Interview Sean Penn

„Mein Job sind Filme, nicht Botschaften“

Von Patrick Heidmann und Thomas Abeltshauser
 - 07:30
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Herr Penn, Ihr neuer Film „The Last Face“ erscheint in Deutschland nur auf DVD. Schon zur Weltpremiere in Cannes waren die Kritiken ziemlich mies. Wie sehr beschäftigt Sie ein solcher Misserfolg?

Schlechte Kritiken sind für mich nur in der Hinsicht ein Thema, dass sie natürlich eine Auswirkung darauf haben, ob mein Film gesehen wird oder nicht. Nach den harschen Reaktionen in Cannes hatte „The Last Face“ eigentlich schon keine Chance mehr, zu einem Erfolg an der Kinokasse zu werden. Aber als Filmemacher fasst mich das nicht an. Ich bin stolz auf den Film, aus ihm spricht meine Sprache als Künstler. Wenn die von anderen nicht mehr verstanden wird, kann ich das leider nicht ändern.

Sie stecken das so rational weg?

Ich lese nie genau, was über mich und meine Arbeit geschrieben wird. Und ich bitte auch alle anderen immer, mir das nicht zu erzählen. Im Laufe meiner Karriere habe ich schon viel einstecken müssen, und genauso habe ich das Glück, schon einige Male auf erfreuliche Weise gefeiert worden zu sein. Wenn Letzteres der Fall ist, lasse ich mich gerne von der Begeisterung anstecken.

Und wenn nicht?

Dann fällt es mir auch nicht schwer, den Rückspiegel abzureißen und nur nach vorne zu gucken. Solange ich, wie in diesem Fall, selbst mit meiner Arbeit zufrieden bin, muss man sich um mich keine Sorgen machen. Oder anders ausgedrückt: Wenn zu meiner Party keine Gäste kommen, verdrücke ich die Hors d'oeuvre eben alleine - und genehmige mir danach eine Zigarette.Sicherlich macht man sich bei einem Misserfolg Gedanken über all die Menschen, die Zeit und Geld in den Film investiert haben. Doch auch denen ist ja nicht geholfen, wenn ich mich in Selbstmitleid ergehe.

Es ist Ihr fünfter Film als Regisseur. Was muss eine Geschichte mitbringen, damit Sie sie auf die Leinwand bringen wollen?

Ich suche immer nach etwas, von dem ich mir sicher sein kann, dass ich mich über einen längeren Zeitraum dafür begeistern werde. Denn mit so einem Film ist man ja ein paar Jahre beschäftigt. In dem Material, das es zu verfilmen gilt, muss ich die Themen wiederfinden, die mich im Alltag bewegen. Die Sorgen, die ich mir mache, die Dinge, die mich berühren - wenn ich die in einer Geschichte wiederfinde, fühlt sich die Sache richtig an.

Ist das als Schauspieler genauso?

Im Idealfall. Kommt aber sehr selten vor, denn das sind ja nicht meine Geschichten, sondern die von anderen Filmemachern. Anders wäre es, wenn ich mir als Regisseur eine Geschichte vornehme, in der ich selbst die Hauptrolle spielen würde. Das hat mich aber noch nie interessiert.

Warum nicht?

Weil für mich beim Filmemachen die Zusammenarbeit das Schönste ist. Ich liebe es, von morgens bis abends von enthusiastischen Mitarbeitern umgeben zu sein. Noch besser, wenn einige davon Freunde sind. Die Erfahrung des Schaffensprozesses zu teilen ist großartig. Vieles davon könnte ich natürlich auch alleine machen. Aber das wäre auf jeden Fall weniger angenehm.

Ihre Mitstreiter waren in diesem Fall Javier Bardem und Charlize Theron. Wie kam die Besetzung zustande?

Javier sollte die männliche Hauptrolle schon 2007 spielen, als die Drehbuchautorin Erin Dignam die Geschichte noch selbst verfilmen wollte. Ich hatte ihr Skript gelesen und dachte, Javier sei die Idealbesetzung, also machte ich die beiden miteinander bekannt. Doch letztlich kam das Projekt nie zustande. Als wir viele Jahre später gemeinsam den Film „The Gunman“ drehten, erzählte er mir, dass ihm diese Geschichte nicht aus dem Kopf gehe. Und ich wusste, an wen Erin die Rechte für das Drehbuch verkauft hatte.

Sie selbst hatten in all den Jahren nie daran gedacht, sich der Geschichte anzunehmen?

Eigentlich nicht. Doch irgendwann war es dann Javier, der mir das Drehbuch wieder in die Hand drückte, weil sie sich schwer taten, einen interessierten Regisseur zu finden. Mir fiel dann schnell wieder ein, was mich an der Geschichte schon Jahre vorher begeistert hatte. Außerdem verspricht jeder Film, der Javier Bardem als Hauptdarsteller aufweisen kann, ein guter zu werden. Ich war damals mit Charlize Theron liiert, weshalb ich sie beim Lesen des Drehbuchs die ganze Zeit vor Augen hatte. Sie und er - das passte für mich. Also fasste ich irgendwann den Entschluss, „The Last Face“ zu meinem Film zu machen.

Es war also gar nicht Ihre jahrelange Erfahrung als Unterstützer von Wohltätigkeitsorganisationen und humanitären Projekten, durch die Sie sich für die Geschichte interessierten? Immerhin spielt Theron eine Aktivistin und Bardem ein Mitglied von Ärzte ohne Grenzen.

Über diesen Zusammenhang habe ich gar nicht nachgedacht. So wie ein Regisseur, der gerne reitet, ungesehen jeden Pferdefilm dreht. Zunächst einmal geht es immer darum, ob man mit dem konkreten Drehbuch etwas anfangen kann. Aber natürlich ist es nicht hinderlich, wenn man mit den Themen vertraut ist.

Ging es Ihnen trotzdem auch darum, eine Botschaft zu vermitteln?

Das war nicht mein erklärtes Ziel, und ich wüsste auch gar nicht, wie man es am besten angeht, wenn man den Zuschauern etwas mit auf den Weg geben will. Allerdings kann ich nicht leugnen, dass es irgendwo den Gedanken gab, dass es schön wäre, die Leute würden vielleicht etwas mitnehmen aus diesem Film. Denn ich war als Schauspieler schon ein paar Mal an Projekten beteiligt, die wirklich einen Beitrag zu einer gesellschaftlichen Diskussion geleistet haben. Ich bin allerdings nicht sicher, dass man das als Regisseur wirklich planen kann. Denn unser Job sind Filme, nicht Botschaften.

Sie haben teilweise in Kriegsregionen im Süd-Sudan gedreht.

Ja, in einem Flüchtlingslager. Allerdings nur ich und mein Kameramann. Nicht die Schauspieler. Mit denen habe ich in anderen Regionen gedreht, in Liberia und Südafrika. Ich habe niemanden in Gefahr gebracht.

Trotzdem erweckt der Film den Eindruck, als könnten die Dreharbeiten strapaziös gewesen sein.

Das waren sie auch. Das war das erste Mal, dass ich Szenen drehte, in denen sich 5000 Menschen gleichzeitig am Set aufhielten, unter ihnen kleine Kinder und Alte. Das Ganze dann auch noch in großer Hitze. Wir mussten immer für Wasser und Schatten sorgen, aber trotzdem unseren Film drehen. Dass ich am Ende tatsächlich alles so hinbekam, wie ich es im Sinn hatte, war vor allem Glück. Aber ich habe keine Lust, noch einmal einen Film unter solchen Bedingungen zu drehen.

Nochmal: Finden Sie es richtig, eine humanitäre Katastrophe mit einer romantischen Beziehung gleichzusetzen?

Das ist eine Metapher. Und ich finde sie nicht verkehrt. Ob in der Liebe oder im Krieg oder anderen Konflikten: Sobald es keine Empathie mehr gibt, sondern nur noch abgeklärte Distanziertheit und eine Unfähigkeit zu Kompromissen, droht die Katastrophe.

Die Fragen stellte Patrick Heidmann. Mitarbeit: Thomas Abeltshauser

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
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