Menschen
Pyjama-Party

Quatschen, giggeln, Schokolade essen

Von Kerstin Mitternacht
© Getty, F.A.S.

Wer kann sich noch daran erinnern? Aufgeregt und voller Vorfreude haben wir Schlafanzug, Zahnbürste und Kuscheltier in unseren Rucksack gepackt. Mama hat uns zur besten Freundin gefahren, bei der wir übernachten durften. Zum Abendessen haben wir uns Würstchen mit Pommes gewünscht, was es sonst nur beim Kindergeburtstag gab. Nach dem Essen haben wir unseren Lieblingsschlafanzug angezogen, und es gab als große Ausnahme noch Schokolade – nach dem Zähneputzen. Wir haben uns in die fremd riechende Bettdecke gekuschelt und gequatscht und gekichert: über den Tag, die Schule, Freunde und was uns sonst noch in der Schule bewegt hat.

Als Kind war die Pyjama-Party, die Übernachtungsparty oder auch die Mitternachts-Party, wie Hanni und Nanni, die beiden Buchheldinnen von Enid Blyton es im Internat nennen, immer ein großes Abenteuer. Im Pyjama mit den besten Freundinnen auf dem Bett sitzen, stundenlang quatschen, giggeln, Gummibärchen und Schokolade essen, so viel man möchte, gemeinsam einschlafen, ohne es wirklich zu merken, und am nächsten Morgen mit zerzausten Haaren und ein wenig müde nebeneinander aufwachen.

Erwachsene wollen im vertrauten Bett schlafen

Irgendwann – wahrscheinlich nach dem Studium, wenn man nicht mehr in einer WG wohnt, in der man mit dem Mitbewohner die Nächte durchquatscht – hört das auf. Man zieht in die eigene Wohnung oder mit seinem Partner zusammen, arbeitet viel, hat weniger Zeit. Die Wochenenden sind ständig verplant, irgendwas ist immer, und für Nächte mit Freunden unter einer gemeinsamen Bettdecke und Reden-bis-einer-einschläft fehlt mit Mitte dreißig einfach Zeit und Gelegenheit. Schon gar nicht lässt man sich darauf ein, wenn man in der gleichen Stadt wohnt und sich abends immer ein Taxi nehmen kann. Hinzu kommt, dass man in fremden Betten oder auf der Matratze am Boden einfach nicht mehr so gut schlafen kann wie früher.

Das bestätigt auch Schlafforscher Hans-Günter Weeß, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin: „Wir schlafen an einem ungewohnten Ort erst einmal oberflächlicher und schlechter, das ist genetisch in uns drin.“ Kinder dagegen trügen noch ein Grundvertrauen in sich. Sie schliefen mit ihrem Lieblingskuscheltier an jedem Ort gut, so Weeß. „Wenn wir älter werden, ein wenig kränkeln, Rückenschmerzen haben, dann wollen wir in unserem gewohnten Bett schlafen. Auch werden wir im Alter schamhafter und entwickeln eher eine Abneigung, das Bett zu teilen.“ Zudem seien wir, was hygienische Dinge betrifft, sensibler geworden, als das noch als Kind oder Jugendlicher der Fall war, so der Schlafmediziner.

Los geht es nach Feierabend

Aber trotz aller erwachsenen Bedenkenträgerei, vergessen haben wir die Nächte nicht, die von Leichtigkeit getragen waren und immer auch etwas Geheimnisvolles und leicht Verbotenes hatten, weil die Eltern in dieser Welt außen vor waren. Wie würde es sich heute anfühlen? Mit Mitte 30, Freundinnen einladen, die Nacht durchmachen, obwohl und gerade weil man weiß, dass man am nächsten Morgen früh aufstehen und ins Büro gehen muss? Der Spaß besiegt die Vernunft. Slumber party reloaded.

Um 19 Uhr, direkt von der Arbeit, kommen meine drei Freundinnen vorbei. Jede hat sich was Gemütliches zum Anziehen mitgebracht, und als Erstes verschwinden alle im Bad, um sich für den Abend zu stylen: Die lustigen bunten Kinderpyjamas, an die sich jeder noch gut erinnert, haben wir zwar nicht mehr an, aber karierte Pyjamahose, bequeme Jogginghose und ein langes Flanellhemd sind an diesem Abend unsere Outfits für die Nacht. Schminken muss man sich auch nicht. Und die Haare? Unwichtig. Und tatsächlich: In diesem Outfit und ohne Make-up sehen wir uns doch alle eher selten, höchstens mal beim Sport.

Atmosphäre bringt Geheimnisse ans Licht

Zu essen gibt es nur, was sich auch im Liegen essen lässt: Chips, Käsewürfel, Oliven und Schokolade liegen bereit. Sekt und Wein stehen im Kühlschrank. Und wir bestellen uns noch eine große Pizza für alle. Die Matratzen sind bereits auf dem Boden ausgebreitet, wie früher, denn im „Ehebett“ der Freundin zu schlafen, das würde sich für alle komisch anfühlen. Die Übernachtungsparty kann beginnen.

Auch Männer übernachten bei Freunden. Oft wird dann gemeinsam auf einer Spielekonsole gezockt.
© dpa, F.A.S.

Geredet wird, fast wie früher, über alles Mögliche, nur dass diesmal nicht die zickigen Mädchen aus der Nachbarklasse oder der gutaussehende Junge aus der 7a das Thema sind, sondern die Arbeit, nervige Kollegen, anstrengende Ehemänner, kranke Kinder und schlechte Dates. Und siehe da: Diese besondere Atmosphäre bringt das eine oder andere Geheimnis in dieser Nacht ans Licht. Im Schlafanzug und unter einer Decke redet es sich offenbar besser als am helllichten Tag bei einer Tasse Kaffee am Tisch.

Durch die Geschichten entsteht Bindung

Das bestätigt auch Freundschaftsforscher Janosch Schobin aus Marburg: „Der Intimitäts-Modus wird in einer solchen Situation gelebt. Man geht quasi gemeinsam durch die Nacht.“ In der modernen Freundschaft gehe es darum, dass Geheimnisse ausgetauscht werden, Geschichten, die einen verletzbar machen. Dadurch entstehe eine Bindung, so Schobin: „Freunde geben einem zudem eine Rückmeldung über die eigene Existenz, sie können uns einschätzen und beraten. Dies ist natürlich in einer solchen intimen Situation, wie nachts im Bett, anders als beim schnellen Mittagessen im Restaurant.“

Mitternacht ist gerade vorbei, aber wir merken, wie wir müde werden. Der Tag steckt uns in den Knochen, und der Gedanke an morgen ist schon nicht mehr in so weiter Ferne, wie es noch bei der Planung der Fall war. Es wird sich in die Decken gekuschelt und noch ein Tee getrunken. Die erste von uns ist eingeschlafen. Wir flüstern noch einen Moment im Dunkeln. Und mit einem schönen Gefühl und vielen persönlichen Geschichten schlafen wir ein.

Frauen schlafen alleine im Bett besser

Am Morgen klingelt früh der erste Wecker. Müde verschwindet eine nach der anderen im Badezimmer. Bei einer Tasse Kaffee, bevor wir alle ins Büro gehen, sind wir sicher, das müssen wir bald wiederholen. Denn das Gefühl von Abenteuer, fremder Umgebung und dem leicht Unvernünftigen haftet einer solchen Nacht an und macht sie für uns zu etwas Besonderem. Das nächste Mal dann aber am Wochenende, mit Ausschlafen und einem gemeinsamen Frühstück inklusive.

Und wer jetzt denkt, nur Frauen übernachten gerne bei ihren Freundinnen, liegt falsch. Auch Männer übernachten bei ihren Kumpels. Dann wird aber häufiger auf einer Spielekonsole gezockt oder auch noch spät nachts ein Film geschaut. „Männer kommunizieren unter Umständen über Intimes anders miteinander als Frauen. Sir Alec Guinness hat das auf die Formel gebracht: Es gebe nichts Schöneres, als mit einem guten Freund über ein interessantes Thema zu schweigen. Es können intime Dinge kommuniziert werden, ohne dass sie zur Sprache kommen, beide wissen aber, worum es geht. Frauen reden da unter Umständen mehr offen drüber“, erklärt Freundschaftsforscher Schobin.

Auch beim Schlafverhalten gibt es Unterschiede: „Männer schlafen allein schlechter, als wenn sie neben einer Frau oder in einer Gruppe schlafen. Sie haben positive Gruppenerfahrungen gemacht und fühlen sich dann entspannt und sicher“, so Schlafforscher Weeß. Bei Frauen sei es genau andersherum: „Wenn Frauen allein im Bett liegen, schlafen sie besser. Hintergrund ist, dass sie schon immer zuständig für die Gruppe waren und deshalb immer geschaut haben, ob es alle warm haben oder das Feuer noch brennt.“ Die besten Voraussetzungen also für eine gelungene Pyjama-Party.

Die besten Tipps für die Pyjama-Party

Irgendwann erwischt es jeden – vorausgesetzt, man hat eine Tochter. Spätestens mit acht Jahren kommen die ersten Anfragen: „Wann darf ich endlich eine Übernachtungsparty machen?“ „Bald, mein Schatz!“, kann man noch knapp zwei Jahre lang antworten, aber dann wird es eng. Spätestens am elften Geburtstag gibt man entnervt nach. Die Angst der Eltern vorm großen Tohuwabohu ist oft unberechtigt, wenn man bei der Vorbereitung ein paar Dinge bedenkt.

  1. Nicht mehr als fünf bis sechs Kinder einladen, alles andere sprengt die Kapazität eines durchschnittlichen Kinderzimmers – und die Ihres Nervenkostüms.
  2. Um den Aufwand zu minimieren, sollte jeder sein eigenes Bettzeug mitbringen. Matratzen bei den Nachbarn ausleihen oder zur Not den Boden mit Isomatten auslegen – die Mädchen sind ja fit!
  3. Eine Nachtwanderung im Dunkeln macht allen Spaß und liefert die Grundlage für die besten Gruselgeschichten später unter der Bettdecke. Alternative für Regentage: DVD gucken oder Karaoke spielen.
  4. Vorher mit den Mädels ausmachen, wann das Licht ausgeschaltet wird. Um 23 Uhr oder Mitternacht. Danach darf nur noch geflüstert werden.
  5. Abholen nach dem Frühstück, denn länger möchte man sich die übermüdeten Mädels nicht antun. Reicht ja, dass die eigene Tochter den Rest des Tages in den Seilen hängt.
Quelle: F.A.S.
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