gibt es nun eine zweite Verkörperung der Anne Frank: jünger, nicht ganz so irritierend hübsch, was ein Vorteil ist, und absolut glaubwürdig, als Nervensäge wie als hellsichtige, frühreife Philosophin, überschäumend fröhlich hier, einsam und verzweifelt da. Nakschbandi lächelt. „Wir haben ein zweites perfektes Mädchen“, sagt er.

Lea van Acken ist keine von denen, die sich schon als Kleinkind immerzu verkleidet oder jahrelang an der Schule Theater gespielt hätte. Trotzdem ist „Das Tagebuch der Anne Frank“ bereits ihre zweite Hauptrolle. „Kreuzweg“ von Dietrich Brüggemann, ihr erstes Engagement überhaupt, wurde vergangenes Jahr auf der Berlinale mit einem silbernen Bären ausgezeichnet. Darin spielt Van Acken eine Jugendliche, die an dem strengen Moralkodex einer fundamentalistischen katholischen Sekte zugrunde geht. Schon das hat sie sehr gut gemacht. Dabei konnte sie nur auf einen Sommer Erfahrungen als Freiluftbühnen-Komparsin zurückblicken. Im vergangenen Jahr kamen zwei Drehtage für die fünfte Staffel „Homeland“ sowie Rollen in zwei weiteren Fernsehfilmen hinzu. Aber Schauspielerin?

In der Schule wieder Lea

Lea van Acken zögert. „Ich hab, schon den starken Wunsch, das zu machen“, sagt sie. „Aber ich hab auch immer so Angst, dass es wieder vorbei ist. Davon muss ich mich frei machen, ich muss einfach den Moment genießen. Wenn ich irgendwann nicht mehr weiterkomme, falls die Leute keinen Bock auf mich haben oder ich versage oder falls es mich nicht mehr glücklich macht, dann weiß ich, dass ich es genießen konnte – dass es aber auch einfach nicht mehr so sein soll.“

Natürlich ist man nur ein bedingt normales Mädchen, wenn man mit 16 solche Sätze sagt. Wenn man im Bus auf dem Heimweg von der Schule zwanzig berufliche E-Mails beantwortet und sich vor den Interviewtagen in Berlin von der Mutter zu Hause ein paar Übungsfragen stellen lässt. Van Acken erzählt, dass die Schauspielerei von Anfang an ihr ganz eigener Weg gewesen sei. Weder bei den Proben in Bad Segeberg noch später am Set habe sie ihre Eltern dabeihaben wollen.

Die Familie – der Vater im IT-, die Mutter im Gesundheitssektor tätig – habe gelernt, ihr bei aller Unterstützung große Spielräume zu lassen. Inzwischen trennt Van Acken zwischen ihrer „Erwachsenen-“ und ihrer „Schülerwelt“: Von den Gleichaltrigen interessiere sich niemand für die Berlinale. „In der Schule bin ich wieder komplett Lea. Da bin ich eher die, die fragt: Hey, was haben wir denn in Mathe gemacht?“

„Dass so etwas nie wieder passiert.“

Nur als sie nach den zweimonatigen Dreharbeiten für den Anne-Frank-Film wieder im Unterricht auftauchte, die Haare auf sechs Millimeter abrasiert, weil der Film eben nicht mit der Verhaftung der Franks am 4. August 1944 endet, „da“, sagt Lea van Acken, „war so ein Respekt: Was kann man da fragen?“ Das ganz normale Mädchen aus Schleswig-Holstein weiß: So, wie es sein Job als Schauspielerin war, die Ikone Anne Frank beinahe zu einer Freundin werden zu lassen, so soll der Film ein ganz normales Mädchen zeigen, das die Monstrosität der Naziverbrechen am Beispiel seines individuellen Schicksals erfahrbar werden lässt.

„Das macht es für mich so greifbar“, sagt Van Acken: „Dass Anne zu Hause sitzt und sich einen Freund wünscht oder eben Streit mit den Eltern hat. Das Erwachsenwerden, diesen Drang nach Leben, den Anne hat, den kennen wir ja alle. Aber wir können rausgehen und leben und Menschen treffen. Anne konnte das nicht. Was für mich selbstverständlich ist, war für sie eben nicht selbstverständlich. Sie durfte nicht ins Kino gehen. Sie wird einfach umgebracht.“

Und dann sagt sie zwei Sätze, die man schon oft gehört hat, aber es ist gut, wenn normale Sechzehnjährige in Deutschland sie aus tiefstem Herzen sagen, jede Generation aufs Neue: „Ich für mein Teil fühl mich jetzt nicht verantwortlich für das, was damals passiert ist. Ich fühl mich nur verantwortlich, dass wir uns dessen bewusst bleiben und dass wir einfach aufpassen, dass so etwas nie wieder passiert.“

„Das Tagebuch der Anne Frank“ läuft am 3. März in den Kinos an.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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