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Fotografien aus Saudi-Arabien

Botschaften aus einer alten Zeit

Von Rainer Hermann
 - 10:16
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Lange war Saudi-Arabien von der Welt abgeschottet, und es war arm. Die Welt wusste nicht viel von dem Königreich mit den beiden heiligen Stätten des Islams, und die Saudis kannten die Welt jenseits ihrer Landesgrenzen kaum. Diese Konstanten blieben, bis in den siebziger Jahren ein Wandel einsetzte. Zunächst verlief er langsam, beschleunigt hat er sich erst in den vergangenen Jahren.

Die Wende in den siebziger Jahren war für Saudi-Arabien zweifach bedeutsam. Mit Faisal herrschte bis 1975 ein Sohn aus dem Haus Saud, der vorsichtig Reformen einführte. Und was den Rest der Welt 1973 als Ölkrise in Atem hielt, erwies sich für Saudi-Arabien als Beginn eines Ölbooms, der das Land stark modernisierte.

Stück Zeitgeschichte in Foto

Den einsetzenden Wandel hat Reinhard Schlagintweit mit seiner Kamera festgehalten. Als deutscher Diplomat gehörte er zu den wenigen nichtmuslimischen Ausländern, die in jener Zeit in Saudi-Arabien gelebt haben und sich dort frei bewegen konnten. Schlagintweit, der 1928 in München geboren wurde, vertrat die Bundesrepublik Deutschland von 1976 bis 1979 als Botschafter in Saudi-Arabien. Kennzeichnend für die Abgeschlossenheit des Königreichs: Die Botschaften fand man damals nicht in der Hauptstadt Riad, sondern in der Hafenstadt Dschidda, die immer etwas offener für die Welt gewesen war. Schlagintweit hat auf all seinen Stationen als Diplomat fotografiert. Er ist kein professioneller Fotograf, sondern wollte Zeitgeschichte festhalten. Die arabischen Schriftzüge, die er im öffentlichen Raum ablichtete, an Hauswänden, Türen und an Holzverschlägen, sind keine Straßenkunst, wie wir sie im Westen kennen. Sie erzählen aber, wie sich das Königreich zu verändern begann. Etwa wenn auf einer rot getünchten Stauraumtür eine unbeholfene weiße Pinselschrift für ein bislang unbekanntes Getränk wirbt: „Hier verkauft al-Kaaki wunderbare Cola, wohl bekomm’s!“

Der Kontakt zur Außenwelt beschränkte sich damals auf jene Muslime, die ihrer Pflicht nachkamen, zu den heiligen Stätten Mekka und Medina zu pilgern; auf die Schiffe, die im Hafen von Dschidda ent- und beladen wurden; auf die internationalen Fachleute, die für die Ölfirma Aramco arbeiteten. Etwas Flair verbreiteten die vielen Prinzen des Hauses Saud, die schon damals die Möglichkeit hatten, die Welt kennenzulernen.

Neue Rolle in der Welt

Dann setzte eine langsame Öffnung ein. Faisal Bin Abd al-Aziz Al Saud, König von 1964 bis zu seiner Ermordung durch einen Neffen im Jahr 1975, hatte gegen den Widerstand der altvorderen Religionsgelehrten wegweisende Neuerungen durchgesetzt, etwa Schulen für Mädchen und das Fernsehen. So zeigt ein Foto ein junges Mädchen in hellblauer Schuluniform neben einem großen Felsen, der von Krakeleien überzogen ist und auf den jemand seine Liebe mit einem pfeildurchbohrten Herzen verewigt hat.

Von 1973 an schwemmte der Ölboom viele Petrodollars ins Land. Das Königreich investierte in die Entwicklung. So kamen Fremdarbeiter nach Saudi-Arabien, meist aus anderen arabischen Staaten. Sie erfuhren auf diese Weise etwas über das geheimnisvolle Land, und die Saudis erfuhren – auch dank des neuen Fernsehens – Unbekanntes über die anderen Araber. Das war auch deshalb bedeutsam, weil die Monarchie, die nach dem Oktoberkrieg von 1973, den die Araber gegen Israel verloren hatten, gegenüber dem Westen ein Ölembargo verhängt hatte, in den Kreis der arabischen Führungsnationen aufgestiegen war.

Die neue Rolle in der Welt spiegelte sich langsam auch im Inneren wider. In den siebziger Jahren wurde Fußball wichtig. Davon zeugen Graffiti, in denen es heißt: „Es lebe al-Ahli“ – ein Fußballverein, der nach dem Vorbild des großen gleichnamigen Fußballklubs in Kairo gegründet worden war. Oder einfach nur in breiten gelben Pinselstrichen „al-Ittihad“ – ein anderer Fußballklub aus Dschidda.

Schicksalsjahr 1979

Heute sind die vom Stadtleben geprägten Jugendlichen gebildet und drücken sich über Social Media aus. Ihre Väter und Großväter hingegen lebten in der Tradition der Beduinen und griffen als Ausdrucksmittel zum Pinsel. Auch ihnen ging es darum, im öffentlichen Raum Mitteilungen zu verbreiten – es war also keine Kunst wie bei Harald Nägeli, dem Sprayer von Zürich. Vielmehr zogen die Menschen in die Städte, ihr Leben wurde dank moderner Technik bequem, nun gab es Wasser und Strom, asphaltierte Straßen und moderne Verkehrsmittel. Graffiti waren eine echte Hilfe, etwa wenn auf einer mit Lehm erbauten kleinen Moschee irgendwo auf dem flachen Land technische Hinweise angebracht wurden, die den Bewohnern damals der Orientierung dienten.

Das alles gehört heute der Vergangenheit an. Der Besucher entdeckt in Saudi-Arabien kaum mehr Graffiti, er sieht nur noch die glatten Fassaden und bunten Werbetafeln moderner Städte. Die Fotos von Reinhard Schlagintweit geben einen Eindruck davon, wie die Saudis damals ihren Alltag gestalteten. Religion spielte in ihrem Leben zwar eine Rolle. Aber erst vom Schicksalsjahr 1979 an, nach Chomeinis Revolution in Iran, der Besetzung der Großen Moschee in Mekka durch islamistische Fanatiker und der sowjetischen Invasion in Afghanistan, wurde eine intolerante Spielart des Islams bestimmend.

Davor schienen die Saudis mit sich im Reinen, ihre Welt schien im Gleichgewicht. So wie das Kind im Unterhemd: Strahlend streckt es seinen Arm zu einem rot gesprayten Gesicht aus. Es hat die Konturen eines Herzens. Auf der Stirn steht „der Star des Golfs“ geschrieben. Die Aufnahmen sind erst 40 Jahre alt, aber sie erzählen aus einer längst vergangenen Zeit.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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